Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die bisher betrachteten Tausendfüßer besitzen wenig Anziehungskraft und wissen durch das Schlangen- oder Wurmartige in ihrer äußeren Erscheinung dem Beschauer mehr oder weniger Zurückhaltung einzuflößen, was nicht in dem gleichen Maße von ihrer letzten, noch mit einigen Worten zu besprechenden Familie, den Rolltieren (Glomeridae), gilt. Man denke sich eins jener Gürteltiere, welche sich zusammenkugeln, aber ohne Schwanz und vortretende Schnauze, dafür mit zahlreicheren Beinen und in der einem Kerbtier dem Rückgrattier gegenüber zukommenden Kleinheit und Zartheit des Körpers, und man hat ein Bild von diesen sonderbaren Geschöpfen. Von obenher sind sie hoch gewölbt und hartschalig, auf der Bauchseite flach ausgehöhlt, weich und vielfüßig, beinahe ganz so gebaut wie die Rollasseln (Armadillo) unter den Krebsen, und doch lassen sich diese aus mehr als einem Grunde, besonders wegen der vier Fühler, der geringeren Anzahl der Beine, der griffelförmigen Anhängsel am Leibesende, nicht mit den in Rede stehenden vereinigen. Unsere Rolltiere bestehen außer dem nach unten gewendeten Kopfe aus 12—13 Ringen, deren zweiter und letzter länger, deren erster schmäler und kleiner als alle übrigen ist, und die sich alle nach 43*
den Seiten hin geschweift verschmälern. Wenn sich die Tiere in Gefahr befinden, rollen sie sich zu einer Kugel zusammen, wobei das letzte Glied mit seinem Hinterrande über den Vorderrand des großen zweiten übergreift und an den Seiten alles so genau in- und aufeinander paßt, daß nirgends eine Offnung bleibt, sondern die ganze Oberfläche des Körpers einen kugelrunden, festen Panzer darstellt. Abweichend von allen übrigen Tausendfüßern finden sich hier bei den auffällig kleinen und schlankeren Männchen am Ende des vor— 7 letzten Ringes die Kopulationsfüße, während die Geschlechtsöffnungen regelrecht bei Männchen und Weibchen unter einer Art von Schuppe am Grunde des zweiten Beinpaares angebracht sind. Daher liegt bei der Paarung das Männchen mit dem Kopfe am weiblichen Hinterende Bauch an Bauch, wie O. vom Rath zuerst beobachtet hat.
Die heimischen Arten der ganzen Familie gehören der Gattung Schalenassel (Glomeris) an, welche durch 12 Körperringe, 17 Beinpaare im weiblichen und 13 Ringe mit 19 Beinpaaren im männlichen Geschlecht sowie jederseits durch eine Bogenreihe quergestellter, einfacher Augen charakterisiert ist; die Fühler sitzen auf der Stirn und zeichnen sich durch Verlängerung des dritten und sechsten Gliedes aus. Man findet diese vollkommen harmlosen Schalenasseln einzeln oder in kleinen Gesellschaften und dann in verschiedenen Grö— ßen unter Steinen, abgefallenem Laub, an feuchten, reichlich mit Dammerde versehenen, unbebauten Orten, also vorherrschend in den Wäldern. Es sind ungemein träge Tiere, — welche meist zusammengekugelt in ihren Ber:
Gesäumte Schalenassel (Glomeris marginata). stecken ruhen, und e in einer Höhlung der Natürliche Größe. lockeren Erde, die von einer oder mehreren ausgefüllt werden. Jedoch sieht man fie auch lang: sam in gerader Richtung mit vorantastenden Fühlern dahingleiten nach Art der Juliden, nur ohne Wellenbewegung auf ihrem bedeutend kürzeren Rücken. Sobald sie aber eine Gefahr ahnen, kugeln sie sich zusammen und bleiben lange in dieser Stellung liegen, benutzen dieselbe wohl auch, um über abschüssigen Boden schneller hinwegzukommen, sich — herabrollen zu lassen. Ihre Nahrung besteht vorherrschend in verwesendem Laub und Moos. Nach der Paarung, welche in das Frühjahr und Sommersanfang fällt, vergehen 3—4 Wochen, ehe das Weibchen seine Eier in größeren Zwischenräumen ablegt. Dieselben werden einzeln abgesetzt und sogleich mit je einer erhärtenden Erdhülle umgeben. Nach etwa abermals 4 Wochen schlüpft die weiße Larve aus und zeigt außer dem Kopfe acht Körperringe mit drei Paar gegliederter und fünf Paar ungegliederter Stummelbeinen. Nach der nächsten Häutung sind letztere vollkommen entwickelt, und ein neuer Körperring ist hinzugekommen. Jetzt erst frißt sich die Larve aus ihrer Wiege heraus und bedarf längerer Zeit, ehe sie mit elf Beinpaaren und vier Punktaugen jederseits, statt der anfänglichen drei, in das nächste Stadium übergeht. So geht durch Häutungen die Entwickelung und Vervollkommnung bis zur Geschlechtsreife fort, ja vom Rath hat sogar noch nach dem Eintritt dieses Zustandes, namentlich nach der Paarung, bei beiden Geschlechtern Häutungen beobachtet und wie sie zum Schutze der jungen, noch weichen Haut wieder in die alte hineinkriechen.
Von den beiden in Deutschland allgemeiner verbreiteten Arten ist hier die nirgends seltene gesäumte Schalenassel (Glomeris marginata) dargestellt. Sie ist durchaus glänzend schwarzbraun und an den sichtbaren Rändern sämtlicher Rückenschilde gleich— Dö2
mäßig gelb eingefaßt, ändert aber im Tode ihre Farbe mehrfach. Sie geht südlich bis Italien und Kleinasien. Eine zweite, seltenere, die getupfte Schalenassel (Glomeris pustulata), ist etwas kleiner, ziemlich ebenso gefärbt, aber mit vier gelbroten Punkten auf dem ersten Ringe und je zweien auf jedem der folgenden gezeichnet, mit Ausschluß einiger vor dem letzteren. — Außer den beiden genannten kommt noch eine und die andere Art vereinzelt im südlichen Europa vor, nebst der Gervaisia costata, einem bis 5 mm langen, rauhen Tierchen von schimmelgrauer bis weißer Farbe.
Bedeutend größere als die europäischen, bis über 5 em lange und entsprechend breite Rolltiere leben im heißen Afrika wie in Asien und unterscheiden sich durch 13 Körperringe, 21 Beinpaare, runde Augengruppen auf jeder Seite des Kopfes und meist mehr keulenförmige Fühler. Sie gehören den Gattungen Sphaerotherium, Zephromia u. a. an.
Anhangsweise sei hier noch mit wenigen Worten einer kleinen Zahl von Tieren gedacht, die einer einzigen Gattung (Peripatus) angehören und dennoch eine besondere Klasse innerhalb des großen Kreises der Gliederfüßer vorstellen. Sie vereinigen Merkmale dieser mit solchen der Gliederwürmer, zu welchen man sie früher gestellt hat, ehe man wußte, daß sie durch Tracheen atmen. Der wurmartige Körper ist in Kopf und Rumpf gesondert, trägt an ersterem ein Fühler- und ein Kieferpaar und an den 14—42 Segmenten des letzteren je ein Paar stummelförmiger, mit zwei Krallen endigender Gliedmaßen. Diese haben unseren Tieren den Namen der „Krallenträger“ (Onychophora) eingebracht, während eine andere Bezeichnung (Protracheata) andeuten soll, daß man es hier mit Vorläufern der durch Tracheen atmenden Gliederfüßer zu thun hat. Besondere Eigentümlichkeiten der inneren Organisation bestehen in den beiden auseinander gerückten und nicht zu deutlichen Knoten angeschwollenen Längsnerven des Bauchmarkes und in den Harnwerkzeugen, welche ähnlich den Segmentalorganen der Ringelwürmer zu je einem Paar in jedem Körperringe liegen und am Grunde der Stummelbeine ausmünden.
Die Tracheen nehmen ihren Ursprung von zahlreichen, besonders in der Mitte des Bauches gelegenen, aber auch sonst über den Körper zerstreuten Poren. Die Geschlechtswerkzeuge sind auf zwei Einzelwesen verteilt, ihre Offnungen liegen bei beiden an der Bauchseite zwischen dem vorletzten Beinpaare. Die Weibchen gebären lebendige Junge. Die wenigen bis jetzt bekannten Arten der Gattung Peripatus leben an ähnlichen Ortlichkeiten wie die Tausendfüße in Süd- und Mittelamerika, am Kap und in Neuholland.
Die Spinnentiere (Arachnoidea).
Bei den Kerfen gliedert sich, wie früher gezeigt wurde, der Körper in drei verschiedenartige Teile, von welchen der mittelste die sechs Beine und meist auch Flügel trägt, bei den Tausendfüßern in zahlreiche, gleichartige Ringe mit entsprechend vielen Beinen und einem deutlich davon abgesetzten, Fühler tragenden Kopfe; bei denjenigen Gliederfüßern, ee*5 welche die Forscher als Spinnentiere (Arachnoidea) zusammenfassen, gestalten sich diese Verhältnisse abermals anders. Der Körper zerfällt hier in ein vorderes Stück, den sogenannten Kopfbrustteil (Kopfbruststück, cephalothorax), und in den Hinterleib. Jener erscheint mit wenigen Ausnahmen, in welchen er aus vier ganz gleichen Ringen besteht, als ein ungeteiltes Ganzes, dessen Rückenplatte ein großes, mehr oder weniger gewölbtes, den Ursprung sämtlicher Gliedmaßen überdeckendes Schild darstellt, während sein von den Hüften der Gliedmaßen rings umgebener Brustteil meist auf einen geringen Umfang beschränkt bleibt. Die Augen sind nur einfacher Art, schwanken zwischen zwei und zwölf, fehlen auch gänzlich und nehmen keinen bestimmten Platz ein, sondern gruppieren sich für die verschiedenen Arten in sehr charakteristischer Weise über die ganze vordere Breite des Kopfbruft-stücks. Unter dem freien Vorderrande des letzteren lenkt sich ein bei den verschiedenen Spinnentieren verschieden gebildetes Gliederpaar ein, welches seiner Verwendung und äußeren Er: scheinung nach für den Oberkiefer gelten muß, ohne jedoch dem Wesen nach ein solcher zu sein; denn es entspringt über der Mundöffnung und bekommt seine Nerven von dem oberen Nervenknoten, wie bei den bisher betrachteten Gliederfüßern die Fühlhörner. Man hat darum diese mit den Verrichtungen der Kinnbacken betrauten Fühler nicht unpassend als Kieferfühler bezeichnet und sie als charakteristisches Merkmal der Spinnentiere angesehen, denen die Fühler im bisherigen Sinne fehlen. Außer den Kieferfühlern kommen noch fünf Paare von Gliedmaßen vor, von denen die vier hintersten ganz das Ansehen von Gangbeinen haben, die drei letzten auch entschieden denselben Werkzeugen bei den Insekten entsprechen. Weil aber die vorderen die Stelle der Unterkiefer vertreten und in den verschiedenen Ordnungen immer wieder anders gebildet sind, so kommen wir bei Besprechung der letzteren nochmals auf alle diese Verhältnisse zurück. Hier sei nur bemerkt, daß die Freßwerkzeuge bei der Mehrzahl der von tierischen Stoffen lebenden Spinnentiere Giftwaffen enthalten, mit denen sie ihre Beute schnell töten. Der Hinterleib ist bisweilen gegliedert, aber häufiger aus einem einzigen Stücke gebildet und niemals mit Beinen versehen, wie so häufig bei den Krebsen. Das Atmen erfolgt durch sackartige, in Falten gelegte Lungen, durch Luftröhren oder auf der niedrigsten Stufe durch die Haut. Somit begreifen wir, um das Gesagte nochmals kurz
zusammenzufassen, unter den Spinnentieren diejenigen Gliederfüßer, welche am Kopfbruststücke kieferförmige Fühler, einfache Augen, höchstens vier Paar Beine, keine dergleichen am Hinterleib tragen und durch Lungen, Luftröhren oder die Haut atmen. Eine Formveränderung während der Entwickelung kommt bei ihnen im Sinne der vollkommenen Kerfmetamorphose nur vereinzelt vor.
Erste Ordnung.
Die Gliederspinnen (Arthrogastra).
Ein deutlich gegliederter, meist in seiner ganzen Breite dem Kopfbruststück an: gewachsener, mithin sitzender Hinterleib charakterisiert die höchste Stufe der Spinnentiere, deren äußere Erscheinung und sonstiger Bau wiederum so große Mannigfaltigkeit zeigt, daß die neueren Systematiker diese eine in vier Ordnungen zerlegt haben. Bei dem übermäßig beschränkten Raume, der uns für die ganze Abteilung zugemessen ist, können wir sie hier nur als Familien der Gliederspinnen behandeln.
Die Walzenspinnen (Solifugae als Ordnung, Solipugae als einzige Familie bezeichnet) weichen von allen Abteilungsgenossen dadurch wesentlich ab, daß sich die Gliederung nicht bloß auf den Hinterleib beschränkt, sondern sich auch über den Vorderteil des Körpers ausdehnt. Derselbe bildet nämlich einen eiförmigen Kopf, wie man diesen Teil geradezu nennen könnte, dessen größere Vorderhälfte aus den lotrecht gestellten, ungemein kräftigen Scheren und der blasig aufgetriebenen Wurzel der Kieferfühler besteht. Der untere Scherenfinger, gleich dem oberen am Innenrande mit kräftigen Zähnen ausgestattet, arbeitet in senkrechter Richtung gegen diesen; überdies können beide Scheren gegeneinander bewegt werden. Oben trägt dieser Kopfteil, und zwar mitten am Vorderrande, die beiden Augen, an der Unterseite die krallenlosen, im übrigen wie die Beine gebildeten beiden anderen Kieferpaare oder richtiger deren Taster. Jedes der echten, in je zwei lange Krallen auslaufenden Beinpaare heftet sich einem besonderen, an der Bauchseite deutlicher als auf dem dicht behaarten Rücken abgeschiedenen Gliede des Mittelleibes an. Der Hinterleib ist neungliederig, ihn wie den ganzen Körper deckt dichter Filz, während die Gliedmaßen von langen, spröden Haaren besetzt sind, unter denen einzelne besondere Länge erreichen; außerdem bemerkt man an den Hüftgliedern der Hinterbeine unterwärts zarte Hautgebilde, welche in Form dreieckiger Platten an einem dünnen Stiele sitzen; das Atmen erfolgt durch Luftröhren. In ihrem gesamten Körperbau halten die Walzenspinnen die Mitte zwischen den Insekten und Spinnen. Die S. 680 abgebildete Art erkläre ich für die gemeine, südrussische, die nach Pallas auch in Agypten vorkommt, von wo das Exemplar herstammt. Sie ist durchaus rostgelb, nur vorn an den Scheren braun, am Hinterleibe rostbraun und an den auf der Unterseite mit starken Stacheln bewehrten Kiefertastern olivenbraun gefärbt. Koch hat eine Menge von Arten, die sich meist sehr ähnlich sehen, abgebildet; da das aber nur nach trockenen oder in Weingeist aufbewahrten Stücken der verschiedenen Sammlungen geschehen, so fragt es sich, ob das Artrecht einer jeden auch begründet, ob beispielsweise ein Galeodes arabs von G. araneoides wirklich verschieden ist.
Pallas erzählt wunderliche Dinge von unserer Walzenspinne, welche nach neueren Untersuchungen aber auf Verwechselung mit der später zu erwähnenden Mal mignatte zu beruhen scheinen, während die Giftigkeit der Solpugen noch nicht festgestellt ist. Da sich die Walzenspinnen gern zwischen Schilf aufhalten, so kommen sie mit diesem in die daraus erbauten Hütten und mit den Menschen in nähere Berührung, als sie selbst beabsichtigen,
Gemeine Walzenspinne (Solpuga oder Galeodes araneoides) im Kampfe mit einem Skorpion. Natürliche Größe.
verkriechen sich gleich den Skorpionen in die Kleider und führen überhaupt ganz deren Lebensweise. Die Walzenspinne bewohnt Erdrisse in thonigem Boden, schilfreiche Gegenden, wie bereits erwähnt wurde, oder sitzt unter Steinen und hält sich bei Tage verborgen, es sei denn, daß sie sich in einem dunkeln Keller einquartierte, geht dagegen in der Nacht auf Raub aus, während welcher fie in den großen Skolopendern und einem schwarzen Raubkäfer ihr ebenbürtigen Feinden begegnet. Die fußartigen Kiefer befinden sich in stets tastender Bewegung. Berühren fie einen Gegenstand, jo soll ein phosphoreszierender Lichtschein von ihnen ausgehen. Wie der Elefant seinen Rüssel hoch emporhebt, wenn er mit ihm einen Gegenstand berührte, dessen er nicht sicher ist: so wirft die Walzenspinne ihre Taster in die Höhe; hat sie aber eine Beute ermittelt, so stürzt sie mit einem Sprunge auf dieselbe los und bohrt ihre Scheren in dieselbe ein. Man hat verschiedene Versuche angestellt, welche die Wildheit der Walzenspinnen beweisen. Eine war im Körper 52 mm lang und griff jedes ihr vorgeworfene Insekt an; einer ohne den Schwanz 78 mm messenden