Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Paarung dauert 12—24 Stunden. Sieben Tage später wird das Weibchen un: ruhig, frißt nicht mehr und sucht ein Plätzchen, wo es seine Eier ablegt, meist 39 mm tief in die Erde, welche natürlich ziemlich locker sein muß, wenn es so tief eindringen soll. Ein Eiklümpchen enthält 60—100 Stück, der Eierstock im Durchschnitt 150. Daraus schon geht hervor, daß es wenigstens zwei Pakete ablegen muß, wenn es alle seine Eier unterbringen will, und es wird dies beabsichtigen, wenn unfreundliche Witterung oder Mangel an Futter nicht hinderlich in den Weg tritt. Man beobachtete eine wiederholte Paarung. Nötig wird dieselbe schwerlich, wenn sie aber als etwas Ungewöhnliches vorkommt, so hat sie ihren Grund in der ungewöhnlichen Anzahl der Tiere. Körte fand 1826, als die Zugheuschrecke in der Mark Brandenburg so verheerend auftrat, vereinigte Pärchen vom 23. Juli bis zum 10. Oktober, so daß also das Eierlegen einen Zeitraum von fast einem Vierteljahre ausfüllt. Desgleichen erfolgt im Frühjahre das Ausschlüpfen während 2 oder 3 Wochen, welche Zeitabschnitte teilweise durch die Witterungsverhältnisse beeinflußt werden; denn mehr als viele andere Kerfe verlangen die Heuschrecken einen warmen, trockenen Sommer und Herbst zu ihrem Gedeihen. Treffen diese Bedingungen
SCHWARM DER WANDERHEUSCHRECKE.
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wenigstens für gewisse Länderstrecken ein, jo haben fie auch entschieden die Heuschreckenplage im Gefolge, sofern sich im vergangenen Jahr die Tiere gezeigt hatten. Diese Ansicht steht keineswegs im Widerspruch mit jener, welche oben von Fritsch angeführt wurde; denn ein warmer, trockener Sommer hat für unsere nördlichen Gegenden eine vollständig andere Bedeutung wie ein regenloser für das südliche Afrika. Das junge Lärvchen ist gelblichweiß, dunkelt aber schnell, so daß es bereits nach 4 Stunden grauschwarz aussieht. Bis zur zweiten Häutung nach ungefähr 5 Wochen behält es diese Farbe, mit weißen Zeichnungen am Hinterleibe untermischt, und sucht die zartesten Keime als Nahrung auf. Nach dieser Zeit breitet sich die Gesellschaft mehr und mehr aus und wird auch durch ihre
Wanderheuschrecke (Pachytylus migratorius) nebst Larve; nördliche Form (Pachytylus einerascens). Natürliche Größe.
Wirkungen in dem Maße bemerklicher, in welchem sie heranwächst, was unter noch zweimaliger Häutung ziemlich schnell geschieht. Etwa 14 Tage nach der vierten, mit welcher die Flügelstumpfe recht stattlich auftreten, kriechen die Tiere an Halmen in die Höhe, hängen sich an den Hinterbeinen auf, und binnen 20—40 Minuten weicht das letzte Gewand, und die Flügel entfalten sich. Es mag in den meisten Fällen scheinen, als wenn Futtermangel die Heuschrecken zum Abziehen nötigte, dieser dürfte aber nicht den alleinigen Grund dazu abgeben, vielmehr scheint ihnen, wie manchen anderen Kerfen, der Wandertrieb aus noch unerklärten Ursachen angeboren zu sein. — Eine kleinere Form, welche, für eine andere Art gehalten, Pachytylus cinerascens genannt wurde und vorherrschend in Afrika, Spanien, Frankreich und Süddeutschland mit der größeren zusammen vorkommt, 1875, 1876, 1887 auch allein in mehreren preußischen Provinzen stellenweise verheerend auftrat, dürfte nach den neueren Beobachtungen keine selbständige Art sein.
Eine kleinere, braun gefärbte Art mit dunkelroten Hinterflügeln bewohnt sonnige, dürre Hänge in unseren Gebirgen und macht sich durch das laute Geräusch bemerklich, mit welchem sie im heißen Sonnenschein eine kurze Strecke auffliegt, um sich dem heran—
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nahenden Spaziergänger zu entziehen; man hat sie deshalb die Klapperheuschrecke (Psophus stridulus) genannt. In Deutschland leben noch mehrere kleinere Arten, welche sich durch eine rauhe Körperoberfläche und einen scharfen Mittelkiel des Halsschildes auszeichnen, weshalb man ihnen vorzugsweise den zweiten der oben genannten Gattungsnamen Oedipoda gelassen hat. Ihre schwarz besäumten Hinterflügel sind gleichfalls rot oder blau gefärbt. Hierher gehört die mit zwei dunkeln Schrägbinden über die Flügeldecken und meist auch über die Hinterschenkel versehene gebänderte Heuschrecke (Oedipoda fasciata) von aschgrauer Grundfarbe. Manche Stücke haben mit Ausschluß der glashellen Spitze und des schwarzen Saumes lichtblaue Hinterflügel und werden in den Büchern allgemein unter dem Namen Oedipoda coerulescens aufgeführt, andere find in nichts anderem unterschieden, als daß der blaue Flügelteil rot ist; diese erhielten den Namen O fasciata oder germanica. Abgesehen von der sonstigen Übereinstimmung find beide oft genug gepaart angetroffen worden, und ihre Scheidung in zwei Arten ist darum nicht zulässig. Sie beleben sonnige Abhänge, Waldränder und solche Stellen, an denen sich auch die Klapperheuschrecke findet, niemals Wiesen, beschränken sich aber nicht auf die Gebirge.
Die Gattung Gomphocerus (Stenobothrus Fischers) umfaßt unsere kleineren, be: sonders Wiesen und Grasplätze bevölkernden Arten. Sie haben eine platte, niemals rauhe oder tief punktierte Oberfläche des Körpers und lassen sich meist an dem viel stärker hervorragenden Vorderkopf erkennen, welcher an der Grenze des Scheitels vor jedem Auge ein schmales, längliches, ziemlich tiefes Grübchen oder, wo es fehlt, einen scharfen Scheitelrand aufzuweisen hat; bei manchen (Gomphocerus rufus und G. sibiricus) erweitern sich die kurzen Fühler vor der Spitze, so daß sie schmal lanzettförmig werden. Im übrigen stimmt diese Gattung mit der vorigen überein. Gemein auf allen Wiesen, manchmal so häufig, daß es von den durch den Fußtritt des Dahinschreitenden aufgescheuchten und aufspringenden Tieren wahrhaft rasselt, ist der 13 bis reichlich 18 mm lange liniierte Grashüpfer (Gomphocerus lineatus). Das rotbeinige Tier trägt fi) an der Außenseite der Hinterschenkel grün, wie am ganzen übrigen Körper, mit Ausnahme der gelben Längslinien, welche über Scheitel und Mittelleib verlaufen; die Flügeldecken reichen bis zur Leibesspitze, unterscheiden sich nicht nach den Geschlechtern in ihrer Bildung und führen auf rußigem Grunde einen schrägen, weißlichen Fleck. Die Grübchen am Scheitelrande sind deutlich ausgeprägt, und die Stirnschwiele reicht bis zum Munde. — Nicht minder häufig tummelt sich zwischen den eben beschriebenen auf den Wiesen von ganz Europa der dicke
Grashüpfer (Gomphocerus grossus). Bei ihm findet sich statt der Gruben am vorspringenden Scheitelteile jederseits ein scharfer Rand, ebenso einer zu beiden Seiten der Stirnschwiele, welche bis zum Munde reicht, und eine weniger scharfe Leiste an den Backen hinab, so daß eine Längsmulde, welche oben mit der Fühlergrube beginnt, die Gesichtsseiten geradlinig durchzieht. Von der olivengrünen Körperfarbe schließen sich die Hinterschenkel an der blutroten Unterseite und ihre gelben Schienen aus, auch die den Hinterleib überragenden grünen Flügeldecken haben einen gelben Außenrand. Die Körperlänge beträgt 15—26 mm. Die zahlreichen anderen Arten erheischen zur sicheren Unterscheidung eine sehr umständliche Beschreibung.
Die italienische Heuschrecke (Caloptenus italicus) kommt nicht bloß in Italien vor, sondern findet sich auch im Süden Rußlands bis Sibirien, in Deutschland, so in der Mark, in Schlesien, Sachsen, Osterreich, und trat unter anderen 1863 in der Krim massenhaft auf. Weil sie sich vorzugsweise in den Wäldern und waldigen Gebirgen entwickelt, wird sie den Bäumen und, wo sie dieselbe findet, der Weinblüte, weniger den Gräsern und dem Getreide nachteilig. Schon im April oder noch früher kommen die Larven aus den Eiern. Pallas hat dieselben im südlichen Rußland beobachtet und ungefähr folgenden
Bericht über sie erstattet. Bei heiterer und warmer Witterung sind sie früh, sobald der Tau verdunstet ist, in voller Bewegung, schon mit Sonnenaufgang, wenn es nicht getaut hat. Erst sieht man einige wie Boten zwischen den noch ruhenden Schwärmen aufund abgehen, welche teils auf der Erde, sehr gern am Fuße kleiner Hügel dicht aneinander gedrängt liegen, teils sich an allerhand Pflanzen und Gesträuchen gruppenweise verteilen. Bald darauf setzt sich das ganze Heer in Bewegung, und zwar so in einem Striche, daß man kaum eine Abirrung bemerkt. Sie gleichen einem Schwarm von Ameisen, und alle nehmen, ohne sich gegenseitig zu berühren, denselben Weg, stets in geringer Entfernung voneinander. Rastlos und mit aller einem Kerfe möglichen Schnelligkeit im Laufe steuern sie einer Gegend zu, ohne zu springen, außer in dem Falle, wo sie verfolgt werden. Dann zerstreuen sie sich, aber bald sieht man sie wieder zusammenkommen und auf dem vorigen Wege ihre Reise fortsetzen. So marschieren sie von Morgen bis Abend, ohne Halt zu machen, und legen häufig einen Weg von 100 Faden und darüber an einem Tage zurück. Sie gehen sehr gern auf ordentlich gebahnten Straßen und freien Feldern fort, wenn ihnen aber ein Gesträuch, eine Hecke, ein Graben in den Weg kommt, so wandern sie, wenn irgend möglich, gerade darüber oder hindurch. Bloß Sümpfe und Flüsse können sie aufhalten, vor dem Naßwerden scheinen sie einen entschiedenen Abscheu zu haben. Doch versuchen sie oft auf überhängenden Zweigen an das jenseitige Ufer zu gelangen, und wenn Pflanzenstiele und Stämme gerade über das Wasser liegend eine Brücke bauen, so benutzen sie dieselbe in dichten Kolonnen. Oft sieht man sie darauf ausruhen, als ob sie sich an der Kühle des Wassers labten. Gegen Sonnenuntergang löst sich der ganze Schwarm in kleine Partien auf, um Nachtquartier in der gewohnten Weise zu nehmen. An kalten, regnerischen Tagen wandern sie nicht. Die eben geschilderte oder eine sehr ähnliche Lebensweise führen indessen nicht bloß die Larven der italienischen Heuschrecke, sondern diejenigen aller Arten, welche im vollkommenen Zustande als Schwärme sich erheben. Von Mitte Juli ab bekommen sie die Flügel und zerstreuen sich dann mehr; es folgt die Paarung und das Eierlegen, und daher schlüpfen einzelne Junge unter günstigen Verhältnissen schon im Herbste aus. Die Art steht der vorigen in Größe und Körpertracht sehr nahe, macht sich aber sofort durch einen warzigen Höcker zwischen den Vorderhüften sowie durch einen weniger vorspringenden, gerundeten Scheitel, einen breiten Vorderrücken und eine kugelige Verdickung der männlichen Hinterleibsspitze als Gattung kenntlich. Bei der genannten Art entwickeln sich alle drei Kiele des Halsschildes ziemlich gleichmäßig, und die drei welligen Quereindrücke desselben fallen noch in seine vordere Hälfte. Der Körper und die mit seiner Spitze abschneidenden Flügeldecken werden auf schmutzig gelbem Grund durch braune Sprenkel dunkler. Der Innenrand der Hinterflügel färbt sich breit rosenrot, wie die Innenseite der Hinter: schenkel, während deren Außenseite einfarbig gelblich bleibt oder mit dunkeln Binden gezeichnet ist.
Den alten Gattungsnamen Acridium behielten nur die größeren Arten, deren kurze Fühler sich vorn nicht zuspitzen und deren Vorderbrustring unten bewarzt, oben zu einem starken Mittelkiele gleichmäßig oder nur vorn in noch erhöhetem Maße kammartig erhoben ist. Die einzige Art, welche ihr Verbreitungsgebiet bis zum Süden Europas erstreckt, ist die tatarische Heuschrecke (Acridium tataricum), einer Gruppe angehörig, bei der der Kiel den Vorderrücken gleichmäßig durchläuft und vorn durch die 3 Quereindrücke gezahnt erscheint, sich überdies der Brusthöcker als ein vorn etwas verdickter gerader Zapfen darstellt; das gelblichgraue Kleid wird auf den Flügeldecken fleckenartig verdunkelt, und im Nahtfelde der Hinterflügel grenzt sich ein dunkler Bogenfleck wenig scharf ab. Das Männchen erreicht eine Körperlänge von 3,9, das Weibchen von 65 em. — In der Sammlung des Museums zu Halle befindet sich ein Stück des sehr ähnlichen Acridium peregrinum. 38*
welches über ganz Afrika verbreitet ist, mit dem Vermerk: „Gefangen im März auf der Sun (der nicht recht leserlich geschriebene Name eines Schiffes), 40 Meilen westlich von den Kanarischen Inseln, in großen Zügen aus Afrika kommend.“ Neuerdings hat man leider eine Gattungsspaltung vorgenommen, welche das Studium unmöglich erleichtern kann.
Wesentlich anders nehmen sich durch ihre sonderbare Kopfbildung die artenreichen Schnabel- oder Turmschrecken (Truxalis) aus. Der genannte Körperteil erhebt sich nämlich nach vorn und oben mehr oder weniger hoch in einen am Gipfel dreieckigen und an der oberen Fläche entweder ausgehöhlten oder gewölbten Kegel, welcher sich seitlich tief einsenkt und hier die platten, dreikantigen, der Spitze eines Stoßdegens ähnlichen Fühler trägt. Diese kehren ihre breiteste Fläche nach oben, die schmalste nach innen. Der Körper erscheint schwächlich und gestreckt, die ihn überragenden Flügel spitzen sich am Ende zu, und die gekanteten Hinterschenkel verdicken sich nur mäßig, so daß sie, wie alle angegebenen Merkmale das ihrige dazu beitragen, die Schnabelschrecken besonders dürr und gespensterhaft erscheinen zu lassen. Im südlichen Frankreich, in Italien und
Ungarn lebt die europäische Nasenschrecke (Truxalis nasuta), bei welcher der über den Rand des Vorder: rückens vorragende Kopfteil mindestens ebenso lang ist wie die stärker heraus: tretende Mittellinie jenes, welcher seinen Hinterrand gleichfalls winkelig auszieht. Der Kopfzipfel erscheint an seinen drei Seiten gleichmäßig gehöhlt, vorn stumpf zugespitzt, und die Vorderbrust bleibt ohne Höcker. Das 3,9 em messende Männchen ist grün, mit Ausnahme der lichtgelben Wurzel an den glashellen Hinterflügeln, das 13 mm längere Weibchen erscheint dagegen am Mittelleibe und an den Flügeldecken braun gebändert und an den Binden der letzteren weiß gefleckt.