Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Der gemeine Ohrling hat eine glänzend dunkelbraune Färbung, welche an den Beinen, den Rändern des Halsschildes und an der Wurzel der 15gliederigen Fühler durch Gelb, am Kopfe vorherrschend durch Rostrot ersetzt wird. Auf dem letzten Hinterleibsglied lassen sich vier Höckerchen unterscheiden. Die Zange des Männchens ist an der Wurzel breitgedrückt und innen gezahnt, dann aber drehrund, zahnlos und stark in ihrer Mitte nach außen gebogen. Die weibliche gleicht einer Drahtzange, indem sich ihre Flügel an der Innenseite berühren und mit den Spitzen sanft nach oben biegen. Die Körpergröße schwankt zwischen 8,75 und 15 mm, von denen die geringeren Maßzahlen immer den Weibchen zufallen.
Der gemeine Ohrwurm überwintert im vollkommenen Zustand, um die Art im nächsten Jahre fortzupflanzen. Sein früheres oder späteres Erwachen in diesem hängt natürlich von der Witterung ab; ich sah schon am 1. Februar ein Männchen bedächtigen Schrittes an einem Baumstamm hinaufwandeln und fand einige Jahre später (am 19. Februar 1874) unter Moos auf feuchtem Sandboden ein Häufchen gelblicher Eier und daneben einen weiblichen Ohrwurm. Gehörten beide zusammen, so hatte entschieden der milde Winter die zeitige Ablage befördert. Diese Zusammengehörigkeit war mir aber noch nicht erwiesen, und ich nahm daher den Fund mit nach Hause. Die sehr elastischen, vollkommen trocknen Eier mußten mit einem Pinsel aus dem, auf dem Heimwege teilweise getrockneten und daher auseinander gefallenen Sande mühsam ausgelesen werden. Mit dem Sande erfüllte ich nun den Boden eines kleinen Fläschchens, brachte den Ohrwurm hinein und ließ die Eier, 12— 15 an Zahl, hineingleiten, welche sich dabei auf der Oberfläche zerstreuten. Jetzt sollte sich entscheiden, ob sich der Ohrwurm als Mutter zu denselben bekennen würde, denn ich hatte gelesen, daß er die zerstreuten Eier auf einen Haufen zusammentrage. Es war Abend, als diese Wohnungsveränderung vor sich ging, und der Ohrwurm viel zu sehr mit der Neuheit seiner Lage beschäftigt, um sich auf andere Dinge einlassen zu können. Am anderen Morgen jedoch lagen die Eier auf einem Häufchen und wurden von der Brust der sorgsamen Mutter bedeckt. In dieser gleichsam brütenden Stellung ließ sie sich fast immer betreffen. Als die Eier gelegentlich durch sehr schiefe Stellung des Gläschens vorherrschend auf die Glaswand geraten waren, bettete fie dieselben nach der anderen Seite in eine vorher auf dem Sande angebrachte, leichte Vertiefung, kurz, sie zeigte die größte Fürsorge für die Keime ihrer Nachkommen. Sollte etwa Belecken oder sonst welche Beeinflussung auf die Eier deren Entwickelung befördern?
Die Krone einer frischen Blüte von Primula chinensis, die Weichteile einer totgedrückten Fliege, welche von Zeit zu Zeit erneuert wurden, sowie einige weiche Insektenlarven bildeten jetzt und später die gereichte Nahrung, von der die pflanzlichen die merklichsten Zeichen der Benutzung an den Tag legten. Am 7. März zeigten sich die ersten weißen Lärvchen, und bald nachher waren sämtliche Eier verschwunden. Es sei noch bemerkt, daß ihr kleiner Zwinger in der Fensternähe eines geheizten Zimmers stand, und daß ich früher (am 5. Mai 1866) unter einem platten Steine eine Alte mit ihren Jungen im Freien angetroffen hatte. Die Lärvchen krochen öfters unter die Alte oder auf ihr umher, zeigten jedoch in jeder Beziehung Selbständigkeit und benagten auch bald die Primelblumen. Am 30. März hatte ich den Sand angefeuchtet, und weil die Wasserteilchen nicht schnell genug aufgesogen wurden, mochte der kleinen Gesellschaft der Boden etwas zu feucht sein; denn sie saß an den Wänden des Fläschchens, was ich von einzelnen Larven schon öfters, von der Alten aber bisher noch nie beobachtet hatte. Bei dieser Gelegenheit zählte ich nur sieben Larven von etwas verschiedener Größe. Die kräftigsten maßen ohne Zange 6 mm, eine achte war aus ihrem nicht vollkommen geschlossenen Gefängnis entwichen und fand sich später im Untersetzer eines benachbarten Blumentopfes. Daß die Alte sich an ihrer Brut vergriffen
hätte, war nicht anzunehmen. Degeer hatte seiner Zeit auch eine kleine Ohrwurmfamilie beobachtet und berichtet über dieselbe, daß die Mutter nicht mehr lange gelebt habe und von ihren Nachkommen aufgefressen worden sei, wie letztere auch die Leichen derjenigen ihrer Brüder verzehrt hätten, welche zufällig gestorben waren.
Am 21. April gab ich meinen Pfleglingen eine größere Wohnung, wobei sich nur noch drei Larven vorfanden und der Sand stark durchwühlt erschien, gleichzeitig setzte ich ein hinter Baumrinde aufgefundenes Männchen hinzu. Dasselbe verhielt sich vollkommen teilnahmlos zu der Gesellschaft, welche überhaupt in ihrem Gebaren einen langweilenden Eindruck machte. Nachdem ich einige Tage nicht nach ihr gesehen hatte, fand ich am 19. Mai den vorn verstümmelten Leichnam der Mutter und die nur noch zwei vorhandenen Larven damit beschäftigt, an gleicher Stelle den Körper des toten Männchens anzufressen; auch schienen sie die Häute verzehrt zu haben, die ich früher umherliegen gesehen hatte und jetzt vergeblich suchte. Sie hatten eine Länge von 9 mm mit Ausschluß der Zangen erreicht und schon merklich deutliche Flügelstumpfe. Ich tötete sie und bewahre sie in meiner Sammlung als Erzeugnisse eigner Zucht auf.
Wir haben in dem gemeinen Ohrwurm (jedenfalls auch in jeder anderen Art dieser Familie) ein weiteres Beispiel neben der Maulwurfsgrille unter den frei lebenden und neben der Küchenschabe und dem Heimchen in unseren Behausungen, wo die Mutter gegen die sonst allgemein geltende Regel bei den Kerfen, daß sie ihre Nachkommen nicht erblickt, längere Zeit in deren Gesellschaft verlebt, ohne daß man bisher einen vernünftigen Grund für diese Ausnahmeerscheinung hat auffinden können. — Noch zwei bedeutend kleinere und daher wenig bekannte Ohrwurmarten kommen außer den bereits genannten bei uns vor, die jedoch mit Stillschweigen übergangen werden müssen, so anziehend die Lebensweise dieser Familie nach dem bisher Mitgeteilten auch sein dürfte.
Eine Anzahl winziger Tierchen, welche hinsichtlich ihrer allgemeinen Körpertracht und der Beweglichkeit des schlanken Hinterleibs den Ohrlingen ähnlich find, durch den schief von oben nach unten und hinten gestellten Kopf aber den Schaben gleichen, der Eigentümlichkeiten jedoch so viele haben, daß sie weder mit den einen noch mit den anderen verbunden werden können, vereinigte Haliday unter dem Namen Thysanoptera (Fransenflügler) zu einer besonderen Ordnung. Die deutschen Entomologen der Neuzeit schließen sie als Blasenfüßer (Physopoda) den Geradflüglern an, obschon die Mundbildung eine wesentlich andere ist und die winzigen Wesen als Bindeglied zwischen diese und die folgende Ordnung treten läßt. Der Kopf erscheint walzig, weil sich der Mund rüsselartig verlängert. Die Oberlippe, seitlich die Kinnladen und von der Unterseite die die größte Partie bildende, an den Seitenrändern über die Oberlippe übergreifende Unterlippe, letztere beiden Bestandteile mit 1—3gliederigen Tastern versehen, bilden das kegelförmige Futteral für die in Stechborsten verwandelten Kinnbacken, welche den Saft saugen, nachdem die Oberhaut der betreffenden Futterpflanzen abgeschabt worden ist. Zwischen den großen Augen entspringen auf dem Scheitel die höchstens neungliederigen Fühler, und dahinter lassen sich bei den meisten auch Punktaugen entdecken, alles dies natürlich nur bei sehr guter Vergrößerung; denn die meisten dieser kleinen Wesen erreichen nicht die Länge von 2,25 mm und übertreffen sie nur in seltenen Fällen. Der vorderste Brustring ist schmäler als die beiden folgenden, denen die lanzettförmigen, außerordentlich schmalen und stark befransten Flügelchen ansitzen. Sie alle vier bedürfen, weil derb, kaum der Adern; öfter bunt gefleckt oder bandiert, liegen sie flach auf dem Hinterleib, verkümmern auch mehr oder weniger oder fehlen gänzlich. Eine
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zweite Sonderbarkeit dieser kleinen Wesen besteht darin, daß die meist zweigliederigen Füße nicht mit Klauen, sondern mit runden Haftscheiben enden, von welchen die deutsche Benennung „Blasenfüßer“ entlehnt ist. Nach der verschiedenen Bildung des zehngliederigen Hinterleibes hat man die Blasenfüßer in zwei Sippen zerlegt. Bei der einen, nur zwei Gattungen (Phloeothrips oder Idolothrips) umfassenden erscheint für beide Geschlechter das letzte Glied röhrenartig verengert, daher die Bezeichnung Röhrenblasenfüßer (Tubulifera). Bei den weit zahlreicheren anderen, neuerdings auf mehrere Gattungen verteilten Arten birgt im weiblichen Geschlecht das letzte Glied eine zweiklappige Legröhre (Terebrantia, Bohrblasenfüßer). Letztere schneiden die Futterpflanze an und legen ihre lichten, nierenförmigen Eierchen in die Wunde einzeln ab, während jene die gelbbraunen oder braunen, länglich-ovalen Eier äußerlich an die Blätter oder Blütenteile einzeln, auch in kleineren Häufchen, anheften. Die Ablage der Eier nimmt in allen Fällen mehrere Wochen in Anspruch, wegen des allmählichen Reifens derselben im Gierftod, die Entwickelung derselben nach dem Ablegen und der ihnen entsprossenen Larven schreitet aber schnell vorwärts, so daß mehrere Bruten im Jahr zu stande kommen. Nach der vierten Häutung treten die ersten Flügelstumpfe bei den geflügelten Arten auf, dann erfolgt noch eine Häutung, nach welcher bis zum letzten Hautwechsel die Larve (oder Puppe, wie andere diese Entwickelungsstufe nennen wollen) keine Nahrung mehr zu sich nimmt und geringere Beweglichkeit zeigt. Die Männchen scheinen weniger zahlreich zu sein als die Weibchen und schwieriger aufzufinden. Mae Alle Blasenfüßer können hinsichtlich ihrer Aufenthaltsorte in drei schwänzigen Blafen- Gruppen geteilt werden. Die einen leben vorherrschend in Blüten, be: age sonders der Kompositen (Taraxacum, Georginen u. a.), ferner Arme-vergrößert. ria, Scabiosa, Dolden, Grasähren, und besonders sind es die Blätter der Kelche und Hüllkelche, zwischen denen sie sich aufhalten, und wo auch die Eier abgelegt werden. Hierher gehören die meisten heimischen Arten und viele Röhrenblasenfüßer; sie sind die lebhaftesten und flugfertigsten. Eine andere Gruppe bewohnt die Unterseite der Blätter und zeichnet sich durch geringere Beweglichkeit aus; hierher gehören die meist eingeschleppten Arten in unseren Warmhäusern. Andere endlich finden sich an allen anderen Pflanzenteilen, den Wurzeln, hinter Rinde, zwischen Flechten und Baumschwämmen sowie unter trockenen und faulenden Vegetabilien. Die einen sind auf gewisse Pflanzennahrung angewiesen, andere wieder sind keine Kostverächter. Die frei lebenden scheinen meist im vollkommenen Zustande (Larven finden sich auch) zu überwintern, die Bewohner der Warmhäuser kennen keine Unterschiede in den Wärmeverhältnissen und somit auch keine Winterruhe. Hier sind es namentlich zwei Arten, welche den verschiedensten Warmhauspflanzen zusprechen und durch ihre Thätigkeit das frühe Abfallen der Blätter zum Verderben der betreffenden Pflanze veranlassen. Der Gärtner pflegt sie und wohl noch andere unter dem Sammelnamen der „schwarzen Fliege“ zusammenzufassen. Die eine, größere, durch schwarz gebänderte, weißliche Vorderflügel ausgezeichnete Art ist der Keliothrips dracaenae Heeger, die andere der hier abgebildete rotschwänzige Blasenfuß (Heliothrips haemorrhoidalis Bouche). Dieser ernährt sich hauptsächlich von den Blättern der Ficus retusa, Begonia cebrina und anderen. Nach 8—10 Tagen schlüpfen die Larven aus den Eiern, haben eine blaß rötlichgelbe Farbe, keine Nebenaugen, keine Flügel und weiße, nur dreigliederige Fühler; in Zwischenräumen von gleicher Dauer erfolgen, wie früher angegeben, die vier Häutungen, bei deren letzter die Flügelstumpfe auftreten, und dann die „Puppenruhe“, während welcher keine Nahrung mehr genommen wird. Anfangs färbt sich der Körper dunkel, die Gliedmaßen bleiben weiß, bis nach Verlauf von 6—8 Tagen und
letztem Hautwechsel die Geschlechtsreife eintritt. Das höchstens 1,12 mm lange Tierchen ist dann am Körper mit Ausschluß der rötlichen Leibesspitze schwarzbraun gefärbt, an Fühlern und Beinen blaßgelb, an den Flügeln trüb weiß.
Um auch einer einheimischen Art zu gedenken, ist hier der Getreide-Blasenfuß (Limothrips cerealium Hal.) abgebildet. Seine erste Brut, die orangegelbe, an den beiden Leibesenden schwarze Larve, tritt zuerst an der Innenseite der obersten Blattscheide auf, findet sich aber später in den Ahren und an den noch weichen Körnern von Roggen und Weizen. Im geschlechtsreifen Zustand erscheint das Tierchen dunkelrostrot bis schwarz, mit strohgelben Füßen, Vorderschenkeln und Gelenkeinschnitten des Hinterleibes. Nur die Weibchen sind geflügelt. Mit dieser Art untermischt, etwas vor ihr auftretend, wird demselben Getreide eine zweite, weitverbreitete Art schädlich, die Phloeothrips armata Lindemann. Die roten Lärvchen suchen die noch eingehüllte junge Ahre auf und ernähren sich von deren Säften, nachdem sie den an den Spelzen sitzenden Eiern entschlüpft sind. Wenn die zweite Brut zum Abschluß gekommen ist, gehen durch die Ernte von dieser wie von jener Art viele Thripse zu Grunde, andere werden mit eingeerntet, und noch andere begeben sich nach den noch saftigeren Getreidearten und anderen Gräsern, auf welchen sie schon während des eibchendes Getreide— Sommers angetroffen werden. Blasenfußes (Limo-
Schließlich sei noch erwähnt, daß Pergande ein Verzeichnis der wc rin europäischen Thysanoptera geliefert hat in dem englischen „Entom. Monthl. Mag.“ 1882 und Dr. K. Jordan eine gründliche Arbeit über „Anatomie und Biologie der Physopoda“ („Zeitschr. f. wissensch. Zoologie“, Bd. 47, Tfl. 36-38).