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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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hinten die vom Rücken herab zwischen die Raifen gehende Bogenlinie die Gräten, also die Spitzen der Hinterflügel find, vorn außer den Fühlern die fünfgliederigen Kiefertaster auf: fällig hervorragen und auf dem Scheitel zwei glänzende Nebenaugen stehen. Der braune Körper ist mit Ausnahme der Augen, der Bewehrung an den Beinen, der Flügel sowie des durch sie geschützten Rückenteiles von einem rostbraunen, seidenglänzenden, ungemein kurzen Filze bedeckt. Das Weibchen hat keine Legröhre und unterscheidet sich vom anderen Geschlecht durch etwas anders gebildete letzte Bauchschuppen.

Die Maulwurfsgrille bewohnt nach den vorliegenden Erfahrungen vorzugsweise einen lockeren, besonders sandigen Boden und zieht trockenen dem nassen vor; im sogenannten fetten, schweren Erdreich trifft man sie selten und vereinzelt an. Im norddeutschen Tieflande dürfte sie daher eine allgemeinere Verbreitung haben als im hügeligen oder gebirgigen Süden. Sie ist, wo sie einmal haust, gefürchtet, und mit Recht, nur gehen die

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Maulwurfsgrille (Gryllotalpa vulgaris), Eier und Larven verschiedener Größe. |

Ansichten über die Veranlassung des Schadens auseinander. Der bisher geltenden Meinung, 27N daß fie die Wurzeln verzehre, treten in neueren Zeiten mehrere Beobachter mit der Be- 5 hauptung entgegen, daß sie Gewürm, Engerlinge, ja ihre eigne Brut zur Nahrung wähle und nur die Wurzeln der über dem Neste befindlichen Pflanzen abbeiße, außerdem aber noch durch das fortwährende Durchwühlen und Auflockern dieser Stelle dem Pflanzenwuchse nachteilig werde. Beide Teile dürften recht haben. Wie die übrigen Schrecken Pflanzennahrung zu sich nehmen, ohne andere ihnen zu nahe kommende Kerfe zu verschonen, so auch die Werre. Da sie sich fast nur unter der Erde aufhält, so fallen ihr die unterirdischen Larven und Pflanzenteile anheim. Von ihrer wahrhaft unnatürlichen Gefräßigkeit erzählt Nördlinger ein schlagendes Beispiel. Eine in einem Garten betroffene Werre sollte mit dem Grabscheit getötet werden, wobei man sie zufällig so traf, daß sie in eine vordere und hintere Hälfte gespalten wurde. Nach einer Viertelstunde fiel der Blick des Vertilgers auf das vermeintlich tote Tier; wie groß war aber sein Entsetzen, als er die vordere mit dem Auffressen der weicheren hinteren Hälfte beschäftigt fand. Wie alle Grillen ist auch diese außerordentlich scheu und vorsichtig und zieht sich bei dem geringsten Geräusch, der ge ringsten Erschütterung des Erdbodens, welche herannahende Fußtritte hervorbringen, schleunigst zurück oder verkriecht sich sofort wieder, wenn man sie aus der Erde hervorholt, oder bei ihren abendlichen, der Begattung geltenden Flugversuchen niederschlägt. Die Flugübungen unserer Art lassen sich wirklich nur Versuche nennen; eine andere in Japan und im Indischen Archipel

Maulwurfsgrille (Gryllotalpa vulgaris), Eier und Larven verſchiedener Größe.

scheint gewandter hierin zu jein, denn E. von Martens erzählt, daß sie dort öfters des Abends in die Wohnungen geflogen käme. Eine höchst interessante Beobachtung teilt mir Herr A. Schmidt aus Marienhof bei Mährisch-Friedland unter dem 15. Juli 1877 mit, welche Zeugnis von der nicht unbedeutenden Schwimmfertigkeit der Maulwurfsgrille ablegt. „Landwirte und Jäger“, berichtet derselbe, „machen mitunter Beobachtungen im Tierund Pflanzenreich, welche dem Gelehrten verborgen bleiben und daher selten in Büchern zu finden sind. Eines schönen Sommertags auf dem Hügel am Ufer eines über 100 Morgen großen Sees sitzend, gewahre ich, daß mitten auf dem ruhigen Spiegel des Sees ein Tier schwimmt und sehe zugleich aus der Spitze des Wellenwinkels, die mir zugekehrt ist, daß es auf mich zuhält. Neugierig, welcher Art dies sehr langsam schwimmende Tier angehören möge, warte ich beinahe eine halbe Stunde und ermittele endlich, daß der kleine Schwimmer eine große Maulwurfsgrille, wie wir sie hier nennen, ein Spitzwurm, sei.“ Auch von anderen Seiten ist das Schwimmvermögen dieser Grille beobachtet worden.

Die Begattung fällt in die zweite Hälfte des Juni und die erste des Juli. Die Paarung erfolgt während der Nacht und gewiß auch an versteckten Orten, weshalb sie noch nie beobachtet worden ist, wie bei so vielen Kerfen, welche in dieser Hinsicht besonders den Haustieren mit ihrer Verschämtheit ein nachahmungswürdiges Beispiel geben. Die Männchen lassen, solange die Sonne nicht über dem Horizont steht, einen leise zirpenden Ton hören, den man mit dem entfernten Schwirren des Ziegenmelkers (Caprimulgus europaeus) verglichen hat. Gleich nach der Paarung beginnt das Brutgeschäft des Weibchens. Um seine zahlreichen Eier abzulegen, bereitet es ein förmliches Nest, indem es einige schneckenförmig gewundene Gänge und in der Mitte derselben, bis etwa 10,5 em unter der Erde, eine Höhlung von der Gestalt und Größe eines Hühnereies gräbt. Die Wände werden mit Speichel befeuchtet, gut geglättet und auf solche Weise gewissermaßen ausgemauert, so daß man bei gehöriger Vorsicht das ganze Nest als eine hohle, gerundete Erdscholle herausheben kann. Von ihm aus führen nach verschiedenen Seiten einige mehr oder weniger gerade, flache Gänge, die sich als etwa 19,5 mm breite Aufwürfe kenntlich machen, außerdem einige senkrechte nach unten, die teils dem Weibchen als Zufluchtsort bei nahender Gefahr, teils der Brutstätte zum Abzug starker Nässe und zum Trockenhalten dienen. Ein solcher Bau wird an einer offenen, unbeschatteten Stelle angelegt und der Raum über demselben durch Auflockern des Erdreichs und durch unterirdisches Abfressen des Pflanzenwuchses dem Einfluß der Sonnenwärme erschlossen. Das platzweise Absterben der Pflanzen, unter denen zolldicke Stauden sein können, verrät am besten einen Brutplatz. Die Zahl der Eier, welche man in einem Neste findet, bleibt sich nicht gleich, durchschnittlich kann man 200 annehmen, hat aber auch schon über 300 angetroffen; eine bedeutend geringere als die erste Zahl weist darauf hin, daß das betreffende Weibchen mit seinem Geschäfte noch nicht zu Ende war, da dasselbe nicht auf einmal abgethan ist. Nach Beendigung desselben stirbt es nicht, hält sich vielmehr in der Nähe des Nestes in einem senkrechten Gange, mit dem Kopfe nach oben sitzend, wie Wache haltend, auf. Wenn man deshalb behauptet hat, es „brüte“, so liegt darin mindestens eine zu Irrungen Anlaß gebende ungeschickte Ausdrucksweise. Richtig ist, daß es noch lebt, wenn die Jungen auskriechen, und daß es viele derselben auffrißt; ob es aber, wie gleichfalls behauptet wird, in fast senkrecht angelegten Röhren tief unter der Erde mit dem Kopfe nach oben überwintert, bezweifle ich, glaube vielmehr, daß es vor Anfang des Winters stirbt.

Drei Wochen etwa liegen die grünlich gelbbraunen, festschaligen Eier von länglicher, schwach gedrückter Gestalt, ehe die Larven ausschlüpfen. Von Mitte Juli an pflegt dies geschehen zu sein, doch beobachtet man auch von jetzt ab noch hier und da srisch gelegte Eier, ja Ratzeburg fand solche einmal noch am 6. August. In den ersten 3—4 Wochen bleiben

die Jungen beisammen, wühlen nicht und ernähren sich von den Pflanzenresten in der Gartenerde oder den lebenden Würzelchen in der Umgebung ihrer Geburtsstätte. Jetzt häuten sie sich zum ersten Male, werden lebhafter und zerstreuen sich. Ende August, also abermals nach 3—4 Wochen, erfolgt die zweite Häutung und Ende September die dritte, nach welcher sie eine durchschnittliche Größe von 26 mm erlangen. Zum Winterschlaf graben sie sich etwas tiefer in die Erde ein. Bald nach dem Erwachen im Frühjahr häuten sie sich zum vierten Male und bekommen dabei die Flügelscheiden. Ende Mai oder etwas später erscheint der vollendete Erdkrebs, so genannt wegen des großen Halsschildes. In allen übrigen Erdteilen leben sehr ähnliche Arten. — Die besprochene und noch zahlreiche andere Gattungen bilden in ihrer Gesamtheit die dritte und letzte Familie der springenden Kaukerfe, die der Grabheuschrecken (Gryllidae), welche sich in ihren Grundformen durch die in der deutschen Benennung ausgesprochene Lebensweise sowie dadurch, daß sie nicht im Eistande überwintern, und durch den drehrunden, plumpen Körper von den vorangegangenen unterscheiden, aber auch eine Menge von Übergangsformen zu den Locustinen aufzuweisen haben.

Der große Ohrwurm (Forficula oder Labidura gigantea, Fig. 1, ©. 607) von 11 bis 13 mm Länge mag uns hier im Bilde eine kleine, über die ganze Erdoberfläche verbreitete Familie Forficulidae (Dermaptera) vergegenwärtigen, welche englische Forscher zu einer eignen Ordnung erhoben wissen wollen, während Leute, welche es nicht besser verstehen, Käfer daraus machen möchten, was ihnen nicht zu verdenken, da Fueßlin sie noch 1775 als „Zangenkäfer“ an das Ende dieser Ordnung stellt. Als ich Mitte Juli auf einer öden Sandfläche in der Nähe von Halle mehrere vereinzelt umherliegende Steine aufhob, fuhr hier und da, durch die plötzliche Helligkeit erschreckt, das abgebildete Tier hervor, um möglichst schnell einen anderen Versteck in der Dunkelheit aufzusuchen, was ihm aber nicht gelang; auch einige kleinere Weibchen und Larven kamen zum Vorschein, und die noch lichte Farbe der Erwachsenen wie letztere lieferten den Beweis, daß die rechte Zeit für die Tiere noch nicht gekommen war. Der Körper war mit Ausnahme der Augen, einer braunen Mittelpartie des Hinterleibes und eines Striemens von gleicher Dunkelheit über jeder Flügeldecke, welche sich mit Unterbrechung auf das Halsschild fortsetzte, licht gelb gefärbt. Die Zange der Leibesspitze macht jeden Ohrwurm als solchen kenntlich. Dieselbe dient zur Verteidigung, denn sie kneipen mit ihr wütend um sich, wenn sie am vorderen Körperteil erfaßt werden, aber auch gleichzeitig zum Entfalten und Zusammenlegen der Flügel. Wer sich darüber wundern sollte, wenn er hört, daß die Ohrlinge fliegen, der betrachte nur ihren Mittelrücken etwas genauer. Hinter dem Halsschild bemerkt man zwei viereckige Platten, offenbar die mehr lederartigen Flügeldecken. Dieselben scheinen einzeln in ein stumpfes Spitzchen von lichterer Farbe auszulaufen, welches auf unserem Bilde deutlich hervortritt. Diese Anschauungsweise beruht aber auf Täuschung. Vielmehr liegen die beiden derben Spitzchen unter jeder der gerade abgestutzten Decken und sind der allein sichtbare Teil der außerordentlich breiten, auf das zierlichste zusammengefaltenen Hinterflügel. Ein jeder derselben besteht aus eben diesem lederartigen Teile an der Vorderrandwurzel und aus einem dreimal so langen, in der Spannung halb ovalen, häutigen Teile. An letzterem wieder läßt sich ein vorderes Feld von der doppelten Breite der Lederschuppe, nach hinten durch eine kräftigere Längsader begrenzt, von dem übrigen, strahlenartig geaderten Stücke unterscheiden. Die acht Strahlen entspringen aus der Hauptader und zwar am Ende der Lederschuppe, wo jene ein Gelenk hat, sind einzeln hinter ihrer Mitte schwach geknickt und mit einem Hornfleckchen versehen; regelmäßig gestellte Queradern stützen die Haut nach der

anderen Richtung. Soll nun der Flügel gefaltet werden, so schlägt sich der Hinterrand bis zu den Hornfleckchen der Strahlen nach oben um (erite Lage), dann der so gekürzte Flügel vom vorderen Gelenke aus fächerförmig zusammen (zweite Lage), dieser Fächer unter das breite Stück des Vorderfeldes (dritte Lage), und zuletzt schiebt sich dieses der Länge nach zusammengeklappt unter die allein sichtbare Lederschuppe (vierte Lage). Wer mit Aufmerksamkeit den Flügel eines Ohrlinges entfaltet und wieder zusammenlegt, kann sich bei großer Vorsicht selbst von der Richtigkeit dieses Faltenlabyrinths überzeugen, wie es die ausgebreiteten Flügel des gemeinen Ohrwurmes in unserer Abbildung vergegenwärtigen. Was die übrigen Körperteile anlangt, so ist der freie, etwas geneigte Kopf herzförmig, trägt keine Punktaugen, an den Seiten aber runde Netzaugen, unter denen sich die 12 — 40gliederigen Fühler einlenken. Die Mundteile weichen im wesentlichen nicht von denen der vorangegangenen Geradflügler ab, nur daß das große, viereckige Kinn fast die ganze Unterseite des Kopfes deckt und die Unterlippe bloß aus zwei gerundeten Lappen besteht. Den meist am letzten Ende etwas breiter werdenden Hinterleib, welcher sich seitlich rundet, setzen neun Glieder zusammen, jedoch verkümmern davon beim Weibchen zwei vollständig und das letzte am Bauche. Diezahlreichen Arten unterjcheiden: sich an den Zangen, welche sogar für die Geschlechter derselben Art abändern, an den Fußgliedern, der vollkommneren oder mangelhaften 1) Männchen des großen Ohrwurms (Labidura gigantea), 2) des

Flügelbildung, der Form des gemeinen Ohrwurms (Forficula auricularia), der fliegende vergrößert. Rückenschildes und anderen Merkmalen, und wurden neuerdings auf eine Reihe von Gattungen verteilt. So hat man beim großen Ohrwurm auf die abgebildete Form der männlichen Zange und den Zahn hinter ihrer Mitte Rücksicht zu nehmen. Bei der bedeutend kürzeren weiblichen Zange sind die Flügel am Grunde genähert und gezähnelt, aber ohne Zahn hinter der Mitte. Die Fühler bestehen aus 27—30 Gliedern. Diese interessante Art kommt hier und da vereinzelt in Europa (Deutschland, England ꝛc.), aber auch in Vorderasien und im Norden von Afrika vor.

Der gemeine Ohrwurm (Forficula auricularia, Fig. 2) ist überall in Europa zu Hause, aber nirgends gern gesehen. Der Gärtner kennt ihn als Zerstörer seiner besten Nelkenblüten und Georginen und setzt Blumentöpfchen oder Hornschuhe von Klauentieren auf die jenen beigegebenen Stäbe, um ihm einen angenehmen Schlupfwinkel darzubieten, aus welchem er ihn zur Vertilgung herausklopft. Neuerdings empfehlen andere, ihn als Vertilger von Blattläusen zu schonen. Dem Kinde wird der Genuß der Beeren verleidet, wenn ein Ohrwurm nach dem anderen aus dem Dunkel der dicht gedrängten Weintrauben herausspaziert; die Köchin wirft entrüstet den Blumenkohl von sich, wenn beim Abputzen und Zergliedern des Kopfes das braune Ungetüm mit seinen drohenden Zangen an das Tageslicht kommt. Der gemeine Mann meint, er müsse seine Ohren vor ihm schützen, damit er nicht hineinkrieche und das Trommelfell zerkneipe. Aber auf unsere Ohren hat er es trotz seines Namens am wenigsten abgesehen. Es mag vorgekommen sein, daß er dem einen oder anderen Menschen, welcher leichtsinnig genug war, sich in das Gras schlafen zu legen, in das Ohr gekrochen ist, weil er dergleichen dunkle Verstecke liebt. Welche Gefahren bei der eben bezeichneten Unvorsichtigkeit noch von ganz anderen Seiten drohen, wurde schon früher hervorgehoben, und darum setzt sich ihnen der Verständige lieber nicht aus.

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