Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die andere Gattung Psylla kennzeichnen die borstigen Fühler von mindestens Leibeslänge, die runden, vorquellenden Netzaugen und häutige klare Vorderflügel, welche sich bei Livia meist etwas derber als die hinteren zeigen. Der Ginster-Blattfloh (Psylla genistae), welcher seine Gattung hier in sechsfacher Vergrößerung vergegenwärtigen möge, hat einen zweihöckerigen Vorderkopf, bräunliche Streifen in den Flügelfeldern und eine lichtgrüne Körperfarbe; er lebt, wie der Name andeutet, auf dem Ginster. — Auch Birn- und Apfelbäume haben ihre
Ginster-Blattfloh (Psylla genistae). Sechsmal vergrößert. Flöhe. Der Birnsauger (Psy lla pyri) beschmutzt mit seinen Auswürfen die Blattstiele und Zweige wie mit einem von Ameisen gesuchten, klebrigen Saft; der Apfelsauger (Psylla mali) findet sich im Herbste auf schon gelb werdenden Apfelblättern als vollkommenes Insekt, während die Larve an Blütenstielen und Knospen saugt. In den letzten Jahren ist diese Familie von Reuter, F. Löw u. a. eingehender behandelt und in weit zahlreichere Gattungen zerlegt worden.
Die nächste Reihe der Schnabelferfe, die Zirpen oder Cikaden (Cicadina, Homoptera), empfing, so mannigfach die Arten in ihrer Körpertracht auch sein mögen, in den kurzen, immer mit einer Borste endenden, leicht zu übersehenden Fühlern, in dem weit nach hinten gerückten, dicken Schnabel und in den vier gleichartigen oder ungleichartigen Flügeln sowie in der aus Pflanzensäften bestehenden Nahrung ihre gemeinsamen Merk: male und unterscheidet sich in dieser letzten Beziehung insofern wesentlich von den bisherigen Ordnungsgenossen, als sie nie durch Festsaugen dieselbe Stelle einnimmt, sondern hier oder da den Schnabel einbohrt und nur selten in Gesellschaften zusammengedrängt einer Pflanze lästig wird. Die kleinsten, zum Teil winzigen Arten trennt man von den übrigen als besondere Familie der Kleinzirpen (Cicadellidae) unter folgenden gemeinsamen Merkmalen ab: der frei vortretende, mit dem Scheitel nach oben, mit der breiten Stirn nach vorn gerichtete Kopf trägt vor den Augen außer der Endborste zweigliederige Fühler und zwei oder keine Nebenaugen. Der in der Regel einfache erste Brustring reicht nach hinten nur bis zum Schildchen des zweiten, läßt dieses also unbedeckt. Lederartige Vorderflügel und in den Schienen verlängerte, zum Springen befähigende Hinterbeine vervollständigen den Charakter dieser flinken, meist aus dem Sprung in den Flug übergehenden Tierchen, welche in zahlreichen Arten Europa bewohnen. Kein einziges von allen rechtfertigt den Namen „Zirpe“, da alle ihre kurze Lebenszeit lautlos verbringen.
Zu den zierlichsten in Zeichnung und Gestalt gehören die zahlreich in Nordamerika, Nordasien, besonders aber in Europa vertretenen, 3 mm kaum überschreitenden Blindköpfe (Typhlocyba), fo genannt, weil die Nebenaugen nicht fehlen, sondern übersehen worden sind. Ihr Körperumriß erscheint schmal und schlank, keilförmig von vorn nach hinten zugespitzt, der Scheitel ragt etwas vor, rundet sich aber ab, die Stirn wölbt sich leicht und verschmilzt mit den Nachbargegenden. Bei aller Derbheit sind die Vorderflügel ungemein zart und die langen Hinterschienen kräftig bestachelt. Manche Arten kommen massenhaft auf einer Pflanze vor, wie beispielsweise die Rosencikade (Typhlocyba rosae) auf Rosenstöcken. Man sieht die Tierchen als bleich zitronengelbe, hinten braune Strichelchen ruhig daran sitzen; wird der Busch aber erschüttert, so schnellen alle herunter, umkreisen fliegend ihren Wohnplatz und lassen sich alsbald wieder auf demselben nieder. Im Sonnenschein unternehmen sie diese aus dem Sprung in den Flug übergehenden Bewegungen zur Kurzweil aus freien Stücken. Das Weibchen hat, wie bei allen
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AUSLÄNDISCHE ZIRBEN.
anderen, eine an der Bauchspitze sichtbare Legröhre, bohrt mit ihr in das junge, weiche Holz, beschenkt es mit Eiern und verursacht hierdurch allmähliche Anschwellung. Die kleinen Lärvchen bleiben im Holze versteckt, nähren fi vom zufließenden Saft, erhalten nach mehreren Häutungen Flügelstümpfe und machen sich erst durch den Gebrauch der vollkommen entwickelten Flügel in der eben angeführten Weise bemerklich, und zwar zweimal im Jahre. 8 | Die Walzencikaden (Tettigonia) zeichnen sich durch eine blasig aufgetriebene Stirn, eine lange Fühlerborste, quere Hinterhüften, dreikantige, dicht bedornte Hinterschienen sowie durch die langen, schmalen Flügeldecken aus. Von den mehr als 400, vorherrschend im südlichen Amerika vorkommenden Arten erblicken wir die vierpunktige Walzencikade (Tetti-sonia quadripunctata) nach innen auf dem Blatte unter der Passionsblume unseres Gruppenbildes „Ausländische Zirpen“. T. viridis ist in Europa sehr weit verbreitet und lebt auf feuchten Wiesen. Auf hohem Eichengebüsch wohnt als größte deutsche Art, vom September ab im vollkommenen Zustande, die Ohrenzirpe (Ledra aurita, Fig. 1 und 2). Die ohrenartig emporgezogenen Seitenränder des Halsschildes (Fig. 2) und der scheibenartig erweiterte, an den Seiten schneidig hervortretende Kopf verleihen der düster rindenartig gefärbten Kleinzirpe ein eigentümliches Ansehen. Die stark bestachelten Hinter: schienen sind nach außen scharfkantig erweitert und ihre Hüften in die Quere gezogen. Die Larve erscheint sehr plattgedrückt. Südasien und Neuholland weisen noch mehr Gattungsgenossen auf. | ä
Höchst eigentümlich gestaltet sich das Larvenleben der Schaumeikade (Aphrophora „ _
spumaria, Fig. 3), indem sie „die thränen⸗ e d von oben, 2) von 0 den Weiden“ oder an einigen Wiesenpflanzen, Seite. 3) Schaumcikade (Apkrophora spumaria), dekucks⸗Lichtnelke (Lxchnis cel, 2 b schwachvergröhen. flos cuculi) und dem Bocksbart (Tragopogon pratense), den sogenannten Kuckucksspeichel zur Aufführung bringt. Im Herbst hatte das Cikadenweibchen mittels seiner langen, in einer Bauchspalte verborgenen Legscheide die Eier zwischen Rindenritze, bei letzteren Pflanzen wahrscheinlich an den Wurzelstock versenkt. Diesen entschlüpft im nächsten Frühjahr eine grüne, nach hinten zugespitzte, am Bauche abgeplattete Larve, welche die betreffende Futterpflanze ansticht, um sich zu ernähren. Die durch ihren Körper gegangenen Säfte derselben erscheinen nicht wie bei den Blattläusen als kleine, klebrige, andere Wesen anlockende Tröpfchen, sondern als weißer Schaum, wie ihn Seife oder Speichel hervorbringen, dazu bestimmt, andere Kerfe und feindlich gesinnte Vögel abzuhalten, indem er die Larve vollständig einhüllt. Sitzen ihrer viele auf einer alten Weide bei einander,so fließen die zahlreichen Schaumbläschen in Tropfen zusammen, träufeln herab und „die Weiden thränen“, besonders wenn ein wolkenloser
Himmel warmes trockenes Wetter verkündigt. Erst wenn die Larve ihre Häutungen bestanden hat, kommt sie unmittelbar vor der letzten aus ihrer Umhüllung hervor und treibt sich auf Gebüsch und benachbarten Gräsern umher, jene aber verschwindet durch Eintrocknen. Die Schaumzirpe erscheint in Wirklichkeit nach hinten mehr zugespitzt als auf unserem Bilde, wo ihr die Flügeldecken klaffen, von Farbe gelbgrau, mit Ausnahme von zwei unbestimmt abgegrenzten lichten Streifen auf jeder Flügeldecke. Sie und die übrigen Gattungsgenossen charakterisieren der dreiseitige, durch eine scharfe Kante von der mäßig gewölbten Stirn getrennte Scheitel, ein siebeneckiges Halsschild, die kurz kegelförmigen Hinterhüften sowie die walzigen, mit drei kräftigen Dornen bewehrten Schienen. — Eine einfarbig gelbgraue, etwas gestrecktere Art, die Weidencikade (Aphrophora salieis Fallens oder la crymans Eversmanns), bringt an den Weiden im Orenburgischen dieselbe Erscheinung hervor, wie die abgebildete in Deutschland, und auf Madagaskar sitzt wieder eine andere Art an den Maulbeerbäumen, von welchen bei brennendem Sonnenschein ein förm—⸗ licher erquickender Regen herabträufeln soll, indem sich die Larven klumpenweise rund um die stärksten Schößlinge festhalten.
Bei den Stirnzirpen, Schnellzirpen (Cercopis), greift die aufgetriebene Stirn über den Vorderrand des dadurch gekürzten, im Mittelgrübchen die Nebenaugen bergenden Scheitels. Am Halsschild, welches vorn zwei Eindrücke kennzeichnen, zählt man nur sechs Ecken, weil es am kleinen Schildchen nicht winkelig einspringt. Wegen der ziemlich breiten, bunten Flügeldecken erscheinen die Zirpen weniger gestreckt als andere. Ihre Hinterhüften treten kurz kegelförmig heraus, und von den kantigen Schienen werden die hintersten am Ende von Borsten umkränzt. Zahlreiche Arten dieser Zirpen breiten sich über alle Erdteile aus, unter ihnen die größten der ganzen Familie über den heißen Gürtel. Links auf dem Orangenblatt unseres Gruppenbildes ist die doppelt bandierte Stirnzirpe (Cercopis bivittata) aus Java dargestellt. Sie ist glänzend schwarz und an jeder ihrer Flügeldecken mit weißen Querbinden geschmückt. — Es bedarf jedoch nicht einer Reise nach fernen Ländern, um Vertreter dieser Gattung in der Natur beobachten zu können. Ein zierliches Tierchen von kaum 10 mm Länge belebt stellenweise die Gebüsche des hügeligen Deutschland. Es sitzt ruhig auf der Oberseite der Blätter und leuchtet weithin durch die drei blutroten Flecke auf jeder feiner Flügeldecken; kommt man ihm aber zu nahe, fo ver: schwindet es durch einen mächtigen Sprung und zwar um so eiliger, je schöner sein Gewand in der Sonne erglänzt. Die Art führt mit Recht den Namen der blutfleckigen
Stirnzirpe (Cercopis sanguinolenta), hat aber noch manche ihr sehr ähnliche Schwestern, darum sei zu ihrer Charakteristik noch bemerkt, daß der vorderste der Blutflecke die Wurzel einnimmt, der folgende, runde und kleinste die Mitte, während der hinterste als Binde über die ganze Fläche reicht.
Andere Arten, durchschnittlich nicht größer als die bereits besprochenen und meist eintöniger in der grünen oder düsteren Färbung des Körpers, hat man zu der Familie der Buckelzirpen (Membracidae) vereinigt, weil ihr Halsschild in den mannigfachsten Gestaltungen den übrigen Körper überwuchert und durch Auswüchse und Anhängsel, oft der sonderbarsten Art, als der am meisten entwickelte Körperteil auftritt. Der Kopf rückt dadurch bei allen nach unten, eine scharfe Sonderung zwischen Scheitel und Stirn, wie bisher, fällt weg, indem beide miteinander verschmelzen; zwischen den Netzaugen stehen zwei Punktaugen, und die sehr kurzen Fühler verstecken sich unter dem Stirnrande. Häufig
bleiben die Vorderflügel ebenso dünnhäutig und durchsichtig wie die Hinterflügel, entschieden immer da, wo sie durch die Verlängerungen und Ausschreitungen des Halsschildes vollkommen unsichtbar geworden sind. Die kurzen Mittelhüften stehen nahe beisammen, und die hintersten sind in die Quere gezogen. Die Buckelzirpen springen, aber zirpen nicht, gleich den vorigen, und breiten sich fast ausschließlich über das mittägige Amerika aus.
Die durch weiße Seidenbehaarung mattschwarze gehörnte Dornzirpe (Centrotus cornutus) gehört einer durch ihre Verbreitung über alle Erdteile unter den Buckelzirpen einzig dastehenden Gattung an und findet sich während des Herbstes in Deutschland nirgends selten, am liebsten auf Haselgebüsch, und soll bei Triest unter dem Namen „Weinteufel“ den Reben mitunter schädlich werden. Sie sendet ihr an den Schultern kurz gehörntes Halsschild in einem Fortsatz wellenförmig über den Rücken bis zur Hinterleibsspitze, derartig, daß es über die inneren Flügelränder hinläuft und, von der Seite gesehen, zwei Durchsichten gestattet. Alle vier Flügel sind getrübt und dünnhäutig. Die langen, dreiseitigen, am Rand gezahnten Schienen hat diese Art vor denen anderer Länder voraus, die Gattung aber erkennt man an der hier vergegenwärtigten Form; bemerkt sei nur noch, daß die Fortsetzung des Halsschildes zwar über das Rückenschildchen hinweggeht, dieses aber ebensowenig bedeckt wie die Wurzel der Flügeldecken. Die bunt gefärbten Larven tragen kurze Stacheln auf der Rückseite des Körpers.
Bei den Knotenzirpen (Heteronotus), einer nurin Südamerika vorkommenden Gattung, läuft das Halsschild in seiner hinteren Verlängerung als verschieden geformteund verzierte, hohle Walzenanlage oder als Blase über den Rücken Gehörnte Dornzirpe (Centrotus cornutus). Schwach hin, bedeckt dessen Schild vollkommen vergrößert und bringt die wunderlichsten Formen hervor, von denen eine auf unserem Gruppenbild in der mittelsten der drei obersten Figuren vorgeführt ist. Die netzaderige Knotenzirpe (Heteronotos reticulatus), welche man daselbst erblickt, schwillt an ihrem netzartig punktierten Halsschildgebilde in der Mitte und am Ende knotig an und läuft hier in drei Dornenspitzen aus. Vorn wird es durch fünf weiße Längsstriemen gezeichnet, deren drei mittlere sich bis zum Kopfe erstrecken und daselbst vereinigen. Die einzelnen Knoten führen einen in der Mitte unterbrochenen Querstrich und die drei Dornen Spitzen von weißer Färbung. Die bis auf den braunroten Vorderrand durchsichtigen, am Innenwinkel ausgeschnittenen und von gegabelten Adern durchzogenen Flügeldecken verbergen den schmutzig rotbraunen Hinterleib. Bei anderen Arten gestaltet sich die wunderbare Rückenverzierung wieder anders.
Wie eine Schlange, welche sich in den Schwanz beißen will, nähert sich das vordere dem hinteren Ende des breit gedrückten Halsschildes bei der matt schwarzen Hypsauchenia balista, welche ich die Schlangenzirpe nennen möchte. Sie ist die oberste in unserem Gruppenbild und lebt in Kolumbien; eine sehr ähnliche Art, welche in Brasilien heimisch ist, unterscheidet sich durch einen Doppelknoten, welcher sich mitten auf der wagerechten Stelle des Halsschildes nach dessen vorderer Spitze hin auftürmt. Man kann alle diese sonderbaren Auswüchse eben nur für Verzierungen erklären, welche in ähnlicher Weise bei den Blätterhörnern unter den Käfern bereits früher zur Sprache kamen, hier aber als Gebilde der kühnsten Phantasie alles Maß überschreiten.