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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Siebenfe Ordnung.

Die Sehjnabelkerfe, Halbdecker (Rhynchota, Hemiptera).

Wie die vorhergehende, so vereinigt auch diese Ordnung Kerbtiere, welchein ihrem äußeren Ansehen weit auseinander gehen und nur in der Mundbildung und der unvollkommenen Verwandlung übereinstimmen. Alle Insekten, welche einen Schnabel zum Saugen haben, dessen Einrichtung bereits auf Seite 11 geschildert wurde, und deren Larven sich nur durch den Mangel der Flügel, unter Umständen durch einige wenigere und dickere Fühlerglieder vom vollkommenen Kerfe unterscheiden, gehören zu den Schnabelkerfen (Rhynchota). Einer Anzahl von ihnen fehlen die Flügel gänzlich, bei anderen nur den Weibchen, und darum findet bei ihnen, genau genommen, auch keine Verwandlung statt. Die vier Flügel sind, wo sie vorkommen, entweder gleichartig und dann in der Regel dünnhäutig und vorherrschend von Längsadern durchzogen (sie können aber auch in selteneren Fällen alle vier von derberer, mehr lederartiger Haut gebildet sein), oder sie sind ungleichartig, indem festere, wenigstens in der größern Wurzelhälfte chitinharte, nach der Spitze meist häutige Vorderflügel die dünnhäutigen hinteren verbergen, zu Flügeldecken werden, die man wegen ihrer Beschaffenheit „Halbdecken“, und die ganze Ordnung deshalb Halbdecker genannt hat, jedoch unpassend, weil nur ein kleiner Teil der Ordnungsgenossen mit derartig gebildeten Vorderflügeln ausgestattet ist. Somit wiederholen sich hier dieselben Verhältnisse in Bezug auf die Flügel wie bei der vorigen Ordnung: Schnabelkerfe mit Flügeldecken und freiem Vorderbrustring treten andern Schnabelkerfen mit gleichartigen Flügeln und weniger scharf abgesondertem Vorderbrustring gegenüber, und beiden stehen vollkommen ungeflügelte zur Seite. Der Kopf sitzt mit seiner Wurzel tiefer oder flacher im Mittelleib und trägt bald sehr unansehnliche, versteckte, bald deutlich hervortretende Fühler, manchmal nur einfache Augen, häufiger neben diesen mäßig große zusammengesetzte sowie einen entweder dem Grunde oder der Spitze bedeutend näher gerückten Schnabel, dessen sichtbarer Teil wesentlich aus der scheidenartigen Unterlippe besteht. Den Hinterleib setzen 6—9 Glieder zusammen, deren Luftlöcher an der Bauchseite liegen. Bei allen erscheinen die Beine ziemlich gleichmäßig entwickelt, mit einem Schenkelring und 2 oder 3 Fußgliedern versehen; obschon sie den meisten zum Schreiten dienen, kommen dann und wann auch Raub-, Spring- und Schwimmbeine vor.

Man kennt zur Zeit an 14,000 über alle Erdteile verbreitete Schnabelkerse Diese Zahl dürfte jedoch hinter der Wirklichkeit noch zurückbleiben, da bisher von den außereuropäischen nur die ansehnlicheren Formen erforscht worden sind. Vorweltliche kommen schon in der Juraformation, mannigfaltigere und an Arten zahlreichere aber in der Tertiär: periode und im Bernstein vor.

Es scheint vollkommen gerechtfertigt, mit denjenigen dieser Tiere zu beginnen, welche in der Vereinigung der zuletzt besprochenen von den Systematikern abgehandelt worden sind und neuerdings wieder werden, mit den echten Läusen, jenen Quälgeistern der Menschen und Säugetiere (alle sechsbeinigen Schmarotzer auf Vögeln, welche im gewöhnlichen Leben denselben schreckenerregenden Namen führen, saugen kein Blut, sondern gehören den Federlingen an). Die Läuse (Pediculina) haben keine Flügel, fadenförmige, fünfgliederige Fühler, mit Ausnahme der Affenlaus (Pediculus eurygaster), wo sie nur dreigliederig sind, zweigliederige Füße, deren letztes, hakiges Glied gegen das angeschwollene vorletzte zurückgeschlagen werden kann und ihnen hierdurch die Fähigkeit zum Klettern sichert. Der Kopf steht wagerecht nach vorn, trägt keine oder sehr kleine, einfache Augen und weit vorn die nur beim Gebrauche sichtbar werdenden Mundteile. Dieselben bestehen aus einem weichen, einftülpbaren kurzen Kegel, dessen Vorderrand von Häkchenreihen eingefaßt wird. In dieser Röhre finden sich wie in einer Scheide vier hornige Halbröhren, welche sich zu zwei und zwei zu einer engeren und weitern Röhre vereinigen. Das innerste Rohr wird aus dem umschließenden äußeren weiter herausgestreckt, in die Haut eingebohrt und dient bei der Aufnahme des Blutes als Saugrohr; der Hakenkranz der äußeren Schnabelscheide bewirkt das Festhalten und den luftdichten Ver— | schluß des Pumpenwerks und verursacht ohne Zweifel die fressende * 7° Empfindung; denn jedermann wird seinem Gefühle nach behaupten, a 5 die Laus fresse und steche nicht. Der kleine Mittelleib enthält nur eine 90eiern na schwache Andeutung von drei Ringen und setzt sich bei der artenreichen Gattung Haematopinus deutlich gegen den eiförmigen oder runden Hinterleib ab, während er bei Pediculus ganz unmerklich in denselben übergeht. Der in den Umrissen meist eiförmige Hinterleib läßt durch Einschnürung mehr oder weniger deutlich neun Abschnitte erkennen und bleibt ziemlich durchsichtig, sodaß der Darmkanal, besonders wenn er mit Nahrung gefüllt ist, wahrgenommen werden kann. Die Läuse vermehren sich durch birnförmige Eier, die sogenannten Nisse oder Knitten, stark. Sie kleben dieselben an den Grund der Haare an, und die Wärme der tierischen Ausdünstung brütet sie nach 8 Tagen aus. Durch ein Deckelchen kommt das Läuschen am oberen Ende herausspaziert und wird in längerer oder kürzerer Zeit, aber immer schnell genug und wahrscheinlich ohne Häutungen, zu der fortpflanzungsfähigen Laus. Leeuwenhoek hat ausgerechnet, daß ein Weibchen nach 8 Wochen Zeuge der Geburt von 5000 Abkömmlingen sein könne, wonach also nach dem Eierlegen der Tod nicht einträte. Eine Menge von Säugern, wie Schweine, Wiederkäuer, Einhufer, Nager, Affen, werden von Läusen bewohnt, jedes von einer bestimmten, auch von mehreren Arten zugleich, selbst der Mensch ernährt deren drei.

Die Kopflaus (Pediculus capitis, Fig. 1) tummelt sich nur auf den Köpfen vor: zugsweise unsauberer Kinder. Sie ist graugelb von Farbe, an den Rändern der Hinterleibsglieder dunkler und hat einen ziemlich quadratischen Mittelleib. Bei dem schlankeren, kleineren Männchen ist der Kopf deutlicher abgesetzt; es wird leicht an dem stachelartig hervorstehenden Geschlechtswerkzeug erkannt, dessen Lage darauf hinweist, daß es sich bei der Paarung vom Weibchen besteigen läßt. Dieses legt hierauf ungefähr 50 Eier, deren Inhalt nach 4 Wochen wiederum fortpflanzungsfähig ist.

Eine zweite, etwas schlankere und größere, an den Hinterrändern der Leibesringe nicht gebräunte Art ist die Kleiderlaus (Pediculus vestimenti, Fig. 2), welche sich am Leib des Menschen, vorzugsweise an Brust und Rücken, ernährt und in seinen Kleidern versteckt; sie ist es besonders, von denen die Soldaten im Felde und in den Kasernen zu leiden haben. Die Schlankheit des Tieres wird, abgesehen von dem schmäleren Körper,

noch durch den hinten halsartig verengerten Kopf und die Gelenkeinschnitte hervorgebracht. Die Weibchen legen ihre Eier zwischen die Nähte der Unterkleider, daher nistet sich das lästige Ungeziefer besonders bei denen ein, welche diese nicht so häufig wechseln, wie es die Reinlichkeit verlangt. Von der sogenannten „Läusesucht“, Phthiriasis, erzählt Moufet die grauenhaftesten Geschichten und wunderbare Erklärungsweisen, so daß man einen Pediculus tabescentium angenommen hat, eine Laus, welche kein Mensch gesehen haben dürfte. Diodorus, welcher die Heuschreckenesser in Afrika meist an dieser Krankheit sterben läßt, bezeichnet das vom Unterleib und der Brust ausgehende, anfangs wie die Krätze juckenerregende Ungeziefer als „geflügelte Läuse“. Da besagte Krankheit seit den Zeiten nie wieder aufgetreten ist, in welchen man vom Standpunkte der Wissenschaft aus sein Urteil abgibt, so wird jene Laus samt ihren Wirkungen wahrscheinlich in unergründliches Dunkel gehüllt bleiben.

Die Filzlaus (Phthirius inguinalis oder P. pubis) unterscheidet sich wesentlich in der Körperform und darin von Pediculus, daß an den Vorderbeinen nur ein Fußglied en sitzt. Das 1,12 mm lange und beinahe ebenso breite, weißliche Geziefer hat einen kaum vom quadratischen Hinterleib zu unterscheidenden Brustkasten und zwischen den Abschnitten jenes seitlich vorstehende, behaarte Fleischzapfen. Das widerliche Geschöpf legt sich mit gespreizten Beinen platt dem menschlichen Körper auf, bohrt sich tief mit seinem

Filzlaus (Phthirius in- Kopfe ein und verursacht ein sehr empfindliches Jucken; es lebt mit guinalis), vergrößert. Ausnahme des Hauptes an allen stärker behaarten Körperteilen. Man vertrieb es sonst durch Einreiben mit Quecksilbersalbe; seit dem Bekanntwerden mit den Mineralölen erreicht man durch diese denselben Zweck, ohne seine eigne Haut wechseln zu müssen.

Die durch das bei ihr erscheinende Verhältnis des Brustkastens zum Hinterleib in der bereits erwähnten Weise charakterisierte Gattung Haematopinus zeichnet sich durch Reichtum an Arten und als freigebige Spenderin echter Läuse an unsere Haustiere aus. Neben

Haarlingen wohnt auf dem Hund die echte Hundelaus (Haematopinus piliferus), auf der Ziege H. stenopsis, auf dem Schweine der stattliche H. urius, auf Pferd und Esel H. macrocephalus, und die Kühe ernähren sogar zwei Arten, die größere spitzköpfige Rindslaus (H. tenuirostris) und die kleinere, breitbrüstige Rindslaus (H. eurysternus).

Wenn von dem eben besprochenen Ungeziefer nichts Anziehendes und nur Schmarotzertum in der gemeinsten Form berichtet werden konnte, so bietet die folgende Familie der Scharlach- oder Schildläuse (Coceina) um fo mehr Sonderbarkeiten, welche in der gänzlichen Verschiedenheit zwischen Männchen und Weibchen derselben Art nicht nur in der äußeren Gestalt, sondern auch in der Entstehungsweise gipfeln. Die Weibchen, um mit diesen zu beginnen, bilden sich aus beweglichen Larven, an denen sich auf der Unterseite des Kopfes Fühler, ein Schnabel, am schildförmigen und durch Einschnürungen gegliederten Körper sechs kurze, dünne Beine mit zwei- oder dreigliederigen Füßen und einer oder zwei Krallen unterscheiden lassen. Der äußerliche Schnabel, aus drei Gliedern zusammengesetzt und nicht einftülpbar wie bei den vorigen, birgt in feinemInneren ebenfalls vier Borsten. Diese entspringen am Kopfe, steigen tief in den Körper hinein, bilden hier eine Schlinge und kehren zum Kopf zurück. Durch solche, auch in der folgenden Familie sich wiederholende Einrichtung lassen sich die Borsten ungemein verlängern und tief in die Pflanze einstechen, von deren Säften allein die in Rede stehenden Kerfe leben. Die Fühler find schnur- oder fadenförmig und nehmen bei den Häutungen allmählich an Gliederzahl zu, ohne eben lang

Filzlaus (Phthirius inguinalis), vergrößert.

zu werden. Wenn Augen vorkommen, sind sie einfach. Die Larven laufen in der ersten Zeit behend an der Futterpflanze hin und her, um ein geeignetes Plätzchen zu finden, an welchem sie sich festsaugen und an welchem sie späterhin — sterben. Haben sie es gefunden, so fangen sie an zu wachsen und unförmlich zu werden; Flügel bekommen sie aber nie. Nach der Begattung schwellen sie mehr und mehr an, zeigen auf der Oberfläche keine Gliederung mehr und auch Verwachsungen an der Unterseite, wo die früher unterscheidbaren Fühler und Beine undeutlich werden. Jetzt legen sie, und zwar manche in einen weißen Filz, die zahlreichen Eier unter sich ab, bleiben nach dem Tode als schützendes Schild über ihnen sitzen oder lösen sich in seltenen Fällen davon ab. Wenn jenes Seidenpolster äußerlich sichtbar wird, der Körperrand mithin der Futterpflanze nicht mehr aufsitzt, sokann man auf den bereits erfolgten Tod der Muttertiere schließen. Ehe die dem Ei entschlüpften Jungen ihre Wiege verlassen, haben sie sich schon einmal gehäutet. So viel im allgemeinen vom Weibchen.

Wesentlich anders gestalten sich die Verhältnisse beim männlichen Geschlecht. Anfangs eine Larve wie jenes, nur schlanker und kleiner, saugt sich das Männchen auch fest und wird größer, fertigt aber ein Gehäuse oder schwitzt aus seiner Oberfläche eine schützende Bedeckung aus, wie in einzelnen Fällen auch weibliche Larven, verwandelt sich darin zu einer ruhenden Puppe, welche zuletzt aus dem Hinterende des Gehäuses ein zartes, meist zweiflügeliges Wesen entläßt, ausgezeichnet durch drei Hauptabschnitte des Körpers, borstige oder schnurförmige Fühler, einfache Augen, durch einen verkümmerten Schnabel, deutliche Füße, nicht selten durch zwei lange Schwanzborsten und ein lang hervorragendes Geschlechtswerkzeug zwischen denselben. Das Männchen kommt bedeutend seltener vor, lebt nur sehr kurze Zeit und blieb darum von den meisten Arten bisher noch unbekannt, ja, fehlt einigen vielleicht gänzlich.

Von den eben erzählten Lebensverhältnissen weichen einige Gattungen wesentlich ab. So gleichen sich beispielsweise bei Aleurodes beide Geschlechter fast vollkommen, bei Dorthesia behalten die Weibchen ihre Beweglichkeit bis zum Tode. Aus dem Gesagten geht aber hervor, daß auch hier späteren Forschungen noch vieles übriggelassen ist. Die meisten Schildläuse gehören wärmeren Erdstrichen an; da solche aber reich an anderen, besser zu beobachtenden und zu sammelnden Kerbtieren sind, so hat man in diesem Umstande einen weiteren Grund unserer lückenhaften Kenntnisse von diesen unscheinbaren, aber höchst interessanten Wesen zu suchen, welche nach heutiger Liebhaberei in eine Menge von Gattungen gespalten sind.

Wer hätte nicht schon die braunen, fast kugeligen Überreste der Eichen-Schildlaus (Lecanium quercus), zwischen den Rindenschuppen alter Eichstämme oft reihenweise angeordnet und jahrelang anhaftend, bemerkt? Solange die flachschildförmigen Weibchen leben und als Larven achtgliederige Fühler tragen, werden sie vollständig übersehen; die

Männchen zeichnen zwei Schwanzborsten aus. Ein ganz ähnliches Tier, die Wein-Schildlaus (Lecanium vitis), fällt an alten Weinreben dann besonders auf, wenn ein schneeweißes, die Eier einhüllendes Polster, das sich in feine, den Spinnenweben ähnliche Fäden ausziehen läßt, von den weiblichen Überresten bedeckt wird.

Unter den Namen Kermes, Kermsbeere, Alkermes, Karmesinbeere, Grana Chermes, Kermes tinctorum und anderen kommt aus Frankreich, Spanien, dem griechischen Archipel, besonders aus Kandia ꝛc. ein schon den alten Griechen als Kokkos phoe-nillos und den Römern bekannter Farbstoff in den Handel. Diese muschelartigen, braunen Körper, welche durch Behandlung mit Essig erst eine rote Farbe geben, mit der die Kopfbedeckungen der Griechen und Türken häufig gefärbt sind, gehören der Kermesschildlaus (Lecanium ilicis = Kermes vermilio) an. Das Tier lebt an der häufiger strauch—

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