All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
AskTalkView media
Reading progressPage 166 of 196

Die Cikaden sind scheue und träge Tiere, welche nur dann mehr Beweglichkeit annehmen, wenn sie von der brennenden Mittagssonne beschienen werden. Sie bohren mit 41*

ihrem Schnabel die jungen Triebe holziger Gewächse an und saugen den Saft. Auch nach dem Stiche fließt dieser noch aus, trocknet durch die Luft und liefert an gewissen Pflanzen das Manna. In gleicher Weise bohren die Weibchen mit dem in einer Längsspalte des Bauches verborgenen Legstachel bis zum Marke, um ihre Eier abzulegen. Die aus: geschlüpften Jungen verlassen alsbald ihre Geburtsstätte und saugen äußerlich am Baume.

Man kennt zwischen 400 und 500 Arten, von denen 18 den Süden Europas, die meisten übrigen aber den heißen Erdgürtel bewohnen und ungefähr bis zum 40. Grade südlicher Breite, nach Norden jedoch in einzelnen Arten bedeutend weiter reichen. Die Gattung Cicada, von Fabricius Tettigonia genannt, wurde neuerdings in zahlreiche, hier nicht weiter zu berücksichtigende Untergattungen zerlegt. Das farbige Gruppenbild (beiS. 637) führt links im Vorder⸗ ’7. grund in der prächtigen Singzirpe (Cicada speciosa) ein überaus stattliches, schwarzes Tier vor. Ein kleinerer Fleckvorn und eine breite Binde hinten am Halsschild nebst Rücken und Bauchseiten des 5.— 7. Hinterleibs⸗ gliedes sind gelb, die Leisten des Mittelrückens, der Außenrand der Vorderflügel samt dem Geäder blutrot, der äußerste Hinterrand dieser und der ganze Saum der Hinterflügel weiß. Die hellen Querzeichnungen in den Zellen der Flügel deuten die Fältchen der nicht straff gespannten Haut an. Dieser ausgezeichnete Kerf bewohnt die Sundainseln und verursacht, wenn viele beisammen sitzen, ein laut schnarrendes Geräusch, welches aus weiter Ferne gehört wird, in der Nähe aber das Ohr geradezu betäubt.

Die Mannacikade, kleine Eschencikade (Cicada orni, Fig. 1), veranschaulicht hier eine der europäischen Arten, welche bisher noch nicht in Deutschland beobachtet worden ist, aber in den meisten südlicheren Länderstrecken vorherrschend an der Manna-Esche lebt. Aus den Wunden, welche sie den genannten Bäumen behufs der eignen Ernährung beibringt, fließt das Manna, ein Zuckerstoff, welcher möglichenfalls auch in anderen Eschenarten enthalten ist, wie er sich im Safte der Rüben, Zwiebeln, des Spargels, Sellerie und anderwärts mehr oder weniger reichlich findet. Obschon das feinste Manna durch die Cikadenstiche erzeugt werden soll, so gewinnt man doch das meiste auf künstlichem Wege, indem man im Juli und August der Rinde wagerechte Einschnitte beibringt, um diese zum Saftausfluß zu veranlassen, und nach den verschiedenen Gewinnungsarten unterscheidet man verschiedene Mannasorten. Daß, beiläufig bemerkt, unser heutiges Manna nicht dasselbe war, mit welchem sich die Kinder Israels 40 Jahre in der Wüste ernährten, geht schon daraus hervor, daß nirgends von den abführenden Wirkungen desselben die Rede ist, welche

1 Mannacikade (Cicada orni), 2 Gemeine Singcikade (Cicada plebeja) nebst Larve. Vergrößert.

DEUTSCHE WASSERWANZEN und WASSERLÄUFER.

DEUTSCHE WASSERWANZEN uno WASSERLÄUFER.

bei so reichlichem Genuß das heutige Manna notwendig hervorgebracht haben müßte. Die eigentümliche Form des braunen, gelb gefleckten und weiß behaarten Körpers der Mannacifade, die schwach entwickelten, zweizähnigen Vorderschenkel und die elf braunen Punkte auf jedem der wasserhellen Vorderflügel charakterisieren fie. Das „singende“ Männchen hebt den Hinterleib ein wenig, um ihn sogleich wieder sinken zu lassen, wiederholt rascher und rascher dieselben Bewegungen, bis der Ton in ein ununterbrochenes Schwirren übergeht, mit welchem der Gesang schließt. „His strident arbusta Cicadis“, sagt Linné von dieser Art, wahrscheinlich derselben, welche auch dem Virgil keine Bewunderung abnötigen konnte. Von anderen, ihr in der Körpertracht ähnlichen und teilweise schwer unterscheidbaren Arten beanspruchen etwa vier das deutsche Bürgerrecht. Cicada haematodes hat sich bei Würzburg, C. plebeja (gemeine Singcikade, Fig. 2, S. 644) bei Regensburg, C. atra (gleichbedeutend mit C. concinna) beispielsweise bei Heidelberg, Erlangen, in der Fränkischen Schweiz gefunden, C. montana breitet sich über ganz Europa und den Norden Asiens aus; denn sie ward nicht nur in einigen nördlichen Punkten Deutschlands, wie Jena, Naumburg, Dresden, Breslau, beobachtet, sondern auch vereinzelt bei Insterburg in Preußen, bei Petersburg und in Schweden gefangen. An ähnlichen, aber zum Teil größeren Arten hat Amerika, besonders das insektenreiche Brasilien, Überfluß.

Den eben besprochenen Kerbtieren, welche im stande waren, die Dichter des Altertums zu begeistern, schließen die Forscher diejenigen Schnabelkerfe an, welche durch ihr in Wasserlöchern und Pfützen verborgenes Schlammleben jedes poetische Gefühl fern halten. Die Wasserwanzen (Hydrocores), um die es sich hier handelt, kommen hinsichtlich der kurzen, 3—4gliederigen, unter den Augen versteckten Fühler den Zirpen nahe, unterscheiden sich aber durch die ungleichartigen, platt dem Körper aufliegenden Flügel und dadurch wesentlich von ihnen, daß der Schnabel nicht dem Grunde, sondern der Spitze des Kopfes entspringt, daß sich Scheitel und Stirn nicht voneinander absetzen, und daß bei ihnen ein Räuberleben an Stelle des harmlosen Saugens süßer Pflanzensäfte tritt. Die in Farbe und Form ziemlich eintönigen Wasserwanzen bewohnen stehende Gewässer beider Erdhälften in ihren nördlichen und südlichen Teilen, und die unter einem glühenden Himmel gezeitigten haben weder Farbenpracht noch Formenreichtum, höchstens bedeutendere Größenverhältnisse vor den Bewohnern des gemäßigten Europa voraus. Die im Frühjahr den Eiern entschlüpften Larven erlangen unter mehrmaligen Häutungen bis zum Herbst meist ihre volle Größe, indem sie sich von allerlei Geschmeiß ihrer reich bevölkerten Umgebung, dasselbe mit dem Schnabel anspießend und aussaugend, ernähren. Verborgen im Schlamm der Wasserlöcher verschlafen fie nun den Winter, um im nächsten Jahre ihre Art fortzupflanzen. In dieser Weise wenigstens scheint sich für die heimischen der Lebensfaden abzuwickeln. Sei es zum Vergnügen, sei es, um andere, ihnen genehmere und vielleicht nahrungsreichere Wohnplätze aufzusuchen, sei es endlich, um sich auszubreiten, genug, die vollkommen entwickelten Wanzen bedienen sich des Vorteils, welchen sie vor dem Larvenstand voraus haben, und fliegen umher. Man hat die Wasserwanzen in drei Familien zerlegt.

Ein großer und breiter, schief nach unten und hinten gerichteter Kopf ohne Nebenaugen, mit breitgerundeter Stirn und einem kurzen und dicken, nur die Mitte der Brust erreichenden Schnabel, mehr oder weniger breitgedrückte, an Schiene und Fuß einseitig oder beiderseits bewimperte Hinterbeine und ein gestreckter, plattgedrückter Körper charakterisieren die Ruderfüßer (Pediremi) oder Rückenschwimmer (Notonectidae). Die letzte

en*

ne“2xy 646 Siebente Ord.: Schnabelkerfezneunte u. zehnte Fam.: Ruderfüßeru. Wasserskorpion-Wanzen.

Bezeichnung erscheint darum weniger passend, weil nur wenige Arten auf die durch dieselbe angedeutete Weise sich bewegen, während alle infolge der Ruderfüße geschickte Schwimmer sind. |

Geoffroys Ruderwanze (Corisa Geoffroyi, Fig. 6, S. 647) möge statt vieler ähnlichen Arten die Gattung vergegenwärtigen. Auf der platten Rückenfläche des reichlich 12 mm messenden Körpers herrscht schwarzgrüne Färbung vor, die auf dem Halsschilde durch mindestens 15 feine gelbe Wellenlinien, auf den Flügeldecken durch gelbe Sprenkel ihre Gel: tung verliert. Die gelbe Unterseite erscheint am Grund des Bauches und der Brust schwarzfleckig. Durch die messerförmige Gestalt des Vorderfußes unterscheidet sich überdies die genannte von den zahlreichen, sehr ähnlichen, meist kleineren Arten. Die Weibchen der Ruderwanzen legen im Frühjahr ihre Eier, zu platten Kuchen vereinigt, an Wasserpflanzen.

Die Eier zweier mexikanischen Arten (Corisa mercenaria und femorata) werden gesammelt und in verschiedener Weise als Nahrungsmittel zubereitet. Die überwiegende Länge und kegelförmige Verdickung des dritten und gleichzeitig vorletzten Fühlergliedes, der eingliederige, stark beborstete und breitgedrückte Vorderfuß, vor allem aber ein unsichtbares, - vom Vorderrücken bedecktes Schildchen charakterisieren die artenreiche, soeben besprochene Gattung Corisa.

Den gemeinen Rückenschwimmer (Notonecta glauca, Fig. 1) beobachtet man gewöhnlich bei Ausübung seines vollendeten Schwimmvermögens in der Rückenlage, weshalb er seinen Namen mit vollem Recht verdient. Die gelbe, flache Brust nach oben, den stumpfkieligen Rücken nach unten gerichtet, fährt diese Wanze, ihrer Gestalt nach ein kleines Boot, mittels der kräftigen, elastischen Hinterbeine auf und nieder. Hat man sie aus dem Wasser auf das Trockene gebracht, so schnellen eben diese Beine den Körper in den unterhaltendsten Sprüngen fort, um ihn seinem Element wieder zuzuführen; aus eignem An: trieb kriecht der Rückenschwimmer bei Sonnenschein auch an einem Gegenstand in die Höhe und fliegt davon. Den Bauch bedecken dichte Haare, in welchen sich die zum Atmen nötige Luft fängt. Nachdem das Tier dieselbe verbraucht hat, kehrt es an die Oberfläche des Wassers zurück, um neue aufzunehmen; daraus erklären sich auch die auf- und absteigenden, von ihm mit Vorliebe ausgeführten Bewegungen. Von der grünlichgelben Rückenfläche sticht das große dreieckige Schildchen durch samtschwarze Färbung lebhaft ab. Die vier vorderen, unter sich ziemlich gleichen Beine haben anscheinend nur zwei Fußglieder mit zwei Klauen, bei genauerer Betrachtung entdeckt man jedoch von der Unterseite her noch ein drittes, sehr kurzes Grundglied, während das zweite, gleichzeitig auch letzte Fußglied der Hinterbeine ohne Klaue endigt.

Mit Beginn des Frühjahrs legen die Weibchen ihre ovalen, hellgelben Eier an den unteren Teil einer Wasserpflanze oder auf den Boden, indem sie dieselben reihenweisezu einer Scheibe aneinander kleben. Nach ungefähr 10 Tagen zeigen die Eier infolge der durchscheinenden Augen an dem freien Ende hochrote Punkte. Die Lärvchen kommen wenige Tage später, und zwar noch im Mai, aus ihnen hervor, gleichen in Gestalt und Lebensweise der Mutter, sind aber ockergelb und selbstverständlich flügellos. Bis zum August häuten sie sich dreimal und bekommen zuletzt sehr kurze Flügelstümpfe. Mit der vierten Häutung erhält der Kerf seine volle Entwickelung, bedarf aber immer noch einiger Zeit, ehe er sich ausfärbt und vollkommen erhärtet; den Winter verbringt er im erstarrten Zustand unter Schlamm. Simpson will im September 1846 einen 25 englische Meilen langen Zug dieser Wanzen am Mississippi fliegend beobachtet haben. Eine sehr ähnliche Art nennen die Mexikaner Moschitos, trocknen sie, um die Vögel damit zu füttern, und backen aus den Eiern eine Art von Kuchen, Hautle genannt, welcher Fischgeschmack haben soll.

Ein kleiner, schmaler Kopf und das zu Raubbeinen umgewandelte vorderste Paar dieser Bewegungswerkzeuge charakterisiert die Familie der Wasserskorpion-Wanzen (Nepidae oder Pedirapti), von welchen ein Teil, durch die Körpertracht und die Behaarung an den bisweilen lederartig bewimperten Hinterbeinen an gewisse Dytisken unter den Käfern erinnernd, mit derselben Gewandtheit wie die vorigen schwimmt, ein anderer Teil dagegen an dem flachen Rande der Gewässer auf dem Boden und dessen Schlamme,

Deutsche Wasserwanzen: 1) Gemeiner Rückenschwimmer (Notonecta glauca), fliegend und schwimmend. 2) Grauer

Wasserskorpion (Nepa einerea), eine Libellenlarve aussaugend, 3) seine Larve, 4) seine Eier. 5) Gemeine Schwimmwanze (Naucoris eimicoides). 6) Geoffroys Ruderwanze (Corisa Geoffroyi). 7) Stabwanze (Ranatra linearis). 8) Teichläufer (Limnobates stagnorum). 9) Sumpf-Wasserläufer (Hydrometra paludum). 10) Eier und Larven eines Wasserläufers. 11) Larve von Velia currens. Natürliche Größe.

von Zeit zu Zeit ein dünnes Atemrohr in Form eines langen Schwanzes an die Oberfläche des Wassers bringend, langsam umherkriecht. Zu ersteren gehört:

Die gemeine Schwimmwanze (Naucoris cimicoides, Fig. 5), ein 11—13 mm langer, in den Umrissen eiförmiger, plattgedrückter Kerf, welcher sich schwimmend zwischen Wasserpflanzen umhertummelt. Die Wanze hat eine glänzend grünlichbraune, schwach gewölbte Rückenfläche, welche am Schildchen und an den Flügeldecken am dunkelsten auftritt. Die kurzen, in ein klauenartiges Fußglied auslaufenden Schienen der Vorderbeine lassen sich an die dicken, unterhalb filzigen Schenkel gleich der Klinge eines Taschenmessers an ihren Stiel einlegen und bilden das Fangwerkzeug für den Räuber. Der Kopf gibt dem Halsschild an Breite weniger nach als bei den folgenden, trägt keine Nebenaugen und unter den Netzaugen, in einer Grube versteckt, die viergliederigen Fühler. Das Weibchen

Deutſche Waſſerwanzen: 1) Gemeiner Rückenſchwimmer (Notonecta glauca), fliegend und ſchwimmend. 2) Grauer Waſſerſkorpion (Nepa einerea), eine Libellenlarve ausſaugend, 3) ſeine Larve, 4) ſeine Eier. 5) Gemeine Schwimm— wanze (Naucoris eimicoides). 6) Geoffroys Ruderwanze (Corisa Geoffroyi). 7) Stabwanze (Ranatra linearis). 8) Teichläufer (Limnobates stagnorum). 9) Sumpf-Waſſerläufer (Hydrometra paludum). 10) Eier und Larven eines Waſſerläufers. 11) Larve von Velia currens. Natürliche Größe.

legt gleichfalls, nachdem es sich im Frühjahr gepaart hat, seine Eier in Form eines Kuchens an Wasserpflanzen. Jedes einzelne stellt eine schwach gebogene, an der freien Spitze schräg abgeschnittene Walze dar. Die Jungen erhalten nach der dritten Häutung die Flügelscheiden. — Die nahe verwandte Gattung Belostoma liefert in der südamerikanischen

Riesenschwimmwanze (Belostoma grande) das größte Tier der ganzen Ordnung; denn sie mißt 10,5 em und trägt am Ende ihres platten Leibes zwei lanzettförmige, mehrere Zentimeter lange Anhängsel, deren Bestimmung noch nicht aufgeklärt ist. Unter den anderen Verwandten haben einige Weibchen die sonderbare Gewohnheit, die Eier gleichfalls in Form e eines Kuchens aneinander zu reihen und, auf dem eignen Rücken befestigt, mit sich herum-zutragen, wie beispielsweise die ostindische Schwimmwanze (Diplonychus rusticus).

Continue reading
Page 166 of 196