All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
AskTalkView media
Reading progressPage 167 of 196

Der anderen Sippe gehört der träge, mit seinen langen und dünnen Beinen auf dem

Boden der Lachenränder umherkriechende graue Wasserskorpion (Nepa cinerea, Fig. 2, S. 647) an. Die Fühler bestehen aus drei Gliedern, die Füße aus nur einem, und eine einfache Kralle bewehrt die Fangbeine. Mit Ausnahme des lebhaft mennigroten Hinterleibsrückens, welchen man für gewöhnlich nicht zu sehen bekommt, deckt ein durch anhaftenden Schmutz häufig entstelltes Schwarzbraun den ungemein plattgedrückten Körper. Der ungefähr die halbe Körperlänge erreichende Faden hinten am Leibesende besteht aus zwei nach innen hohlen Hälften, welche in ihrem gegenseitigen engen Anschluß das Atemrohr bilden, dessen Spitze das Tier häufig zur Aufnahme von Luft an die Oberfläche des Wassers bringt. — Im Frühjahr legt das Weibchen seine am Ende mit siebenstrahligen Fortsätzen versehenen Eier (Fig. 4) an Wasserpflanzen. Die ihnen entsprossenen Larven (Fig. 3) haben ein weniger gestrecktes, vielmehr in die Breite gehendes Ansehen und ein bedeutend kürzeres Atemrohr als die vollkommen entwickelte Wanze.

Weniger schlammigen als kiesigen Untergrund der stehenden Gewässer scheint die außerordentlich gestreckte Stabwanze, Nadelskorpionwanze, Schweifwanze (Ranatra linearis, Fig. 7, ©. 647), zu lieben. Die Gattung teilt im übrigen die Kennzeichen mit der vorigen und unterscheidet sich von ihr nur dadurch, daß die Hüften der Vorderbeine mindestens sechsmal länger sind als die Schenkelringe, daß die Schienen kaum den dritten Teil des Schenkels erreichen, und daß die Vorderfüße keine Kralle haben. Das im Körper walzige Tier erscheint schmutzig gelbgrau, am Hinterleib oben rot, an den Seiten gelb und an den Hinterflügeln milchweiß. Gleich der vorigen sieht man auch diese langbeinige Wanze auf dem Grund des seichten Wassers träge umherspazieren und auf Raub aus: spähen, nicht selten am Leibe mit kleineren und größeren, birnförmigen, roten Körpern besetzt, den Hülsen schmarotzender Wassermilben, welche der Gattung Hydrachna angehören. Das Weibchen legt seine Eier, von oben nach unten die Blätter einer Wasserpflanze durchstechend, wo dieselben infolge von zwei haarförmigen Fortsätzen hängen bleiben. Die Larven schlüpfen nach 14 Tagen aus, im Mai haben sie jedoch noch nicht die Länge von 13 mm und auch noch keine heraustretende Atemröhre erlangt; im August häuten sie sich bei einer doppelten Länge, bekommen die Schwanzfäden, aber noch keine Flügelscheiden; diese treten erst mit der dritten Häutung ein. Sehr ähnliche Arten kommen in den übrigen Erdteilen vor.

Die bei der Bildung ihrer Geschöpfe nirgends sprungweise vorgehende Natur hat in den Wasserläufern (Hydrometridae, Ploteres) eine Gruppe von Wanzen geschaffen, die hinsichtlich der Lebensweise den wasserbewohnenden, hinsichtlich der Körperbildung

dagegen den Landwanzen näher stehen und somit einen natürlichen Übergang von jenen zu diesen bilden. In ersterer Beziehung verhalten sie sich zu den Wasserwanzen genau so wie die Taumelkäfer zu den Schwimmkäfern; denn sie kommen nicht in, sondern nur auf dem Wasser vor. Nicht anders wie im Winter eine lustige Gesellschaft gewandter Schlittschuhläufer sich auf dem Eise tummelt, so laufen diese lang- und dünnbeinigen Wanzen ohne Eisbahn und ohne Eisen unter den Füßen auf dem ruhig stehenden, von der Sonne beschienenen Wasserspiegel von einem Punkte auseinander, nach einem anderen zusammen, kreuz und quer sich jagend und wiederum an einer Stelle sich einigend. Um zu ruhen, stehen sie ein anderes Mal wie angewurzelt und scheinen nur auf eine Veranlassung zu warten, um ihre Künste zu zeigen; denn naht man, so laufen sie neckisch davon und zwar gern gegen die schwache Strömung, wenn ein Bach ihnen zum Spielplatz dient. Daß die dem Larvenstand entwachsenen, mit Flügeln ausgerüsteten Wanzen diese auch gebrauchen, lehrt unter anderem das Erscheinen einzelner in mit Regenwasser gefüllten Wagengeleisen auf den Fahrstraßen. Kleine Erweiterungen in Wasserfurchen, welche als erste Anfänge eines Baches von den Bergen herabrieseln, nehmen sie gastlich auf. Ihre eigentlichen Standquartiere bilden aber alle größeren Wasserlachen und ruhige Stellen fließender Gewässer jeder Art, ja die Meerläufer (Hylobates) treiben auf der Oberfläche der tropischen Meere ihr Wesen und sollen sich dabei weit von der Küste entfernen. Die lustigen Umzüge dieser Wanzen dienen nicht nur dem Vergnügen, sondern auch dem Einfangen kleiner Insekten, mit welchen sie ihren Hunger stillen. Der Raub wird meist mit den zum Laufen nicht verwendeten Vorderbeinen ergriffen, obgleich diese nicht den Bau von Fangbeinen haben. Bei den verschiedenen Gattungen folgen die sechs Beine nicht demselben Bildungsgesetz, doch pflegen sie weit nach der Außenseite des Körpers gerückt zu sein und nur zwei deutliche Fußglieder zu tragen, deren letztes immer in einem Ausschnitt vor der Spitze mit zwei Krallen versehen ist. Bei allen erreicht der Kopf fast die Breite des vorderen Brustrings, aus welchem er ohne halsartige Verengerung wagerecht vorsteht; er trägt zwar nur viergliederige, aber deutliche, nicht versteckte Fühler und meist keine Nebenaugen. Die Schnabelscheide reicht bis auf die Vorderbrust, liegt dem Körper dicht an, ohne einer Rinne eingepaßt zu sein, und besteht aus drei Gliedern, deren mittelstes wenigstens die vierfache Länge des letzten erreicht. Den gestreckten, schmalen, nie auffällig plattgedrückten Körper überzieht dichtes Samthaar, welches der Unterseite in der Regel einen lebhaften Silber- oder Messingglanz verleiht. Die Flügel und Flügeldecken fehlen mitunter, letztere indes seltener, indem sie meist nur verkürzt sind. Die Weibchen legen ihre länglichen Eier reihenweise an Wasserpflanzen und umhüllen dieselben mit einem Gewebe.

Den nadeldünnen Teichläufer (Limnobates stagnorum, Fig. 8, S. 647) charakterisieren ein langer, nach vorn keulenförmig verdickter Kopf ohne Nebenaugen, dessen vorquellende Netzaugen fast bis zur Mitte vorrücken, ein wenig über denselben hinausreichender Schnabel und Gleichheit in der Bildung aller Beine. Das 13 mm messende Tierchen ist kahl und mit Ausnahme der rostroten Kopf- und Halsschildwurzel sowie der bräunlichgelben Beine schwarzbraun gefärbt; auf den Flügeldecken wechseln Längsrippen mit lichteren Furchen. Der Teichläufer kommt allerwärts in Europa vor.

Von den zahlreichen Arten der kräftigeren Wasserläufer (Hydrometra oder Gerris) lebt ungefähr ein Dutzend in Europa. Sie zeichnen sich durch die verkürzten Vorderbeine, den ungeheuer großen, den mittleren bis zu der Spitze des Schildchens deckenden Vorderrücken und durch den überall gleichbreiten, oben platten, unten start gewölbten, schmalen Hinterleib aus. Vier stabförmige Glieder bilden die Fühler, ebenso viele die Schnabelscheide, jedoch nur scheinbar, indem dasfrei abstehende Kopfschild sich über deren Anfang legt und nach hinten umschlägt. Zwei Nebenaugen sind meist deutlich, die Flügel—

decken durchaus lederartig und in der Regel bis zur Leibesspitze verlängert, diese tief ausgeschnitten, um die beim Männchen drei-, beim Weibchen zweigliederigen Geschlechtsteile aufzunehmen. Die von oben sichtbaren Hüften der vier Hinterbeine veranlassen an der betreffenden Körperstelle eine merkliche Verbreiterung. Die Larven unterscheiden sich von den ausgebildeten Wanzen durch eingliederige Füße wie durch Mangel der Flügel und scheinen sich sehr ungleichmäßig zu entwickeln; denn man trifft sie noch im Frühjahr an. Die Wasserläufer leben scharenweise beisammen und bieten vorzugsweise das oben geschilderte Schauspiel. Eine unserer gemeinsten Arten ist der Sumpf-Wasserläufer (Hydrometra paludum, Fig. 9, S. 647), kenntlich an den Querrunzeln auf dem hinteren Teil des dreimal in der Länge gekielten, vorn knotig gehöckerten Halsschildes und an den zwei Pfriemspitzen, in welche bei beiden Geschlechtern das letzte Leibesglied seitlich ausläuft, beim Männchen jedoch weiter als beim Weibchen. Die reichlich 14 mm lange Wanze ist schwarzbraun, in einer Randlinie des Hinterleibes gelblichweiß; im Gruppenbild sitzt sie auf dem Blatt in der Mitte des Vordergrundes. Bei den Bachläufern (Velia) stoßen, wie vorher, die glotzenden Netzaugen an den Vorderrand des fünfeckigen Halsschildes, welches vorn mit zwei silberhaarigen Seitengrübchen verziert ist und nach hinten gleichfalls das Rückenschildchen bedeckt, aber auf dem Scheitel des dreiseitigen Kopfes fehlen die Nebenaugen, die kürzeren, unter sich fast gleich langen Beine laufen in drei Fußglieder aus, und der gedrungenere Hinterleib ist an den

Seiten nach oben leistenartig erhoben. Der gemeine Bachläufer (Velia currens,

Fig. 11, S. 647) ist am Bauche einschließlich seines umgebogenen Seitenrandes orangegelb, nur die Ecken der Ringe nebst den fast kegelförmigen Afterspitzchen bleiben schwarz wie die übrigen Körperteile. Die sehr dicken, unten mit mehreren Zähnen bewehrten Hinterschenkel zeichnen das Männchen vor dem Weibchen aus. Diese zierlichen Wanzen laufen stoßweise, gern gegen den schwachen Strom, und finden sich in ganz Europa häufiger im ungeflügelten als im vollkommenen Zustand.

Im Anschluß an die eben besprochenen Wasserläufer bilden die Uferläufer (Saldidae, Riparii) einen weiteren Übergang zu den eigentlichen Landwanzen. Sie leben nur am Wasser, ebensowohl an den Meeresküsten wie an den sandigen, feuchten Ufern der Binnengewässer, wo sie nicht nur mit ungemeiner Schnelligkeit umherlaufen, sondern auch mit Hilfe ihrer langen, bestachelten Hinterbeine sich hüpfend fortschnellen, weshalb ihr Ergreifen große Schwierigkeit hat. Diese Gewandtheit in ihren Bewegungen und das Räuberleben in der Nachbarschaft des Wassers bringt sie hinsichtlich der Lebensweise den Wasserläufern näher als den mehr trägen, in der Hauptsache auf Pflanzenkost angewiesenen Landwanzen. Die artenreichste Gattung Salda zeichnet sich durch einen dreigliederigen, bis Zierlicher Uferläu⸗ zur Hinterbrust reichenden Schnabel, durch zwei Nebenaugen, durch fer (Salda elegantula).; 5..;.

Achtmal vergrößert. viergliederige, mitten vor dem Unterrand der Netzaugen eingelenkte Fühler, durch dreigliederige Füße, an deren Spitze die Krallen ohne Haftlappen ansitzen, und durch einige gestreckte Zelleninder dünnen Haut der Flügeldecken aus. Der Kopf erscheint kurz und durch die vorquellenden Augen breit, immer breiter als das Halsschild an seinem vordern Teile, der ganze Körper oval oder lang eiförmig. Der zierliche Uferläufer (Salda elegantula) gehört zu den kleinsten, ungefähr 3 mm messenden Arten, ist matt schwarz, oberhalb mit gelblichen angedrückten Haaren bekleidet,

Zierlicher Uferläu⸗ fer (Salda elegantula). erlicher Uferläu⸗ fer (Salda elegantula). Achtmal vergrößert. r (Salda elegantula) Achtmal vergrößert.

die Beine und Ringe am zweiten und vierten Fühlergliede sind gelb, die Flügeldecken neben dem gelben Rande mit zwei weißen Punkten gezeichnet.

Der hinter den glotzenden Augen halsartig verengerte Kopf und der durch quere Einschnürung in eine meist schmälere vordere und ausgebreitetere hintere Partie geschiedene, seitlich gerundete Vorderbrustring bilden die beiden in die Augen springenden Kennzeichen der Schreit- oder Raubwanzen (Reduvidae). Die peitschenförmigen Fühler bestehen aus vier Gliedern, zwischen welche sich dann und wann kürzere einschieben können, so daß hierdurch jene Zahl auf 5—8, ja bei einer Gattung durch Zerfallen der Hauptglieder auf 30 anwachsen kann. Hinter einer Querfurche trägt der Scheitel auf einer Erhöhung zwei Nebenaugen. Der pfriem: förmige, meist kurze und dreigliederige Schnabel steht frei vom Körper ab. Von den teilweise für die Gattungen sehr charakteristischen Beinen läßt sich im allgemeinen nur angeben, daß sie in drei Fußglieder, das letzte ohne Haftlappen, auslaufen, und daß sie sich, besonders die hintersten, durch bedeutende Länge auszeichnen, ohne den Eindruck der Schwäche zu machen, indem die Schenkel verdickt, auch durch Stacheln mannigfach bewehrt zu sein pflegen. Die sämtlichen Se

Schreitwanzen gehen trotz ihrer langen Kotwanze (Reduvius personatus) nebst Larven. Natürl. Größe. Beine nur langsam und gemessenen Schrittes, halten sich am Tage gern verborgen und schweifen des Nachts nach Nahrung umher, welche in kleinen Insekten, besonders Fliegen, besteht. Einige ausländische sind durch ihre Vorliebe für das warme Blut von Tieren und Menschen berüchtigt. So soll die über ganz Amerika verbreitete Radwanze (Arilus serratus) durch ihren empfindlichen Stich einen wahrhaft elektrischen Schlag versetzen. Ob es dieselbe ist, welche unter dem Namen Winhuka in den Andes von Chile, oder Rinhuka in den argentinischen Staaten während der Sommermonate die Leute aus den Häusern treibt, wenn sie sich der Nachtruhe hingeben wollen, mag, obschon sehr wahrscheinlich, doch unentschieden bleiben. Die meisten und größten Arten leben in heißen Ländern; von europäischen führt Fieber 1861: 34 auf 11 Gattungen verteilte Arten an, letztere haben sich durch bekannt gewordene ausländische Arten bedeutend vermehrt.

Die schwarzbraune, an den Beinen rötliche und hier sowie an den Fühlern und auf dem vierhöckerigen Vorderrücken weichbehaarte Kotwanze (Reduvius personatus) verdankt ihren eben nicht schmeichelhaften Namen der Sonderbarkeit ihrer Larve, sich nicht nur in staubigen Winkeln umherzutreiben, sondern auch ihren ganzen Körper mit Staub und Kehricht zu umhüllen, so daß dessen wahre Gestalt wie durch eine Maske versteckt wird. Auch die Art ihres Ganges hat etwas Eigentümliches. Sowie sie einen Fuß vorgesetzt hat, hält sie etwas an, rückt den zweiten nach und läßt dabei die andere Seite ruhen; so dringt fie stoßweise vor und bewegt entsprechend dabei ihre Fühler. Hält man ihr eine Stubenfliege oder sonst ein kleines Insekt vor, so nähert sie sich ebenso wie die vollkommene Wanze in kleinen Schritten, betaftet die Beute fragend mit den Fühl ern, springt dann auf

Kotwanze (Reduvius personatus) nebſt Larven. Natürl. Größe.
Continue reading
Page 167 of 196