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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Fig. 1—3) erhellt die Ahnlichkeit mit der Tannenlaus, und es sei nur noch zu ihrer Erläu—⸗ terung hinzugefügt, daß die zusammengesetzten Augen deutlich und die Spitzen der dreigliederigen Fühler löffelförmig ausgehöhlt sind. Alsbald enthüllen sich alle diese Läuse als Weibchen, denn unter verschiedenen Windungen ihrer Hinterleibsspitze legt die einzelne 30—40, anfangs schwefelgelbe, später etwas nachdunkelnde Eier, denen in etwa 8 Tagen, während der warmen Jahreszeit auch schon früher, gelbe Junge entschlüpfen. Diese zeigen sich anfangs unruhig, haben sie aber an derselben oder einer unmittelbar benachbarten Wurzel ein ihnen zusagendes Plätzchen aufgefunden, so saugen sie sich fest, wachsen unter dreimaligen Häutungen schnell heran und legen durchschnittlich nach 20 Tagen wieder Eier, gleich ihrer Mutter, ohne Zuthun eines Männchens. In dieser Weise geht die Vermehrung bis fünf und mehr Bruten hintereinander während des Sommers fort, so daß man annimmt, ein überwintertes Weibchen könne unter Voraussetzung der Entwickelung sämtlicher Eier im Laufe eines Sommers Stammmutter von einigen Millionen Nachkommen werden. Diese Fortpflanzungsweise ist von Boiteau 3 Jahre hintereinander beobachtet worden.

Zwischen den Wurzelläusen späterer Bruten treten vereinzelte Läuse von wesentlich anderem Ansehen auf. Sie sind gestreckter, auf dem Rücken mit Warzenreihen versehen, welche bei den Wurzelläusen nur schwach angedeutet erscheinen, das Endglied der Fühler it länger, und den Enden des Brustkastens entspringt jederseits eine schwärzliche Flügelscheide. Weil sich aus diesen Tierchen die geflügelten Läuse entwickeln, so hat man sie als Nymphen bezeichnet. | Schon Planchon und Lichtenstein hatten 1871 eine zweite Nymphenform beobachtet, und seitdem ist dieselbe öfter aufgefunden worden, ihre Bedeutung in der Lebensgeschichte der Phylloxera aber bisher noch nicht aufgeklärt. Diese Nymphen find kleiner (0,7 mm), gedrungener, grünlichgelb gefärbt, auf dem Rücken warzenlos und mit hellen Flügelscheiden versehen. |

Die größeren, zuerst erwähnten Nymphen find sehr beweglich und gehen meist vor ihrer letzten Häutung von den Wurzeln am Rebstock ins Freie. Nach der vierten Häutung ist die geflügelte Reblaus fertig (Fig. 5). Sie ist gelb, im Bruststück dunkler, und die hellgrauen Flügel überragen in wagerechter Lage den Hinterleib; die vorderen derselben wieder von zwei ziemlich starken Längsadern gestützt, deren innere drei Schrägäste entsendet, die weit kürzeren Hinterflügel nur von einer Längsader.

Die geflügelte Reblaus, welche durch Windströmungen von ihrem Geburtsort weiter verschlagen werden kann, als sie freiwillig fliegen würde, legt durchschnittlich 4 Eier an die verschiedensten oberirdischen Teile der Rebstöcke, namentlich in die Gabeln der Blattrippen, und verendet. Diese Eier unterscheiden sich in Form und sonstiger Beschaffenheit von den an den Wurzeln vorkommenden Eiern und sind von zweierlei Größe. Nach durchschnittlich 12 Tagen liefern die kleineren die rötlichen Männchen, die größeren die gelblichen Weibchen. Beide Geschlechter sind flügellos, besitzen keinen Schnabel und keine Verdauungswerkzeuge, aber wohl entwickelte Geschlechtsorgane. Sie wandern an die älteren Stammteile, paaren sich, und das befruchtete Weibchen legt nur ein, verhältnismäßig sehr

großes, sogenanntes Winterei in Spalten, Risse oder hinter die gelöste alte Rinde des Stammes. Im nächsten Frühjahr liefert jedes Ei eine Laus derselben Beschaffenheit, wie wir sie gleich anfangs an den Wurzeln kennen gelernt haben. Balbiani hatte mehrere Geschlechtstiere an den Wurzeln gefunden und infolge dieser Wahrnehmung auch eine unterirdische geschlechtliche Fortpflanzung angenommen, Boiteaus Beobachtungen machen es wahrscheinlicher, daß nur die rauhe Witterung diese Tierchen von den oberirdischen Rebenteilen nach den mit Erde bedeckten vertrieben hatte.

Einer Erscheinung sei schließlich noch gedacht, welche einer genügenden Erklärung zur Zeit noch entgegensieht. Bald nach der Entdeckung der Reblaus fand man an den angesteckten Ortlichkeiten (auffälligerweise aber doch nur an sehr vereinzelten Stellen in Frankreich, häufiger dagegen in Amerika) die Blattunterseite befallener Stöcke mit zahlreichen, charakteristischen „Gallen“ besetzt. Dieselben haben große Ahnlichkeit mit Mißbildungen verschiedener anderer Pflanzen, welche von den noch wenig untersuchten Gallmilben (Phytoptus) herrühren: sie öffnen sich an der Oberseite des Blattes, während sie sich nach unten in Form einer flachen Blase erweitern, und sind außen und innen mit einer Menge zottiger Fortsätze dicht besetzt. Der Innenraum umschließt eine flügellose Reblaus, a auch eine zweite und dritte, und daneben eine Brut von Eiern oderJungen, ganz jo,wi sie in früherer Jahreszeit an den Wurzeln gefunden worden, jedoch ohne die Aushöhlung an den Fühlerspitzen. Daß man es hier mit keinem anderen Tier als mit der Phylloxera vastatrix zu thun habe, ist von verschiedenen Seiten nachgewiesen worden, von keiner jedoch schon, welche Bewandtnis es mit diesem Vorkommen habe.

Die Krankheitserscheinungen, welche die Phylloxera an den Reben und nur an diesen hervorbringt, beginnen an den zartesten, im Frühjahr hervorsprießenden Wurzeln, welche durch das Saugen der überwinterten Tiere knotig anschwellen und die sogenannten Nodositäten (Fig. 6) darstellen; aber auch die mittelstarken Wurzeln zeigen infolge des Saugens allmählich grindige, schwammige Anschwellungen, die man Tuberositäten genannt hat. Jene gehen bald in Verwesung über, diese etwas später, und dann verliert die Wurzel ihre Rinde, wird schwarz und brüchig. Wenn auf diese Weise der Stock seine Ernährungsorgane nach und nach verliert, so fangen auch seine oberirdischen Teile an, die Krankheit anzuzeigen. Meist im zweiten Jahr vergilben vorzeitig die Blätter von unten nach oben, rollen sich an den Rändern ein und fallen ab. Im nächsten Frühjahr bleiben sie gegen ihre gesunde Umgebung im Wachstum zurück, machen kürzere Triebe, setzen weniger Trauben an, deren schlecht reifende Beeren einen wässerigen Geschmack haben, und schließlich hört das Leben der Pflanze ganz auf. Einige amerikanische Sorten zeigen sich durch ihr außerordentlich starkes Wurzelwerk wesentlich widerstandsfähig gegen unsere heimischen, und man ergeht sich jetzt vielfach mit dem Versuche, solche durch unsere heimischen zu veredeln, in der Hoffnung, dadurch den schädlichen Einflüssen der Reblaus zu steuern. Es würde zu weit führen, alle Maßnahmen der Regierungen hier vorzuführen, um der Verbreitung dieses Rebenfeindes Einhalt zu thun, sowie der Mittel zu gedenken, mit welchen er bekämpft wird, es sei nur noch bemerkt, daß seine Gegenwart in allen Weinbau treibenden Gegenden Europas zur Zeit ermittelt ist.

Die zu spindelförmiger Galle aufgetriebenen Blattstiele der Pappeln verdanken ihren Ursprung dem Pemphigus bursarius, die etwas gewundenen Knoten ebenda dem im ersten Frühjahr eintretenden Saugen des Pemphigus spirothecae, welche beide Arten man früher nicht unterschieden hat. Letztere sei hier allein weiter betrachtet. Sie verschwindet allmählich in der Wucherung des Zellgewebes. Nach viermaligen Häutungen erscheint sie in einer Länge von 2,5 mm fast halbkugelig, schwarzäugig und auf dem Rücken mit weißem Wollpelz bekleidet. Jetzt bringt sie lebendige Junge zur Welt, welche zunächst in ein

Häutchen eingeschlossen sind, aber schon bei der Geburt frei werden und sich an die Innenwände der Galle ansaugen. Ihre Zahl kann sich auf über hundert belaufen. Mit der vierten Häutung bekommen sie Flügel, in deren hinteren die kurze Hauptader so ziemlich von einem Punkte aus drei Aste ausstrahlen läßt. Ungefähr um die Mitte des Juli öffnet sich die Galle in einer Längsnaht, um ihre Insassen nach und nach frei zu geben. Dieselben wandern nach Lichtensteins Beobachtungen auf das Schimmelkraut, Filago germanica, aus, pflanzen sich daselbst mit geringen Formveränderungen weiter fort, um schließlich im Herbst zur Pappel zurückzukehren. Hier erzeugen sie flügel- und schnabellose Geschlechtstiere, von denen das befruchtete Weibchen ein Winterei legt, dem im Frühjahr die Erzeugerin der Galle entsproßt, von welcher wir ausgingen. Ein zeitweiliges Auswandern mit veränderter Lebensweise und wieder Zurückkehren zu der Futterpflanze, wo dann Geschlechtstiere auftreten und vom befruchteten Weibchen ein Winterei gelegt wird, ist auch bei anderen heimischen und bei amerikanischen Arten der Gattung Pemphigus beobachtet worden.

Eine andere zur Sippe der Gallenläuse zählende Gattung führt den Namen Tetraneura und unterscheidet sich von der vorigen im wesentlichen nur dadurch, daß von der längeren Hauptader des Hinterflügels weit voneinander zwei Schrägäste abzweigen. Die äußerlich glatten, anfangs roten, später mehr gelben Gallen, welche, ungefähr in Form und Größe einer Bohne, manchmal in Menge die Oberfläche eines einzigen Rüsternblattes bedecken und sich im Juni unregelmäßig auf ihrem Scheitel öffnen, dürften allbekannt sein. Sie kommen in manchen Jahren jo massenhaft vor, daß sich die Zweige herabbeugen. So: bald sich die Knospen der Ulmen entfalten, erscheint auf denselben die Tetraneura ulmi als eine schwarze, 1mm messende Laus, schiebt sich zwischen die Blattfalten und bewirkt durch ihr Saugen die bald bemerkbaren Ausstülpungen nach oben, die Anfänge der fie bald einschließenden Galle. Nach viermaligen Häutungen ist die flügellos bleibende Stammmutter erwachsen und weiß bereift. Sie gebiert lebendige Junge, wie vorige Art, in Eiform (an: fangs in ein Häutchen eingeschlossen), welche sich viermal häuten, Flügel bekommen und die Galle verlassen. Die bisher vorgetragene Entwickelung beansprucht einen Zeitraum von durchschnittlich 2 Monaten. Diese geflügelten Läuse suchen nach Lichtensteins Beobachtungen die Wurzeln verschiedener Gräser auf (Mais, Cynodon dactylum), wo sie sich weiter ernähren und sich in derselben Weise vermehren, wie sie selbst durch die Stammmutter entstanden waren. Im August, September kehren fie zu den Ulmen zurück und ge: bären ungeflügelte männliche und weibliche Gallenläuse. Das von dem befruchteten Weibchen gelegte einzige Winterei liefert im nächsten Frühjahr die Stammmutter.

Die Rüftern:Haargallenlaus(Schizoneuralanuginosa) wird durch ihre eigen: tümlichen Wirkungen an den Blättern der Rüstern, jedoch nur an solchen, welche in Buschform auftreten, bemerkbar. Die behaarten, blasigen, durch das Saugen entstehenden Auftreibungen nehmen allmählich das ganze Blatt ein, so daß schließlich die gebräunten Blätter wie Säcke von der Größe einer Walnuß und größer von den Büschen herabhängen und auch nach dem Laubfall der gesunden Blätter noch sitzen bleiben. Das die Galle erzeugende Muttertier ist etwas größer als das der Tetraneura ulmi und nach hinten weniger stumpf, sonst stimmt es in feiner Entwickelung mit jenem überein. Die von ihm abstammende geflügelte Form unterscheidet sich durch das Flügelgeäder, indem die dritte Schrägader (Unterrandader) im Vorderflügel gegabelt, dort dagegen einfach ist; im Hinterflügel gleicht der Aderverlauf dem von Pemphigus. Durch eine unregelmäßige Offnung im oberen Teile der Galle kommen die geflügelten Läuse ins Freie, wandern aus, wohin aber, ist noch nicht ermittelt, mehren sich weiter und kehren zur Ulme zurück, wo sich die Entwickelung dann so abspielt wie bei der Blattlaus der kleinen Rüsterngalle.

Die Blutlaus (Schizoneura lanigera), auch wohl unter dem Namen der wolltragenden Rindenlaus aufgeführt, ist weniger harmlos als vorige Art; denn sie gilt als der ärgste Feind des Apfelbaumes, indem sie, in kleineren oder größeren Gruppen vereinigt oder in Reihen sitzend, Rinde und Splint des jungen Holzes aussaugt, dadurch grindige Stellen erzeugt und allmähliches Absterben des ganzen Baumes bewirkt. Auch an älteren Holzteilen siedelt sie sich an, wenn dieselben durch Frost oder andere Veranlassungen beschädigt sind, verhindert die Vernarbung der Wunde und gewinnt dort wie hier Schlupfwinkel, welche ihre Verfolgung beinahe unmöglich machen. Die ungeflügelten Läuse sind honiggelb bis braunrötlich und auf dem Rücken, namentlich dessen Ende, mit weißer Wolle bekleidet, wodurch sie ihre Gegenwart schon aus einiger Entfernung verraten. Die Augen sind klein, die Fühler kurz und blaßgelb, und die durchschnittliche Körperlänge beträgt 1,5 mm. Die schwarzen, am Hinterleib mehr schokoladenfarbenen, weiß bereiften und weißwolligen geflügelten Läuse zeichnen sich durch große Augen, noch kürzere Fühler und den Aderverlauf in den den Hinterleib dachartig deckenden Flügeln aus, wie er bei der vorigen Art angegeben worden ist. Weil die Tiere beim Zerdrücken einen roten Fleck zurücklassen, sind sie mit dem Namen Blutlaus im Volk belegt worden.

Daß die Blutlaus im Larvenstand überwintert, und zwar an den mehr erdwärts gelegenen Weideplätzen bis zum Wurzelhals hinab, ist wohl allgemein beobachtet worden. Je nach den Wärmeverhältnissen im Frühjahr beginnt das Leben früher oder später, und jede Laus, nachdem sie sich zum vierten Mal gehäutet hat, wozu während der Sommerzeit durchschnittlich 14 Tage ausreichen, fängt an, lebendig zu gebären. Die Geburten treten in Form eines wasserhellen Tröpfchens aus der mütterlichen Leibesspitze, es ist dies die Haut, in welche das Junge noch eingehüllt ist. Man hat bis zwölf Generationen vor Eintritt des Winters beobachtet. Durch diese zahlreichen Geburten, die von den Häutungen zurückbleibenden Bälge und durch die abgestorbenen Generationen bilden die Brut- und Weideplätze allmählich einen dichten, weißen Filz, unter dessen Schutz die Läuse aller Unbill der Witterung Trotz bieten können. Ihre Masse kann aber auch Nahrungsmangel eintreten lassen, und daher kommt es, daß im Laufe des Sommers die Weideplätze immer weiter in die oberen Baumteile vorrücken und sich mehr und mehr über das junge Holz ausdehnen. In den Baumschulen sitzen sie sicher in den grubenartigen Vertiefungen, welche sich um diejenigen Stellen bilden, wo ein Seitenzweig vom Stämmchen abgeschnitten worden ist. Von der zweiten Augusthälfte an zeigen sich auch geflügelte Läuse auf den Weideplätzen zwischen den ungeflügelten. Sie sind träger Natur und bleiben an geeigneten Weideplätzen unter jenen, oder fliegen davon, um an anderen Apfelbäumen Kolonien zu gründen. Jede geflügelte Laus bringt wieder Junge zur Welt, aber nur wenige (5 — 7). Diese häuten sich viermal, ehe sie erwachsen sind, haben aber weder einen Schnabel, noch bekommen sie Flügel; sie sind schwach weiß bereift, die einen von rotgelber Grundfarbe und 1 mm Länge des eiförmigen Körpers, die anderen, etwas kleineren, von graugrüner Farbe und mehr walziger Körperform. Jene, die Weibchen, bergen ein Ei, welches Keller nicht als Winterei angesprochen wissen will, weil es noch vor dem Winter die Stammmutter für das nächste Jahr liefere. Die Blutlaus hat sich mit der Zeit immer weiter von Westen nach Osten hin ausgebreitet und steht neben der Reblaus in vielen Staaten unter Polizeiaufsicht. Die Verbreitung erfolgt wohl in erster Linie durch Verschleppung beim Einführen von Apfelstämmchen und Pfropfreisern, durch die geflügelte Form aber auch in noch anderer Weise, wie eine mir brieflich von Herrn Langenbrunner in Homburg zugegangene Mitteilung ergibt. Der Genannte pflegte in seinem Garten, welcher wie die Nachbargärten frei von der Blutlaus war, ein Zwergstämmchen der Wintergoldparmäne mit ganz besonderer Vorliebe und Aufmerksamkeit. Zu seinem nicht geringen Erstaunen fand er eines

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