Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Tages an der Rückseite eines Blattes eine ungeflügelte Blutlaus. Das eifrige Bestreben, diese ihm unerklärliche Erscheinung zu ergründen, wurde belohnt: er war Zeuge, wie nach und nach drei weitere Läuse von je einer Ameise in den Zangen dorthin gebracht wurden. Mehrere darauf folgende Regentage legten den Ameisen, deren Nest sich im oberen Teile des Parkes befand, ihr unnützes Handwerk. Aus einem noch höher gelegenen, verwahrlosten Garten waren die Läuse entnommen.
Die sogenannten Baumläuse (Lachnus) bilden eine weitere Sippe, deren Glieder im Vergleich zu den bisherigen lang- und dünnbeinig erscheinen, im Vorderflügel eine dreizinkige Unterrand- und hinter dem linienförmigen Flügelmal eine Randader haben. Die sechsgliederigen Fühler erreichen nicht die halbe Körperlänge und jederseits eine höckerartige Drüse auf dem drittletzten Rückengliede. Von den 18 deutschen Arten möge die
Weiden-Baumlaus (Lachnus punctatus) die ganze Gattung vergegenwärtigen. Dieselbe ist aschgrau gefärbt, an den Beinen, mit Ausschluß der gelblichen Schenkelwurzeln, braun; über den Hinterleib laufen eine Reihe schwarzer, samtartiger Punkte. Diese Laus findet sich vom ersten Frühjahr ab an Weidenschößlingen der Flußufer und lockt durch ihre Ausscheidungen zahlreiche Aderflügler, selbst Hausbienen, herbei, Ta wie bereits früher erzählt worden ist.— Die Eichen- \ Baumlaus (Lachnus quercus) dürfte noch all:
| gemeiner verbreitet sein und gegen den Herbst hin
Weiden-Baumlaus (Lachnus punctatus) durch we Nichten eie e Eichenzweigen
Siechsmal vergrößert N auffallen. Die Ungeflügelten erglänzen dunfel-braun, messen durchschnittlich 6 mm und im Schnabel nahezu das Dreifache. Die Fühler, deren sechstes Glied das vorletzte an Länge übertrifft, befinden sich fortwährend in tastenden Bewegungen. Die um 1/12 mm kürzeren, geflügelten Läuse sind schwarz und behaart, die Geschlechtstiere ohne entwickelten Schnabel.
Die weitaus artenreichste Sippe sind die Aphidinen mit der Hauptgattung Aphis, kleinere, dünnbeinige, an Blättern, Knospen, jungen Trieben krautartiger und verholzender Pflanzen lebende Läuse. Dieselben zeichnen sich durch siebengliederige Fühler aus, welche die halbe Körperlänge übertreffen, und durch je ein längeres oder kürzeres Röhrchen jederseits des drittletzten Rückengliedes. Die Bezeichnung dieses Anhängsels als „Saftröhrchen“ mag gelten, eine andere („Honigtrompete“) ist zu verwerfen, weil neuere Untersuchungen ergeben haben, daß die aus derselben zeitweilig austretende Flüssigkeit nicht honig⸗, sondern wachsartig ist und den Tierchen als Schutzmittel zu dienen scheint. Man hat nämlich beobachtet, daß sie bei Angriffen seitens feindlicher Insekten diese mit der heraustretenden zähen Flüssigkeit zu beschmieren suchen. Außer den nach oben gerichteten Saftröhren ragt an der Leibesspitze meist das sogenannte „Schwänzchen“ nach hinten heraus, welches aber erst nach der letzten Häutung vollkommen frei wird und daher ein gutes Unter: schiedsmerkmal zwischen Larve und geschlechtsreifer Laus abgibt. Das Flügelgeäder der geflügelten Form stimmt im wesentlichen mit demjenigen der Baumläuse überein.
Die Aphisarten leben gesellig, oft in großen Kolonien beisammen, kräuseln durch ihr Saugen manchmal die Blätter, ohne Gallen zu erzeugen, und sind vielfach nach Pflanzen benannt, an denen fie nicht ausschließlich leben. So findet sich beispielsweise an Apfelund Birnbäumen wie am Schwarzdorn die grüne Apfelblattlaus (Aphis mali des Fabricius), wiederum an Apfelbäumen und Ebereschen die rötliche Apfelblattlaus (A. sorbi), die Erbsenblattlaus (A. ulmariae Schranks) an Erbsen, Wicken,
Blasenstrauch und zahlreichen wild wachsenden Schmetterlingsblümlern ꝛc. ꝛc. Ich versuche es nicht, auch nur eine einzige Art durch Wort oder Bild hier näher vorzuführen, verweise vielmehr auf die grüne Rosenblattlaus (A. rosae), welche der erste beste Rosenstock besser als alles zur Anschauung bringen kann, wenn das Gedächtnis einer solchen bedürfen sollte. Von dem größten Interesse kann es dagegen sein, die übereinstimmende Lebensweise der Aphis-Arten in der Kürze darzulegen.
Im Frühjahr, je nach der Witterung früher oder später, kommen aus Eiern, welche unter Laub und anderen geschützten Stellen, an den Holzgewächsen auch frei den Zweigen angeklebt überwintert hatten, flügellose Blattläuse hervor. Sie häuten sich viermal, ehe sie erwachsen sind, ändern aber dabei ihre Körpergestalt nur insoweit, als das oben erwähnte Schwänzchen nach der letzten Häutung schärfere Umrisse erhält und die Farben zuletzt entschiedener, wohl auch verändert auftreten. Das Wachstum wird begünstigt durch reichlichen Saftzufluß, durch schwüle, feuchte, gleichzeitig ruhige Luft und kann, wenn diese Bedingungen zutreffen, in 10— 12 Tagen vollendet sein. Die jo erwach sene, flügellose Blattlaus legt keine Eier, sondern bringt lebendige Junge zur Welt, und zwar ohne jegliche Zuthat eines Männchens. Die kleine Larve kommt mit an ihren Leib angedrückten Gliedmaßen, das Hinterteil voran, aus der eben genannten Stelle ihrer Mutter hervor; aber noch ist der Kopf nicht frei, so streckt sie lebhaft die Beinchen von sich, faßt Fuß und entschlüpft vollkommen dem Schoße der Mutter; diese erachtet es nicht einmal der Mühe wert, währenddem ihre Saugborsten aus der Lebensquelle zu ziehen, und mag kaum unter den Geburtswehen zu leiden haben. Der junge Ankömmling befindet sich genau in der Lage der Mutter, als diese dem Eie entschlüpft war, saugt sich fest, wächst schnell, häutet fi) viermal und gebiert, wenn erwachsen, lebendige Junge. Man nimmt an, daß jede „Amme“, wie diese lebendig gebärenden Blattläuse genannt worden sind, durchschnittlich 30—40 Junge gebiert, ehe sie stirbt. Fehlen zeitweilig die oben näher bezeichneten Lebensbedingungen, so verzögern sich natürlich auch die Geburten, und jene Zahlen werden nicht erreicht. Bald müßte die Wohnstätte von den immer dürstenden Saugern überfüllt und ernährungsunfähig werden, da jene infolge ihrer Trägheit keine Wanderungen zu weiterer Ausbreitung unternehmen; auch könnte durch einen Unglücksfall die ganze Gesellschaft auf einmal zu Grunde gehen. Um dem Einzelwesen seine Erhaltung und der ganzen Art das Fortbestehen zu sichern, hat Mutter Natur weise Fürsorge getroffen. Wenn die Blattlauskolonie zahlreicher geworden, so bekommt sie ein verändertes Ansehen, indem zwischen den Ammen vereinzelte geflügelte Blattläuse umherkrabbeln und größere Abwechselung in die einförmige Gesellschaft bringen. Sie wurden als flügellose Larven geboren, bekamen mit der Zeit die Flugwerkzeuge, die ihnen anfangs in Form kurzer Stäbchen an den Rückenseiten anlagen, und benutzen sie nun, um entfernt von der Heimat neue Kolonien zu gründen. Haben sie sich aber anderswo angesiedelt, so wiederholen sich genau dieselben Verhältnisse wie vorher. Auch sie sind Ammen und schenken zunächst ungeflügelten, später auch geflügelten Blattläusen das Leben.
Diese Einrichtung zu weiterer Verbreitung erinnert an das Schwärmen der Bienen und Ameisen, welches zwar anders zu stande kommt, aber demselben Endzweck, der örtlichen Verbreitung der Art, dient. Auf solche wunderbare Weise leben unsere Blattläuse den ganzen Sommer und Herbst hindurch, solange dieser ihnen Nahrung bietet. Dann aber werden die Ammengeburten sparsamer, es entstehen meist ungeflügelte größere Weibchen und weit vereinzelter kleinere, in der Regel geflügelte Männchen, selbstverständlich gleichfalls durch lebendige Geburten. Beide nun paaren sich, und jene legen Eier an die Pflanzenstengel oder an andere geschützte Stellen, je nach der Art. Diese eierlegenden Blattläuse sind wirkliche weibliche Geschlechtstiere, auch dem inneren Bau nach wesentlich verschieden
von den Ammen und können keine lebendigen Junge erzeugen. Steenstrup vergleicht diese Fortpflanzungsweise mit derjenigen zahlreicher niederer Tiere, bei denen sich zwischen die geschlechtliche Fortpflanzung eine oder mehrere Formen einschieben, die geschlechtslos bleiben, sich auch sonst mehr oder weniger von den Geschlechtstieren unterscheiden, zugleich aber die Fähigkeit einer ungeschlechtlichen Vermehrung besitzen. Der berühmte dänische Forscher hat diese Art der Vermehrung bekanntlich unter dem Namen des Generationswechsels in die Wissenschaft eingeführt. Nachdem man aber die Fortpflanzungsweise der Rinden- und Wurzelläuse näher kennen gelernt hat, beurteilt man auch diejenige der Blatt: läuse in etwas anderer Weise und sieht in den lebendig gebärenden Formen nicht mehr Ammen im Steenstrupschen Sinne, sondern Weibchen, welche sich ebenso wie diejenigen der verwandten Pflanzenläuse, hinter denen sie in der Ausbildung der Geschlechtsorgane allerdings zurückbleiben, durch Parthenogenesis fortpflanzen, also durch Eier, welche die im allgemeinen zur Entwickelung notwendige Befruchtung eingebüßt haben. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint der Entwickelungsgang aller dieser Schnabelkerfe, ebenso wie derjenige der früher besprochenen Gallwespen, als Heterogonie.
Weil bei den besprochenen Blattläusen erst mit Eintritt der rauhen Jahreszeit die Fortpflanzung durch befruchtete Eier stattfindet, scheint das rauhe Wetter im Zusammenhange mit dem dadurch entstehenden Nahrungsmangel auch allein die Veränderung in den Verhältnissen zu bedingen. Für diese Annahme spricht auch noch der Umstand, daß in unseren wärmeren Gewächshäusern die Fortpflanzung durch Eier ausfallen kann, und daß es dem Pastor Kyber zu Anfang dieses Jahrhunderts gelungen ist, eine Blattlauskolonie 4 Jahre hindurch nur durch „Ammengeburten“ zu erhalten. Auch fehlt es nicht an Beispielen, wo an besonders geschützten Stellen im Freien einzelne Aphis- Au in einem anderen als dem Eistande überwintert haben.
Gleich anderen Kerfen, welche ausnahmsweise in unzähligen Mengen erscheinen und durch ihre Schwärme die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken, haben auch die zarten Blattläuse dann und wann die Luft wolkenartig erfüllt, so die Pappel-Gallenlaus (Pemphigus bursarius) am 7. Oktober 1846 in Schweden. Zwischen Brügge und Gent erschienen am 28. September 1834 Wolken von Blattläusen und ließen sich in Gent den folgenden Tag scharenweise von morgens 7 Uhr bis zum Abend in solchen Massen sehen, daß das Tageslicht verfinstert wurde; am 5. Oktober war die ganze Straße von dort bis Antwerpen schwarz von ihnen. Um dieselbe Zeit zogen sie nach Emkloo zu und nötigten die Menschen, zum Schutze Brillen aufzusetzen und Taschentücher vor Mund und Nase zu halten. Am 9. Oktober befand sich Hr. Mooren bei Alast mitten in einem
Schwarm der Pfirsichblattlaus (Aphis persicae), von welcher 3 Tage später zahlreiche Schwärme, durch den Wind nach allen Richtungen hingetragen, auch Brüssel berührten. Zwischen dem 17. und 21. Juni 1847 schwärmte in verschiedenen Gegenden Eng-lands die Bohnenblattlaus (Aphis fabae). Diese Beispiele mögen als Belege für diese höchst merkwürdige, nicht weiter zu erklärende Erscheinung dienen.
Was die schädlichen Einflüsse der Blattläuse auf die Pflanzen betrifft, so ist es klar, daß die fortwährende Entziehung der Säfte, namentlich an den jungen und jüngsten Teilen ausgeführt, eine Schwächung nicht nur dieser, sondern der ganzen Pflanze zur Folge haben muß. Durch das gestörte Wachstum entstehen Mißbildungen mancherlei Art, so das Krauswerden der Blätter, wie wir es beispielsweise an den Kirschbäumen, Johannisbeersträuchern ꝛc. beobachten können; die Blätter, die Früchte fallen ab, ohne nur annähernd zur Reife zu gelangen, in anderen Fällen wird die Rinde oder die Wurzel angegriffen, und teilweises oder gänzliches Absterben ist die unausbleibliche Folge solcher Angriffe. Neben der Saftentziehung wirken meist auch die klebrigen, alle Spaltöffnungen verstopfenden
Auswürfe der Blattläuse im höchsten Grade nachteilig auf die Pflanzen. Indem jene unaufhörlich flüssige Nahrung aufnehmen, scheiden sie auch reichlich Flüssigkeit wieder aus. Sie spritzen dieselbe als eine ziemlich wasserhelle, klebrige Masse weit von sich, besudeln damit die unter ihnen befindlichen Pflanzenteile, am augenfälligsten die Blätter, welche wie mit einem Firnis überzogen erscheinen. Der Regen löst diesen Überzug zum Teil wieder auf, führt ihn weiter, verändert ihn wohl auch in seiner Farbe, so daß er z. B. am Eichengebüsch als schwarze Flecke zur Erscheinung kommt, unter allen Umständen aber für die Blätter die notwendige Wechselwirkung derselben mit der umgebenden Luft mehr oder weniger lahm legt. Also hierdurch, nicht durch die tausenderlei herbeigelockten Immen und anderen süßmäuligen Kerfe, unter denen die Ameisen am häufigsten wiederkehren, erwächst den verlausten Pflanzen der Nachteil. Diese allbekannte Erscheinung, welche stets von den Blattläusen (mit Beihilfe der Schildläuse) herrührt, selbst wenn dieselben als höher sitzend übersehen werden, ist als Honigtau bezeichnet worden.
Die auf die eben geschilderte Weise unmittelbar oder mittelbar von den Blattläusen beeinträchtigten Gewächse bieten in diesem unnatürlichen Zustand eine Pflanzstätte für die mit der Luft fortgeführten Pilzsporen. Dieselben bleiben dort kleben, finden die Bedingungen zu ihrer Weiterentwickelung und erzeugen die verschiedenen Pilzkrankheiten, welche als Rost, Brand ꝛc. bezeichnet werden. Obschon nicht behauptet werden soll, daß diese Pilzkrankheiten alle durch Blattläuse vermittelt seien, so befördern doch Blattläuse entschieden manche Formen derselben. Ob ein Pilzüberzug von weißer Farbe von diesem als Meltau bezeichnet worden ist, während ein anderer die wolligen Überreste gehäuteter Blattläuse als solchen ansah, wollen wir dahingestellt sein lassen, schließlich aber noch auf die gediegene Untersuchung über „Honigtau, biologische Studien an Pflanzen und Pflanzenläusen“ von M. Büsgen (Jena 1891) aufmerksam machen.
Eine geringe Anzahl kleiner Schnabelkerfe könnte man der Körpertracht nach für die früher zur Sprache gebrachten Holzläuse halten, solange man ihre Mundteile außer acht läßt. Dieselben zeigen aber den die Ordnung charakterisierenden Schnabel und befähigen nicht, wie dort, zum Beißen. Beide Geschlechter erfreuen sich der Flügel und zum Springen geeigneter Hinterbeine. Auf dem Scheitel stehen drei Nebenaugen weit auseinander, zwei Fußglieder und Haftlappen zwischen den Klauen kennzeichnen die nur mäßig langen Beinchen. Das Springvermögen läßt keine Verwechselung mit den vorigen zu und die längeren Fühler ebensowenig mit den folgenden springenden Zirpen. Diese Blattflöhe (Psyllidae) saugen gleichfalls Pflanzensäfte, und ihre Lärvchen, deren Beine noch kürzer und deren Fühler ungegliedert sind, bringen nicht selten Mißbildungen an ihrer Futterpflanze hervor. Am verbreitetsten finden sich die beiden Gattungen Livia und Psylla. Jene erreicht in ihren Fühlern, deren dickes Grundglied so groß wie die folgenden zusammengenommen ist, die Körperlänge noch nicht und hat flache Augen. In dem 2,25 mm messenden braunen, an Kopf und Mittelleib rostgelben Binsenfloh (Livia juncorum) findet sie ihren Vertreter für Deutschland. Dieses Tierchen, welches außerdem in der Mitte weiße, an der Spitze schwarze Fühler auszeichnen, lebt in den Blüten der gegliederten Binse (Juncus articulatus oder lamprocarpus) und überwintert unter Laub; hierauf paart es sich, das Weibchen beginnt im Mai mit dem Legen der Eier, braucht lange Zeit dazu, die den: selben entschlüpften Larven entwickeln sich sehr. so daß die jüngeren in den Mißbildungen der Binsen überwintern.