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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Die interessante Zecke, welche nach den mitgeteilten Erfahrungen sich mit den Tauben entschieden in noch anderen Gegenden Deutschlands finden dürfte, erscheint von obenher flach ausgehöhlt und ohne jegliche Gliederung, mit einigen schwachen Grubeneindrücken versehen, deren beide größten und ovalen etwas vor der Mitte stehen, die meisten übrigen kleineren und weißlichen auf der Hinterhälfte ein Feld kranzartig umschließen, welches von einem deutlichen, gleichbreiten Längseindruck halbiert wird. Die Oberfläche ist rostgelb, der äußere Körpersaum, Unterseite und Beine sind gelblichweiß, sofern keine eingenommene Mahlzeit den Bauch anders färbt. Die Beine gelenken an unbeweglichen Hüften nahe bei einander ein und gehen in je zwei stark gekrümmte Klauen ohne Haftlappen aus, welche jedoch nicht dem letzten, deutlichen Fußglied ansitzen, sondern durch zwei sehr dünne Ringe mit ihm in Verbindung stehen und hierdurch entschieden größere Beweglichkeit erlangen. Etwas vor den vordersten Hüften liegt in einer ihm dienenden Höhlung der wagerecht ausgestreckte, kurze Rüssel. Derselbe hat ganz den oben beschriebenen Bau, wenn auch die Formen der einzelnen Teile in unwesentlichen Stücken etwas abweichen, wozu die pfriemförmige Gestalt des letzten und die schuppenförmige des ersten Kiefertastergliedes gehören. Zum Gebrauche richtet er sich ebenso senkrecht nach unten wie bei den Holzböcken, deren sonstiger Bau sich auch hier zu wiederholen scheint.

Außer den beiden erwähnten Saumzecken sind noch mehrere Arten beschrieben, so neuerdings zwei in Guanajuato häufig vorkommende und vom Volke Turicata und Garrapata genannte. Erstere, Argas turicata, lebt auf Schweinen, die zweite, A. Megnini, auf Pferden, Eseln und Rindern, namentlich im Inneren des Ohres, geht aber auch auf Menschen über. Eine weitere Art auf Mauritius, A. mauritianus, tötet bisweilen Hühner. Im ganzen kennt man zur Zeit etwa 100 Zeckenarten.

Die Lausmilben (Sarcoptidae) gehören zu den kleinsten der ganzen Ordnung und bestehen aus einem weichhäutigen, mitunter durch einzelne Chitinleisten gestützten Körper von ovalen und noch gestreckteren Umrissen. Augen fehlen, dagegen bedeckt nicht selten reichliches Borstenhaar die Oberfläche. Die Beine, wenn nicht verkümmert, endigen in je eine Haftblase, die Kieferfühler in eine Schere oder Nadelspitze und lassen sich im letzteren Falle in eine häutige Röhre zurückziehen. Dem unvollkommenen Bau im Äußeren dieser mikroskopischen Wesen entspricht auch ihre innere Organisation. Von Atmungswerkzeugen konnte bisher keine Spur, daher atracheata genannt, vom Bauchmark nur ein einzelner, keine weiteren Aste abgebender Nervenknoten nachgewiesen werden, und spät erst gelang es Leydig, Verdauungswerkzeuge aufzufinden. Dessenungeachtet werden gerade diese Milben als Schmarotzer auf den verschiedensten Nahrungsmitteln, ja selbst auf dem menschlichen Körper vorzugsweise lästig und nachteilig.

Die Käsemilbe (Ty roglyphus siro oder Acarus domesticus, Abbild. S. 742) erscheint für das unbewaffnete Auge als lichtes, sehr schwer zu erkennendes Pünktchen, für das bewaffnete in der beigegebenen Form als langbeborstetes, gestrecktes, im feisten und glänzenden Körper zweiteiliges Tierchen, mit scherenförmigen Kieferfühlern und viergliederigen Beinen, die in einen langgestielten Saugnapf auslaufen. Millionenweise bewohnt es alten, steinharten Käse und verwandelt denselben mit der Zeit in Staub, der aus den Auswürfen und Bälgen der Milben besteht. Gerade dies wünschen aber gewisse Zungen der Käseliebhaber, und man hegt und pflegt die Milben und ist stolz auf von ihnen bewohnten

Käse. Dagegen sieht niemand dieselbe Art, nur unter einem anderen Namen, die Mehlmilbe (Tyroglyphus farinae), gern, weil sie ein sicheres Zeichen von der Feuchtigkeit

und Verdorbenheit des Mehles abgibt. Übrigens leben noch einige andere Arten an den beiden eben genannten Nahrungsmitteln. Zahlreiche Milbenarten, welche an den verschiedensten Insekten, wie Fliegen, Bienen, Hummeln, Totengräbern u. a., gefunden worden find und sich durch nur sechs Beine und zahlreiche Saugnäpfe an der Bauchseite auszeichnen, wurden von Duges unter dem Gattungsnamen Hypopus zusammengefaßt. Nun haben aber spätere Beobachtungen ergeben, daß dieselben Larvenformen von Tyroglyphus- Arten und Milben sind, welche nicht auf den betreffenden Gliederfüßern schmarotzen, sondern sich von ihnen nur an Ortlichkeiten tragen lassen, die für ihr künftiges Leben nach erlangter Geschlechtsreife geeignet sind. |

Der weiße Beschlag auf getrockneten süßen Früchten, wie Pflaumen, Kirschen, Rosinen, Feigen u. a, entsteht nicht immer durch Ausschwitzung des Zuckerstoffes, sondern nicht selten durch Tausende von Milben, welche verschiedenen Arten der Gattung Glyeyphagus (Süß: mäuler) angehören, ausgezeichnet durch nicht einfache, sondern gefiederte Behaarung. Die näher bezeichnete Art heißt Gl. prunorum Her,, domesticus Deg. Die beiden genannten Gattungen hat man neuerdings als Familie der Tyroglyphiden von den Sarkoptiden abgeschieden, ebenso die Dermaleichiden oder Vogelmilben, winzige Milben von meist länglicher Form mit fein querfaltiger Haut, scherenförmigen Kieferfühlern, meist dreigliederigen Tastern und unter sich meist ungleichen Beinen. Namentlich tritt bei den Männchen das dritte Paar nicht selten stark verdickt und verlängert auf und verleiht den Tierchen ein wunderbares Aussehen. Man kennt zur Zeit etwa 12 Gattungen mit ungefähr 80 Arten, welche fast alle auf Vögeln schmarotzen, hier aber Käsemilbe (Tyrogly- nicht weiter berücksichtigt werden können. phus siro). Stark ver-größert. Jahrhundertelang waren die Gelehrten und unter ihnen besonders die Arzte geteilter Ansicht über das Wesen jener lästigen und zum Teil ekelhaften Hautkrankheit, deren Name „Krätze“ überall einen unangenehmen Klang hat. Seitdem die mancherlei Hautkrankheiten richtiger unterschieden und ihre Ursachen gründlicher erforscht worden sind, hat sich unzweifelhaft herausgestellt, daß die Krätze durch das Wühlen von Milben in der Oberhaut entsteht und daher niemals von selbst, sondern durch unmittelbare Ansteckung von außen oder durch von Kleidungsstücken, Betten ꝛc. vermittelte Übertragung von Krätzmilben oder deren Eiern zum Ausbruch kommen kann. Das Tier nun, welches beim

Menschen die genannte Krankheit verursacht, heißt die Krätzmilbe des Menschen (Sarcoptes hominis, Abbild. S. 743), wenigstens verdient dieser von Raspail eingeführte wissenschaftliche, neuere Name den Vorzug vor dem älteren: Acarus scabiei des Fabricius, weil die unzureichende Beschreibung dieses letzteren Entomologen zweifelhaft läßt, ob er wirklich das in Rede stehende Tier vor sich gehabt habe oder ein anderes, sehr ähnliches, deren es noch mehrere gibt.

Die Krätze zeigt sich als zerstreute, doch meist auf einzelne Körperteile mit dünner Oberhaut, wie Handgelenk, Ellbogen, Knie ꝛc., beschränkte, linienförmige Erhöhungen (Gänge), deren jede für sich von einem gereizten Punkte ausgeht, und die sich in ihrer Gesamtheit je nach der verschiedenen Empfänglichkeit des Behafteten und der Hautgegend als Punkt, Wärzchen, Bläschen oder Pustel zeigen. Wenn nämlich die Krätzmilben auf die Haut gebracht werden, so bohren sie sich mehr oder weniger schräg durch eine Hautfurche oder neben einem Haare ein und geben dabei eine scharfe Flüssigkeit von sich, welche durch ihren Reiz die erwähnten Punkte, Bläschen ꝛc. erzeugt. In diesen Anfängen der Krätze findet man keine Milben, weil sie sich entweder schon tiefer gegraben oder bereits schon

Käſemilbe (Tyrogly- phus siro). Stark verKäſemilbe (Tyrogly- phus siro). Stark vergrößert.

wieder entfernt haben, denn alle jungen Milben, die Männchen sowohl wie die unbefruchteten Weibchen, führen ein sehr umherschweifendes Leben und verlassen ihre Gänge schnell wieder, um neue zu graben. Sie sind es vorzugsweise, welche das unerträgliche Jucken veranlassen. Dagegen fertigen die befruchteten Weibchen längere Galerien (Nestgänge), welche sie nicht wieder verlassen; sie setzen in diesen ihre Eier ab und werden tot in dem geschlossenen Ende des Ganges gefunden. Ebensowenig wie in den Anfängen des Krätzeausschlages finden sich, wenigstens der Regel nach, die Milben in den Schuppen und Krusten (Schorfen), und in diesen beiden Umständen ist der Grund davon zu suchen, daß man sie so lange nicht als Urheber der Krankheit anerkennen wollte.

In der angegebenen Weise verhält es sich mit der gewöhnlichen, beim Menschen vorkommenden Krätze, welche da, wo die Verhältnisse der Bevölkerung besser sind, wegen der Beschwerlichkeit der Leiden nicht lange auf ärztliche Hilfe zu warten braucht. Indes auch im Falle der Vernachlässigung erreicht sie nur eine bestimmte Höhe, indem ein zu sehr gesteigerter Hautreiz den Tieren nicht zusagt und eine starke Vermehrung derselben wenig begünstigt, so daß Menschen angetroffen worden sind, welche jahrelang die Krätze gehabt haben, ohne daß diese einen wesentlich anderen als den gewöhnlichen Charakter angenommen hatte. Wenn sich dagegen die Milben unter besonders günstigen Umständen befinden und die Haut infolge ihrer Beschaffenheit weniger gereizt wird, vielleicht die übrige Körperkonstitution unempfänglicher gegen die Hautthätigkeit ist und so das Treiben der Tiere monatelang und länger durch keine Behandlung gestört wurde, so vermehren sie sich in das Unglaubliche. Die zahlreichen, schnell aufeinander folgenden Bruten finden zum Anlegen ihrer Nestgänge an den Stellen, g N welche sonst vorzugsweise dazu benutzt werden, keinen Platz Krätzmilbe des Menschen (Sar-mehr und sind dann genötigt, sie auch an den übrigen, für Sed in50 ach gewöhnlich verschont bleibenden Körperteilen anzubringen. Durch den beständigen Reiz, welchen sie auf die Haut ausüben, erzeugen die Milben zugleich eine außergewöhnlich schnelle Neubildung der Oberhautelemente, während deren ältere, von zahlreichen kurzen Galerien und Löchern durchzogene Schichten mit den abgestorbenen Stammmüttern jüngerer Bruten abgestoßen werden, aber an den unterliegenden Schichten mittels der durch die poröse Masse von unten durchsickernden Feuchtigkeit hängen bleiben. In dieser Schorfbildung sowie in der größeren Ausbreitung über den Körper liegt der Charakter der bei weitem selteneren, aber auch bösartigeren „Schorfkrätze“, einer Form, wie sie, jedoch wieder von anderen Milben veranlaßt, bei unseren Haustieren (Pferden, Schweinen, Hunden, Katzen, Kaninchen) als „Räude“ zu verlaufen pflegt. Diese Form ist bisher nur in wenigen Fällen, welche über ganz Europa zerstreut waren, in der Regel an armen und schlecht genährten, stumpfsinnigen und apathischen Menschen beobachtet worden. In Norwegen, auf Island, den Faröern und auf Grönland, im ganzen solchen Gegenden, in denen die Bevölkerung sehr unreinlich ist, dürfte die Schorfkrätze häufiger auftreten, und jedenfalls ist sie in früheren Zeiten, in denen das Heilverfahren der Krankheiten auf bedeutend niederer Stufe stand, noch verbreiteter gewesen; ob vielleicht die fabelhafte „Läusesucht“, von der ältere Schriftsteller erzählen, in einzelnen Fällen wenigstens auf die in Rede stehende Krankheit bezogen werden müsse, wer will und kann darüber endgültig entscheiden? R. Bergh stattet ausführlichen Bericht über einen von ihm beobachteten Fall der Schorfkrätze ab, aus welchem nur einige auf unsere Milbe bezügliche Angaben hier folgen

Krätzmilbe des Menſchen (Sar- Sed in 50 ach

mögen. Ein Stück des ältesten, oberflächlichen und dichten Teiles der Schorflage von etwa 1 mm Kubikinhalt und 0,0008 g Gewicht enthielt 2 Weibchen, 8 sechsfüßige Junge, 21 größere und kleinere Stücke von Jungen und vereinzelten Weibchen, 6 Eier, 58 Eischalen und ungefähr 1030 größere oder kleinere Auswurfsknollen, während ein Stückchen der unteren Schorfschicht geringeren Reichtum an tierischen Überresten erkennen ließ.

Die Auswürfe sind von sehr verschiedener Form und Größe, meist rund oder unregelmäßig länglich, glatt oder uneben, körnig und gelbbräunlich von Farbe, die Eier fast oval, etwa ein Drittel länger als breit (durchschnittlich 0,515 mm lang), und mit beinahe farb: loser, zwar dicker, aber durchscheinender Haut umschlossen. Die überall in der Schorflage zahlreich eingebetteten Überreste der Milben bestehen vorherrschend aus den abgelegten Häuten und fallen durch die an der Bauchfläche des Tieres befindlichen Chitinleisten, an denen sich die Gliedmaßen stützen, wie durch gelbliche Gliederringe sehr in die Augen; tote Milben fanden sich fast immer in vollständigem Zustande.

Was nun die lebenden Milben selbst anlangt, so kommen sie in drei verschiedenen Grundformen und zwar als achtbeinige, an dem hintersten Fußpaar mit Saugnäpfen ausgerüstete Männchen, als achtbeinige, mit bloßen Borsten an den beiden hinteren Fußpaaren versehene Weibchen und endlich als sechsbeinige Larven vor. Hieraus ergibt sich also, daß wir 8 OR Ä in der beigegebenen Abbildung ein Weibchen . = von der Bauchseite vor uns haben. Jedes Bein

W i 38 besteht aus vier* Gliedern,* an deren letztem

Haarbalgmilbe des Menschen (Demodex hominis).; = 5 600 mal vergrößert. zwei stark gekrümmte Klauen und dazwischen eine langstielige Saugscheibe oder eine mächtige Borste sitzen, überdies kommen an den einzelnen Gliedern Borsten in ganz bestimmter Anzahl vor sowie an den übrigen Stellen des Körpers. Diesen teilt ein querer Einschnitt in zwei ungleiche Hälften. Das immer etwas kleinere Männchen wird an den Saugnäpfen der Hinterbeine erkannt und ist auf dem Rücken mit zwei langen Borsten und drei Paar kurzen dicken Zapfen in der Schultergegend, außerdem auf dem Hinterkörper nach jeder Seite hin mit einer schrägen Reihe von gewöhnlich drei oder vier größeren, dreieckigen und weiter nach hinten von mehreren abgerundeten Schuppen und überdies mit zahlreichen, zwischenliegenden Falten versehen. Beim mehr gelb gefärbten Weibchen wird hinter den Spitzen der vorderen Chitinleisten die Offnung der Scheide als Längsspalte sichtbar (aller: dings nicht in unserer Abbildung) und die Rückenfläche ist von flachen, dreieckigen Schüppchen, weiter nach hinten dagegen von vier Reihen fast walziger Dornen umgeben. Die Larven unterscheiden sich von den reifen Weibchen durch geringere Größe, durch den Mangel der Geschlechtsspalte nebst dem Borstenpaar vor derselben und durch mehr muschelige Hautfalten, während dieselben dort bogig verlaufen. Bergh gibt außerdem noch feine Unterscheidungsmerkmale zwischen drei Altersstufen der Larven und die Mehrzahl der Weibchen gegen die Männchen viel weniger überwiegend an als andere Schriftsteller, welche sich zum Teil durch Verkennen der beiden Geschlechter in der Annahme, daß die Männchen sehr selten seien, getäuscht haben.

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