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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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graugelben Milbe besetzt ist, daß man auch nicht ein Pünktchen von ihrer wahren Oberfläche zu erkennen vermag. Die Milbe gehört einer anderen Gattung von mehr länglicher Form an. Außer noch anderen Gamasus-Arten führen auch die Glieder der Gattung Uropoda eine gleiche Lebensweise. Der kurz eiförmige Körper, auf dem Rücken ursprünglich aus vier Platten zusammengesetzt, läßt in der Ansicht von oben den Rüssel nicht sehen und trägt am Bauche Gruben für die Beine. Uropoda vegetans, schon Degeer bekannt, findet sich auf verschiedenen grabenden Käfern, nach Mégnin auch auf Säugern, und zwar durch einen dünnen Faden an dieselben befestigt; wie es scheint stellt dieser Faden die Exkremente der Milbe dar. Die Uropoda americana bewohnt unter andern den Coloradokäfer und kann denselben töten.

In nächster Verwandtschaft zu den Käfermilben stehen die weichhäutigen, im männlichen Geschlechte mit scherenförmigen, beim Weibchen mit stechenden Kieferfühlern versehenen Vogelmilben, welche der neuerdings weiter zerlegten Gattung Dermanyssus angehören. Sie haben einen langen, beweglichen, abwärts gebogenen Rüssel, deutlich gegliederte Kiefertaster mit dickerem Grundgliede als die Gamasen, gleichlange Beine, deren vier vordere sich durch bedeutendere Stärke und größere Haftscheiben vor den hinteren auszeichnen; sie alle gelenken nahe bei einander am Brustrande ein.

Von einer Art, der gemeinen Vogelmilbe Dermanyssus avium, auch gallinae oder hirundinis von anderen Schriftstellern genannt), werden bisweilen die Stubenvögel während der Nacht sehr heimgesucht. Wenn man beispielsweise einem Kanarienvogel ein gewisses Unbehagen, eifriges Wühlen des Schnabels in den Federn anmerkt und ihm hohle Schilfstengel als Stäbchen gibt, auf denen er ruht, so kann man beim Ausklopfen derselben die höchst überraschende Erfahrung machen, daß rote Milben verschiedener Größe aus dem Inneren des Rohres herausfallen. Diese Tierchen verkriechen sich hier am Tage wie die Bettwanzen in ihren Schlupfwinkeln, kommen jedoch des Nachts aus ihren Verstecken hervor, um am Blute des armen Vogels ihren Hunger zu stillen. Durch fleißiges Ausklopfen der Schilfstengel kann man der Quälgeister bald Herr werden, welche in manchen Fällen durch den in das Bauer gestreuten Sand an die Vögel kommen mögen. Dieselbe 1,35 mm lange Vogelmilbe soll es auch sein, welche sich auf Tauben: schlägen und in Hühnerställen bei Tage versteckt hält und des Nachts an die betreffenden Vögel geht, um Blut zu saugen; ja, man hat sie sogar in unerträglich juckenden Hauthöhlen und Beulen bei Menschen gefunden, wie Vogel mit Bestimmtheit nachweist. Andere Arten kommen auf anderen Vögeln vor und eine auf der Maus.

Die Zecken oder Holzböcke (Ixodidae) weichen in mehr als einer Beziehung jo von den übrigen Milben ab, daß einzelne Forscher hinreichenden Grund darin fanden, sie zu einer besonderen Ordnung der Spinnentiere zu erheben. Ihr flacher, mehr oder weniger eiförmiger Körper, obgleich mit horniger oder lederartiger Haut bekleidet, besitzt einen jo hohen Grad von Dehnbarkeit, daß er bei Zecken von 2,25 mm Länge bis zur Größe einer kleinen Bohne anschwellen kann, wenn sie sich mit dem Blute eines Wohntieres gemästet haben. In den meisten Fällen erscheint die Chitinbedeckung als ein Schild, welches nach hinten gerundet, übrigens bei den verschiedenen Arten in verschiedenen Umrissen den vordersten Teil des Rückens deckt, sich wohl auch vorn etwas ausbuchtet, um den sehr entwickelten Rüssel aufzunehmen. Dieser steht in der Ruhelage nach vorn vor und erscheint

wie ein abgesonderter Kopf, kann aber schon darum nur fälschlich als solcher bezeichnet werden, weil die beiden Augen, falls sie vorhanden sind, an einer seitlichen Ausbuchtung jenes Hornschildes (unpassend auch Kopfschild genannt) mehr oder weniger deutlich wahr: genommen werden. In anderen Fällen bedeckt das Hornschild fast den ganzen Körperrücken, rundet sich aber auch hier nach hinten ab. Um den zusammengesetzten Bau der Mundteile und für denjenigen, welchen ein Holzbock schon einmal gezwickt hat, die Möglichkeit des schmerzhaften Stiches zu veranschaulichen, wurden hier die des gemeinen Holzbockes (Ixodes ricinus) in 50maliger Vergrößerung und zwar von der Unterseite abgebildet. In a erblickt man ein Stück Hüfte der vordersten Beine sowie in b das zwischen diesen letzteren und dem sogenannten Kopfe von unten sichtbare Streifchen des vorn ausgebuchteten Chitinschildes. Die beweglich eingelenkte Chitinplatte (c) stellt, wenn man sie richtig deuten will, das Kinn dar, welchem sich die übrigen Mundteile beweglich anheften: die beiden, in der Ruhelage angedrückten, in der Thätigkeit aber unter einem rechten Winkel abgelenkten Taster, die aus vier Gliedern (d, e, f, g) bestehen, und von denen das letzte (g) dem vor: letzten wie ein Deckelchen aufliegt, ferner die an der Unterseite ihrer Spitze mit Zähnchen bewehrte, auf der Oberseite rinnenförmig ausgehöhlte Unterlippe (h). Von den Kieferfühlern (Kinnbacken) ist hier nur die hervorragende, gezahnte Spitze (i) sichtbar, indem sie, jede aus zwei Gliedern bestehend, nebeneinander nicht nur die Rinne der Unterlippe ausfüllen, sondern noch tief in den Körper hineinragen und vor- und rückwärts geschoben werden können. Will nun die Zecke einbeißen, so klammert sie sich mit den Beinen an die Haut des Wohntieres

| feft, biegt den Rüssel senkrecht herab, stemmt ihn an die

Mundteile des gemeinen Holzbocks anzubohrende Stelle und schiebt die Hakenspitzen der Kie- NER den ferfühler in das Fleisch ein, indem fie dadurch der nad)- Vorderbeine, b Chitinschildspitze, c Kinn, folgenden Unterlippe den Weg bahnt; jene dringen im: ü e der gun. mer weiter ein, diese folgt nach, und die nach hinten ge-backen. richteten Zähne an beiden verhindern das Zurückweichen aus der entstandenen Wunde. Ist auf diese Weise der Rüssel bis an seine Wurzel eingedrungen, so schlagen sich die Haken der Kieferfühler ankerartig nach rechts und links um, die Kiefertaster legen sich beiderseits der Wunde fest dem Fleische an, und die Zecke, welche jetzt nicht mehr gewaltsam herausgezogen werden kann, ohne daß der Rüssel zurückbleibt, hat die ihr zum Saugen genehme Stellung eingenommen. Das Saugwerkzeug selbst besteht aus einer feinen Chitinhaut, welche sich vom Rüssel sowie von den Seiten und dem überragenden Rande der Mundhöhle herin diese glockenförmig einstülpt. Die gleichgestalteten Beine sind schlank und am Ende außer den beiden scharfen Krallen mit einer Haftscheibe versehen, welche der Zecke das Hängenbleiben an dem einmal, und zwar nur mit einem Fuße erfaßten Gegenstand ermöglicht. Die beiden einzigen Luftlöcher befinden sich in einem Chitinplättchen, welches jederseits hinter dem Hinterbein am Körperrand leicht in die Augen fällt, während die Geschlechtsöffnung als Querspalte mitten auf der Brust zu suchen ist. Die jungen Zecken haben nur sechs Beine und schweifen, wie auch die weiter entwickelten achtbeinigen, an Gräsern und Gesträuch umher, bis sie ein Wohntier aufgefunden haben, an welchem wenigstens die Weibchen Blut saugen; hier weiß

Mundteile des gemeinen Holzbocks NER Vorderbeine, b Chitinſchildſpitze, c Kinn, ü e der gun. Vorderb ü b Chitinſ e backen.

auch das immer kleinere Männchen ein Weibchen zu finden, um sich mit demselben zu paaren. Dieser Hergang bietet ein hohes Interesse und wurde bis auf die neueste Zeit nicht richtig aufgefaßt. Das Männchen besteigt den Bauch des Weibchens, kehrt sich mit seinem Kopfende nach dem Hinterende von diesem, breitet seine Beine platt aus, hält sich mit den Krallen und Haftlappen an den weiblichen Hüften fest und schiebt seinen Rüssel in die weibliche Scheide. Hier hält es sich genau in derselben Weise fest, wie ein blutsaugendes Weibchen im Fleische des Wohntieres oder Menschen, und man nahm an, daß bei dieser Art der Verbindung, welche schon Degeer kannte, die männlichen Geschlechtsteile ihren Ausgang in den Rüssel nehmen müßten. Dem ist aber nicht so. Pagenstecher hat vielmehr anatomisch nachgewiesen, daß die inneren Geschlechtsteile bei Männchen und Weibchen demselben Bildungsgesetze folgen, und daß auch bei jenem der allerdings engere und undeutlichere Ausgang an der Brust liegt. Es ist also nicht anders denkbar, als daß durch die Anheftung des Männchens seine Geschlechtsöffnung der weiblichen Scheide nahe genug gebracht wird, um die Samenflüssigkeit in diese eintreten lassen zu können. Der Prediger Müller in Odenbach, welchem wir zahlreiche, ebenso interessante wie zuverlässige, auf Kerfe bezügliche Beobachtungen verdanken, hatte seiner Zeit auch diesem Gegenstande seine Aufmerksamkeit zugewendet und berichtet unter anderem eine Erfahrung höchst eigentümlicher Art. Er beabsichtigte ein gepaartes Männchen von dem Weibchen zu trennen, um es mit einem zweiten zusammenzubringen, da ihm aber die Trennung nicht gelang, versuchte er das Weibchen zu töten, in der Meinung, das Männchen würde dann freiwillig loslassen. Er stach zu diesem Zwecke das Weibchen mit einem spitzen Federmesser in den vermeintlichen Kopf, ohne dabei dem Männchen irgendwie zu nahe zu kommen. Sofort fing dieses an zu zittern, die Beine zu krümmen und starb, mit dem Weibchen fest vereinigt, nach wenigen Minuten unter krampfhaften Zuckungen, während das verwundete Weibchen erst nach einigen Tagen zu leben aufhörte. Später sah er ein Männchen sich mit drei Weibchen nacheinander vereinigen und auf dem letzten 5 Tage und Nächte verweilen. Aus der angeschwollenen Scheide des befruchteten Weibchens dringen die Eier in Menge. kleben zusammen und hüllen es teilweise ein.

Der gemeine Holzbock, die gemeine Hundszecke (Ixodes ricinus), auf welche sich die vorangegangenen Beobachtungen beziehen, ward schon von Aristoteles unter dem Namen „Kroton“, von Plinius als „Ricinus“ angeführt; letzterer bemerkt gleichzeitig, wie diese Bezeichnung, zunächst für den ölreichen Samen des Wunderbaumes aus Agypten geltend, auf dieses verhaßte Tier übertragen worden sei. Wenn Plutarch in feiner Weise mit dem Ricinus die Schmeichler vergleichen konnte, die sich mit Lob in das Ohr drängen und nicht wieder auszutreiben sind, wenn sie sich einmal dort festgesetzt haben, so läßt sich wohl annehmen, daß seinen Zeitgenossen jenes Tier samt seinen Gewohnheiten nicht fremd gewesen sein kann. Nachdem Degeer den Namen Rieinus an eine Lausgattung vergeben hatte und Acarus die Milben überhaupt bezeichnete, nannte man die in Rede stehende Art Acarus ricinus, bis Latreille, in die Notwendigkeit versetzt, mehrere Milbengattungen zu unterscheiden, fie Ixodes ricinus nannte. Ixodes bedeutet aber jo viel wie: „kleberig“, „anhaftend“. Die Hundszecke läßt sich nicht mit wenigen Worten kenntlich beschreiben; denn Pagenstecher nimmt in seiner trefflichen Arbeit über dieselbe („Beiträge zur Anatomie der Milben II.“) drei Entwickelungsstufen mit sieben verschiedenen Formen an und hält es für mehr als wahrscheinlich, daß darunter solche begriffen seien, welche von früheren Schriftstellern als vermeintliche andere Arten mit verschiedenen Namen belegt worden sind. Im ersten Jugendzustande (Fig. a) zeigt die Zecke nur sechs Beine, keine Geschlechtsunterschiede und keine Platte mit dem Luftloche, ja bei genauer anatomischer Untersuchung stellte sich sogar der Mangel aller Atmungswerkzeuge heraus, ein Umstand, in welchem alle übrigen

Arten der von Pagenstecher untersuchten Milben, solange sie nur erst sechs Beine haben, übereinstimmend befunden wurden. Der ursprünglich platte Körper schwillt eiförmig an und bekommt dann ein wesentlich anderes Aussehen, wenn der Magen mit Blut erfüllt ist.

Pagenstecher beobachtete diese unvollkommenste Form am Gartenschläfer (Myoxus quer-cinus), am gemeinen Eichhorn und Maulwurf, jedoch nur in sehr vereinzelten Stücken. Er sucht die Seltenheit damit zu erklären, daß er überhaupt weniger Rückgrattiere auf diese Schmarotzer als frei umherschwärmende Zecken untersucht habe, und daß diese, falls sie auf der ersten Stufe frei schwärmen, mehr am Boden umherkriechen möchten als am Grase und somit für das Streifnetz unerreichbar seien. Auf der zweiten Altersstufe (Fig. b), welcher eine, aber noch nicht beobachtete Häutung vorausgeht, finden sich die Luftlöcher mit ihren Platten und bereits acht Beine. Durch die genauen Messungen der Längen aller Beine und durch andere Betrachtungen hält sich Pagenstecher zu der Annahme berechtigt, daß bei der Häutung das letzte Paar der Beine hinzutritt und sich nicht das in der Reihe zweite einschiebe, wie man bisher angenommen hat. Auch auf dieser Entwickelungsstufe fehlen noch äußerlich und innerlich die Geschlechtswerkzeuge, weshalb es gekommen sein mag, daß man die Männchen für viel seltener als die Weibchen gehalten hat. Das Betragen der achtbeinigen, geschlechtlich noch unreifen Zecken stimmt mit dem der reifen vollkommen überein: sie kriechen bedächtig und Gemeiner Holzbock (Ixodesriei. träge an Gras und Gebüsch der Wälder umher und haken sich nus). a Jugendzustand mit sechs sogleich an jedem in ihre Nähe kommenden Gegenstand fest; Sine and a n d freilichhat es seine Schwierigkeiten, sie bei ihrer Kleinheit e erwachsenes Männchen, d erwachse- im Freien mit den Augen wahrzunehmen. In der einen Geace b e gend halten sie sich mit Vorliebe auf, während man sie in der Rüdenfeite, g imHaarpelz eines einer anderen gar nicht findet. Ich entsinne mich sehr wohl m be zwei⸗ aus meiner Jugendzeit, daß besonders ein Gehölz bei Naumburg an der Saale ihretwegen verrufen war, wie der Steiger bei Erfurt, weil man nicht leicht einen Spaziergang durch dasselbe unternehmen konnte, ohne nicht wenigstens einen Holzbock aufgelesen zu haben. Einst empfand ich in der linken Achselhöhle einen heftigen, vorübergehenden Schmerz, welchen ich am besten mit einem jo: genannten rheumatischen Stiche vergleichen möchte. Da ich aber an der genannten Stelle noch nie von einem solchen heimgesucht worden war, wurde ich nachdenklich und suchte nach einem anderen Grunde. Der eben eingedrungene Holzbock war bald entdeckt, ob er sich aber auf der in Rede stehenden Altersstufe oder auf der letzten befunden hat, muß ich dahingestellt sein lassen. Beiläufig sei bemerkt, daß man durch Betupfen mit ein wenig Ol am einfachsten und schnellsten das Tier zum Loslassen bringt, und daß es durch Benzin fast augenblicklich stirbt. Hier, in der Gegend von Halle, durchstreife ich seit manchem Jahre die immer mehr schwindenden Gebüsche und Wälder, ohne je einen Holzbock am eignen Körper mit nach Haufe gebracht zu haben, wenn auch dann und wann in dem zum Ein: sammeln gewisser Insekten bestimmten Fläschchen mit Weingeist. Nach Pagenstechers Beobachtungen finden sie sich während des Sommers in den Waldungen der Heidelberger Umgebung besonders an solchen Stellen, wo auch Säugetiere und Vögel, vornehmlich Eichhörnchen und Häher, zahlreicher vorkommen, oder wo Fuchsbauten liegen, ferner an mit Gras bewachsenen Bahnen, wie sie von den Tieren des Waldes gern für ihre Wege benutzt werden. Von Ende September an werden die unreifen Zecken sehr einzeln und Anfang Oktober auch reife beiderlei Geschlechts nur spärlich im Freien angetroffen. Auch

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