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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Die südamerikanischen Helmzirpen (Membracis), an hundert der Artenzahl nach, erheben ihr Halsschild meist hoch nach oben zu fast schneidiger Kante und erscheinen daher von den Seiten her ungemein zusammengedrückt; weiße, gelbe oder rote Bänder durch ziehen jenes auf die verschiedenste Weise; überdies sind bei ihnen die Vorderschienen elliptisch erweitert und die Hinterschienen mit starken Dornen bewehrt. Wir sehen auf unserem

Gruppenbild, oben rechts, auf der Knospe der Passionsblume ruhend, die hohe Helmzirpe (Membracis elevat a), deren matt schwarze helmartige Erhebung vorn und hart an der Spitze weiß gezeichnet ist. Bei anderen Arten findet vorn keine einfache Abrundung statt, sondern ein zahnartiger Vorsprung. Man könnte die Membracis eruenta, welche am äußersten Ende links auf der offenen Blüte sitzt, die Phrygische Mütze nennen, auch bei ihr ist der Verlauf der roten Zeichnungen aus der Abbildung ersichtlich.

Die beiden kleinen Stiere unter dem obersten Dreiblatte der Buckelzirpen gehören einer und derselben Art an, welche unter dem Namen der Stierzirpe (Hemiptycha punctata) passieren mag und die größte der ganzen Familie sein dürfte; sie ist braun gefärbt und verdeckt mit dem stattlich gehörnten, durchaus grünlich punktierten Halsschilde die Innenränder der getrübten, etwas braunstriemigen Vorderflügel, was bei keiner der vorangegangenen der Fall war; überdies fallen hier die Hinterfüße nicht durch ihre Verkürzung auf, wie bei den nächst verwandten Nabelzirpen (Umbonia), wo sich meist auf der Mitte des Halsschildes ein Dorn erhebt. — Außerdem kommen noch zahlreiche Gattungen vor, bei denen das Halsschild die Vorderflügel vollkommen versteckt. Die angeführten müssen jedoch genügen, um den in der Familie herrschenden SER ahnen zu lassen.

Wie bei den Buckelzirpen der Vorderrücken, so spielt bei der folgenden Familie, den Leuchtzirpen (Fulgoridae), der Kopf die Hauptrolle und bedingt für eine große Anzahl ihrer Mitglieder die Körpertracht, wird aber nirgends zur Licht spendenden Laterne, wie man vorzeiten allgemein geglaubt hat. Obschon diese Kerfe weder an irgend einer Stelle ihres Körpers leuchten, noch zirpen,so hat man doch, vielleicht aus einer gewissen Pietät, den obigen Familiennamen beibehalten. Wird doch die bekannte Erdbeere ihren alten Namen fortführen, obschon sie die Pflanzenkundigen längst aus der Zahl der Beeren gestrichen haben, und jo noch manch anderes Gebilde, das man nach seiner Taufe richtiger erkannte und gern anders benannt haben würde, wenn nicht die Macht der Gewohnheit auch das Besserwissen beherrschte. Die Bildung des Kopfes, dessen Ausschreitungen nicht allen Leuchtzirpen zukommen, unterscheidet sie doch sämtlich von den übrigen Zirpen dadurch, daß alle seine Teile: Scheitel, Stirn, Wangen, durch scharfe Leisten voneinander getrennt werden und er da, wo keine besonderen Umbildungen diesen Grundcharakter ver: wischen, das Eckige als solchen zur Schau trägt. Neben jedem der kleinen Netzaugen steht nach innen ein Punktauge, sofern diese nicht gänzlich fehlen, und unterhalb, an der Wange, jederseits der kleine, leicht übersehbare Fühler. Keine Anhängsel oder Wucherungen verändern hier das einfache Halsschild. Die Vorderflügel, bei den einen dünnhäutig, wie die Hinterflügel, bei den anderen derber als diese und bei noch anderen mit ihnen zugleich lederartig und bunt gefärbt, sind an ihrer Wurzel stets von einem Schüppchen bedeckt, welches den Buckelzirpen mindestens in allen Fällen fehlt, wo das Halsschild deren Wurzel oder ganze Fläche bedeckt. Die verlängerten Mittelhüften stehen weit auseinander, alle Schienen sind dreikantig, häufig bedornt und die hintersten mit einem Stachelkranz an der Spitze gekrönt. Viele Leuchtzirpen sondern zwischen den Ringen des Hinterleibes einen schneeweißen, wachsartigen Stoff aus, welcher diesen als Reif überzieht, oder bei größerer Fülle

in fadenförmigen Strängen einen Endschopf bildet, sich auch wieder erneuert, wenn er abgerieben wird, wie solches in ähnlicher Weise schon bei den Blattläusen zur Sprache kam. Auch die Leuchtzirpen gehören überwiegend den heißen Gleicherländern an und werden durch nur wenige, zwar zierliche, aber infolge ihrer Kleinheit unscheinbare Arten in Europa vertreten.

Dahin gehört die gerippte Miniercikade (Cixius nervosus, Fig. 1), ein 717mm langes, braunes, an den Kopfrändern gelbes und an den durchsichtigen Flügeln braun geflecktes und punktiertes Tierchen. Der schmale, mit Nebenaugen versehene Scheitel, die rautenförmige, hochumrandete und von einer 2 Längsleiste halbierte Stirn und die wie ein a Knöpfchen unter den glotzenden Augen hervor: tretenden Fühler kennzeichnen den Kopf, die Rautenform den Brustrücken und gabelförmig geteilte Adern die den länglich dreieckigen Körper weit überragenden Flügel. Es gibt in Deutschland noch einige schwer zu unterscheidende Arten dieser Gattung, welche Burmeister durch weibliche Endung in Cixia ums getauft hat. Sie war früher mit Flata ver: einigt, deren Arten jedoch, manche der großen bunten Flügel wegen gewissen Schmetterlingen gleichend, andere besonders stark bereift, nur zwischen den Wendekreisen anzutreffen sind.

So liefert beispielsweise die gesäumte Miniercikade (Flata limbata) das sogenannte weiße Chinawachs.

Der europäische Laternenträger (Pseudophana europaea, Fig. 2), ein 8,75 mm langes, grasgrünes Zirpchen, dessen Ie udrz durchsichtige Flügeldecken von gleichfalls grünem I

Geäder durchzogen werden, ist der einzige euro⸗ 1) Gerippte Miniercikade (Cixins nervosus). 2) Eupäische Vertreter einer Gattung, welche, außer ropäischer Laternenträger (Pseudophana euro-in Neuholland, allerwärts vorkommt, und deren be vergrößerter Bohdergtoher „ übrige Arten fast alle durch ihr grünes Gewand mit der unserigen übereinstimmen. Ein kegelförmig vortretender Kopf mit umleistetem, von einem Längskiel durchzogenem Scheitel und mit gleichfalls umleisteter, von drei Kielen durchschnittener Stirn zeichnet die Gattung aus. Der europäische Laternenträger findet sich auf trockenen, besonders an Schafgarbe und Wucherblumen reichen Wiesen und auch an anderen grasigen Stellen hier und da in Deutschland. Er wurde bei Leipzig und Halle, von mir bei Naumburg und von einem Freunde an der nordöstlichen Grenze der Provinz Sachsen einzeln aufgefunden, kommt aber weiter nach Süden häufiger vor.

Die Gattung Fulgora liefert die ansehnlichsten und vollendetsten Formen, einen chinesischen Laternenträger (Fulgora candelaria), welcher sich mit seinem säbelförmig vorgestreckten Kopfe rechts auf dem Orangenblatt unseres Gruppenbildes vorstellt. Der Körper ist mennigrot, etwas dunkler und mehr ziegelrot jeder der oreit schwarz bespitzten Hinterflügel, während die lichten Zeichnungen auf dem spangrünen Untergrund der Decken eine gelbe Färbung annehmen.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 41

Der surinamische Laternenträger (Fulgora laternaria), aus Abbildungen hinreichend bekannt, fällt durch die mächtige, hinter der Mitte ihrer Oberfläche sattelartig eingedrückte Keule auf, zu welcher Scheitel und Stirn angeschwollen find. Die 7,8 em messende, grünlichgelbe Zirpe verzieren schwarze Zeichnungen, vor allen in der breit gerundeten Außenecke des beinahe zweilappigen Hinterflügels in Form eines schönen, großen Augenfleckes. Kreideweiße Ausschwitzungen haften reichlich am Hinterleib, sparsamer an dem Kopffortsatz. An das Leuchtvermögen dürfte heutigestags kein Forscher mehr glauben und ebensowenig die Ansicht der Brasilier teilen, welche das Tier unter dem Namen Jitirana Boia für äußerst giftig halten und ihm sorgfältig aus dem Wege gehen.

Die Singzirpen (Stridulantia, Cicadidae) endlich rechtfertigen einigermaßen wenigstens die deutsche Bezeichnung der ganzen Reihe; denn ihre Männchen bringen Töne hervor, welche als Gesang, Gezirp, Geschwirr, Geknarr, kurz in der verschiedensten Weise vom Ohr des Hörers aufgefaßt werden können. Wahrhaftig poetisch gestaltet sich die Auffassung bei den alten Griechen. Nach einer ihrer Sagen hatten sich zwei Tonkünstler, Eunomus und Ariston, in einen Wettstreit eingelassen. Eine Cikade flog zu dem ersteren, setzte sich an Stelle einer gesprungenen Saite auf seine Harfe und verschaffte ihm den Sieg. Daher galt den Griechen eine auf einer Harfe sitzende Cikade als das Sinnbild der Musik. Ihre Dichter verherrlichten die Tierchen in ihren Gesängen und priesen sie als die glücklichsten und unschuldigsten Geschöpfe. So widmete ihnen Anakreon seine 43. Ode, welche Ramler wiedergibt wie folgt:

„Glücklich nenn' ich dich, Cikade! Und die Sterblichen verehren Daß du auf den höchsten Bäumen, Dich, des Sommers holden Boten; Von ein wenig Tau begeistert, Und es lieben dich die Musen, Ahnlich einem König, singest. Und es liebt dich Phöbos selber; Dein gehöret all' und jedes, Er gab dir die klare Stimme; — Was du in den Feldern schauest, Auch das Alter dich nicht dränget, Was die Jahreszeiten bringen; Seher, Erdgeborene, Sänger, Dir sind Freund die Landbewohner, Leidenlos, ohn' Blut im Fleische — Weil du keinem lebst zuleide. Schier bist du den Göttern ähnlich!“

Weniger zart erscheint die Glücklichpreisung von seiten des Xenarchos aus Rhodos, wenn er sagt: | „Glücklich leben die Cikaden, Denn sie haben stumme Weiber.“

Virgil hatte weniger Sinn für die Cikaden, denn er seufzte über ihre Töne, welche durch das Gebüsch „gellen“, und Berichterstatter späterer Zeiten waren ebensowenig von ihnen erbaut. Wenigstens geht dies aus den Worten Shaws hervor, welche annähernd also lauten: „In den heißen Sommermonaten verursachen besonders vom Mittag an bis gegen Abend die Cikaden ein so unbändiges Gezirp und einen so unangenehmen Lärm, daß die Ohren davon gellen. Sie sind in dieser Hinsicht die lästigsten und unverschämtesten Kerfe, welche, auf einem Zweige sitzend, oft 2 oder 3 Stunden ohne Aufhören fort: queilen und das Nachdenken oder die kurze Ruhe stören, denen man sich in diesen heißen Himmelsstrichen (Berberei) um diese Stunden zu überlassen pflegt. Die Tettix der Griechen muß einen wesentlich anderen, sanfteren und ohne Zweifel melodischeren Laut gehabt haben, sonst könnten Homers vortreffliche Redner, welche man mit den Cikaden verglichen hat, nichts anderes als laute, schwatzhafte Schreier gewesen fein.” So weit Shaw. Es gilt hier genau dasselbe, was bereits früher von unseren heimischen Grashüpfern gesagt wurde:

jede Art spielt ihre Weise auf, von der Menge der Musikanten, der zeitweiligen Stimmung und der musikalischen Bildung des Hörers hängt der Eindruck ab, welchen das Konzert auf ihn hervorbringt. Man nannte die Cikade, wie eben erwähnt, Tettix, welche Bezeichnung die heutigen Forscher den kleinen Dornheuschrecken beigelegt haben, und hielt sie ihres Gesanges wegen in Käfigen, verspeiste sie aber auch; denn Aristoteles bemerkt, daß die Cikadenlarven am wohlschmeckendsten seien, bevor ihre Hülle platzt, daß anfangs die Männchen, später die mit Eiern angefüllten Weibchen besser schmeckten.

Lernen wir jetzt das musizierende Werkzeug selbst kennen, von dem schon die Alten eine Ahnung hatten, wenn Aristoteles meint, daß die Töne vermittelst eines, an einem Leibesringe ausgespannten Häutchens durch Zusammenpressen der Luft erzeugt würden, und Aelian sagt: „Andere Singvögel singen, wie der Mensch, mit dem Munde, die Cikaden aber mit den Hüften.“ Zwei große, lederartige Schuppen, welche dem Hinterbrustbein ohne Einlenkung angewachsen sind, nehmen den ganzen Bauch in seinem Wurzelteil ein. Jede derselben bedeckt eine große, im Grunde von zarter Trommelhaut geschlossene Ringöffnung des ersten Hinterleibsgliedes. Oben an der Außenseite eines jeden Ringes setzt sich nach dem Rücken desselben hin ein horniger, mehrfach mit den inneren Wandungen verwachsener Rahmen an, welcher eine festere, längsfaltige Haut spannt. Nach außen schützen dieses Organ die Seitenflügel des auf dem Rücken vorn dreilappig auslaufenden Ringes, ohne es zu berühren. Am Grunde jener erstgenannten Deckschuppen, unter den angezogenen Hinterschenkeln verborgen, liegt nun jederseits das Luftloch als eine sehr lange, mit Wimpernhaaren besetzte Spalte. Im steifen Chitinrand sind die Stimmbänder angebracht, deren Innenränder durch eingepreßte Luft in tönende Schwingungen versetzt werden. Diesem auf die angegebene Weise in eine Stimmritze umgewandelten Luftloch gerade gegenüber liegt die Trommelhöhlung mit dem eingerahmten Faltenhäutchen. Durch das Ein= und Ausatmen der Luft werden mithin die Stimmbänder in tönende Bewegung ver: setzt und das muschelförmige Häutchen im Rahmen wie das Trommelfell im Grunde der großen Höhle hallen die bedeutend verstärkten Töne wider. Bei den Fliegen wurde früher im sogenannten „Brummringe“ eine ganz ähnliche Einrichtung besprochen. Die Weibchen bedürfen des Trommelapparats nicht, für sie reicht es aus, die Locktöne der Männchen zu vernehmen; dies können sie auch, wie aber, weiß man noch nicht. In Ansehung des Körperbaues verlängert sich bei den Cikaden der Kopf selten nach vorn, vielmehr beschreiben gewöhnlich der Vorder- und Hinterrand des Scheitels gleiche Bogen, und zwei Querfurchen teilen seine schmale Fläche in drei Felder, auf deren mittlerem drei Nebenaugen stehen. Vorn grenzt dieses Feld an den oberen Rand der blasigen und querriefigen Stirn. Zwischen den stark vorquellenden Netzaugen entspringen die kurzen, siebengliederigen Borstenfühler. Am Vorderrücken finden sich außer einigen Furchen keine Auszeichnungen, dagegen fällt am mittleren das wulstige, ausgeschnittene Schildchen auf. Von den vier Flügeln, welche dachartig über dem kegelförmigen Leibe liegen, erreichen die vorderen eine bedeutendere Länge als die hinteren, sind entweder glasartig und unbehaart oder gefärbt und behaart, letzteres besonders bei den afrikanischen Arten; das Geäder breitet sich gabelästig über die Fläche aus. Ein verdickter, unterwärts mit einigen Zähnen bewehrter Vorderschenkel bleibt den Beinen als einzige Auszeichnung und als Vermächtnis der plumpen, glatten und harthäutigen Larven. Diesen dienen die Vorderbeine zum Graben in der Erde, wo die einen ihr ganzes, einige Jahre dauerndes Leben, die anderen nur ihr reiferes Alter, noch andere bloß den Winter zubringen sollen, indem sie an den Wurzeln holziger Gewächse saugen.

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