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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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fie und bohrt ihr den Schnabel sofort in den Leib. Bei uns zu Lande überwintert die Kot: wanze im Larvenstande. Herr Poujade fand im August 1887 eine Larve, ernährte sie mit lebenden Fliegen und erhielt erst im Juni des nächsten Jahres nach nur einmaliger Häutung das entwickelte Insekt. Die Art findet sich auch in Afrika, wo sich möglichenfalls die Verwandlungsverhältnisse infolge höherer Wärmegrade anders gestalten. Sie hält sich einzeln in Häusern und deren unreinlicheren Umgebungen auf und soll als Larve den Bettwanzen nachstellen, was mir nicht wahrscheinlich ist. Wenn sie es thäte, geschähe es nicht des mageren, saftlosen Leibes der Bettwanzen, sondern des mit Blut erfüllten wegen; diesen edlen Saft aber könnte sie aus der Quelle selbst schöpfen und brauchte sich nicht erst der Zwischenträger zu bedienen. Der alte Gattungsname Reduvius verblieb neuerdings nur noch wenigen Arten, welche durch einen dornenlosen, vor der Mitte eingeschnürten Vorderrücken, durch am Grunde nicht gezahnte Klauen aller zum Gehen eingerichteten Füße und durch eine lange und schmale fleischige Sohle an der Innenseite der vier vorderen Schienenspitzen übereinstimmen.

Die schönste deutsche Art ist entschieden die blutrote Schreitwanze (Harpactor cruentus), deren 17 mm messender, blutroter Körper am Bauche mit drei Reihen schwarzer Punkte, am aufgeworfenen, scharfen Rand des Hinterleibes mit einer Reihe schwarzer Flecke verziert ist; Kopf nebst Fühlern und die Kniee sind gleichfalls schwarz. Sie gehört einer ungemein artenreichen Gattung an, welche breite, am Grunde gezahnte Krallen an allen zum Gehen eingerichteten Füßen, zur vorderen Hälfte haarige, seitlich vom Hinterleibe überragte Flügeldecken, verdickte Hinterschenkel und ein gleich dicker, hinten nur kurzhalsiger Kopf charakterisieren. Ich finde die Schreitwanze nicht selten während des Sommers im Blütenstande solcher Pflanzen versteckt, welche von zahlreichen Fliegen und Immen besucht werden, sah sie im heißen Sonnenschein bisweilen auffliegen und lernte beim Einfangen auch ihren empfindlichen Stich kennen. — Die meisten übrigen europäischen Schreitwanzen sind kleiner und tummeln sich versteckt im Grase, seltener auf Gebüsch umher, darunter auch solche, welche sich durch verkümmerte Flügel oder Raubfüße an den Vorderbeinen auszeichnen.

Man hat eine Anzahl durchschnittlich sehr kleiner Wanzen, bei denen die dreigliederige Schnabelscheide in einer Rinne an der Kehle versteckt liegt, die Nebenaugen meist fehlen, die scheinbar zweigliederigen Füße ohne Haftlappen neben den Krallen endigen und im übrigen manche und große Verschiedenheiten vorkommen, zu einer Familie vereinigt und sie darum Hautwanzen (Membranacei) genannt, weil Vorderrücken, Flügeldecken und Hinterleib gewöhnlich mit lappigen, zum Teil auch blasigen Fortsätzen und Auswüchsen ausgestattet sind, welche manchen eine höchst wunderbare Gestalt verleihen.

Abgesehen von einigen wenigen Gattungen, deren wichtigste, Syrtis, zahlreiche Vertreter in Amerika aufweist, bei welchen die Vorderbeine zu Raubfüßen umgestaltet und Nebenaugen vorhanden sind, wären hier zunächst die außerordentlich zierlichen Blasenoder Buckelwanzen (Tingis) zu nennen. Weil sie die Länge von 4 mm meist kaum erreichen, werden sie im Freien leicht übersehen. Eine schwielige oder blasenartige Auftreibung mitten auf dem Halsschild, welches sich nach hinten, das Schildchen bedeckend, verlängert und wie die netzförmig geaderten und gebuckelten Flügeldecken an den Seiten blattartig erweitert, sowie ein knopfförmiges Ende der dünnen Fühler bilden die Eigentümlichkeiten dieser hübschen Schnabelkerfe. Meist halten sich die zahlreichen Arten an bestimmten Pflanzen auf. Die verwandte Buckelwanze (Tingis affinis, Fig. 1, S. 653) findet sich auf

sandigem Boden unter Feldbeifuß oder an Graswurzeln gesellig und zeichnet sich durch braune Körperfarbe, glashelle, braun geäderte Hautsäume, dunklere Fühlerspitzen und einen sternförmigen Fleck auf der Mitte jeder Flügeldecke aus. Die fünf langen Stirnstacheln hat sie mit den meisten Gattungsgenossen gemein.

Die kaum kräftigeren, ungemein plattgedrückten, auf der düsteren Oberfläche runzeligen Rindenwanzen (Aradus) leben versteckt hinter der Rinde abgestorbener Bäume. Ihr fast rautenförmiger Kopf läuft vorn in eine stumpfe Spitze aus, an deren Grunde wie in einem Ausschnitt die dicken, viergliederigen Fühler sitzen. Der Schnabel reicht bis zum Ende der Vorderbrust oder wenig über dasselbe hinaus, auf dem vorn verschmälerten Halsschild erheben sich mehrere Längsleisten sowie auf dem Lederteil der Halbdecken einige kräftige Längsrippen. Bei der gemeinen Rindenwanze (Aradus corticalis,

Fig. 2) herrscht die schwarze Körperfarbe vor, nur die Wurzel der Flügeldecken ist gelblichweiß, das Rückenschild hinten und die Ecke der Hinterleibsglieder schmutzig gelb. Das im Vergleich zum zweiten merklich kürzere, durchaus dunkel gefärbte dritte Fühlerglied, der seitlich geschweifte und gezähnelte Vor: derrücken und das große, an den Seiten gleichfalls geschweifte Rückenschild vollenden das Bild dieser nirgends seltenen Art. Die Weibchen sind bei allen größer und breitleibiger als die Männchen.

Einzig in ihrer Art steht die übel be= rüchtigte Bettwanze (Cimex lectularius, Acanthia lectularia, Fig. 3) da, ;; 1) Verwandte Buckelwanze (Tingis affinis). Achtmal welche schon den alten Griechen als „Koxis“, vergrößert. 2) Gemeine Rindenwanze (Aradus cortica-den Römern als „Cimex“ bekannt war und lis). Sechsmal vergrößert. 3) Bettwanze (Cimex lectula- 5. 1 rius). Stark vergrößert. es darum gerechtfertigt erscheinen läßt, wenn 5 der alte Gattungsname, welchen Linns auf außerordentlich viele, in den Formen sehr weit auseinander gehende Arten übertragen hat, ihr allein verbleibt. Ihre Eigentümlichkeiten bestehen im Blutsaugen, in der Flügellosigkeit, in den borstigen, viergliederigen Fühlern, dem einer Kehlrinne anliegenden dreigliederigen Schnabel und dem Mangel der Haftlappen an den Krallen. Der außerordentlich platte, mindestens 4 mm messende Körper ist licht braun: rot gefärbt und dicht gelblich behaart. Die runden Läppchen an beiden Seiten des kleinen Schildchens müssen als Reste der Flügeldecken gelten. Das Weibchen legt im März, Mai, Juli und September jedesmal etwa 50 weiße, 1,12 mm lange, walzige Eier in die feinsten Ritzen der Schlaf- und Wohnzimmer, namentlich hinter Tapeten, mit Brettern verschalte Wände oder in die Fugen der Bettstellen, also an dieselben Orte, wo sich die Wanzen den Tag über versteckt halten. Die letzte Brut geht jedoch meist zu Grunde, und nur die erwachsenen Wanzen, welche zu ihrer vollen Entwickelung 11 Monate bedürfen, überwintern und können sehr viel Kälte vertragen. Das Häßlichste an ihnen ist das hinterlistige, heimliche Blutsaugen, welches sie bis auf die Nacht verschieben, um den Schlafenden in seiner Ruhe zu stören. Daß sie, wie behauptet wird, durch die Ausdünstungen des Schläfers herbeigelockt, sich unter Umständen auch von der Decke herabfallen lassen, will ich gern glauben, weil ich einst Augenzeuge war, wie eine auf eben diese Weise in eine dampfende Kaffeetasse gelangte. Trotz ihres Blutdurstes vermögen sie lange zu hungern. Leunis hatte ein Weibchen in eine gut verschlossene Schachtel eingesperrt, und als er diese nach sechs Monaten öffnete, fand er es nicht nur noch am Leben, sondern von einer Schar Nachkommen umgeben, welche, gleich der Mutter, durchsichtig wie Glas waren. Bei ihrer großen Fruchtbarkeit und der Leichtigkeit, mit welcher sie verschleppt werden können,

1) Verwandte Buckelwanze (Tingis affinis). Achtmal vergrößert. 2) Gemeine Rindenwanze (Aradus corticalis). Sechsmal vergrößert. 3) Bettwanze (Cimex lectularius). Stark vergrößert. 5 grö 5

gehören die Wanzen zu dem lästigsten alles Ungeziefers, besonders in größeren Städten, wo die Übervölkerung der Häuser ihre gründliche Verfolgung erschwert. Daher fehlt es auch nicht an zahlreichen Vertilgungsmitteln, welche sich aber wenig bewähren, so daß es ratsam erscheint, alle jene Stellen, an denen sie sich gern häuslich niederlassen, möglichst zu meiden und alle verdächtigen fleißig zu durchsuchen. Wie wirkungslos das einfache Ausweißen der Zimmer diesem Ungeziefer gegenüber ist, davon überzeugte ich mich während meiner Studienzeit in Berlin. In der sehr sauberen, blanken Werkstatt eines Buchbinders sah ich ein Wänzchen mit weiß übertünchtem Rücken wohlgemut einherspazieren. Eine Beimischung von Eifen-vitriol unter den Kalk wirkt schon besser, nachdem zuvor alle Ritzen rein ausgekratzt, mit Eiweiß und Insektenpulver, Mineralöl oder Atznatronlauge ausgepinselt und dann ver: strichen worden sind. Dergleichen Mittel, mit großer Energie angewendet, können, wenn nicht sehr ungünstige Verhältnisse obwalten, jeden in seiner Wohnung endlich vor diesem lästigen Ungeziefer sicherstellen, keinen Reisenden aber schützen, welchen sein Unstern in ein von Wanzen bewohntes Nachtlager führte. Für diesen Fall soll, wie mir von verschiedenen Seiten versichert wurde, das Brennenlassen des Lichtes die Blutsauger von dem Schläfer zurückhalten. Wo die Bettwanzen hergekommen find, weiß man nicht; denn daß Ostindien, wie be: hauptet wird, ihre ursprüngliche Heimat sei, bedarf noch des Nachweises. Die alten Griechen und Römer kannten sie, wie bereits erwähnt wurde, fürchteten sie und schrieben ihnen allerlei Heilkräfte zu. Im 11. Jahrhundert haben sie sich in Straßburg gezeigt, dagegen wird der Behauptung, sie seien erst um 1670 durch die Bettstellen der vertriebenen Hugenotten nach London gebracht worden, von anderer Seite widersprochen, weil schon 1508 daselbst ein paar adlige Damen deren Stiche für Anzeigen der Pest gehalten hatten. Als ich vor Jahren zur Düngung meiner Fuchsien von einem Kirchboden Fledermaus: mist selbst herabgeholt hatte, war ich nicht wenig erstaunt, zwischen demselben zahlreiche Wanzenbälge aller Größen zu erblicken. An jener Stelle hausten im alten Holzwerk entschieden die Wanzen und bezogen ihre Nahrung von den daselbst wohnenden Fledermäusen. Bedenkt man nun, daß sie in Hühnerställen, auf Taubenschlägen, in Schwalbennestern gleichfalls vorkommen, jo liegt die Vermutung nahe, daß fie ursprünglich als Un: geziefer der verschiedensten warmblütigen Tiere im Freien gelebt haben und durch Ber: schleppung allmählich dem Menschen nahe gebracht worden sind, und zwar können die nächtlichen Fledermäuse am besten zu der schnelleren Weiterverbreitung wesentlich beigetragen haben, da sich annehmen läßt, daß manche Wanze zum Blutsaugen aus ihrem Schlupfwinkel bereits auf den Körper einer Fledermaus gekrochen ist, ehe diese ihre nächt: lichen Umflüge beginnt. Von Eversmann wird eine russische Art von nur 3,37 mm Länge und lehmgelber Farbe am fast querrunzeligen Hinterleib als gewimperte Bett: wanze (Cimex ciliatus) unterschieden.

Alle die kleinen, zarten und weichen Wanzen, welche im Sommer Blumen und Gräser beleben, mit einer vielen anderen Ordnungsgenossen fremden Beweglichkeit und fortwährenden Bereitschaft zu geräuschlosem Fluge hier auftreten und dort verschwinden, solange die Sonne scheint, und vorherrschend dem Honig nachgehen, gehören der Familie der Wiesen- oder Blindwanzen (Phytocoridae, Capsidae) an, einer Familie, die mit verhältnismäßig zahlreicheren Arten in den gemäßigten als in den wärmeren Erdstrichen vertreten ist; von Europäern sind etwa 300 bekannt. Man würde diese lichtgrünen, häufig auch ungemein zierlich bunt gezeichneten Schnabelkerfe nicht haben vereinigen können, wenn sie

nicht auch im Körperbau miteinander übereinstimmten. Sie haben einen dreieckigen Kopf, dessen dreiseitiger Scheitel nur bei einer Gattung (Miris) von der Stirn getrennt, bei den übrigen herabgebogen und mit der nach vorn gewendeten Stirn verschmolzen ist. Obgleich sie Blindwanzen genannt werden, fehlen ihnen die Netzaugen keineswegs, wohl aber die Punktaugen. Die borstenförmigen Fühler, deren zweites Glied das längste, bisweilen auch das dickste ist, erreichen die Körperlänge oder übertreffen sie und laufen in zwei haarfeine Glieder aus. Der angedrückte Schnabel reicht bis zum Ende der Brust und seine Scheide besteht aus vier meist gleichlangen Gliedern. Das nicht eben große, dreieckige Schildchen ist immer sichtbar. Die lederartigen, weichen Flügeldecken sind mit einer Falte versehen, welche dem gegen das Schildchen gewendeten Rande gleich läuft und ein eignes, länglich trapezisches Feld, das Schlußstück (den Nagel, clavus), absondert, der übrige Teil bildet ein Dreieck, das Leder (corium), an dessen kürzeste, gegen die Spitze gerichtete Seite ein durch eine Falte abgesetzter, dünnerer, meist eigentümlich gefärbter Lappen, das Keilstück (cuneus), auch wohl Anhang genannt, als charakteristisches Familienmerkmal angrenzt, von welchem sich dann die Haut (membrana) fortsetzt. In letzterer bemerkt man eine bogenförmige, vom Rande des Anhanges ausgehende und dahin zurückkehrende Ader, welche vor dem äußeren Ende noch einen kleinen Ast aussendet und mithin zwei ungleiche Zellen bildet. Fehlt diese Haut, so fehlen gleichzeitig die immer sehr zarten Hinterflügel. Die mitunter auffallend kleinen Füße zeigen drei undeutlich abgesetzte Glieder und sehr kleine Haftlappen zwischen den Krallen. Eine derartige Weichheit des Körpers und lose Einfügung der

Beine, wie sich hier findet, kommt bei keinen anderen Gestreifte tellus).SchönwanzeVergrößert.(Calocoris stria- Wanzen wieder vor.

Die gestreifte Schön wanze (Calocoris striatellus) mag statt aller ein Bild von der in Rede stehenden Familie geben. Sie gehört der später vielfach gespaltenen Gattung Phytocoris an und zwar derjenigen Gruppe (Calocoris), bei welcher die Stirnschwiele winkelig in den Scheitel übergeht, der Nacken sich wölbt und keine Leiste zeigt, das Fühlerwurzelglied den fast fünfeckigen Kopf überragt, der Schnabel bis zum zweiten Bauchring reicht, das trapezische, vorn leistenartig gerandete Halsschild an den Seiten gerade vorläuft und die Fußwurzel der Hinterbeine kürzer als das folgende Glied ist. Den orangenen oder lichtgelblichen Körper deckt weißliche Behaarung; die schwarzen Zeichnungen auf Halsschild und Flügeldecken läßt die Abbildung erkennen. Die reichlich 7 mm lange Wanze findet sich auf Schirmblumen durch ganz Europa. — Die schlanken, schmutzig grünen Borstenwanzen (Miris) zeichnen sich vor den anderen durch besondere Schmalheit und durch die verschiedene Kopfbildung aus. Der dreiseitige, nach vorn spitze Schädel trägt nämlich an seinem Rande die einem dicken Grundglied entspringenden Fühler. Charakteristisch für die mehr ovalen, schwarzbraun oder rot gefärbten Arten der Blindwanzen (Capsus) wird dagegen das keulenförmig verdickte zweite Glied der Fühler und der grob punktierte Leib.

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