Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Unter dem Namen Thysanura, auf deutsch Borstenschwänze, vereinigte Latreille eine Reihe sonderbarer Wesen, welche sich durch vollkommene Flügellosigkeit, Gruppen einfacher Augen an Stelle der zusammengesetzten, durch lange Fühler und entsprechende Anhänge am Leibes ende, eigentümliche Beschuppung oder Behaarung des gestreckten, un: gemein zarten und weichen Körpers und durch ihre versteckte Lebensweise auszeichnen, zu einer besonderen Kerfordnung, welche von den neueren Systematikern angenommen, zwischen die Insekten und Tausendfüßer gestellt und, um anzudeuten, daß man es hier mit den niedrigsten und ältesten Formen aller Insekten zu thun hat, auch als die der Urinsekten (Apterogenea) bezeichnet worden ist. Burmeister wies ihnen zuerst bei den Orthopteren einen Platz an, wo wir sie auch belassen. Sie gliedern sich naturgemäß in die beiden Familien der Borstenschwänze (Thysanura) und Springschwänze (Collembola, Poduridae). | Die erstern haben einen gestreckten, oben flach gewölbten Körper, welchen meist zarte Schuppen von metallischem Glanz in ähnlicher, hinfälliger Weise decken, wie die Flügel beim Schmetterlinge. An dem geneigten Kopfe sitzen lange, vielgliederige Borstenfühler, dahinter ein Häuflein einfacher Augen. An den Kauwerkzeugen ragen die an dem Kiefer bis zu 7, an der Lippe dagegen manchmal nur aus 2 Gliedern zusammengesetzten Taster hervor. Die 3 Brustringe, besonders der erste, zeichnen sich vor den 10 folgenden des Hinterleibes durch bedeutendere Größe aus und erinnern, wie die Bildung der Beine, an die Schaben. Die Schenkel sind dick, die Schienen kurz, am Ende bedornt, die Füße zweioder dreigliederig und bekrallt. Die Leibesspitze läuft meist in drei gegliederte Borsten aus. 39*
Zu den verbreitetsten und bekanntesten der wenigen Borstenschwänze gehört der Zuckergast oder das Fischchen (Lepisma saccharina), ein sehr flinkes, oben silberbeschupptes, unten, an den Beinen und Fühlern gelbliches Tierchen, welches sich mit Vorliebe in Vorratsräumen und in alten Wohnhäusern verborgen hält und nicht gern gesehen wird, denn man gibt ihm schuld, daß es gleich Motten Wolle, aber auch Leinenzeug, Papier, selbst Leder annage und durch seine verborgene Thätigkeit schädlich werde. Die drei ziemlich gleichen Schwanzborsten, zwei Glieder an den Füßen, fünfgliederige Taster der Kiefer, an denen sich eine helmförmige äußere und hakige innere Lade unterscheiden lassen, zeichnen das Fischchen aus. Nach mehrmaligen Häutungen, bei denen keine Form⸗
Zuckergast (Lepisma saccharina). Natürliche Größe und ver: veränderung eintritt, erlangt es seine größert. volle Größe und Fortpflanzungsfähigkeit. Mit einer Reihe weiterer Arten bildet es die Sippe der Lepismidae, welcher sich noch die Japygidae und Campodeidae anschließen. |
Mannigfaltiger gestalten fih die Formen der Springschwänze (Poduridae), welche in der Regel ihren Kopf wagerecht am walzigen Körper vorstrecken, dessen erster Brustring kürzer als jeder der beiden folgenden, gleich großen zu sein pflegt, und dessen Hinterleib aus sechs oder auch nur aus halb so vielen Gliedern besteht. Vorn am Kopfe sitzen die 4-6gliederigen, derben Fühler, dahinter in Gruppen die einfachen Augelchen zu 4-8, selten zu 20. Die Mundteile sind zwar nachzuweisen, aber sehr schwer zu erkennen und tasterlos im Unterkiefer. Die plumpen Beine gehen in nur ein zweilappiges und bekralltes Fußglied aus. Daß die Tiere sehr gut hoch und weit springen können, verdanken sie nicht jenen, sondern dem gabelartigen Anhang an der Leibesspitze, welchen sie unter diese schlagen und wie Springstangen benutzen. Die Schnellkraft ist so bedeutend, daß bei einer Art, dem
Wasserfloh (Podura aquatica), die Wasserfläche als Stützpunkt dient. Im Frühjahr nämlich sieht man stehende Gewässer und Pfützen manchmal mit breit schwarzem Rande eingefaßt, als wenn Schießpulver ausgestreut wäre; stört man hinein, so hüpfen die Körnchen so leicht auseinander, als wären sie angezündet.
Alle Springschwänze bedürfen zu ihrem Gedeihen einen gewissen Grad von Feuchtigkeit, daher findet man sie unter nassem Laube, hinter der Rinde faulender Bäume, auf Wasser, ja auf Eis und Schnee, wie beispielsweise die eben genannte Art. Meist legen sie zahlreiche Eier in mikroskopischer Kleinheit. Nicolet, dem wir eingehende Untersuchungen über diese interessanten Wesen ver: I9 0 N 1 = danken, fand bei einem Weibchen 1360 Stück. Dieselben a IE find glatt, bisweilen aber auch durch Behaarung rauh, 5 er oval, länglich oder kugelrund. Vom Legen des Cies n bis zur Entwickelung des Embryos vergehen ungefähr 12 Tage. Die winzigen Jungen haben einen verhältnismäßig großen Kopf und einen kurzen eaanrnh Hinterleib. Der nächsten Häutung, mit welcher der Körper seine unveränderliche Gestalt erhält, folgen in Zwischenräumen von 12— 15 Tagen zahlreiche weitere Häutungen nach.
Zu den interessantesten Arten gehört der Gletscherfloh [Desoria glacialis, Abbild. S. 612). In einer Gegend, wo die Sonne nichts bescheint als Eis, Eiswasser und Stein, wo sie die untere Luftschicht kaum über den Gefrierpunkt zu erwärmen vermag, da lebt das schwarze, durchaus haarige Tierchen, welches zu Ehren seines ersten Entdeckers Desor seinen wissenschaftlichen Namen erhalten hat. Vor ungefähr 48 Jahren ward es am Monte Rosa, bald darauf auch auf dem Unter-Aargletscher und auf den beiden Grindelwaldgletschern gefunden. Die Fühler sind viergliederig, die Springgabel gerade, und die Augen gruppieren sich zu sieben jederseits. Nicolet stellte verschiedene Versuche mit den Gletscherflöhen an und fand, daß sie sich inWasser von + 24 Grad Celsius behaglich fühlten und erst bei +38 Grad Celsius starben; dieselben Tiere, welche der wärmeren Temperatur ausgesetzt gewesen waren, ließ Nicolet bei — 11 Grad Celsius einfrieren und 10 Tage im Eise liegen, und als er dasselbe schmolz, hüpften sie wieder munter umher, ein abermaliger Beweis dafür, welche Lebenszähigkeit dem Geziefer, und oft dem zartesten, innewohnt, wo man sie am wenigsten sucht. DerSchneefloh(Podura [Degeeria] nivalis) ist gelbgrau und auf dem Hinterleibsrücken schwarz gezeichnet.
Der zottige Springschwanz (Podura [Orchesella] villosa) gehört zu den buntesten, in dem dengelbroten Körper schwarze Binden bedecken; er hält sich gern im Gebüsch auf, unter dem herabgefallenen Laube in Gesellschaft des bleigrauen Springschwanzes(Podura [Tomocerus] plumbea,), dessen Körper außer Haaren auch Schuppen decken; er hat
Zottiger Springschwanz (Podura villosa). sehr lange, wenn auch nur viergliederige Füh— Vergrößert und natürliche Größe. ler, eine lange Springgabel und ein auffällig verlängertes drittes Hinterleibsglied. Beide erreichen eine Länge von 3,37 mm. Beim Durchsuchen solch dumpfer Ortlichkeiten stoßen uns noch zahlreiche ähnliche Wesen auf, welche in den Hauptmerkmalen sich als Springschwänze zu erkennen geben, wenn die einzelnen auch wieder ihre Eigentümlichkeiten haben, infolge deren sich die Forscher veranlaßt sahen, aus der ursprünglichen Gattung Podura Linnés einige 20 neue Gattungen zu bilden und auf 5 Sippen zu verteilen.
Kaukerfe begegnen dem forschenden Blick auf dem Lande und auf dem Wasser, an Blumen und Sträuchern wie zwischen verwesenden Pflanzenstoffen, im Dunkel unserer Wohnungen wie im sonnendurchleuchteten Luftmeer, auf den üppig grünenden Wiesen unten im Thale wie auf den ewigen Schneefeldern der Berggipfel, ja an dem fast allein noch möglichen Orte: auf den — — Leibern warmblütiger Tiere. Es gibt unter ihnen auch Schmarotzer, welche aber nicht von dem Blute jener zehren, sondern von den Haaren ihres Felles, wie die Haarlinge, oder von den weicheren Teilen ihres Gefieders, wie die Federlinge. Die Pelzfresser (Mallophaga), wie man sie mit gemeinsamem Namen nennt, gleichen ihrer äußeren Erscheinung nach so sehr den Läusen, daß nichts näher liegt, als sie für solche zu halten, und doch darf sie der Kerfkenner nicht mit diesen vereinigen, weil sie kein Blut saugen und darum anders gebildete Mundteile haben. Die Weibchen legen ihre Eier, wie jene, an die Haare oder Federn, und die ihnen entschlüpften Jungen
haben vollkommen die Gestalt der Alten, bekommen aber erst nach mehrmaligen Häutungen die richtige Ausfärbung und Festigkeit der Körperbedeckung. Da die meisten dieser Tiere die Länge von 2,25 mm kaum erreichen, wenige dieselbe übertreffen, verborgen leben und nach dem Tode ihrer Wohntiere dieselben zu verlassen pflegen, so kommen die meisten nur demjenigen zu Gesicht, der im besonderen Interesse für sie nach ihnen sucht und die großen Schwierigkeiten, welche sich ihrer Erforschung entgegenstellen, nicht scheut. Neuerdings werden sie von manchen Systematikern mit den echten Läusen vereinigt und als letzte Unterordnung (Aptera, Parasita) zu den Schnabelkerfen gestellt.
Den Pelzfressern fehlen Flügel und zusammengesetzte Augen, sie haben einen flachen, oberhalb ganz oder teilweise von Chitinplatten bedeckten, sonst häutigen Leib, einen gleid): falls harten, schildförmigen Kopf, welcher wagerecht vorsteht und die Mundteile an der Unterseite trägt. Dieselben lassen kurze, kräftige, bisweilen inwendig gezahnte Kinnbacken erkennen, zapfenförmige, kurze Kinnladen, eine Unterlippe, deren harter Grundteil (Kinn) keine oder viergliederige Lippentaster trägt, während der weiche, durch eine Querfalte davon geschiedene Vorderteil (die Zunge) vorn tasterartige Anhänge trägt, welche früher als Kiefertaster angesprochen wurden, aber nach Franz Großes Beobachtungen für Nebenzungen erklärt werden müssen. Die Fühler bestehen aus 3, 4 oder 5 Gliedern und zeigen manche Verschiedenheit, je nach dem Geschlecht und der Art. Den Mittelleib setzen fast immer nur zwei Ringe zusammen, weil die beiden hintersten miteinander verschmelzen, den Hinterleib deren
N 9 oder 10, von welchen die mittelsten gleichzeitig auch die breitesten find. Pfau⸗Federling Die Beine pflegen kurz, aber stark zu sein, ihre Schenkel flachgedrückt; bu)Mergröpet der Fuß ist zweigliederig und endigt in zwei kleinen Krallen bei den Federlingen, in einer großen einschlagbaren, das Klettern ermöglichenden bei den Haarlingen. Die Pelzfresser mit fadenförmigen, drei- oder fünfgliederigen Fühlern und keinen Lippentastern bilden die Familie der Federlinge (Philopteridae), im Gegensatze zu den Haftfüßern (Liotheidae), deren viergliederige Fühler keulenförmig und deren Unterlippe mit deutlichen Tastern ausgerüstet sind. In beiden Familien kommen Federlinge und Haarlinge in der obigen Fassung des Begriffes vor.
Die auf Raub-, Nage- und Haussäugetieren verbreiteten Haarlinge der ersten Familie bilden die Gattung Trichodectes, durch dreigliederige Fühler, nur eine Kralle an jedem Fuße und durch einen 1—2gliederigen Raifen am drittletzten Gliede des zweilappig endenden weiblichen Hinterleibes kenntlich. Diesem Bildungsgesetz unterwerfen sich unter anderen die Hundelaus (Trichodectes latus), durch kurze Füße mit stark gekrümmter Kralle ausgezeichnet; der Vorderkopf ist abgestutzt und die Hinterecke jedes Hinterleibsringes scharf.
Zu den schlankfüßigen und fast geradkralligen Arten gehört die Ziegenlaus (Trichodectes climax), deren Kopf vorn breit gestutzt und beide letzten Fühlerglieder gleich lang sind, und die Kuhlaus (Trichodectes scalaris) mit vorn wer dreiseitigem Kopfe.
Die Federlinge der alten Gattung Philopterus zerfallen zur Zeit hauptsächlich in fünf Gattungen. Die Kneifer (Docophorus) zeichnen sich durch einen beweglichen Anhang (Balken) vor den Fühlern aus, leben zahlreich auf Raub- und andern Vögeln, sind aber noch nicht auf Tauben, Hühnern und Laufvögeln beobachtet worden. Dagegen lebt der Gänsekneifer (Docophorus adustus) an den Federn des Kopfes und Halses der Hausgans. Die balkenlosen Arten haben entweder in beiden Geschlechtern gleichgebildete fadenförmige Fühler, dabei einen abgerundeten Hinterkopf und abgerundete Spitze des männlichen Hinter: leibes (Nirmus) einem scharfeckigen Hinterkopf gegenüber (Goniocotes), oder die männlichen Fühler werden durch einen seitlichen Fortsatz am dritten Gliede zangenförmig. Diejenigen,
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bei denen der Hinterkopf eckig, das weibliche Endglied des Hinterleibes warzig, der männliche abgerundet ist, gehören der Gattung Goniodes an, während die mit seitlich gerundetem Hinterkopf und einer ausgeschnittenen Hinterleibsspitze des Männchens die Gattung Li-peurus bilden. Um wenigstens eine Art bildlich vorzuführen, wurde eine der größten, der
Pfau⸗Federling (Goniodes faleicornis), im männlichen Geschlechte dargestellt. Er trägt sich gelb, an den Seiten braunfleckig, so zwar, daß auf jedem Glied des Hinterleibes ein Punkt der Grundfarbe treu bleibt.
An die Haarlinge der vorigen schließen sich als Mitglieder der folgenden Familie die Sprenkelfüßer (Gyropus) an, nur wenige Arten, welche sich durch einklauige Füße, den Mangel der Augen und durch eine tiefe Ausbuchtung zu jeder Seite des schildförmigen Kopfes zum Einlegen der Fühler auszeichnen. Zwei Arten dieser Tierchen (Gyropus ovalis und G. gracilis) leben auf dem Meerschweinchen. — Die Haftfüßer (Liotheum), artenreiche Federlinge, haben gezahnte Kinnbacken, viergliederige Lippentaster, meist auch Augen, zwei Krallen nebst einem Haftlappen an jedem Fuß und unterscheiden sich in der Bildung des Mittelleibes, des Kopfes, in der Art, wie sie die Fühler tragen, und sonst noch mannigfaltig voneinander, so daß sie von Nitzsch in sechs Untergattungen zerlegt worden sind, die hier näher zu charakterisieren zu weit führen würde. Es sei nur bemerkt, daß hierher unter anderen die in Gesellschaft mit einigen Lip&urus und zwei anderen Philopteriden unser Haushuhn bewohnende Hühnerlaus (Menopon pallidum) sowie der große Gänsehaftfuß (Trinotum conspurcatum) und vieles andere Ungeziefer gehört, das sich in diesen beiden Familien entschieden noch bedeutend vermehren wird, wenn sie erst mehr forschende Liebhaber gefunden haben werden.