Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die alten Larven halten sich gewöhnlich gedrängt bei einander in den engen Gängen, die Soldaten meist an deren Enden; jene entfliehen, sobald man diese öffnet. Genau dasselbe gilt auch von den Nymphen. Bei den jedesmaligen Häutungen zeigt sich ein reges Leben, welches seinen Grund hauptsächlich darin zu haben scheint, daß die Neugeborenen, besonders die, welche nun keine Häutung weiter zu bestehen haben, ein einsames Plätzchen aufsuchen, wo sie außer dem Gewühle der Masse ihren ungemein weichen Körper erhärten, die geflügelten ihre Flügel ohne Störung auswachsen lassen können, was in der Zeit von
einer Stunde geschieht. Die eben zur Vollendung gekommenen Arbeiter find, wie alles, was eben die Haut abstreift, vollkommen weiß, und nehmen sich ein paar Tage Zeit, ehe sie sich arbeitsfähig fühlen. Die Geschlechtstiere verlieren sehr bald die Flügel und halten sich ebenfalls dicht zusammen. Lespeès sah fie im Freien nur dann schwärmen, wenn er zu der bestimmten Zeit ein Nest öffnete; seine Gefangenen starben im Juli. Einmal, als das Glas in der Sonne stand, kamen sie an die Oberfläche des Nestes, die Weibchen verfolgt von sehr hitzigen Männchen, meist von einem, seltener von zweien, und zwar so nahe, daß man hätte meinen sollen, es habe die Hinterleibsspitze mit den Kinnbacken gefaßt. Die Paarung konnte er weder hier noch im Freien beobachten, und ich bin nach dem, was ich darüber gelesen habe, der Überzeugung, daß sie nicht in der Luft, sondern nach dem Verlust der Flügel auf der Erde und zwar in einem dunkeln Winkel oder während der Nacht erfolgt. Dieses emsige Nachlaufen des Männchens, was auch bei andern Arten beobachtet wurde, die Licht⸗ und Luftscheue der Tiere, welche sie während ihrer ganzen Lebenszeit als Eigentümlichkeit bewahren, läßt mit voller Bestimmtheit erwarten, daß sie es nicht den Honigbienen, den Kindern des Lichtes, nachthun. — Wie es scheint, sind Königinnen selten aufzufinden, und was Lespes über sie berichtet, enthält zum Teil Widersprüche. Er traf wohl Eier, allemal in Klumpen vereinigt, an, niemals aber eine Königin dabei und meint, daß sie von den im August schwärmenden Geschlechtstieren gelegt sein müßten. Nach eifrigem Suchen gelang es ihm endlich, am 28. Juli zwei Pärchen, und zwar in einem und demselben Baumstumpf, anzutreffen, jedes aber in einer besonderen Zelle, die beide in einem Zusammenhang standen und die Vermutung nahe legten, daß hier zwei Kolonien nebeneinander hausten, wie im oben erwähnten Falle eine neben einer Ameisenkolonie. Arbeiter und Soldaten leisteten Gesellschaft sowie Larven und — Eier, aber keine Nymphen. Daß die Eier nicht von dem Weibchen sein konnten, ergab dessen anatomische Untersuchung. Auch im November fand sich ein derartiges Pärchen in einem kleinen Neste, dessen Weibchen im Eierstocke Eier mit Schale hatte. Königinnen wurden im Dezember, März und Juli in Gesellschaft eines Königs oder ohne solchen angetroffen. Jene wachsen mehr und mehr, je älter sie werden, halten sich in keiner besonderen Zelle, sondern nur in einer tiefer gelegenen Galerie mit dem sehr lebhaften Könige zusammen auf, kriechen trotz ihrer Wohlbeleibtheit behende umher und beginnen erst ein Jahr nach der letzten Häutung mit dem Legen der Eier, was nur kurze Zeit und zwar im Juli geschehen dürfte.
Wie ungeachtet der eifrigen Forschungen Einzelner die Natur in ihrem Walten der Geheimnisse noch gar viele birgt, auch solcher, welche der menschliche Scharfblick durch unermüdliche Beobachtung zu enthüllen vermag, hat wiederum das Leben der „weißen Ameisen“ bewiesen und den Mahnruf an alle Strebsame erneuert: „Suchet, so werdet ihr finden!“
Preußen nennt in Rußland der gemeine Mann Tiere, welche der oberösterreichische Bauer als Russen bezeichnet, und welche hier wie dort und noch anderwärts in den Häusern ungemein lästig fallen. Die Russen meinen, dieselben seien durch die nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges aus Deutschland zurückkehrenden Truppen eingeschleppt worden, bis dahin wenigstens habe man sie in Petersburg noch nicht gekannt. Die Osterreicher rechtfertigen ihre Benennung mit der Ansicht, dieTiere seien durch Teichgräber aus Böhmen nach Oberösterreich (Traunkreis) gebracht worden und dorthin vorher durch russische Unterthanen gelangt, welche zum Stöckeausrotten von böhmischen Glashüttenbesitzern als Tagelöhner verwendet worden seien. Wie leicht sich die deutsche Schabe (Blatta germanica), um welche es sich hier handelt, von einem Orte zu einem anderen verschleppen läßt,
davon legt folgende Thatsache Zeugnis ab. In einer Brauerei zu Breslau hatten die Schaben so überhandgenommen, daß sie auf den Tischen der Bierstuben umherliefen, den Gästen an die Kleider krochen und sich besonders gern unter die Rockkragen versteckten. Sie kommen auch in Syrien, Agypten, in dem nördlichen Afrika und in den verschiedensten Gegenden Deutschlands vor. In Nordhausen kennt man sie seit etwa 65 Jahren und findet sie in den Branntweinbrennereien oft recht lästig; in Halle kommen sie in den Franckeschen Stiftungen vereinzelt, in der ungefähr erst drei Jahrzehnte bestehenden und außerhalb der Stadt gelegenen Zuckerraffinerie massenhaft vor; in Hamburg fallen sie in vielen Häusern sehr lästig, und Waltl in Passau bemerkt, daß sie bei ihm zu Lande ein sehr unangenehmes Hausungeziefer seien, welches nicht selten die Leute zum Ausziehen nötige. Man geht im kalten Winter von dannen, läßt alles offen, und nach ein paar Tagen findet man die verweichlichten Tiere wahrscheinlich durch den schnellen Übergang von der Wärme zur Kälte
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- Deutsche Schabe (Blatta germanica), ein Weibchen und ein Männchen. 2) Lappländisch e Schabe (Blatta lapponica)-
Alle in natürlicher Größe.
tot und bezieht das Haus wieder. Daß eben nur der Temperaturwechsel oder der kalte Luftzug, gegen den sie empfindlich zu sein scheinen, sie tötet oder vielleicht nur vertreibt, und nicht die Winterkälte als solche, geht aus ihrem Leben im Freien hervor. Denn sie finden sich vielfach in unseren deutschen Wäldern; ich habe sie einzeln bei Halle, einer meiner Freunde hat sie bei Leipzig gefangen. Das in Rede stehende Tier ist lichtbraun, das Weibchen etwas dunkler als das Männchen und auf dem Halsschilde mit zwei schwarzen Längsstrichen gezeichnet. Der flache, gelbliche Hinterleib des Männchens wird mit Ausschluß der beiden Afterplatten von den Flügeln vollständig bedeckt, während der braune, vorn schwärzliche des Weibchens beiderseits etwas über die Flügel hervorragt und ihre Länge nicht erreicht. Wie es scheint, macht dieses auch weniger Gebrauch von seinen Flugwerkzeugen als das andere Geschlecht. In einem Alter von 14 Tagen bewirbt es sich um die Gunst eines Männchens. Beide Geschlechter nähern sich von hinten durch Zurückschieben des Körpers, bleiben aber nicht lange vereinigt. Bald darauf schwillt der Hinterleib des Weibchens merklich an, die Verdickung drängt nach hinten, und nach ungefähr einer Woche wird an der Leibesspitze ein gelber, rundlicher Körper sichtbar, welcher das Bestreben zeigt, sich herauszudrängen. Man muß ihn für ein Ei halten, welches allerdings im Vergleiche zu dem Muttertier eine befremdende Größe zeigt. Wie lange letzteres dieses vermeintliche Ei sichtbar mit sich herumträgt, ist noch nicht genau ermittelt worden, entschieden mehrere Wochen und länger als die andere, gleich nachher zu besprechende Art. Schließlich läßt
es dasselbe in irgend einem Winkel fallen und stirbt bald nachher. Man hat zwar beobachtet, daß Weibchen ein weniger entwickeltes Ei ablegten und darauf noch ein zweites, vollkommeneres; als Regel muß aber angenommen werden, daß sie nur einmal legen. Bei genauerer Untersuchung dieses 6,5 mm langen, halb so breiten und braun gefärbten Eies, welches fast dieselbe Gestalt wie das weiter hinten abgebildete zeigt, finden sich äußerlich eine geflochtene Naht an dem einen langen Rande und deutliche Querriefchen an den Seiten. Im Inneren aber ist es von wunderbarem Baue. Durch eine Längsscheidewand wird es in zwei gleiche Hälften zerlegt, deren jede 18, den äußeren Quereindrücken entsprechende Fächer mit je einem weißlichen, länglichen Ei oder, wenn es schon weiter entwickelt war, mit einem weißen Lärvchen enthält, welches mit seiner Bauchseite der Längsscheidewand zugekehrt liegt. Die Mutter bettet also in dieser Weise ihre 36 Kinder in eine große Eikapsel regelmäßig nebeneinander und dürfte dieselbe nur kurze Zeit vor der Entwickelung der Jungen fallen lassen. Dieselben arbeiten sich, wenn sie reif sind, an der geflochtenen Naht aus der Eikapsel heraus. Hummel in Petersburg fand vorzeiten Gelegenheit zu einer höchst interessanten Beobachtung. Er hatte, um das Leben dieser Schaben kennen zu lernen, bereits länger als eine Woche ein Weibchen, an welchem die Eikapsel hinten schon sichtbar war, in ein Glas eingeschlossen, als man ihm am Morgen des 1. April eine, wie er sagt, anscheinend ganz frische Eikapsel brachte, welche er zu jenem Weibchen in das Glas legte. Kaum war dies geschehen, so näherte sich die Gefangene derselben, betastete und kehrte sie nach allen Seiten um. Schließlich hielt sie dieselbe mit den Vorderfüßen fest und öffnete sie an der gedrehten Naht von vorn nach hinten. Sobald sich der Spalt erweiterte, drangen die weißen Lärvchen hervor, deren immer zwei und zwei auf: einander gerollt waren. Mit den Kiefertastern und Fühlern half das Weibchen diesen nach, und in wenigen Sekunden liefen sie munter umher, ohne daß sich die Pflegemutter weiter um sie kümmerte. Es waren ihrer 36, alle weiß mit schwarzen Augen; doch wurden sie alsbald grünlich, dann schwarz und grünlichgelb gemischt. Sie setzten sich an die der Alten zum Futter vorgelegten Brotkrümchen und ließen sich dieselben schmecken. Dies alles war das Werk von 10 Minuten. Wenn die Larve sechs Häutungen, bei welchen jedesmal die ursprüngliche weiße Farbe auf kurze Zeit wiederkehrt, überstanden hat, ist die fortpflanzungsfähige Schabe geboren. Genau genommen müßte man von sieben Häutungen sprechen, das erste Gewand bleibt nämlich in der Eikapsel zurück und wird daher leicht übersehen. Nach 8 Tagen erfolgt die erste (richtiger also zweite) Häutung, nach 10 weiteren Tagen die folgende, ungefähr 14 Tage darauf die dritte. Beim Auskriechen aus der alten Haut, welche wie immer auf dem Rücken reißt, erscheint die Larve anfänglich dünn und schmächtig, nimmt aber schnell ihre platte Form, schon weniger rasch die dunklere Färbung an, der gelbe Rand des Halsschildes und die beiden folgenden Ringe des Mittelleibes setzen sich jetzt ab. Mit der vierten Häutung, ungefähr 4 Wochen später, prägen sich alle diese Teile noch mehr aus. Nach abermals 4 Wochen kommen mit der fünften Häutung die Flügelstümpfe, die Larve wird zur sogenannten Nymphe und lebt als solche eine gleiche Zeit oder 6 Wochen. Nachdem fie das letzte Kleid ausgezogen hat, braucht die Schabe 10— 12 Stunden, um sich, mit Beinen und Fühlern beginnend, auszufärben. Das Wachstum erfolgt hier, wie bei allen Kerfen, nicht gleichmäßig.
Die deutsche Schabe frißt sozusagen alles, was ein Kerf überhaupt verzehren kann, vornehmlich Brot, weißes lieber als schwarzes, dem Mehle dagegen geht sie nicht nach, und auch Fleisch verschmäht sie so lange, wie sie etwas anderes hat. Hummel sah sie zu Tausenden in Flaschen stürzen, in denen Ol gewesen war und die Stiefelwichse bis zum Leder vom Schuhwerke abschaben, nie aber, daß eine die andere aufgefressen hätte.
Chamisso erzählt, daß man auf offener See Ballen öffnete, welche Reis und Getreide enthalten sollten, und statt dessen deutsche Schaben gefunden habe. Sie können übrigens auch lange hungern. Unter den zahlreichen Gattungsgenossen finden sich noch einige Schaben, welche, die Häuser vermeidend, nur Wälder bewohnen und durch die verschiedene Bildung der Flügel unterschieden werden. So reichen bei der lappländischen Schabe (Blatta lapponica,
Fig. 2, S. 574) die gelben, schwarz punktierten Flügeldecken, wie die Hinterflügel, bei dem Weibchen nur bis zum Ende des Hinterleibes, bei dem Männchen dagegen über dieses hinaus. Das heller oder dunkler braune Tier zeichnet sich durch einen lichten, durchscheinenden Saum des Halsschildes aus und wird nur 7,17 mm lang. Man findet die Schabe überall bei uns in Wäldern, fängt sie aber ihrer Geschwindigkeit wegen schwer. In Lappland kommt sie in die Wohnungen und kann in Gemeinschaft mit einem Aaskäfer (Silpha lapponica) die ganzen Vorräte an gedörrten Fischen aufzehren. — Bei der nur 6,5 mm messenden, bald ebenso breiten gefleckten Schabe (Blatta maculata) bleiben die Hinterflügel merklich kürzer als die mit der Leibesspitze abschneidenden Decken. Das ovale Tierchen ist dunkelbraun, an den Spitzen der Hüften lichter, an dem Außenrande des Halsschildes und an den Flügeldecken, mit Ausschluß je eines schwarzen Fleckes ihrer Hinterhälfte, gelb gefärbt. Ich traf es bei Halle in manchen Jahren zahlreich sich auf Brombeergebüsch lebhaft tummelnd. Als Merkmale der Gattung Blatta gelten folgende: Der Kopf versteckt sich vollständig unter dem breiten, hinten weder aufgeworfenen, noch winkelig vorgezogenen Halsschilde; er steht, wie bei allen Schaben, mit dem Scheitel am weitesten nach vorn, mit den Freßwerkzeugen dagegen am weitesten nach hinten und trägt im Ausschnitte der nierenförmigen Augen Borstenfühler von mindestens Körperlänge. Die vier Flügel, deren vordere lederartige Decken mit hervorragenden Adern bilden, liegen platt auf dem flachgedrückten Hinterleibe auf, indem die linke Seite mit dem Innenrande über die rechte übergreift und die breiten Hinterflügel sich durch Längsfalten verschmälern. An den breitgedrückten Schenkeln der schlanken Beine sitzen immer einige Stacheln, zahlreichere an den verlängerten Schienen und am fünften Fußgliede außer den feinen Krallen ein Haftläppchen. Die Männchen unterscheiden sich durch geringere Größe, schlankere Gestalt und einen überzähligen (8.) Hinterleibsring vom Weibchen; übrigens ist die letzte Bauchschuppe bei beiden Geschlechtern gleich geformt und platt, beim Weibchen nur breiter, hier wie dort kommen lange, gegliederte Raife an der Hinterleibsspitze vor, aber keine Griffel beim Männchen. Die Küchenschabe, der Kakerlak (Periplanetä orientalis), ist ihrer äußeren Erscheinung nach mindestens allen denjenigen bekannt, welche in einem Bäckerhause, einer Mühle, Brauerei ꝛc. wohnen; im Freien trifft man diese Art niemals an, sondern stets nur in menschlichen Behausungen und zwar zum Leidwesen von deren Bewohnern. Während des Tages kommt sie nicht zum Vorschein, bleibt vielmehr in Mauerlöchern und dunkeln Winkeln verborgen. Beim Reinigen eines wenig gebrauchten Zimmers meiner Wohnung fand sich mitunter ein vereinzeltes Männchen oder Weibchen, oder auch eine Larve, aber immer nur ein Stück unter einem Fußteppiche, und wir wußten uns ihr Erscheinen nicht zu erklären, weil die sämtlichen übrigen Räume frei davon waren. Immer zum Einfangen herbeigerufen, wenn sich der Besuch zeigte, versah ich es eines Tages und ließ das Tier entwischen. Mit Blitzesschnelle lief es auf der Scheuerleiste einer Wand entlang und ver: schwand in deren Ecke durch ein bisher unbemerkt gebliebenes, winziges Loch am Ende der Tapete. Wie ein Mäuslein wußte die Schabe ihren Weg wiederzufinden, den fie ge: kommen war, und wurde so zur Verräterin ihres eigentlichen Aufenthaltsortes. Unter der Stube befand sich nämlich eine Viktualienhandlung, wo die Schaben ihre Nahrung