Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
fanden. Auf ihren nächtlichen Streifzügen hatten sie sich allmählich nach oben durchgearbeitet und ohne Erfolg die ihnen eröffnete Stube durchirrt, einige waren sogar darin verhungert; denn 3—4mal fand sich eine tot in den weiten Maschen der Fenstervorhänge. — Des Abends, besonders von 11 Uhr ab, kann man diese nichts weniger als liebenswürdigen Tiere, wo sie sich einmal eingenistet haben, in Scharen herumwandern sehen, gleich den Heimchen, und da sie wie diese die Wärme lieben, sind Küchen und in der
e,.
—
cui
S
*N NI 1 N \ NIEDD *
Wi N un 5 „ 16 5 e )
0 \
ANNLSINE
x Ae Y m1 0 5 00 0 NTMm N
se N! fad,0 N A V WA.
Eine Gesellschaft von Küchenschaben (Periplaneta orientalis) auf verschiedenen Altersstufen. Natürliche Größe.
Nähe von Backöfen und Braupfannen gelegene Räumlichkeiten ihre liebsten Tummelplätze sowie Juni und Juli die Hauptmonate ihres Erscheinens. Betritt man zu dieser Zeit einen von ihnen bewohnten Platz, so sieht man sie in allen Größen, zwischen der einer kleinen Bettwanze und der Länge von 26 mm, allerwärts umherschnüffeln und besonders da gruppiert, wo sich ihnen eine feuchte Stelle, Brot oder andere Nahrungsmittel darbieten. Erscheint man nicht sehr geräuschlos, so laufen sie mit einer Eile und Behendigkeit davon, welche ihre Furchtsamkeit beweist, für den Beschauer bei allen damit verbundenen Nebenumständen aber auch ein unbehagliches, fast unheimliches Gefühl erweckt. Die plötzliche Erscheinung von Licht jagt sie weniger in Schrecken als das unerwartete Geräusch des Eintretenden, wie man sich leicht überzeugen kann; denn eine vorbeisummende Fliege, eine plötzlich vorüberlaufende Kellerassel, ein Heimchen können sie gleichfalls außer Fassung und zum Ausreißen bringen. In den kleinen erblickt man die flügellosen
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 37
Larven, in zwei verschiedenen Formen die erwachsenen Schaben. Diejenigen, deren Hinterleibsrücken, wenn auch nicht vollkommen, von pechbraunen, am Hinterende fast fächerförmig geäderten Flügeln bedeckt wird, gehören dem männlichen Geschlechte an, während die durchaus schwarzglänzenden, auf deren Mittelrücken man statt der Flügel nur seitliche Lappen wahrnimmt, die Weibchen sind. Im wesentlichen unterscheidet sich Periplaneta von Blatta nur dadurch, daß beim Männchen der ersteren Gattung die letzte, ziemlich platte Bauchschuppe mit zwei langen Griffeln versehen und dasselbe Glied beim Weibchen Fiel-artig erhoben ist.
Wenn mit dem April die Zeit zum Eierlegen gekommen ist, schwellen die befruchteten Weibchen an ihrer Hinterleibsspitze merklich an, die vorher erwähnte Eikapsel zeigt sich und rückt in dem Maße weiter aus der Leibesspitze heraus, als sie sich erhärtetund aus der hellbraunen allmählich in die schwarze Farbe übergeht. Dieselbe hat gleichfalls eine Längsscheidewand, in jedem Fache aber nur acht Eizellen; fie wird bis zum August abgelegt und soll nach der Ansicht der einen sehr bald nachher, oder wie andere, denen ich jedoch
Eikapsel der Küchenschabe (Periplaneta orientalis), oben in natürlicher Größe, in der Unterreihe vergrößert und in den verschiedenen Ansichten.
nicht beipflichten möchte, meinen, erst nach fast Jahresfrist die Lärvchen entlassen. Auch bei dieser Art ist mir ein Weibchen vorgekommen, welches zwei Eikapseln legte, die erste am 21., die zweite am 29. Juni; zwei Tage später lag es tot in dem als Gefängnis dienenden Glase. Beim Ausschlüpfen der Jungen bleibt die erste Haut zurück und ein Jech$- maliger Wechsel folgt nach, aber in viel größeren Zwischenräumen als bei der deutschen Schabe, wie man behauptet: zunächst nach 4 Wochen, dann immer erst nach je einem Jahre, so daß die Larve im zweiten Sommer die dritte Häutung bestände und so fort im sechsten die letzte, die Schabe also 5 Jahre alt werden müßte, ehe sie sich fortpflanzt. Ich habe keine eignen Versuche darüber angestellt, finde aber die Angabe des Alters etwas sehr hoch. Die Küchenschabe, welche man wohl auch „Schwabe“ oder „Käfer“ nennen hört, müßte ihres wissenschaftlichen Beinamens zufolge aus dem Morgenlande stammen, jedoch fehlen die Beweise, um dies mit voller Bestimmtheit aussprechen zu können. Man weiß nur, daß sie sich in Ostindien wie in Amerika, nicht bloß in Küstenstädten, sondern auch im Binnenlande und in ganz Europa mehr oder weniger häufig findet, daß sie sich gern auf Schiffen aufhält, und daß sich endlich ihre Entwickelungsweise durch die Eikapsel ganz vorzüglich dazu eignet, da diese durch Warensendungen überallhin verschleppt werden kann. Zuverlässige Nachrichten über ihr Vorhandensein in Europa reichen etwa 150 Jahre zurück. Ob es wahr sei, daß sie hier und da durch die deutsche Schabe verdrängt worden, wie man behauptet, wage ich ebenfalls nicht zu entscheiden, weiß nur, daß beispielsweise zur Zeit beide Arten nebeneinander den Hamburgern lästig fallen. Die Liebhaberei der Tiere, nasse Stellen aufzusuchen und besonders gern Bier zu lecken, kann zu ihrem Verderben benutzt werden, wenn man feuchte Scheuerlappen auslegt, neben und unter welchen sie sich ansammeln, und diese dann mit Holzpantoffeln gründlich bearbeitet. Beim Zertreten
eines Schabenweibchens hört man einen kräftigen Knall, dem ähnlich, welchen das Zertreten einer kleinen Fischblase erzeugt.
Auch die größere amerikanische Schabe (Periplaneta americana), deren Weibchen mit vollkommen entwickelten Flügeln ausgestattet ist, hat sich in europäischen Seestädten, hier und da auch im Binnenlande, angesiedelt und in den Warmhäusern Schaden angerichtet. Von Frankreich her sind hierüber Klagen laut geworden, und bei Borsig in Moabit haben die amerikanischen Schaben zeitweilig die jungen Wurzelspitzen und Blüten der Orchideen weggefressen. In Tabaksballen kommen sie als Leichen nicht selten nach Europa herüber. Eine rotbraune, auf der Unterseite lichtere Färbung kennzeichnet ihren ca. 34 mm messenden Körper sowie eine helle Binde vor seinem Hinterrande das Halsschild, welches in den Umrissen dem der Küchenschabe ähnlich ist.
Die Riesenschabe (Blabera gigantea), in Westindien auch der „Trommler“ genannt, weil sie bei ihren nächtlichen Umzügen ein Geräusch hervorbringen soll, welches dem Knacken mit den Fingern gleich kommt, umgibt ihr quer elliptisches Halsschild mit einer feinen Randleiste und hat weder Stacheln an den Schenkeln, noch Haftlappen zwischen den Krallen, aber deutliche Fußsohlen. Die nahezu 52 mm messende Schabe ist gestreckt und sehr flach, schmutzig braun von Farbe, mit einem leichten Schattenstreifen über die Mitte der Deckschilde und einem fast quadratischen schwarzen Flecke auf der Mitte des Halsschildes gezeichnet. Im südlichen Amerika stellt sich dieser Riese nicht selten in den Häusern ein. Zahlreiche ausländische Arten schließen sich ihm als nächste Verwandte dadurch an, daß die Haftlappen fehlen, beiden Geschlechtern jedoch Flügel zukommen. Es gibt noch andere Arten, deren Weibchen allein oder gleichzeitig auch den Männchen die Flügel mehr oder weniger mangeln. Hier wie dort hat es dann seine Schwierigkeiten, die Larve vom vollkommenen Insekt zu unterscheiden, obschon einige Kennzeichen von den Forschern aufgefunden worden sind.
Die Gesamtheit der Schaben oder Kakerlake (Blattidae) gehört gleich den Termiten, wenigstens in ihren auffälligen Formen, den heißen Erdstrichen an, treibt wie diese der Mehrzahl nach, scheu vor dem Lichte, ihr Wesen im Verborgenen und gleicht ihnen, wenn auch nicht dem äußeren Ansehen nach, so doch wesentlich im inneren Bau. In den vorgeführten Formen kommen alle Schaben so ziemlich überein; besonders sind es die Stellung des Kopfes, welcher nicht immer vollständig vom Halsschilde zugedeckt wird, die Länge der breiten, häßlichen Beine, an denen ausnahmslos fünf Fußglieder vorkommen, der plattgedrückte Körper, die langen Borstenfühler, die jedoch letzteren an Länge nicht zu erreichen brauchen, als vordere, die gegliederten Raife als hintere Anhänge, welche in ihrer Gesamtheit den Tieren ihr eigentümliches Gepräge verleihen. Die Mundteile, um dieser noch zu gedenken, gelangen bei allen zu einer kräftigen Entwickelung: 4—6zähnige Kinnbacken, eine schnabelförmig ausgezogene äußere Lade des Unterkiefers, dem fünfgliederige Taster nicht nur in dieser, sondern auch in den folgenden Familien angehören, eine vierlappige Unterlippe, deren äußerer Lappen doppelt so groß wie der innere ist, und dreigliederige Taster kennzeichnen die Kakerlake als Kaukerfe ersten Ranges.
Die Gottesanbeterin (Mantis religiosa) gehört ihrer äußeren Erscheinung nach entschieden zu den abenteuerlichsten Kerfen, welche in Europa gefunden werden, und hat auch ihres Namens wegen zu sonderbaren Vermutungen Anlaß gegeben. Bei den Griechen bezeichnete nämlich das Wort mantis männlichen Geschlechts (O wavzıg) einen Seher oder Propheten, sie gebrauchten es aber auch im weiblichen Geschlecht und verstanden 37
darunter das eben genannte Tier oder eine sehr nahe stehende andere Art. Der bereits öfters erwähnte englische Forscher Moufet aus dem Ende des 16. Jahrhunderts sucht nun nach Gründen für diese Benennung und führt deren drei auf. Die Tiere seien Verkündiger des Frühlings, weil sie als die ersten erschienen. Er beruft sich hierbei auf den Dichter Anakreon, irrt aber samt diesem, wie das Weitere ergeben wird. Sodann sollen die genannten Kerfe nach Cälius und der Scholastiker Weisheit Verkündiger von Hungersnot sein. Auch hier liegt ein Irrtum und höchst wahrscheinlich eine Verwechselung mit den nahe verwandten Heuschrecken zu Grunde, deren Erscheinen leicht Nahrungsmangel zur Folge haben kann. Eher läßt sich die dritte Erklärungsweise hören, welche auch dem deutschen Namen „Gottesanbeterin“, der Bezeichnung des Tieres seitens der provengalischen Bauern als prégadiou (prie-dieu), dem Louva dios der Spanier und anderen Benennungen
40 N0 W An
NN N
Gottesanbeterin (Mantis religiosa) nebst einem Eierpaket, aus welchem einzelne Larven hervorkommen. Natürliche Größe.
zu Grunde liegt, daß der Kerf den Namen Mantis erhalten habe, weil er die Vorderbeine, wie der Bittende die Hände, vorstreckt, nach Art der Propheten, welche in solcher Stellung Gott ihre Gebete vorzutragen pflegen. Die Mantis soll aber nicht bloß durch solche Stellung an den Seher erinnern, sondern auch durch ihre Haltung überhaupt; denn sie spiele nicht, wie andere, hüpfe nicht, sei nicht mutwillig, sondern zeige in ihrem bedächtigen Gange Mäßigung und eine gewisse würdevolle Ruhe. Sie werde bis zu dem Grade für weissagend (divina) gehalten, daß sie einem nach dem Wege fragenden Knaben durch Ausstrecken des einen oder des andern Vorderbeines den richtigen zeige und selten oder niemals täusche.
Anschauungsweisen, wie die zuletzt ausgesprochene, konnten nur zu einer Zeit und unter Völkern entstehen, wo man alles Gewicht auf den äußeren Schein legte und denjenigen für fromm und brav hielt, der solches Wesen zur Schau trug. Bei unserer Mantis lauert hinter jener Stellung, welche bei einem Menschen Andacht bedeuten kann, nur Tücke und Verrat. Grün von Farbe, wie die Blätter, zwischen denen sie sich auf Buschwerk aufhält, sitzt sie stundenlang ohne Regung in der gedachten Stellung, den langen Hals aufgerichtet, die eigentümlichen „Fangbeine“ erhoben und vorgestreckt, und entwickelt ebensoviel Ausdauer wie List. Kommt eine arglose Fliege, ein Käferchen oder sonst ein Kerf, dem sie sich gewachsen fühlt, in ihre Nähe, so verfolgt sie ihn, den Kopf hin und her drehend, mit dem Blicke, schleicht auch mit größter Vorsicht nach Katzenart heran und weiß den richtigen Zeitpunkt abzupassen, in welchem sie der Gebrauch ihrer Werkzeuge zum gewünschten Ziele führt. Das unglückliche Schlachtopfer ist zwischen den Stacheln eines der Fangarme
eingeklemmt, der zweite greift zu und verdoppelt die Haft, so daß ein Entrinnen unmöglich wird. Durch Einziehen der Arme wird nun der Raub den Freßzangen zugeführt und: in aller Behaglichkeit verzehrt. Ist dies geschehen, so reinigt die Gottesanbeterin ihre Fangarme mit dem Maule, zieht die Borstenfühler zwischen jenen durch, mit einem Worte, fie „putzt sich“ und nimmt, auf neue Beute lauernd, die frühere Stellung wieder ein.
In den letzten Tagen des August 1873 traf ich unsere Art ziemlich häufig, teilweise noch als Larve, auf dem insektenreichen Kalvarienberge bei Bozen. Sie trieb sich vorherrschend im dichten Brombeergestrüpp und auf anderem Buschwerk umher, welches der Berg in großer Auswahl bietet. Wenn ich eine und die andere ergriff, klammerte sie sich so fest mit ihren Fangarmen an die Finger an, daß einige Vorsicht dazu gehörte, sie wieder los zu bekommen, ohne den sonst zarten und weichen Körper zu verletzen; denn wie eine Klette immer wieder an den Kleidern haftet, so wurden die Finger immer wieder an einer anderen Stelle erfaßt, wenn sie an der ersten befreit waren, ohne jedoch schmerzlich berührt zu werden. Die Art kommt im ganzen südlichen Europa und in Afrika vor, wurde bei Freiburg i. Br., bei Frankfurt a. M. beobachtet, und diese Punkte gelten, wie weiter nach Osten Mähren, als die nördlichste Grenze ihrer Verbreitung.