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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Unsere Abbildung läßt die große Beweglichkeit der vorderen Körperteile und die charakteristischen Merkmale der artenreichen Gattung Mantis erkennen. Der dreieckige Kopf ist wie bei den Schaben gestellt, der Scheitel zuvorderst, der Mund zuhinterst, trägt drei Nebenaugen und vor denselben die Borstenfühler. Der stabförmige erste Brustring ist 1½—8mal jo lang wie die beiden anderen zusammengenommen, hinten gerundet, an der Seitenkante geschweift und über der Anheftungsstelle der Vorderbeine am breitesten. Diese bestehen aus sehr langen, dreiseitigen Hüften und aus Schienen, welche wie die Klinge eines Taschenmessers gegen seinen Stiel in eine Doppelreihe von Stacheln an dem breitgedrückten Schenkel hineinpassen, in einen sichelartigen Dorn auslaufen und so das gefährliche Greifwerkzeug bilden; die fünfgliederigen Füße erscheinen wie ein dünnes, überflüssiges Anhängsel, welches seitlich absteht. Der gestreckte Hinterleib läuft bei beiden Geschlechtern in zwei gegliederte Raife aus und birgt bei dem stets dickeren und plumperen Weibchen in einem tiefen Ausschnitte der vorletzten Bauchschuppe eine kurze, hakenförmige Legröhre, während beim Männchen am Ende zwei Griffel sichtbar werden, welche im trockenen Zustande leicht abbrechen und daher den Stücken in Sammlungen häufig fehlen. Die Flügel und ihre Decken, sehr verschieden in der Form und letztere zum Teil auch in der Derbheit, stimmen nur im Verlauf der Adern miteinander überein, indem sie von stärkeren der Länge nach, von schwächeren in der Quere durchzogen werden, welche in ihrer Vereinigung meist viereckige, aber auch unregelmäßige Maschen darstellen. Beide Flügelpaare sind manchmal kürzer als der Hinterleib, in der Regel aber, wenigstens beim Männchen, länger und geben gute Unterschiede bei Gruppierung der Arten ab. Die Gottesanbeterin gehört zu denen, welche wegen der etwas lederartigen Beschaffenheit getrübte Vorderflügel und einen gleichgefärbten Hornfleck hinter der Hauptlängsader, das Randfeld nicht derber als den Raum unmittelbar hinter jener und dies alles gleichfarbig haben, dagegen wird das Nahtfeld, d. h. der größere, hinter der Hauptader gelegene Flügelteil, allmählich gegen den Hinterrand heller und hier glasartig. Bei ihr ist die Körperfarbe vielfachen Abänderungen unterworfen: bald ist sie durchaus braungelb, bald durchaus grün und an den Rändern der Flügel, des Vorderrückens und an den Beinen bräunlichgelb. Die zwei hintersten Paare dieser letztern sind bei allen Mantis-Arten lang und dünn und mit fünf Fußgliedern ausgestattet.

Von der Wildheit und Gefräßigkeit der Fangschrecken (Mantidae), wie man die ganze, hauptsächlich den heißen Erdstrichen angehörige Familie genannt hat, überzeugten

sich verschiedene Beobachter. Rösel ließ aus Frankfurt einige Gottesanbeterinnen kommen, um die Paarung zu beobachten. Er sperrte einzelne Pärchen mit wildem Beifuß oder andern Pflanzen, auf welchen sie gern sitzen, zusammen, mußte sie aber bald wieder trennen. Denn anfangs saßen sie steif und bewegungslos einander gegenüber, wie Kampfhähne, erhoben aber alsbald ihre Flügel, hieben blitzschnell und in voller Wut mit den Fangarmen aufeinander ein und bissen sich unbarmherzig. Kollar war nicht glücklicher mit demselben Versuche: er fand die Tiere vereinigt nebeneinander sitzend, wie es die Skorpionfliege auch thut. Hierauf aber verspeiste das Weibchen das Männchen und später noch ein zweites, welches in den Behälter eingesetzt worden war. Hudson saß, wie uns Burmeister berichtet, am Abend zwischen 8 und 9 Uhr vor der Thüre seines Landhauses nahe bei Buenos-Aires, als plötzlich das laute Gekreisch eines Vögelchens (Serpophaga suberistata) von einem benachbarten Baume her seine Aufmerksamkeit auf letztern lenkte. Er trat näher heran und bemerkte zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß der Vogel an einen Zweig angeklebt zu sein schien und heftig mit den Flügeln flatterte. Um bei der Entfernung und der bereits vorgeschrittenen Dunkelheit der sonderbaren Erscheinung auf den Grund kommen zu können, hatte Hudson eine Leiter herbeigeholt und sah nun, wie sich eine Fangschrecke mit ihren vier hinteren Beinen fest an den Zweig angeklammert und mit den vordersten das Vögelchen so fest umarmt hatte, daß Kopf an Kopf saß. Die Kopfhaut war bei dem Vogel in Fetzen zerrissen und die Hirnschale angenagt. Hiervon überzeugte sich Burmeister selbst, dem am folgenden Morgen beide Tiere von Hudson samt dem Berichte überbracht wurden. Der genannte Forscher beschrieb darauf diese Art in beiden Geschlechtern (die Vogelwürgerin war ein Weibchen) als neue, fleckenlose Art von 78 mm Länge und lichtgrüner Farbe und gab ihr den Namen: argentinische

Fangschrecke (Mantis argentina). Das Männchen hat glashelle, den Hinterleib wenig überragende Flügel mit grünen Adern, wenn man von der gelblichen vorderen Hauptader absieht; das flügellose Weibchen nur stark gegitterte, lederartige Läppchen von 26 mm Länge an Stelle der Decken. Diese Mitteilung stellt also die Thatsache fest, daß Fangschrecken kühn genug sind, um schlafende Vögel zu überrumpeln und zu töten, auf die Gefahr hin, von ihnen durch ein paar Schnabelhiebe abgefertigt und für fernere Zeiten unschädlich gemacht zu werden.

Die Fruchtbarkeit der Fangschrecken ist ziemlich bedeutend, und die Art, wie das Weibchen seine sehr lang gestreckten Eier in kleinere oder größere Pakete an einen Stengel oder an einen Stein anklebt, nicht ohne Interesse. Die Eier werden ziemlich regelmäßig reihenweise nebeneinander gestellt und durch eine schleimige Absonderung, welche teils schuppig, teils blätterig erhärtet, miteinander verbunden. Indem das Weibchen ungefähr 6—8 Eier in eine Querreihe aneinander stellt und hiermit von unten nach oben fortschreitet, 18—25 solcher Reihen vereinigend, entsteht ein Bündel von Eiern, wie es unsere Abbildung (S. 580) wiedergibt; dieselben sind mit ihren Kopfenden nach oben oder wenigstens nach außen gerichtet und stecken in dem verbindenden Schleime wie in einem Fachwerk. Die mehr schuppige Außenseite zeigt seichte Längsfurchen, welche die Kopfenden der Eierreihen markieren. Dergleichen Bündel nehmen an der ebenen Fläche eines Steines eine mehr platte, an dem runden Stengel einer Pflanze eine gewölbte Oberfläche an, mögen sie sich auch in Färbung, Gefüge und Grundform je nach den Arten unwesentlich unterscheiden. Daß ein Weibchen nicht bloß einen Packen fertigt, ließ sich nach dem Vorgange anderer

Kerfe, welche gehäufte Eier legen, vermuten und ist von Zimmermann an der carolinischen Fangschrecke (Stagmomantis carolina) in Nordamerika unmittelbar beobachtet worden. Der Genannte erhielt die Fangschrecke am 2. Oktober, setzte sie in ein großes

Glas und fütterte sie; am folgenden Tage legte sie Eier, starb aber nicht, wie er erwartet hatte, sondern verzehrte nach wie vor täglich einige Dutzend Fliegen, zuweilen auch mächtige Heuschrecken, dann einige junge Frösche und sogar eine Eidechse, welche dreimal so lang wie sie selbst war. Was sie einmal beim Fressen verlassen hatte, nahm sie nicht wieder an, weil es kein Leben mehr besaß. Bald schwoll der Hinterleib bedeutend an, und am 24. Oktober legte sie zum zweiten Male, aber ein weit kleineres Bündel. Nach Beendigung dieses Geschäfts, welches mehrere Stunden in Anspruch genommen hatte, fing sie abermals zu schmausen an, was ihr an lebenden Wesen vorgeworfen wurde. Wiederum schwoll der Leib an und ließ einen dritten Eierpacken erwarten. Wie es schien, verzögerten und verhinderten die kalten Novembernächte das Ereignis, und ohne daß ein solches eingetreten war, starb die Fangschrecke am 27. November. Am 26. Mai krochen die Eier des ersten und schon am 29. die des zweiten, drei Wochen später gelegten Bündels aus. Diese Beobachtung teilte Zimmermann damals brieflich an Burmeister mit und schickte die Belegstücke dazu ein, welche noch bei den reichen Schätzen des königlichen zoologischen Museums zu Halle aufbewahrt sind. Die Eipacken kommen der Kugelform näher als andere, welche ich gesehen habe. Nach der Überwinterung kriechen die Tierchen aus ihrer Wiege, in der Weise, wie die Abbildung S. 580 zeigt, und häuten sich zum ersten Male schon, während fie die Eischale verlassen. Vor Jahren brachte mir ein Freund ein Eierbündel genau von der abgebildeten Beschaffenheit aus Spanien mit. Als Ende Juni, Anfang Juli eine Anzahl Gottesanbeterinnen zum Vorschein kam, war ich um so überraschter, als ich nicht im entferntesten an die Lebensfähigkeit der Eier gedacht hatte. Mit den Jungen ging es mir, wie weiland Röjel: sie bissen sich untereinander, wollten aber die kleinen Fliegen, welche ich für sie herbeischaffte, ebensowenig ergreifen, wie andere nach eigner Auswahl, als ich sie frei auf der Fensterbrüstung umherlaufen ließ, und starben nach wenigen Tagen, nachdem sie durch ihre possierlichen Stellungen, ihre Munterkeit, ihr Furcht und Keckheit zugleich verratendes Wesen belustigt hatten. Es gelang Pagenstecher, die seinigen wenigstens bis zum August mit Blattläusen zu ernähren und einige fernere Häutungen zu beobachten. Etwa 14 Tage nach dem Ausschlüpfen erfolgt die zweite, nach Verlauf einer gleichen Zeit die dritte Häutung, und so mögen sie deren sieben zu bestehen haben, indem sich mit jeder folgenden die Fühlerglieder vermehren und allmählich die Flügelscheiden sowie gleichzeitig mit ihnen die Nebenaugen sichtbar werden. Die Fußglieder kommen gleich anfangs in ihrer Fünfzahl vor. In Jahresfrist vollenden mithin die Fangschrecken ihren Lebenslauf.

Zahlreiche Arten, welche im wesentlichen denselben Bau haben, aber am Kopfe einen nach vorn gerichteten dolchartigen, auch zweispitzigen Fortsatz und am Ende der Schenkel einen nach hinten gerichteten Hautlappen führen, sind unter dem Gattungsnamen Vates von Mantis abgeschieden worden, und wieder andere, bei denen sich die männlichen Fühler durch eine Doppelreihe von Kammzähnen auszeichnen, bilden die Gattung Empusa, welche mit einer Art (Empusa pauperata) auch im südlichen Europa vertreten ist. Außer der genannten werden von Saussure noch an 80 Gattungen unterschieden und in vier Sippen: Orthoderina, Mantina, Harpagina und Empusina, geordnet.

Die Gespenstschrecken (Phasmidae), mit den vorigen innig verbrüdert in dem Gebundensein an wärmere Erdstriche und im sonderbaren Aussehen, waren im System auch lange Zeit mit ihnen vereinigt, enthalten aber der abweichenden Merkmale zu viele, um es nach dem heutigen Stand der Wissenschaft ferner bleiben zu können. In der vorherrschenden Entwickelung des Mittelbrustringes auf Kosten des vorderen, in dem Mangel

der Raubfüße, meist auch der Flügel, und in der stabförmigen Gestalt der meisten oder der blattförmigen einiger liegen die ohne weiteres in die Augen springenden Unterschiede. Der in der Regel eiförmige Kopf steht hier allerdings auch schief, jedoch mit dem Munde nach vorn, trägt nur, aber nicht immer, bei den geflügelten Arten Nebenaugen, mitten im Gesicht vor den vorquellenden Netzaugen die 9 —30gliederigen Fühler, welche einen kurzen Faden darstellen, und stark entwickelte Freßwerkzeuge; an diesen überwiegt die Unterlippe mit ihren großen äußeren Lappen und den Tastern, welche die kleinen Kiefertaster vollständig zur Seite drängen. Der zweite Brustring erlangt in der Regel den stärksten Umfang, bleibt aber dem Bildungsgesetz der übrigen Körperteile treu, drehrund oder platt, je nachdem das ganze Tier diese oder jene Gestalt hat; Beine und Flügel, wo letztere vorhanden sind, stehen am hintersten Ende desselben. Nur bei einer geringen Anzahl Gespenstschrecken (Phyllium) ist der letzte Brustring jo groß wie der mittlere, bei den ungeflügelten kürzer und ebenso gestaltet wie der vorhergehende, bei den geflügelten länger. Der Hinterleib pflegt drehrund zu sein wie der Mittelleib, platt gedrückt, geradezu so dünn wie ein Blatt, wenn dieser es ist, und läßt auf dem Rücken neun, am Bauch nur sieben oder acht Ringe unterscheiden, was daher kommt, daß beim Weibchen die siebente große und schaufelförmige, beim Männchen die achte Bauchplatte lang genug wird, um den letzten Ring zu bedecken oder gar noch zu überragen. Ein zweiter Geschlechtsunterschied besteht darin, daß beim stets kleineren Männchen die Offnung für die Geschlechtsteile in der vorletzten, beim Weibchen in der drittletzten Bauchplatte angebracht ist. Wie schon erwähnt, fehlen vielen Arten die Flügel auf allen Altersstufen, und es treten daher dieselben Schwierigkeiten wie bei den Schaben ein, wenn es sich um Unterscheidung von Larve und ungeflügeltem Geschlechtstier handelt, ja sie mehren sich hier noch bedeutend, weil bei vielen Larven Stacheln und lappige Anhänge an verschiedenen Stellen des Körpers oder an den Beinen auftreten, welche später wieder verschwinden und so die Zusammengehörigkeit der unreifen und reifen Zustände verwischen. Die Vorderflügel pflegen kurz zu sein und nur die Wurzel der hinteren zu bedecken, diese dagegen reichen nicht selten bis fast zur Leibesspitze, haben ein sehr schmales, pergamentartiges und gefärbtes Randfeld, dagegen ein breites, häutiges Nahtfeld, in beiden aber ein fast quadratisches Adernetz. Große Mannigfaltigkeit herrscht hinsichtlich der Beine, indem sie entweder lang und dünn, oder an ihren verschiedenen Teilen breit und durch Anhänge blattartig erscheinen; nur in den fünf Fußgliedern, deren erstes das längste, und in einem großen runden Haftlappen zwischen den Krallen stimmen alle überein. Die dünnen Vorderbeine haben meist am Grunde ihrer Schenkel eine tiefe Ausbeugung für den Kopf, damit sie in dichtem Anschluß aneinander steif vorgestreckt werden können, eine Stellung, welche die Tiere beim Ruhen sehr lieben und die ihnen bei der bräunlichen Farbe die größte Ahnlichkeit mit einem dürren Aste verleihen. Hierin ist eins jener Schutzmittel zu erkennen, welche die Natur nicht selten, und zwar vorzugsweise bei den wehrlosesten Kerfen anwendet, um sie an ihren Aufenthaltsorten den Augen der Feinde zu verbergen.

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