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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Weibchen. Natürliche Größe.

deckenden Flügeln auf der Unterseite der Schöllkrautblätter (Chelidonium majus). In ihrer Nähe bemerkt man kleine, schwach weiß bestäubte Kreise, an deren Umfange die zuerst gelben, nachher braunen Eierchen liegen.

Die dritte Familie, die Blattläuse (Aphididae), hat in letzter Zeit zwei gründliche Bearbeiter gefunden: Buckton („Monograph of the British Aphides 1876— 1883“, 4 Bde.) und Jules Lichtenstein („Les Pucerons, Monographie des Aphidiens“ Montpellier I. part.: Genera 1885). Leider hat den Verfasser der letzten Arbeit der Tod ereilt, ehe er im zweiten Teil die Arten bearbeiten konnte. Seiner Einteilung sind wir bei Besprechung der wenigen Arten gefolgt.

Nicht alle deutschen Benennungen sind so bezeichnend wie die der Tannenläuse (Chermesinae) mit drei Adern im Vorder- und einer Schrägader im Hinterflügel. Die gemeine Tannenlaus (Chermes abietis) ist im flügellosen Zustande fo groß wie ein Sandkörnchen, geschwollen und unbeholfen, mit kurzen Beinen, langem Rüssel und einem weißlichen Wollkleide ausgestattet. In der äußeren Erscheinung einem Schildlausweibchen nicht unähnlich, hat sich dieses Tierchen an der Wurzel einer Tannenknospe (Pinus picea) festgesogen, die im nächsten Frühjahr einen sogenannten „Maitrieb“ entwickeln soll. Hier überwintert die Gemeinene BanTannenlausge (ChermesRueabietis):ma Larve,aeb eben Laus.a Sobald sie aus dem Winterschlaf

| noch e Zapfen. Alles ergeößert e häutet sich dreimal, stets nach dem Wechsel

der Haut ihr Wollkleid erneuernd, bleibt aber immer auf derselben Stelle sitzen und legt den Grund zu der zierlichen Galle, in welcher sich ihre Nachkommen entwickeln, indem sie durch ihr Saugen die Achse des Maitriebes verkürzt. Noch hat sich dieser nicht vorgeschoben, so beginnt die Tannenlausmit dem Legen von 100— 150 Eiern. Ungefähr in der zweiten Maihälfte find alle Larven aus diesen ausgeschlüpft und gleichzeitig die umhüllenden Schuppen hinter dem herausgetretenen Maitrieb zurückgeblieben. Die Larven begeben sich nun auf die Spitze dieses, versenken ihre Rüssel zwischen die dicht gedrängten und geschwollenen Nadeln und voll: enden durch ihr fortgesetztes Saugen die von der Stammmutter eingeleitete Mißbildung. Schließlich sitzen sie in zellenartigen Räumen innerhalb eines ananasähnlichen Zapfens (Fig. d). Dergleichen Zapfen bedecken manchmal die Kronen junger Fichten über und über und beeinträchtigen deren regelrechte Entwickelung gewaltig.

Die in den Gallen lebenden schwefelgelben Larven (Fig. a) sind schlanker als ihre Stammmutter, beweglicher als dieselbe, indem sie ihren Platz öfters verändern, und gleich—⸗ falls, aber mit kürzeren, weißen Wollfädchen bekleidet. Sie häuten sich dreimal, bekommen Flügelstümpfe (Fig. b), nie die Größe der Stammmutter und sitzen zuletzt mit angezogenen Beinen, nur vom eingestochenen Schnabel fest gehalten, ruhig an einer Stelle, bis der Zapfen durch Vertrocknen der Nadeln regelmäßige Querrisse erhält. Jetzt kommen sie (es pflegt in der ersten Augusthälfte zu geschehen) massenhaft hervorgekrochen, besteigen die

Gemeine Tannenlaus (Chermes abietis): a Larve, b eben ne Ban ge Rue m ae Gemeine Tannenlaus (Chermes abietis): a Larve, b eben Laus. Soba ne Ban ge Rue m ae a | noch e Zapfen. Alles ergeößert e

benachbarten Nadeln und klammern sich an ihnen fest. Kaum ist dies geschehen, so wird das Kleid zum letzten Male gewechselt, und geflügelte Tannenläuse (Fig. e) von gelbbrauner Farbe sitzen gedrängt umher, zerstreuen sich aber nicht weit von ihrem Geburtsorte. Nach wenigen Tagen kann man einzelne in vollkommen natürlicher Stellung, aber — tot und hinter ihnen ein Häuflein von höchstens 40 mit ihren Flügeln bedeckten Eiern antreffen, welche genau den Eindruck wie die von den überwinterten Müttern gelegten zurücklassen. Die alsbald aus den Eiern entschlüpften, flügellosen Jungen sind gelblich gefärbt, einige von ihnen, und zwar die beweglicheren mit bräunlichem Hinterleibsende, sind die Männchen, die andern sind Weibchen, wie Blochmann zuerst festgestellt hat. Er beobachtete auch, wie sie sich mit den trägeren, nach dem Stamme zu abwärts wandernden Weibchen paarten. Die befruchteten Weibchen verkriechen sich in die Rindenrisse, am liebsten jedoch hinter die unter den Nadeln sitzenden Schuppen, wo sie einige, in wenig weißliche Wolle gehüllte Eier ablegen. Blochmann meint nun, daß hiermit die Generation abgeschlossen sei, und daß aus diesen Eiern die überwinternden Jungen abstammen, von welchen unsere Betrachtung ausging. Dieser Ansicht widersprechen aber die Erfahrungen Dreyfus'. Derselbe hat durch Beobachtung und Züchtung der Tiere festgestellt, daß die Entwickelung eine weit zusammengesetztere ist und sich nicht in einem einzigen Jahre abspielt. Nach ihm kommen die Männchen und Weibchen nie aus den Eiern der den Fichtengallen entflogenen Tiere. Diese letzteren teilen sich vielmehr merkwürdigerweise in zwei ganz verschiedene Entwickelungsreihen. Die eine Hälfte bleibt auf der Fichte und stirbt da, wie oben erwähnt, mit ihren Flügeln 30— 40 Eier bedeckend, welche ohne vorhergegangene Begattung gelegt worden sind. Aus diesen Eiern schlüpfen die der Stammmutter gleichenden Jungen, welche an den Wurzeln der Fichtenknospen überwintern. Die zweite Hälfte verläßt die Fichte und fliegt auf Lärchenbäume in der Umgegend, legt Eier an die Nadeln, und aus diesen kommen Junge, welche unter der Rinde oder zwischen Rindenrissen überwintern und daselbst im Frühling des zweiten Jahres (stets ungeflügelt bleibend und ohne sich gepaart zu haben) Eier legen. Die Nachkommen dieser dritten Brut suchen die sich eben entfaltenden Lärchenknospen auf und wachsen auf den üppigen, jungen Lärchennadeln rasch zu einer zweiten geflügelten Generation schön hellgelber oder grüner Tiere heran, die als Chermes laricis beschrieben worden sind. Diese Läuse wandern auf die Fichte zurück, welche ihre Großmütter im vorangegangenen Sommer verlassen hatten, und erst diese vierte Generation (die zweite geflügelte) legt die Eier, aus welchen Männchen und Weibchen hervorgehen, mit welchen der Kreislauf von neuem beginnt.

Auch von einer anderen, ebenso häufig vorkommenden Art, der Chermes strobilobius, welche an den Zweigspitzen der Fichte kleinere, gelbliche Gallen von mehr kugeliger Gestalt erzeugt, hat Dreyfus ähnliche Wanderungen und Teilung der Reihen und einen sogar noch zusammengesetzteren Entwickelungsgang nachgewiesen, und sind seine Befunde von Blochmann und Cholodovsky auf Grund eigner Beobachtungen bestätigt und erweitert worden. Ein solcher aus „Parallelreihen“ zusammengesetzter Entwickelungsgang dürfte sich in ähnlicher Weise auch bei der Gattung Phylloxera finden, kann sich aber, meiner Meinung nach, unter gegebenen Verhältnissen auch vereinfachen.

Während bei der Gattung Chermes die Fühler fünfgliederig sind und in den hinteren der dachartig den Leib deckenden Flügel eine, meist etwas verloschene Schrägader bemerkt wird, zeigt die Gattung Phylloxera nur dreigliederige Fühler und in den hinteren der wagerecht aufliegenden Flügel keine Schrägader.

Die Eichen⸗Rindenlaus (Phylloxera quercus) hatte durch die höchst eigentümliche und abweichende Entwickelungsgeschichte, wie sie Balbiani und Lichtenstein in erster Linie beobachtet haben, die Aufmerksamkeit der Forscher in 1 hohem

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.

Grade auf sich gelenkt. Im Frühling, gegen den 20. Mai, wie letzterer aus Montpellier berichtet, erscheinen auf der Blattrückseite der gewöhnlichen Eichen (Quercus pedunculata und pubescens) geflügelte Läuse, welche in ihrer Gestalt an die oben abgebildete Tannenlaus erinnern. Der Mittelleib ist schwarz, der breite Kopf, der Hinterleib und die kurzen Beine find rot, mehr oder weniger gelblich. Die Vorderflügel haben ein rötlichgelbes Rand: mal und drei sehr feine und einfache Schrägäste. Die Tierchen laufen, emsig suchend, hin und her und legen in die wollige Bedeckung der jungen Blätter gelbliche Eierchen nieder. Sechs bis acht Tage später entschlüpfen diesen weiße, ungeflügelte Läuse von breiter, schildlausartiger Körperform. Sie saugen sich fest, bewirken hierdurch gelbe Flecke, in deren Mitte je eine Laus sitzt, die, wenn sie nach einigen Häutungen geschlechtsreif und schwach warzig geworden, ringförmig um sich 30—40 Eier ablegt. Aus diesen entsteht in gleicher Weise eine zweite Brut, und jo mehrere hintereinander bis zum August, die späteren jedoch ärmer an Zahl, und alle ohne Zuthun eines Männchens. Im genannten Monat finden sich zwischen den ungeflügelten einige geflügelte Läuse, die aus in der ersten Jugend nicht unterschiedenen Larven entstehen und nur später durch Auftreten von Flügelstümpfen ein von den früheren verschiedenes Ansehen erhalten.

In einer Nacht gegen Anfang September verschwinden nach Lichtensteins Bericht mit einem Male alle geflügelten Läuse und ziehen gegen Süden, wo sie sich in Massen auf der strauchartigen, inden Gebirgen wachsenden Quercus coccifera wieder zusammenfinden. Alsbald legen sie einige Eier von zweierlei Größe, von denen die größeren hellgelb bleiben, während die kleineren eine rötliche Färbung annehmen. Die sich nach kurzer Frist aus diesen Eiern entwickelnden Geschöpfe entsprechen in Größe und Färbung den Eiern, denen sie entstammen, sind außerordentlich beweglich, haben kaum eine Spur von einem Schnabel, wohl aber gleich bei der Geburt entwickelte Geschlechtsunterschiede. Die kleinen sind die Männchen, welche sofort mit verschiedenen Weibchen zur Paarung schreiten und dann absterben. Die größeren weiblichen Läuse leben noch einige Tage, bis jede ihr einziges „Winterei“ zwischen Knospenschuppen oder in Rindenrisse abgelegt hat. Dasselbe ist verhältnismäßig sehr groß, indem es die Mitte des Körpers einnimmt, und gelb gefärbt. Mit dem nächsten Frühling bekommt das Winterei Leben, nach dreimaligen Häutungen ist eine stachlige Mutterlaus vorhanden, die in den ersten Maitagen an den Stengel oder die Blattunterseite der eben entwickelten Knospe der Kermeseiche 150—200 weiße Eierchen legt und sodann stirbt. Vier bis sechs Tage später erscheinen kleine, glatte Läuse, die sich an den Blättern festsaugen, sehr schnell wachsen, nach dreimaligen Häutungen Flügelstümpfe bekommen und nach der letzten Gebrauch von den Flugwerkzeugen machen, um die gewöhnlichen Eichen der nördlicheren Gegenden oder ausländische Arten in den Gärten aufzusuchen, wo wir sie im Anfang unserer Schilderung antrafen. Daß jene Wanderungen auf die südlichere Eichenart zu der Entwickelung nicht nötig, scheint aus dem Umstande hervorzugehen, daß ich Mitte Juli 1876 bei Erfurt und bei Naumburg das Insekt gleichfalls beobachtet habe und nicht voraussetzen kann, daß es aus dem Mittelpunkte Deutschlands nach der nur in den Gebirgen des südlicheren Europa wachsenden Kermeseiche fliegen sollte.

Die Reblaus, Wurzellaus der Rebe (Phylloxera vastatrix), hat seit den sechziger Jahren durch die ungeheuern Verwüstungen in den französischen Weinbergen allgemein die größten Kümmernisse erregt und gleichzeitig das Ansehen der vorigen, sehr nahe verwandten Art gehoben, weil man durch diese letztere der noch nicht hinreichend aufgeklärten Entwickelungsgeschichte des Rebfeindes auf die Spur zu kommen hoffte, was ja auch To ziemlich gelungen ist. Schon länger in Nordamerika bekannt (1853), erhielt dieses Ungeziefer vom Staats-Entomologen Asa Fitch den Namen Pemphigus vitifolii. Weil nPY

die Richtigkeit, es für eine Blattlaus zu erklären, angezweifelt wurde, gründete Schimer auf diese Art die neue Gattung Dactylosphaera, welcher Name die kolbigen Haare an den Füßen andeuten soll, die sich indessen auch bei anderen Schildläusen finden. Nachdem 1863 dasselbe Tierchen in englischen Treibhäusern aufgefunden worden war und dem Altvater in der Kerfkunde, Westwood, als neu galt, jo belegte er es mit dem dritten Namen, Peritymbia vitisana, dem 1868 Planchon den vierten, Phylloxera vastatrix,

Reblaus (Phylloxera vastatrix): 1) Wurzellaus von der Rücken-, 2) von der Bauchseite, 3) von der Seite und saugend, 4) Schnabel, 5) geflügelte Laus. Alles stark vergrößert. 6) Stück einer Rebwurzel, an welcher die Laus sitzt und durch ihr Saugen die Anschwellungen erzeugt hat; 7) älterer Wurzelstock mit bei 8) überwinternden Läusen.

folgen ließ. Letzterer Name ist bereits so volkstümlich geworden, daß hier schwerlich das von den Kerfkennern aufgestellte Gesetz, dem ältesten Namen das Vorrecht einräumen zu wollen, zur Geltung kommen wird.

Als Phylloxera trat das Ungeziefer namentlich in der Gegend von Avignon auf, schritt besonders in den Flußthälern auf- oder abwärts (durchschnittlich 20— 25 km in Jahres: frist) und hatte sich in einem Zeitraum von 8 Jahren so weit verbreitet, daß so ziemlich der dritte Teil (gegen 750,000 ha) des gesamten Rebgeländes in Frankreich von ihm heimgesucht und zum Teil bereits zerstört worden war. Als die Reblaus urplötzlich 1869 weit entfernt von ihrem bisherigen Verbreitungsgebiet bei Genf aufgetreten war, suchte man dieser überraschenden Erscheinung nachzukommen, und begünstigt von dem Umstande, 40*

Reblaus (Phylloxera vastatrix): 1) Wurzellaus von der Rücken-, 2) von der Bauchſeite, 3) von der Seite und ſaugend, 4) Schnabel, 5) geflügelte Laus. Alles ſtark vergrößert. 6) Stück einer Rebwurzel, an welcher die Laus ſitzt und durch ihr Saugen die Anſchwellungen erzeugt hat; 7) älterer Wurzelſtock mit bei 8) überwinternden Läuſen.

daß sie sich auch in den Versuchsgärten von Annaberg bei Bonn und Klosterneuburg bei Wien gezeigt hatte, stellte man ihre Einschleppung nach Europa durch amerikanische Reben fest. Ungeflügelte, noch nicht vollwüchsige Rebläuse von bräunlichgelber Färbung überwintern zwischen Spalten und Rissen meist fingerdicker, aber auch dünnerer Rebwurzeln. Nach ihrem Erwachen, welches von der Bodenwärme abhängt, vertauschen sie ihre runzelige, dunklere Haut mit einer zarteren, reiner gelben, setzen sich saugend an den Zaserwurzeln fest und erreichen bald ihre volle Größe von 0,75 mm oder wenig mehr. Aus der Abbildung (S. 627,

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