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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Während sich bei allen bisher besprochenen Arten das Brustbein vorn abstutzt und dem Kopfe volle Freiheit gewährt, erhebt sich bei einigen der Vorderrand desselben, so daß sich der Mund dahinter verstecken kann. Hierher gehören unter anderen die Dornschrecken (Tetrix oder Tettix), wo sich der Hinterrand des Halsschildes bis zum Leibesende oder noch darüber hinaus erstreckt. Die Flügel sind von dieser dreieckigen, in der Mitte spitz auslaufenden Verlängerung des Halsschildes so gut wie ganz bedeckt, daher auch die sie schützenden Vorderflügel als überflüssig bis auf ein Hornplättchen verkümmern. Mit ihnen geht natürlich auch das Zirpvermögen verloren. Die Netzaugen quellen hoch oben am Kopfe unmittelbar vor dem Vorderrand des Halsschildes und neben den fadenförmigen Fühlern stark hervor. Die Hinterschenkel verdicken sich gewaltig. Wegen ihrer Kleinheit und des sehr verborgenen Lebens erinnern die Dornschrecken einigermaßen an die Flöhe. Die gemeine

Dornschrecke (Tetrix subulata) ist unter den deutschen noch die größte (bis 11 mm) und überall nicht selten. Das Halsschild stutzt sich vorn gerade ab, erhebt sich in einen nur schwachen Mittelkiel und spitzt sich dornartig weit hinter der Leibesspitze zu. Die Seiten seines Hinterrandes, welche an der Verlängerung nicht teilnehmen, erscheinen als je zwei regelmäßig dreieckige Zähne. Häufig, nicht immer, überzieht den Rücken des graubraunen Körpers eine bleichgelbe Färbung, welche sich an den dunkelbespitzten Fühlern

als Regel wiederholt. Ich habe häufig überwinterte Larven angetroffen, fo daß ich hier diese Entwickelungsweise für die gewöhnliche annehmen möchte.

Die Laubheuschrecken oder Säbelschrecken (Locustidae) lassen sich an den langen und borstigen, in ihren Gliedern nicht unterscheidbaren Fühlern und an den vier Gliedern aller gleichgebildeten Füße auf den ersten Blick erkennen. Der Kopf steht senkrecht, tritt am Scheitel zwischen den halbkugeligen Augen mäßig hervor und läßt meist die Punktaugen vermissen. Der sattelförmige Vorderrücken pflegt sich nach hinten über die äußerste Wurzel der Flügel auszubreiten. Diese nehmen der Hauptsache nach die Seiten des Körpers ein, greifen mit den schmalen Innenrändern übereinander und bilden sonach oben in ihrem Wurzelteil ein schmales, plattes Dach über dem gerundeten, in der Mitte den größten Umfang erreichenden Hinterleibe. Letzterer endigt beim Männchen in oft hakig gekrümmte Raife, beim Weibchen in eine längere oder kürzere säbelförmige Legröhre, so daß der Unterschied der Geschlechter schon aus der Ferne wahrgenommen werden kann. Dem letzten der Fußglieder fehlt der Haftlappen zwischen den Krallen. Die Männchen verwenden hier nicht ihre Hinterschenkel zum Musizieren, sondern bringen die wetzenden, schrillenden Töne durch das Reiben der Flügeldeckenwurzeln aneinander hervor. Die linke, zugleich obere Flügeldecke enthält an ihrem Grunde eine kräftige Querader von nahezu der Form eines Paragraphzeichens (S), welche auf der Unterseite mehr heraustritt als oben und durch zahlreiche Querkerben rauh wie eine Feile wird. Der dreieckige Teil der rechten Flügeldecke darunter, welcher wagerecht auf dem Rücken liegt, zeigt einen dünnhäutigen, ringsum von kräftigen Adern eingeschlossenen Fleck, den sogenannten Spiegel, dahinter einen kleineren von gleicher Form und Durchsichtigkeit. Werden nun die Decken beim Zirpen gehoben und mit den Schrillleisten der linken schnell hintereinander die Ränder des Spiegels gewetzt, so wirken die feinen Häute wie ein Resonanzboden und verstärken den Ton. Eine Ausnahme von der Regel bilden einige Arten mit blasig aufgetriebenen Flügeldecken, bei denen auch die Weibchen locken können und die gegenseitige Lage der Decken eine durchaus gleichgültige ist. Bei den Säbelschrecken haben die Beine, und zwar die vordersten, in anderer Beziehung ihre Eigentümlichkeit. An der Wurzel der Schienen bemerkt man außen ein tiefes Spalten⸗ oder Grubenpaar, welches im Inneren von zarter Haut geschlossen wird. Zwischen beiden Offnungen erweitert sich der Hauptstamm der den Vorderbeinen angehörigen Luftröhren blasenartig, und ein aus dem ersten Markknoten der Brust entspringender Nerv schwillt ebendaselbst zu einem Knoten an, von welchem eigentümlich gestaltete Nervenelemente abgegeben und in reihenweise gestellte, wasserhelle Bläschen eingeschlossen werden. Dieses Gebilde hat von Siebold in seinem Baue sorgfältig untersucht und für das Gehörwerkzeug dieser Familie erklärt.

Die Entwickelung dieser Heuschrecken unterscheidet sich im wesentlichen nicht von der der vorigen; die lange Legröhre der Weibchen weist darauf hin, daß sie ihre Eier nicht an Grasstengel legen, sondern tiefer in die Erde als die Feldheuschrecken. Die Laubschrecken breiten sich samt diesen über die ganze Erde aus und halten sich, besonders die grün gefärbten, vorherrschend auf Buschwerk und Bäumen auf, deren Laub sie fressen, während die braunen und graubraunen mehr niederen Pflanzen nachgehen, was bei beiden vorzugsweise während der Nacht geschieht. Weil nur wenige dieser Tiere hier zur Sprache gebracht werden können, so scheint es ratsam, ein paar sehr entgegengesetzte Formen durch Abbildungen zu erläutern. Das plumpe, ungeflügelte Wesen (Fig. 1, S. 598) ist keine Larve, sondern ein ausgewachsenes Weibchen des in Syrien und Arabien heimischen Hetrodes spinulosus (horridus Klug),

welchen Namen ich durch bedornte Einhornschrecke verdeutschte. Die dünnen Hinterschenkel, die äußerst schwach bewehrten Schienen, die verdeckte schwielige Grube am Grunde der vordersten derselben und die kurze Legröhre unterscheiden diese dicke gelbe, an Hinterrand und 7Stacheln des Halsschildes gebräunte Art von den übrigen Genossen der Gattung. Diese selbst aber wird durch vollkommene Flügellosigkeit in beiden Geschlechtern, durch die mitten auf der 1 Stirn, unter den Augen eingelenkten Fühler, durch den Zapfen zwischen ihnen, die Dornen f des großen Vorderrückens und endlich durch die breiten, vorn gestutzten Mittel- und Hinterbrustbeine charakterisiert. Noch mehrere andere Laubheuschrecken schließen sich diesem Körperbaue an, erheben sich aber allmählich zur Andeutung von Flügeln. 4{ Das schlanke, gelbgrüne Tierchen, welches wir in Figur 2 auf unserem Bilde in beiden Geschlechtern erblicken, hält sich nur auf Eichbäumen auf, weshalb ich es die Eichenschrecke nennen möchte; bei den Entomologen heißt es Meconema varium und hat

Geschlechtern. Alle natürliche Größe.

keinen zweiten Gattungsgenossen. Bei Halle ist es sehr gemein und wird als Larve ziemlich früh im Jahre angetroffen. Es zeigt, wie alle Laubheuschrecken, eine gewisse Trägheit und Schwerfälligkeit. Ich sah es nie fliegen. Bei Erschütterung der von ihm bewohnten Bäume fällt es herab, ohne die Flügel während der Luftfahrt in Anspruch zu nehmen, auch hörte ich es nie zirpen, was es vielleicht nur oben im grünen Laubdache thun mag, häufig genug kriecht es aber an den Stämmen auf und nieder. Einmal beobachtete ich, und zwar am 15. Oktober, wie das Weibchen seine stark gekrümmte Legscheide zwischen Rindenschuppen tief eingesteckt hatte, um Eier zu legen, ein andermal erzog ich im Frühjahr eine Larve aus im Herbste eingetragenen, von ihren rechtmäßigen Bewohnern verlassenen Gallen der Schwammgallwespe. Die Eichenschrecke eröffnet eine lange Reihe solcher Arten, deren Fühler zwischen den Augen, an der Spitze der Stirn sitzen, und deren Gehörgruben einen elliptischen Umkreis haben; die genannte Art zeichnet überdies eine wehrlose, vorn gestutzte Brust und ein stumpfer Stirnzapfen aus.

Die nur grünen Arten der Gattung Phylloptera sind Blätter, welche auf der schmalen Kante wandeln, wie gewisse Gespenstschrecken (Phyllium) auf der breiten Fläche, indem die Flügeldecken, abgesehen von der dreieckigen Rückenfläche mit den Resonanzböden an ihrer Wurzel, sich wie ein schön grünes, lanzettförmiges Blatt längs der Körperseiten hinziehen, den Leib weit überragend, meist jedoch von den spitzen Zipfeln der Unterflügelspitze überragt. Manchmal sind diese Blätter stark maschenartig gerippt, wie bei dem hüpfenden Myrtenblatte (Phylloptera myrtifolia) Südamerikas, manchmal

Geſchlechtern. Alle natürliche Größe.

außerordentlich zierlich mit bunten Augenflecken bemalt, wie die mindestens noch einmal so große (7,8 em lange), an den Hinterschienen durch Dornenknoten noch besonders bewehrte gefensterte Blattschrecke (Phylloptera fenestrata) von Borneo, meist aber werden sie von einer Längsader als nicht in der Mitte liegenden Mittelrippe durchzogen, welche einige weit schwächere Aste aussendet.

Merklich zahlreicher sind die auf viele Gattungen verteilten Arten, bei denen die Einlenkungsstelle der Fühler dieselbe bleibt, die Gehörgänge an den Vorderschienen aber als schmale Spalten erscheinen. Hier sei nur zweier, und zwar der gemeinsten europäischen Gattungen gedacht. Die eine, Decticus, erkennt man an dem stumpfen, das erste Fühlerglied nicht überragenden Gipfel des Kopfes, an den langen, beweglichen Dornen, welche die Innenseite der Vorderschienen bewehren, und vor allem an den zwei freien Haftlappen, mit welchen das erste Glied der Hinterfüße versehen ist. Die Arten haben alle eine grünlich⸗ oder graubraune Farbe, einige verkümmerte Flügel. Die größte von allen, der 26—30 mm messende Warzenbeißer oder das große braune Heupferdchen ODecticus verrucivorus), ist über das nördliche und mittlere Europa verbreitetund findet sich auf Wiesen und Kleefeldern. Vor einigen Jahren traf ich ihn hier häufig in den angebauten Zichorien; an Buschwerk hält es sich, soviel mir bekannt, nicht auf. Die vier Kanten der Hinterschienen sind an der unteren Hälfte mit kräftigen Dornen bewehrt, die vordersten mit drei Reihen beweglicher Stacheln und die zugehörigen Hüften mit einem einzelnen Dorn. Scheitel und Stirn trennt eine Querlinie in der Höhe der Fühlerwurzel; den Vorderrücken durchzieht eine Längsleiste. Außer den beiden Raifen überragt eine mäßig aufgebogene Legscheide die weibliche Hinterleibsspitze, zwei Griffel die männliche. Die Körperfarbe ändert mehrfach ab, helleres oder dunkleres Grün herrscht vor, zeigt bisweilen einen rötlichen, häufiger einen braunen Schimmer und geht stellenweise in braune Flecke über, besonders auch auf den langen Flügeldecken in gewürfelter Verteilung, während die Unterseite, besonders der Bauch, heller, mehr gelblich bleibt.

Durchschnittlich in der zweiten Hälfte des April schlüpfen die Larven aus den Eiern; in Zwischenräumen von ungefähr vier Wochen häuten sie sich, so daß sie mit der ersten Hälfte des Juni zum zweiten Mal das Kleid gewechselt haben. Jetzt kann man die Geschlechter äußerlich an der kurzen Legröhre des Weibchens unterscheiden. In der ersten Hälfte des Juli erscheinen sie nach der dritten Häutung mit den Flügelscheiden und Anfang August durch die vollkommene Ausbildung dieser als vollendete braune Heupferdchen. Alsbald beginnen die Männchen ihren Gesang. Es naht sich das Weibchen und zeigt ihm seine Gegenwart durch Hin- und Herschlagen mit den langen Fühlern an. Das Männchen ver: stummt, legt die Fühler nach hinten und untersucht, ob man sich ihm in freundlicher oder feindlicher Absicht nähert. Überzeugt es sich von ersterem, so bewillkommt es die Angekommene mit sanften Zwitschertönen. Wenige Tage später sucht das Weibchen eine lockere Stelle, am liebsten im Grase, bohrt feinen Säbel hinein und läßt 6—8 weißliche Eier durch denselben gleiten, welche Arbeit so und so oft wiederholt wird; denn jeder der beiden weiblichen Eierstöcke enthält ungefähr 50 Eier. Fängt man eine erwachsene Heuschrecke, so beißt sie heftig, daß die Haut des Gebissenen mit Blut unterläuft und Kopf samt Schlund von ihr hängen bleibt, wenn man sie schnell abreißt. Beim Beißen läßt sie einen braunen Saft ausfließen. Ob dieser wirksam beim Verschwinden der Warzen ist, in welche die Heuschrecke gebissen hat, und ob überhaupt eine solche Wirkung stattfindet, lasse ich aus Mangel an jeglicher Erfahrung dahingestellt sein.

Noch bekannter ist das etwas schmächtigere, 26 mm lange, große grüne Heupferd (Locusta viridissima), welches hier und da z. B. in Leipzig von den Kindern in eigens dazu käuflichen Drahthäuschen gefüttert und deshalb auf Kosten der reifen Getreide—

felder in denselben aufgesucht wird. Man ergötzt sich am Gesang, welcher, genau genommen, nur in den einzelnen Tönen „zik! zik!“ besteht. Die langen, gleichbreiten Flügeldecken, wie der Körper von saftgrüner Grundfarbe, bräunen nur am wagerechten Rückenteil und überragen den Hinterleib um das Doppelte. Auch der Kopf und der Vorderrücken, meist 7 in einer Längsstrieme, erscheinen nicht selten rostrot. Die fast gerade Legscheide des Weib: chens erreicht die Körperlänge mit Ausschluß des Kopfes. Das Tier meidet den Sonnen⸗ 4 schein und sitzt daher während desselben tiefer an den Pflanzen, kriecht aber im Schatten 75N bis zu ihren Spitzen, fliegt auch eine Strecke flach über der Erde hin, um Nachstellungen % zu entgehen, und verursacht dabei ein schwirrendes Geräusch durch das Schlagen seiner Flügel. Wenn ihm durch die Ernte seine Lieblingsörter genommen sind, sucht es Weiden, Birken und andere Bäume auf und sitzt namentlich in den Abend- und ersten Nachtstunden, munter zirpend, sehr hoch oben in denselben.

Noch zwei andere Arten von gleichfalls grüner Farbe und minder allgemeiner Ber: breitung dürfen nicht mit der eben besprochenen verwechselt werden: das geschwänzte grüne Heupferd (Locusta caudata), welches, abgesehen von einigen Verschiedenheiten im Bau der Hinterleibsspitze, deren Darlegung eine ausführlichere Beschreibung beider Arten voraussetzt als wir hier geben können, einen wesentlich anderen Gesang hat: ein eigentümliches Schnurren (rrrt und s), das keine Einzeltöne unterscheiden läßt.

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