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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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artig als baumartig wachsenden Kermeseiche (Quercus coccifera), deren älteste, entkräftete Büsche am meisten mit dieser kugeligen, der Eichenschildlaus unserer heimischen Eichen sehr ähnlichen Schildlaus besetzt sind. Je nachdem der Winter mehr oder weniger mild ist, fällt auch die Ernte des Kermes mehr oder weniger ergiebig aus. Man rechnet auf eine gute Ernte, wenn der Frühling ohne Fröste und Nebel ausläuft. Für gewöhnlich kommt nur eine Brut im Jahre vor, und nur in besonders günstigen Fällen wachsen die Schildläuse zum zweiten Male in demselben bis zur Brauchbarkeit heran. Anfang März sind die Tierchen kleiner als ein Hirsekorn, im April erreichen sie ihre bedeutendste Größe, gleich der einer Erbse; Ende Mai findet man 18002600 Eier unter der toten Hülle, den Überresten der bald nach dem Legen zu Grunde gegangenen Mutter. Zu dieser Zeit wird die Kermes von Hirten, Kindern oder Weibern gesammelt, die sich zu dieser Arbeit die Nägel

Kochenille (Coceus cacti) auf dem Nopalkaktus. 1) Männchen, 2) Weibchen. Stark vergrößert. Auf dem Kaktus Wachsausschwitzungen und etwas vergrößerte Weibchen, auch fliegende Männchen.

wachsen lassen und es zu solcher Fertigkeit bringen, daß sie unter Umständen in einem Tage zwei Pfund sammeln.

Die berühmteste aller Schildläuse ist die Kochenille (Coccus cacti). Das durchaus karminrote Männchen hat zwei getrübte Flügel, zehngliederige Fühler und lange Schwanzborsten, das ebenso gefärbte Weibchen überzieht sich mit weißem Reif. Diese Art lebt ursprünglich in Mexiko auf der breiten Fackeldistel (Opuntia coceinellifera), dort Nopal genannt. Von da verpflanzte man sie auf einige der westindischen Inseln, nach Malaga, Spanien, Algier, Java und zuletzt nach Teneriffa. Seit ungefähr 1526 bildet dieser auf heißen Blechen getrocknete, in heißem Wasser aufweichbare, in seinen Körperformen dann noch zu erkennende weibliche Kerf als wertvoller Farbstoff einen bedeutenden Ausfuhrartikel für Mexiko. Wiewohl schon Acosta (um 1530) den tierischen Ursprung dieser rotbraunen, etwas weiß beschlagenen Körner, deren etwa 4100 eine Unze wiegen, nachgewiesen und andere Forscher denselben bestätigt hatten, blieb doch die Ansicht von ihrer pflanzlichen Natur lange die herrschende, so daß selbst noch im Jahre 1725 der die letztere vertretende Holländer Melchior van Ruyscher sich deshalb in eine Wette einließ, welche ihn um sein ganzes Vermögen gebracht haben würde, wenn nicht sein großmütiger Gegner ihn seines Wortes entbunden hätte. Zur Entscheidung dieses Streites wurden die Gerichte herangezogen, Züchter in Mexiko von diesen über die Natur der fraglichen Geschöpfe vernommen und ihnen somit die Ansprüche auf ihre Kerfnatur „von Rechts wegen zuerkannt“.

Kochenille (Coceus cacti) auf dem Nopalkaktus. 1) Männchen, 2) Weibchen. Stark vergrößert. Auf dem Kaktus Wachs⸗ ausſchwitzungen und etwas vergrößerte Weibchen, auch fliegende Männchen.

Mit Ausschluß der Regenzeit findet sich die Kochenille in ihren verschiedenen Lebensperioden an der Mutterpflanze und überzieht dieselbe stellenweise mit ihren weißen, wachshaltigen Ausschwitzungen vollständig, zwischen denen die weißbereiften Weibchen sich für das Auge manchmal kaum abheben. Letztere legen Eier, aus welchen kurze Zeit darauf die Lärvchen unter gleichzeitiger erster Häutung ausschlüpfen und länger lebhaft umherlaufen, ehe sie sich festsaugen. Die Larven sehen der Mutter ähnlich, nur daß bei ihnen die Aussonderungen aus den Wachsdrüsen eine fadenförmige Bekleidung bilden. Innerhalb zweier Wochen haben sie unter mehrmaligen Häutungen ihre volle Größe erlangt. Die männlichen Larven stecken in einer hinten offenen Röhre aus Wachsfäden, welche den Eindruck eines Gespinstes machen, indem aus anderen Drüsen ein Klebstoff abgesondert wird, wie Paul Mayer in den „Mitteilungen der zoolog. Station in Neapel“, Band 10, Heft 3, berichtet. Nach der Paarung sterben die Männchen sofort, während den Weibchen noch eine ungefähr 14tägige Frist zum Ablegen der Eier von Mutter Natur vergönnt ist. Da somit die Entwickelung einen Zeitraum von wenigen Wochen in Anspruch nimmt, so kommen auch mehrere Bruten zu stande, an deren Ende man allemal eine Anzahl von Larven und die im Sterben begriffenen Weibchen sammelt. Bouchéè erzog in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts in einem Treibhause bei Berlin die Kochenille und erzielte vier Bruten durch eine beständige Wärme von 16—20 Grad Réaumur. Zur Entwickelung einer Brut waren 6 Wochen erforderlich, von welchen 8 Tage auf den Ei-, 14 Tage auf den Larven-, 8 Tage auf den Nymphenstand kamen und abermals 14 Tage auf die Lebensdauer der vollkommenen Schildlaus. Im August entwickelt sich die letzte Brut, und während des Winters liegen die Weibchen befruchtet und setzen erst im Februar ihre Eier ab. Die mexikanischen Kochenillezüchter bringen kurz vor Eintritt der Regenzeit alles, was zur Zucht fortleben soll, samt den sehr lange frisch bleibenden Zweigen der Futterpflanze nach Hause in Sicherheit, um es wieder in die Kaktusanpflanzung auszusetzen, sobald die Regen vorüber sind. Mit größeren Beschwerden sammelt man auch von der wild wachsenden Fackeldistel die sogenannte wilde Kochenille, die Grana silvestra der Mexikaner, welche noch viel häufiger geerntet werden soll und wahrscheinlich einer anderen Art, nicht einer bloßen Abart der vorigen, angehört.

Als Mexiko diesen wichtigen Farbstoff noch allein erzeugte, wurden jährlich 880,000 Pfund für nahe an 7½ Mill. holländischer Gulden nach Europa ausgeführt, und A. von Humboldt gibt aus der Zeit seines Aufenthalts in Südamerika noch eine jährliche Ausfuhr von 32,000 Arroben im Werte von einer halben Million Pfund Sterling an. Aus Südspanien, wo man, wie bereits erwähnt, die Kochenille gleichfalls baut, wie im südlichen Teneriffa, seitdem dort der Weinbau infolge der häufigen Krankheiten der Reben nicht mehr lohnend erschien, wurden 1850 gegen 800,000 Pfund roher Kochenille nach England verschifft. Wenn man weiß, daß auf ein Pfund 70,000 trockene Tierchen gehen, so kann man sich die ungeheuern Mengen der jährlich getöteten durch ein einfaches Multiplikationsexempel selbst berechnen. Die spanischen sogenannten Suronen, in welchen der Handelsartikel verschickt wird, bestehen aus frischen Ochsenhäuten, deren Haare man nach innen kehrt. — Die käufliche Kochenille zeigt die kleinen, eingetrockneten Tierchen von der Größe einer halben Erbse, an deren runzeliger Oberfläche man die Quereinschnitte des Hinterleibes noch sehr wohl unterscheidet. Äußerlich haben fie eine schwarzbraune, mehr oder weniger weiß bestäubte, inwendig eine dunkel purpurrote Färbung; auf die Zunge wirken sie bitterlich und etwas zusammenziehend, färben gleichzeitig den Speichel rot und sollen diese Eigenschaften länger als 100 Jahre bewahren. Weicht man sie in warmem Wasser ein, so kann man meist noch die Beinchen und Fühler unterscheiden, und in der roten, körnigen Masse, welche sich aus dem Körper herausdrücken läßt, hat schon Réaumur die Eier erkannt.

Eine im südlichen Europa häufig an Feigenbäumen, Myrten und dem Ruscus acu-leatus vorkommende Schildlaus, welche für die betreffenden Pflanzen schädlich wird, erhielt von Linne den Namen Coccus rusci, wurde aber von Signoret in die neugeschaffene Gattung Cexoplastes versetzt. Die Art bietet neben ihrer Schädlichkeit ein weiteres Interesse deswegen, weil sich das befruchtete Weibchen mit einem weißen Wachsüberzug bedeckt, welcher, durch Ather oder kochendes Wasser ausgezogen, 60 —65 Proz. des Körpergewichts beträgt. Dieses Wachs ist weit gehaltvoller als das der Bienen, indem es über 54 Proz. Cereoline enthält, gegen nur 5 des Bienenwachses. Außerdem kennt man noch drei weitere Wachs erzeugende Schildläuse, den Ceroplastes ceriferus, welcher in Ostindien am Celastrus ceriferus lebt, den Coccus ceriferus des Fabricius, welchen Signoret Ericerus Pe-La genannt hat, aus China. Diese Schildlaus, deren Männchen sich durch besondere Größe auszeichnet, lebt an den verschiedensten Pflanzen und liefert ein vorzügliches Wachs, mit welchem die Chinesen einen einträglichen Handel treiben. Die letzte Art, Coccus axin, lebt in Yukatan und Mexiko.

Die Manna-Schildlaus (Coceus |Gossyparia] manniparus) haust in der Umgebung des Berges Sinai auf der Manna-Tamariske und erzeugt durch ihren Stich den Ausfluß des Zuckersaftes, welcher eintrocknet und abfällt, oder, durch den Regen gelöst, in größeren Tropfen herunterträufelt und als die eine Art von Manna in den Handel gelangt. Die wachsgelbe Hautfarbe des Weibchens wird von weißem Flaum überzogen; das andere Geschlecht kennt man noch nicht.

Die Lackschildlaus (Coccus [Carteria] lacca) liefert durch ihren Körper den roten Lack und als Ausschwitzungen aus ihrer Haut die in verschiedenen Formen unter dem Namen Stock- und Schellack oder Gummilack in den Handel kommenden Produkte. Die wenigen Nachrichten, welche über die Lebensweise dieser ostindischen Schildlaus bekannt geworden sind, stimmen nicht in allen Punkten überein und lassen überdies manche Lücke.

Nach Kerr und Rox burgh schmarotzt fie auf einigen Feigenarten (Ficus religiosa und indica), auf der Plosso (Butea frondosa) und drei verschiedenen Mimosen, nach Carter (1860) bei Bombay auf dem schuppigen Flaschenbaume (Anona squamosa). Die jungen Tiere zeichnen sich durch lanzettförmigen Körperumriß, zwei lange Schwanzborsten, sechs Beine und mit drei astartigen Borsten versehene, fünfgliederige Fühler aus. Sobald sich die Weibchen angesogen haben, schwellen sie an und bekommen unter Verlust der Füße und Fühler eine birn- oder fast kugelförmige Gestalt, in letzterem Falle jedoch am vorderen Ende eine bemerkbare Verengerung. Diese Anschwellung hängt mit der sofort nach dem An: saugen beginnenden Lackbildung zusammen, denn dieser überzieht das Tier vollkommen, jedoch porös, so daß eine Verbindung des Körpers mit der äußeren Luftschicht behufs des Atmens ermöglicht wird. Nach Carters Beobachtungen schlüpfen die Larven zweimal im Jahre aus den Eiern, das entwickelte Männchen erscheint später als das Weibchen und je nach der Jahreszeit in zwei verschiedenen Gestalten, im September ungeflügelt, im März geflügelt und dem Männchen der Kochenille sehr ähnlich. Gleich nach der Paarung soll es in der rasch vom Weibchen ausgeschwitzten flockigen Masse umkommen. Die Lackfarbe wäre im weiblichen Eierstock enthalten, das Gummi, wie bereits erwähnt, die Ausschwitzungen der Körperhaut, infolge des Festsaugens an der Nährpflanze. Aus den Lackgehäusen sind verschiedene Schmarotzer erzogen worden.

Schon lange vor Einführung der amerikanischen Kochenille kannte man in Europa die polnische Kochenille, das Johannisblut (Porphyrophora polonica), eben: falls eine Schildlaus, welche um Johannis gesammelt wurde, darum eben und wegen ihrer roten Körperfarbe letzteren Namen bekam. Sie lebt an der Wurzel einiger all gemein verbreiteter, Sandboden liebender Pflänzchen, besonders des Knäuels (Scleranthus

perennis), des Bruchkrautes (Herniaria glabra), Glaskrautes (Parietaria) und anderer mehr, und findet sich bei Dresden, in der Mark Brandenburg, in Mecklenburg, Pommern, Schweden, Preußen, Polen, Rußland, Ungarn und anderwärts. Das rote Männchen hat neungliederige, schnurförmige Fühler, körnige Augen, einfache Krallen, am Vorderrand bis über die Mitte haarige Flügel, kurze Schwinger hinter denselben und endet in einen langen Fadenschopf. Dem halbkugeligen Weibchen von 2,25— 3,37 mm Länge kommen kurze, achtgliederige Fühler und gleichfalls nur eine Kralle an jedem Fuße zu, aber breite Vorderbeine. Beide Geschlechter werden im Larvenstand von einer dünnen, kugeligen Hauthülle umschlossen, in welcher sie unbeweglich, den Schnabel in die Wurzel der Futterpflanze eingebohrt, festsitzen. Nach 14 Tagen reißt die Haut, die kleinere männliche vor der weiblichen, und aus letzterer kommt das reife Weibchen hervor; aus der anderen das Männchen noch als Larve. Diese umgibt sich alsbald mit einer wolligen Masse, wird in derselben zu einer ruhenden Puppe, und diese entläßt erst 14 Tage später das eben beschriebene Wesen. Ehe man die bedeutend bessere und billigere echte Kochenille kannte, bildeten die polnischen, in den slawischen Ländern

N von den Weibern und Kindern der Leibeigenen ge— RNN N I NES 77 sammelten Scharlachkörner einen nicht unbedeuten— 7 A 10öN DRINN 7 den Handelsartikel und sollen einem polnischen Könige./4 U}7 7 nur an Abgaben für den Zoll 6000 Gulden einge— 5 N tragen haben; aus Podolien allein sollen jährlich FERNERj 1000 Pfund, jedes zu einem Werte von 8— 10 pol: nischen Gulden, ausgeführt worden sein. NN N N

Einen von den bisher beschriebenen Weibchen = ä—ç—çꝙ— abweichenden Anblick gewährt die durch ihre schneeweiße, stengelige Ausscheidung den ganzen Körper 3 San mit Ausnahme der Fühler und Beine in eine Röhre versteckende Nessel-Röhrenlaus (Dorthesia Weibchen. Natürliche Größe. [Orthezia] urticae), welche sich nie jo fest saugt, daß sie auf derselben Stelle sitzen bliebe. Der in dem manschettenartig nach hinten bespitzten Halsschild sitzende Kopf trägt achtgliederige, zugespitzte Fühler von schwärzlicher Farbe, und die gleichfalls schwärzlichen Beine laufen in nur eine Klaue aus. Der weiße Wachsüberzug, am Bauche eine Platte bildend, biegt sich hinten über die Rückenpartie hinweg und stutzt sich breit ab; das Männchen hat neungliederige Borstenfühler, gehäufte und darum körnig erscheinende Augen, zwei Flügel nebst Schüppchen dahinter und entsendet vom Ende des ovalen Hinterleibes einen Büschel weißer, langer Fäden. Diese Tierchen finden sich im Juli und August, in Deutschland stellenweise nicht selten, an der großen Brennessel.

Dadurch, daß beide Geschlechter gleich gebildet und vierflügelig sind, vermittelt die Gattung Aleurodes den Übergang zu den Blattläusen, denen fie nach Burmeisters Ansicht gegen Hartig wegen der schildlausartigen Larve nicht beigezählt werden kann; meiner Meinung nach aber steht sie den Blattflöhen näher. Von den sechs Fühlergliedern erreicht das zweite eine vorwaltende Länge, und die Füße sind zweiklauig. Die nur 1,12 mm große Schöllkraut-Laus (Aleurodes chelidonii), grünlichweiß von Farbe und an den Flügeln mit zwei verloschenen braunen Binden gezeichnet,war schon von Linné gekannt, als Tinea proletella beschrieben und somit den Motten beigezählt. Sie findet sich in Europa nicht selten und sitzt am liebsten mit dachförmig den Leib be—

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