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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Zu Anfang der vierziger Jahre entdeckten Henle und Simon in den Haarbälgen der menschlichen Haut eine Milbe, die alsbald allgemeines Interesse erweckte, zahlreiche Namen, darunter Acarus folliculorum als ältesten, erhielt und in anderer Form sich auch an räudigen Hunden, Katzen ꝛc. nachweisen ließ. Leydig wurde zur Untersuchung dieser Tiere dadurch veranlaßt, daß er am Bauche einer surinamischen Fledermaus (Phyllostoma hastatum) eine etwa erbsengroße Geschwulst bemerkte, welche mit einer weißlichen Masse,

i 38 Haarbalgmilbe des Menſchen (Demodex hominis). 600 mal vergrößert. des Menſchen (D 600 mal vergrößert.

Hauttalg und zahllosen Haarsackmilben erfüllt war; eine feine Messerspitze voll solcher Masse unter das Mikroskop gelegt, brachte immer gleich Hunderte der Tierchen (Demodex phyl-lostomatis) zur Ansicht.

Die Haarsack- oder Haarbalgmilbe des Menschen (Demodex hominis) findet sich in den Haarbälgen und besonders denen als „Mitesser“ bezeichneten der Ohren und der Nase. Die Mitesser sind nun zwar keine Milben, sondern Talgpfropfen, deren äußeres Ende durch Staub und Schmutz schwarz geworden ist, aber in der Tiefe dieser Bälge lebt die mikroskopische Milbe, die wir in etwa 600 facher Vergrößerung vor uns sehen. Leydig spricht sich über die Bildung des Mundes und der Beine weniger bestimmt aus als andere Beobachter, weil die Deutung solch winziger Gegenstände ihre großen Schwierigkeiten hat. Der Mund besteht aus einem Rüssel und zwei nach vorn und unten rauhen Tastern; die kurzen dicken Beine enden in je vier Krallen. Feine Querriefen, welche sich nach den übrigen

Beobachtern nur über den Hinterleib erstrecken, findet Leydig auch auf den kurzen Vorderleib ausgedehnt und zwar bei dieser Art durchweg breiter und stärker als bei der Haarbalgmilbe des Hundes (Demodex canis); was jene noch besonders charakterisiert, ist ein Hautkamm längs des Vorderrückens und eine Eintiefung mit schräger Leiste zwischen diesem und den Beinen. Einen herzförmigen Körper, der in den Haarsäcken immer neben einer Milbe lag, erklären Leidig und Simon für das Ei, aus welchem eine sechsbeinige Larve schlüpft. Bei den beiden anderen, hier namhaft gemachten Arten hat dasselbe eine andere Gestalt. Wir sehen aus alledem, daß sich die Natur nicht nur mit sichtbarem Ungeziefer begnügt, welches sie auf den Menschen und auf die Tiere seiner Umgebung setzte, sondern auch so winziges hinzugefügt hat, daß dessen Entdeckung zu den von dem Mikroskop hervorgezauberten Wundern gehört. a

Ihrem Körperbau nach schließen sich hier noch die Gallmilben (Phytoptus, eine Verstümmelung von Phytocoptes) an. Es find langgestreckte, fein quergestreifte, mikroskopische Milben, deren beide hintere Beinpaare zu kurzen Stummeln oder borstentragenden Wärzchen verkümmert, die beiden vorderen fünfgliederig, am Ende mit Borsten, Krallen oder Haftorganen versehen sind. Sie alle erzeugen an den verschiedensten Pflanzen und Pflanzenteilen sehr mannigfache gallenartige Mißbildungen, sogenannte Phytopto-Cecidien, welche man früher für Pilze hielt, weil sie meist einen Filz von fleischigen Haaren auf ihrer Oberfläche tragen. So kommt eine Art, Ph. vitis, an den Blättern der Weinrebe vor, deren Gallen nicht mit denen der Phylloxera verwechselt werden dürfen. Während lange Zeit hindurch nur solche Milbenerzeugnisse Gegenstand der Beobachtung waren, hat man neuerdings auch den Tieren selbst die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist namentlich Nalepa, dem wir zahlreiche Aufschlüsse und auch die Gründung neuer Gattungen neben der bisher einzigen verdanken.

Vierte Ordnung.

Die Zungenwürmer (Pentastomidae, Linguatulida).

Eine geringe Anzahl von Schmarotzern, welche man wegen ihrer wurmförmigen Gestalt und der parasitischen Lebensweise früher zu den Eingeweidewürmern gerechnet hat, bildet jetzt eine Ordnung der Spinnentiere (Linguatulida), nachdem die Untersuchungen

von van Beneden, Schubärt, Leuckart und anderen dieselben dem inneren Bau nach und infolge des Vorhandenseins zweier Fußpaare als nahe Verwandte der Milben nachgewiesen haben. Durch rückschreitende Verwandlung sind diese in der Anlage milbenartigen Wesen zur Form und Lebensart der Würmer zurückgesunken.

Zwei Paare von fußartigen und gegliederten Klammerhaken in der Umgebung der kieferlosen Mundöffnung und der Mangel der Luftröhren charakterisieren diese langgestreckten, geringelten, nach hinten verjüngten Schmarotzer, bei denen das Männchen wesentlich kleiner als das Weibchen ist und seine Geschlechtsöffnung nahe dem Munde hat, während sie bei diesem an der Leibesspitze liegt, wo gleichzeitig der After mündet.

Der bandwurmartige Zungenwurm (Pentastomum taenioides) kommt vor: herrschend in der Nasenhöhle oder zwischen den Siebbeinzellen des Hundes und Wolfes als geschlechtsreifes Tier vor; vereinzelt hat man ihn auch bei Pferden, Maultieren und Ziegen gefunden. Die abgelegten Eier, deren einzelne Weibchen bis zu 500,000 bergen sollen, gelangen mit den Schleimabsonderungen in das Freie, also auch an Pflanzenteile und von da in den Magen von Kaninchen, Hasen und anderen Tieren, nur selten in den des Menschen. Sobald der Embryo die Eihülle verlassen hat, durchdringt er, gleich der Trichine, den Darm und gelangt in die Leber. Hier kapselt er sich ein, d. h. er wird von einem Gehäuse umschlossen, in welchem er, in einer der Insektenverwandlung ähnlichen Weise, mehrere mit Formveränderungen verbundene Häutungen zu bestehen hat. Nach Verlauf von etwa 6 Monaten hat er sich zu bedeutender Größe entwickelt, die vier Mundhaken und zahlreiche fein gezähnelte Körperglieder erhalten und befreit sich nun aus seinem Gehäuse. In diesem Zustande hatte man ihn in der Leber gefunden, für eine andere Art gehalten.B. und mit dem Namen des gezähnelten Zungenwurmes (Pentastomum denticulatum) belegt. Auf dieser noch unvollendeten Entwickelungsstufe beginnt der Zungenwurm seine Wanderungen von neuem und durchsetzt die Leber, dem Wirte den Tod bringend, wenn er in größeren Mengen vorhanden ist. Gelangt der Zungenwurm in diesem Zustande in die Rachenhöhle eines Hundes, der die Kaninchen- oder Hasenleber verzehrt hat, so dringt er von da in die eben erwähnten Lufträume ein und entwickelt sich im Verlaufe von 2—3 Monaten zu dem geschlechtsreifen bandwurmartigen Zungenwurm, der seinen wissenschaftlichen Gattungsnamen Pentastomum (Fünfmaul, Fünfloch) von dem Umstande erhalten hat, daß sich beiderseits und etwas hinter dem mit harter Kreiswulst um: schlossenen Munde je zwei schlitzartige Offnungen zeigen, aus denen die Klammerhaken hervortreten, und in welche sie zurückgezogen werden können. Der weißgelbe Körper ist lanzettförmig, am Bauche platt, auf dem Rücken etwas gewölbt, durch zahlreiche Querfalten geringelt und vorn an der Unterseite mit den eben näher bezeichneten fünf Spalten versehen. Das Weibchen wird 70—130 mm lang, während das Männchen nur deren 8 bis 10 mißt. Wenige bandwurmartige Zungenwürmer in der Nasen- oder Stirnhöhle eines Hundes erzeugen eine mit Röte und Anschwellung verbundene Entzündung der betreffenden Schleimhäute, kommt eine größere Menge von ihnen vor, so artet die Entzündung aus und wird derartig schmerzhaft, daß der Hund beiß- und tobsüchtig wird und sich in dieser Hinsicht wie ein von der Tollwut befallener gebaren kann.

Man hat noch andere Arten unter anderen Verhältnissen, wie im Rachen des Krokodils, in den Lungen der Brillenschlange, bei Riesen- und Klapperschlangen, auch in der Leber ägyptischer Neger aufgefunden, sie mit Namen belegt, ohne jedoch die Naturgeschichte derselben so genau zu kennen wie die der vorhergegangenen doppelnamigen Art, welche hier als Beispiel dieser höchst interessanten Geschöpfe genügen mag.

Jünfte Ordnung.

Die Krebs- oder Asselspinnen (Pantopoda, Pyenogonidae).

Eine kleine, noch in der Kürze zu betrachtende Gruppe von Spinnentieren ist von Milne Edwards, dem wohlunterrichteten Krebskenner, zu den Krustentieren gerechnet worden, und erst in neuerer Zeit, nachdem man ihre Entwickelung und den inneren Bau gründlicher erforscht hat, fand man sich veranlaßt, sie an diesen Platz zu stellen. Die Asselspinnen (Pycnogoniden) finden sich an den Meeresküsten unter Steinen, zwischen dem Seetang, mit welchem sie sich umhertreiben lassen, oder wohl auch angeklammert an andere Tiere und bestehen der Hauptsache nach aus vielgliederigen Beinen, indem der Hinterleib fast vollständig verschwindet und der Vorderteil viergliederig und nur so weit entwickelt erscheint, um den Gliedmaßen als Stützpunkt zu dienen. Außerhalb eines kopfförmigen Saugrohres sind die scherenartigen, zuweilen einfachen Kieferfühler eingelenkt, die manchmal samt dem ersten Kiefertasterpaar gänzlich fehlen, während das folgende Paar der Taster genau dem Bildungsgesetze der übrigen Beine folgt, die aus 7—9 Ufer-Spindelassellittorale). Vergrößert.(Pyenogonum Gliedern bestehen und in eine kräftige Klaue auslaufen. Am Vorderrande des in vier Teile zerfallenden Kopfbruststückes bemerkt man, einem Höcker aufsitzend, vier einfache Augen. — Der Darmkanal verläuft zwar in gerader Richtung vom Munde nach dem After, bildet aber trotzdem keineswegs ein einfaches Rohr, weil der sehr enge Magen jederseits mit fünf blindsackartigen Ausstülpungen versehen ist, von denen das erste kurze Paar in die Höhlung der Kieferfühler, jedes folgende bis in das drittletzte Glied der entsprechenden Beine hineinragt; ihre drüsenreichen Wandungen ersetzen die Stelle einer Leber. Welche Bedeutung für diese „nur Bein“ darstellenden Spinnen (Pantopoden) die Beine haben, erhellt weiter aus der Lage der Geschlechtswerkzeuge, welche beim Männchen und Weibchen in dem vierten oder fünften Gliede eines jeden Beines liegen, mithin achtfach vorhanden sind. Während die Samenflüssigkeit an der Spitze des genannten Gliedes austritt, kommen die Eier aus einer Offnung jedes zweiten Gliedes hervor, um einem am vorderen Leibesteil entspringenden beinähnlichen Werkzeug übergeben werden zu können, an welchem sie bis zum Ausschlüpfen der Jungen haften bleiben. Die Organe des Blutumlaufs sind erst neuerdings von Zenker in Form eines dreikammerigen Herzens nachgewiesen worden, dagegen fehlen diejenigen gänzlich, welche dem Atmen dienen, so daß dieses aller Wahrscheinlichkeit nach durch die derbe Haut des Körpers stattfindet. Die Jungen nehmen erst durch wiederholte Häutungen die Gestalt der Eltern an, denn sie werden mit ungegliedertem Leibe, mit zuweilen in lange Geißeln auslaufenden Kieferfühlern und mit nur zwei Beinpaaren geboren.

Die Ufer⸗Spindelassel ([Pyenogonum littorale) erreicht die Länge von 13 mm und treibt sich an den Küsten der europäischen Meere, besonders auch der Nordsee unter Steinen und zwischen Tangen umher; auch hat man sie mitunter auf Fischen gefunden. Kieferfühler und Unterkiefertaster fehlen ihr. Die Oberfläche des rostgelben und auch

Ufer-Spindelaſſel (Pyenogonum littorale). Vergrößert.

bleicheren Körpers erscheint matt und gekörnelt und das Schenkelglied der Beine samt den beiden zunächst folgenden Gliedern an den Spitzen mit je zwei warzenförmigen Vorsprüngen versehen.

Die schlanke Krebsspinne (Nymphon gracile) unterscheidet sich von der vorigen durch scherenförmige Kieferfühler, viergliederige, dünne Unterkiefertaster und sehr lange, fadenförmige Beine. Sie wird nur wenig über 5 mm lang und findet sich unter gleichen Verhältnissen an den europäischen Küsten. Die in der Leibesmitte sichtbaren Krallen stellen das mit Eierklümpchen behaftete Beinpaar vor, welches nur dem Weibchen zukommt. Überdies sei noch darauf hingewiesen, daß sich bei unserer Art das erste Glied des Vorderleibes auffällig gegen die übrigen verlängert und in der Mitte einschnürt. Die vier oder fünf Hüftglieder, die sich unterhalb des Schenkelgliedes einschieben und wesentlich zur Verlängerung der Beine beitragen, und Fußklauen, welche die Länge des Rüssels übertreffen, gehören zu den Kennzeichen der Gattung. Bei Ammothoa find die Fußklauen viel kürzer als der Rüssel und die Taster achtgliederig, bei anderen hierher gehörigen, aber mit Stillschweigen übergangenen Gattungen diese Verhältnisse abermals anders.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß man auch die sogenannten Bärtierchen als Ordnung der Tardigrada (Langsamschreiter) den Spinnentieren bei-zählt, während sie früher zu den

Schlanke Krebsspinne (Nymphon gracile). Stark vergrößert. Rädertierchen oder niederen Krebsen gestellt worden sind. Der Körper dieser mikroskopischen Wesen ist gestreckt und wurmförmig, läßt keine Scheidung in Kopfbruststück und Hinterleib erkennen und verlängert sich vorn zu einer Saugröhre, aus welcher zwei dolchartige Kiefer hervorgestreckt werden können. Die vier Paar Beine sind stummelhaft, ungegliedert und endigen in mehreren Klauen; das letzte derselben entspringt am Körperende. Den Bärtierchen kommen vorn ein doppelter Nervenknoten nebst Schlundring und als Bauchmark vier Nervenknoten sowie ein Darm zu, dagegen fehlen Werkzeuge für die Atmung und den Kreislauf vollständig. Bis in die neueste Zeit hinein hielt man die Bär: tierchen ganz allgemein für Zwitter, erst durch die Untersuchungen von Plate (1888) ist nachgewiesen, daß sie getrennten Geschlechts sind, Männchen und Weibchen, von denen erstere viel seltener auftreten, sind einander allerdings sehr ähnlich. Sie leben von Pflanzen oder noch winzigeren Tierchen, als sie selbst sind, halten sich zwischen Moos und Algen, besonders auf bemoosten Dächern oder in Dachrinnen, einige wenige auch im Wasser auf und haben dadurch eine gewisse Berühmtheit erlangt, daß sie lange Zeit, wenn ihnen die nötige Feuchtigkeit fehlt, wie tot daliegen, aber wieder zu neuer Lebensthätigkeit erwachen, sobald jene ihnen zugeführt wird. Man unterscheidet verschiedene Formen, welche auf mehrere Gattungen verteilt worden find, von denen Macrobiotus eine der verbreitetsten sein dürfte.

Schlanke Krebsſpinne (Nymphon gracile). Stark vergrößert.
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