All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
AskTalkView media
Reading progressPage 155 of 196

Die Zwitscherheuschrecke (Locusta cantans) unterscheidet sich, abgesehen von den äußeren Verschiedenheiten, wie die durchaus lauchgrüne Körperfarbe, die kurzen, die Hinterleibsspitze des Männchens wenig überragenden Flügeldecken, die geringere Größe (22 mm) und anderes mehr, auch durch Betragen und Gesang von L. viridissima. Sie kriecht weniger bis zu den Spitzen der Pflanzen (Hafer, Gerste, Weizen, Wicken, Klee und andere), sondern verweilt am liebsten in der Mitte derselben, ist sehr scheu und bemerkt die Annäherung des Menschen leicht, was sie durch sofortiges Verstummen ausdrückt. Wegen dieser Vorsicht und wegen ihrer Farbe findet und fängt man sie schwer. Weil sie vor und mit der Ernte singt, so nennt man sie in manchen Gegenden auch „Erntevogel“. Ihr Zirpen läßt sich besonders nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang hören und findet oft kein Ende. Die Töne folgen sehr schnell aufeinander. Nach zwei, drei oder vier Takten, deren jeder vier Sechzehntelnoten enthält, folgt ein etwas höherer, gedehnterer Ton und eine Pause, auf welche das Gezirp von neuem beginnt. Der Klang läßt sich etwa mit „rrss 'ss' Ss'... ssit“ wiedergeben. Das Zirpen wechselt mannigfach ab, namentlich in der Gefangenschaft. Diese Art scheint vorherrschend in der Schweiz, in Westfalen und Holstein verbreitet zu sein, kommt aber auch anderwärts, wie in der Provinz und im Königreich Sachsen, vor und ist z. B. bei Tharant häufiger als Locusta viridissima. Die ganze Gattung unterscheidet sich von der vorigen nur durch den Mangel der beiden Haftlappen am Grunde der Hinterfüße, durch schmäleren Gipfel des Kopfes und durch längere Aftergriffel.

Auf dürren Heiden, sandigen Feldern, von der Sonne beschienenen Berglehnen Europas und des vorderen Asien gräbt der schwarze Dickkopf, welchen wir auf der folgenden Seite abgebildet sehen, Röhren in die Erde, um sich bei nahender Gefahr hineinzuflüchten, rauhe und regnerische Tage darin zu verbringen und schließlich die Brutstätte daselbst zu begründen. Der Dichter, welcher ihn besingt, nennt ihn mit vollem Recht die „faule Grille“, der nicht moralisierende Forscher die Feldgrille, der Rheinländer Kaide oder Keckelmäuschen, der Pfälzer Kriksel oder Hämel (Gryllus campestris). Die Löcher, nicht viel weiter

als der Umfang des Tieres, gehen erst wagerecht in die Erde und senken sich weiterhin etwas nach unten. Sie werden vorzugsweise zu der Zeit angelegt, wo von seiten des Männchens der Gesang beginnt, also ziemlich zeitig im Frühjahr, und nur von einem Tiere bewohnt. Dabei entstehen häufig Kämpfe; denn jede Grille benutzt gern einen vorhandenen Bau, begegnet sie darin aber einer anderen, die ihn entweder anlegte oder als verlassenen früher bezog, so weicht keiner von beiden Teilen freiwillig. Man beißt sich, stößt mit den Köpfen gegeneinander, und ist der Sieg auf der einen Seite so vollständig, daß der Gegner auf dem Kampfplatze bleibt, so wird seine Leiche — — aufgefressen. Das Männchen steckt gern den Kopf aus seiner Höhle heraus und stimmt sein Liedchen an; weit weg davon geht es nie, um stets hineinhuschen zu können, was mehr im Laufen als durch Springen geschieht, wenn eine Eidechse, ein insektenfressender Vogel naht, die Fußtritte eines Menschen den Boden erschüttern ꝛc.; denn die Grillen entwickeln eine außerordentliche Vorsicht, die wohl

Häutung. 5) Männchen der Hausgrille (Gryllus domesticus). Alle natürliche Größe.

Furchtsamkeit genannt werden kann. Bringt das Männchen dem in der Nachbarschaft wohnenden Weibchen, um es herbeizulocken, ein Ständchen, so sitzt es mit gespreizten Beinen da, drückt die Brust gegen den Boden, erhebt die Flügeldecken ein wenig und wetzt sie mit ungemeiner Hast gegeneinander. Untersucht man dieselben etwas näher, so findet man, daß die zweite Querader (Schrillader) der rechten Flügeldecke auf der Unterseite vorzugsweise hervorragt und mit vielen kleinen Stegen querüber besetzt ist; dieselben werden gegen eine nahe dem Innenrande gelegene Ader der linken Decke eine Zeitlang im Herunter⸗ und dann abwechselnd wieder im Heraufstriche gewetzt, wodurch der Ton sich verändert. Nur wenn die Grille aufhört, legt sie die Decken zusammen, der Widerhall, welchen die dünnen Häute erzeugen, schwindet dadurch, und der letzte Laut wird viel schwächer. Es findet sich somit dieselbe Einrichtung wie bei Laubheuschrecken, nur vertauschen die beiden Flügeldecken ihre Rolle, weil hier die rechte, dort die linke die oberste ist. Das Weibchen vernimmt die Locktöne an derselben Stelle wie die Acridier, also an den Vorderschienen, es kommt herbei, stößt das Männchen mit seinen Fühlern an, damit dieses seine Gegenwart bemerke, dieses schweigt dann, erwidert wohl die Begrüßung, duckt sich, streckt und reckt sich, dreht den Kopf hin und her, und die Vereinigung erfolgt, indem es sich vom Weibchen besteigen läßt, eine Sitte, welche bei allen Schrecken üblich zu sein scheint. Acht Tage später beginnt das Weibchen im Grunde seiner Höhle mit dem Legen der Eier, bis 30 auf einmal. Sein Eierstock enthält deren etwa 300, und ehe diese alle entleert sind, soll es öfters mit dem Männchen zusammenkommen. Nach ungefähr 14 Tagen

Häutung. 5) Männchen der Hausgrille (Gryllus domesticus). Alle natürliche Größe.

schlüpfen die Larven daraus hervor und halten sich zunächst noch zusammen, fangen aber schon an, Schlupflöcher zu graben. Nach der ersten Häutung zerstreuen fie sich mehr, ohne weitere Wanderungen von ihrer Geburtsstätte vorzunehmen, suchen auch Verstecke unter Steinen und gehen der Nahrung nach, welche aus Wurzeln besteht, solange es die Witterung erlaubt; wird diese unfreundlich und für das meiste Geziefer unangenehm, so suchen sie schützende Plätzchen zum Überwintern. Sie beziehen in sehr verschiedenen Größen die Winterquartiere. In dem der Entwickelung gewiß nicht günstigen Jahre 1867 traf ich in der ersten Hälfte des Oktober an den schönen, sonnigen Tagen, welche er noch brachte, Larven mit Flügelstumpfen und kurzer Legröhre, welche also meiner Meinung nach vor der letzten Häutung standen. Frisch und Rösel sind der Ansicht, daß das Insekt mit der vierten vollkommen werde; neuerdings wird dagegen behauptet, die Larve häute sich zehnmal, was mir nach allen sonstigen Erfahrungen entschieden zu hoch gegriffen zu sein scheint.

Mit dem jungen Jahr erwachen auch unsere noch unreifen Grillen, eine jede denkt nun ernstlicher daran, sich ihren eignen Herd zu gründen, was, wie bereits erwähnt, hier jo viel jagen will, als eine Wohnung für sich allein zu beziehen. Keine Feldgrille über: wintert im erwachsenen Zustande; nach Beendigung des Brutgeschäftes geht es mit dem Schlaraffenleben zu Ende. Sie hält sich glücklicherweise auf solchem Boden auf, mit dem der Mensch nicht viel anfangen kann, sonst wäre sie wohl im stande, durch Abfressen der Wurzeln seinen Kulturen nachteilig zu werden. Über die Beschaffenheit ihres Körpers, welchen wir auf S. 601 erblicken, braucht nur bemerkt zu werden, daß die Farbe glänzend schwarz an der Unterseite der Hinterschenkel, beim Weibchen wohl auch an den zugehörigen Schienen rot und an der Wurzel der braunen Flügeldecken gelblich ist. Obgleich eine Verwechselung mit einem anderen Tiere ausgeschlossen scheint, muß doch auch der Gattungscharakter festgestellt werden, welcher sich auf 15 europäische und zahlreiche ausländische Arten bezieht. Man erkennt sie an dem dicken, gerundeten Kopfe, dem quadratischen Vorderrücken, dem drehrunden, plumpen Körper, welcher in zwei lange, gegliederte Raife und beim Weibchen außerdem noch in eine gerade Legröhre ausläuft, an den drei Fußgliedern aller Beine, deren hinterste zum Springen befähigen, und endlich an den eigentümlich gebildeten Hinter: flügeln. Dieselben laufen nämlich am hornigen Vorderrand in eine Spitze aus, und jeder faltet sich unter dieser „Gräte“ zusammen, welche mehr oder weniger über die dem Rücken platt aufliegenden, gegitterten Decken hinausragen.

Das Heimchen oder die Hausgrille (Gryllus domesticus, Fig. 5, S. 601), kleiner und zierlicher als die vorige, von lederbrauner Farbe, an den Beinen und dem Kopfe lichter, mehr gelb, trägt auf letzterem eine braune Querbinde und auf dem Halsschilde zwei dreieckige, braune Flecke. Die Gräten der Hinterflügel ragen über den Körper hinaus und vermehren beim Weibchen die drei Anhängsel um noch zwei. Die Länge des Tierchens beträgt 17,5 — 19,5 mm. Im geselligen Beisammensein, in den nächtlichen Ausbrüchen aus seinen Verstecken, dem Aufsuchen der Wärme und derselben Nahrungsmittel erinnert das Heimchen lebhaft an die Küchenschabe, in deren Gesellschaft es nicht selten in Backhäusern, Mühlen, Brauereien, Kasernen, wo es mitunter als „kleine Krebse“ die langen Brühen der Suppen würzt, in Hospitälern und anderen ähnlichen Ortlichkeiten zu finden ist. Ein einzelnes unterbricht mit seinem melancholischen Gezirpe die nächtliche Ruhe auf nicht unangenehme Weise, die vielstimmigen Konzerte aber können diejenigen zur Verzweiflung bringen, welche sie allnächtlich mit anhören müssen. Die Töne werden von den Männchen in derselben Weise hervorgebracht wie von der Feldgrille, nur sind sie infolgeder geringen Größe des Musizierenden und der dichter stehenden Stege an der Schrillader schwächer und höher.

Nie in meinem Leben hatte ich bessere Gelegenheit, die Heimchen in ihrem Treiben zu beobachten, als in meiner Kindheit, wenn ich die Hundstagsferien bei den Großeltern

verbrachte. Die düstere Küche der alten Pfarrwohnung in Großgörschen war für die Hein: chen eine wahre Residenz. Durch sie nahm ich dann und wann mit der Großmutter meinen Weg, wenn wir uns zur Nachtruhe begeben wollten. Tausende von Heimchen tummelten sich hier, manche noch nicht so groß wie eine Stubenfliege, kleinere und größere bis zu vollkommen Erwachsenen, je nach den verschiedenen Altersstufen. Aus allen Winkeln zirpte es. Hier füllte das Mauerloch ein dicker Kopf aus, dessen lange Fühlfäden sich scharf gegen das verrußte Gestein abgrenzten, zog sich aber scheu zurück, sobald das Licht in die Nähe kam; dort spazierte eine Herde Junge, nach Nahrung suchend, keck umher, verriet aber bald, daß Furchtsamkeit jedem einzelnen angeboren ist. Mit den Händen eins der frei umherschweifenden Tierchen zu erhaschen war beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, und gelang es ja, so war der blinde Zufall dabei im Spiele, welcher bei der großen Menge einmal eins zwischen die Finger trieb, auf welches es nicht abgesehen gewesen war. Sie werden in dieser Hinsicht mehr durch ihre große Gewandtheit und Schnelligkeit im Laufen geschützt, als durch das Springvermögen, welches sie natürlich auch zu Hilfe nehmen, wobei man ihnen aber ansieht, daß ihnen der feiste Körper hinderlich ist und größere Sätze ihnen sauer werden. Eine Stelle ward ausgemittelt, wo der Fang keine Schwierigkeiten hatte. Im Herd war nämlich ein kupferner Kessel eingemauert und mit einem schlecht schließenden Holzdeckel versehen. Wenn nun zu irgend einem wirtschaftlichen Zwecke hier einmal den Tag über Wasser heiß gemacht worden war, von welchem immer auf dem Boden etwas zurückblieb, nebst einer behaglichen Wärme in der Umgebung, so saßen die Heimchen in solchen Mengen im Grund des Kessels, aus welchem sie natürlich nicht wieder heraus konnten, daß man sie mit den Händen greifen konnte. Ich verschaffte mir manchmal das Vergnügen und sperrte die auf solche Weise in meine Gewalt gekommenen über Nacht in ein Zuckerglas, welches oben wohl verwahrt wurde. Am anderen Morgen war ein heiles Heimchen eine Seltenheit. Gewöhnlich fehlten Beine, Fühler, ja selbst Stücke aus dem Leibe. Die Springbeine, welche sich die Schrecken in der Gefangenschaft leicht abstrampeln, und andere Glieder waren größtenteils verschwunden. In ihrer Gefräßigkeit und dem Arger über das unfreiwillige enge Zusammensein hatten sie sich einander angenagt. Hätte ich damals gewußt, was ich später erfahren, so hätte ich selbst die Behauptungen anderer prüfen können: die Heimchen sollen nämlich wie die Krebse beschädigte oder ganz fehlende Glieder wieder aus sich heraus ersetzen können, solange sie noch in der Häutung begriffen sind. Da meine Küchengänge und Heimchenjagden in den Juli fielen, so kann ich nach dem, was ich sah und eben erzählte, den Ansichten derjenigen nicht beipflichten, welche meinen, in diesem und dem folgenden Monat allein würden die Eier gelegt, sondern nehme an, daß es in der ganzen Zeit geschieht, während welcher sich das lebhafte Zirpen vernehmen läßt. Die Paarung erfolgt in derselben Weise wie bei der Feldgrille. Mittels seiner dünnen, geraden Legröhre bringt das Weibchen die gelblichen, länglichen Eier im Schutte, Kehricht oder in dem lockeren Erdreich innerhalb seiner Verstecke unter, aus ihnen schlüpfen schon nach 10—12 Tagen die Lärvchen. Sie häuten sich viermal und überwintern in ihrem unvollkommenen Zustande. Nach der dritten Häutung erscheinen die Flügelstumpfe und bei den Weibchen kurze Legröhren. Man nimmt an, daß die Lebensdauer ein Jahr nicht überschreite, während dessen das Weibchen sicherlich mehrere Male Eierhäufchen absetzt; es stirbt, wenn der Vorrat im Eierstock erschöpft ist.

Die zahlreichen volkstümlichen Namen, wie Werre, Reutwurm, Reitkröte, Erdwolf, Moldworf, Erdkrebs und andere, womit man die Maulwurfsgrille (Gryllotalpa vulgaris) belegt, deuten darauf hin, daß man sich um dieses Tier kümmert, sei es wegen des Schadens, den es anrichtet, sei es wegen seines wunderlichen Aussehens, durch welches es ein Zerrbild des Maulwurfs darstellt. Vom Körperbau sei nur bemerkt, daß

Continue reading
Page 155 of 196