All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
AskTalkView media
Reading progressPage 146 of 196

Ein Punkt, den Bates mit genügender Sicherheit feststellen kann, ist der, daß zwischen e: den jungen Tieren schlechterdings keine Absonderung ftattfindet, woraus folgt, daß kein Teil derselben in verschiedenen Zellen mit verschiedener Nahrung gefüttert wird. In einem Hügel mit einer Königin fanden sich in der Regel außer Soldaten und Arbeitern nur Eier und junge Larven, einige Male ein paar Nymphen, niemals aber geflügelte Termiten, und er kann nicht sagen, ob von einem solchen Hügel je ein Schwarm ausgehe. Übrigens herrscht in betreff des Inhaltes der Hügel eine solche Unregelmäßigkeit, und Puppen wie Geschlechtstiere finden sich mit Larven in denselben Gängen so untermischt, daß die Bestimmung des Hügels, von welchem der Schwarm ausgeht, ohne Bedeutung sein dürfte. Nymphen und selbst einige ausgebildete Geschlechtstiere und Larven treten unzweifelhaft aus überfüllten Nestern in neugebaute über, und die bedeckten Wege sind nur Verlängerungen der Röhren eines Termitenbaues.

Wie unsere Ameisen, so bauen auch sehr viele Termiten nicht aus 5 Erde heraus, sondern bleiben in ihr verborgen, sitzen unter Steinen oder begeben sich auf unterirdischen Gängen nach dem Holzwerk und anderen ihrem Zahne zugänglichen Gegenständen. In

sandigen Gegenden Afrikas hat man tief unter der Oberfläche röhrenartige, den sogenannten Blitzröhren vergleichbare, erhärtete Gänge aufgefunden, die von Termiten herrühren, wenn man zur Zeit auch weit und breit in denselben Gegenden keine mehr antrifft, weil der Pflanzenwuchs verschwunden, die Wurzel verzehrt ist, welche vielleicht ehemals von dieser oder jener Röhre umschlossen gewesen. So erzählt Pallme von einer Art, die in Kordofan in feuchtem Sande lebt und hart werdende Gänge anlegt, um ihr Wesen unter denselben zu treiben. Trotz aller Mühe, ihre Wohnungen aufzuspüren, erreichte er nichts durch seine Nachgrabungen; setzte er aber eine Kiste an einen Ort, in dessen Nähe er ein Nest vermutete, so fand er sehr bald Hunderte von Termiten unter dem Boden derselben. Auch Vogel begegnete auf seiner Reise in das Innere Afrikas zwischen Mursuk und Kuka Röhren von 26— 78 mm im Durchmesser, welche meist senkrecht bis 47 em tief in den Sand hineinreichten und von ihm für die Erzeugnisse einer Termitenart gehalten wurden, die in Bornu sehr gemein ist, und die mit vielen andern Arten die Gewohnheit teilt, Holz, Baumzweige, Grashalme und dergleichen zuerst mit einer Erdrinde zu ummauern und sie dann unter dem Schutze der Umkleidung zu verzehren. In den Wäldern gab es Röhren von sehr bedeutendem Umfange, welche vorzeiten stärkere Baumstämme umschlossen hatten. Wie tief manche Termiten eindringen, zeigte sich in Louis siane bei Anlage eines Brunnens. Hier fand man über 8m tief unter dem Boden Röhren, welche einem Hodotermes zugeschrieben wurden.

Fritz Müller veröffentlichte über südamerikanische Termiten interessante Beobachtungen und beschreibt unter anderem das Haus der von ihm Termes Lespesi genannten, dem Termes similis sehr ähnlichen Art, die aber wesentlich kleiner ist und bei der im zweiten Gliede der 13 —1sglie— Nest von Termes Lespesi. Verkleinert. derigen Fühler der Längsdurchmesser merklich vor dem der Breite vorwaltet, in etwa folgender Weise. Die Bauten gehören wie die von Smeathman geschilderten der kriegerischen Termite zu den merkwürdigsten. Sie haben die Gestalt einer dicken, etwa spannenlangen Wurst oder Walze, um welche sich flache, durch seichte Furchen geschiedene Wülste gürtelartig herumziehen (auf 0,1 m kommen deren 9— 12). Auf diesen Ringwülsten verlaufen schmale, durchschnittlich 2 mm breite Längswülste, jede von einer mittleren Längsfurche durchzogen (15—20 auf 0,1 m). Dieselben find nicht immer gleichlaufend und in ihren Entfernungen wesentlichen Schwankungen unterworfen. Längsund Querwülste treten an alten Häusern weniger deutlich hervor als an neueren. Besonders bei letzteren öffnen sich, wenn das Nest austrocknet, längs der Furchen, die die Längswülste durchziehen, sowie derjenigen, welche die Ringwülste scheiden, schmale Spalten. An beiden Seiten des Hauses finden sich meist einige kurze Fortsätze und am Ende eines derselben als einziger Zugang zu dem sonst völlig geschlossenen, unterirdischen Baue eine kleine runde Offnung. Ein Längsdurchschnitt eines solchen Hauses zeigt, daß es aus ebenso vielen durch wagerechte Scheidewände geschiedenen Stockwerken besteht, als äußerlich Ringwülste vorhanden, die den Stockwerken ebenso entsprechen wie die Ringfurchen den

Neſt von Termes Lespesi. Verkleinert.

Scheidewänden. Die Risse, welche beim Eintrocknen entstehen, entsprechen den verbindenden Röhren, die unter den Ring- und Längsfurchen verlaufen. Jedes Stockwerk hat die Gestalt einer flachen Schachtel mit bauchiger Außenwand und nahezu kreisförmigen Umrissen, wo äußere Verhältnisse nicht störend eingewirkt haben. In jedem Stockwerk sind Boden und Decke durch einen dicken, oben und unten verbreiterten Pfeiler verbunden, der bald die Mitte einnimmt, bald mehr oder weniger dem Umfang genähert ist. Am Fuße des Pfeilers führt eine runde Offnung, welche nur ein Tier auf einmal durchläßt, schief durch den Boden in das nächste Stockwerk. Geht man in derselben schief absteigenden Richtung, in der man in dieses Stockwerk eingetreten ist, an dessen Pfeiler weiter, so gelangt man meist zu dem am Fuß desselben gelegenen Ausgang. Auf diese Weise bildet der Weg, welcher vom obersten bis zum untersten Stockwerk durch die Scheidewände hindurch und an den Pfeilern entlang führt, eine Schraubenlinie oder eine Wendeltreppe, die man sich wegen der Stellung der Pfeiler und der nicht gleichmäßigen Höhe der Stockwerke freilich nicht allzu regelmäßig vorstellen darf. Die erste dünne Wand jedes neuen Stockwerks besteht fast immer nur aus dem reinen Kote der Termiten, dickere Lagen von reiner Erde pflegen sie besonders in den von den Längsringkanälen umgrenzten Feldern der Außenwand zu beiden Seiten der Kotschicht, anzutragen; außen werden diese dann wieder mit einer Kotschicht belegt. Anderwärts, namentlich in den Scheidewänden, ist die Erde meist nur in dünnen Streifen, Plättchen oder einzelnen Körnchen dem Kote eingelagert. Eine Hand» breite bis eine Spanne unter der Oberfläche des Bodens finden sich diese künstlichen Baue. Bei ihrer Anlage wird eine Höhle gegraben, die einen etwa fingerbreiten Raum um das Haus bildet. Mit den glatten Wänden dieser Höhle steht das Haus durch eine kleine An zahl vom oberen und unteren Ende ausgehender Fortsätze in Verbindung, durch einen derselben, selten durch mehrere, führt ein Weg aus dem untersten Stockwerk in federkieldicke, mit einer dünnen Kotschicht ausgekleidete Röhren, welche die Erde auf weite Entfernungen durchziehen und sich stellenweise zu kleinen, unregelmäßigen Kammern erweitern. Sie führen zu alten Baumstümpfen, unter deren Rinde Termes Lespesi bisweilen angetroffen wird, zu Gissara-Stubben und andern mehr und ohne Zweifel auch zu andern Häusern. Zu dieser Annahme, die ja den vorher mitgeteilten Beobachtungen an den Sandtermiten entsprechen würde, findet sich Müller veranlaßt, weil er die verschiedenen Stände nie beisammen traf, selten eine Königin und noch seltener Eier und junge Larven in ihrer Nähe.

Bricht man ein kleines Loch in eine Wand des Hauses, so kann man die Soldaten den Schaden bedächtig untersuchen und die Arbeiter mit ihrem Kote denselben ausbessern sehen, wie von einer anderen Art sogleich mitgeteilt werden wird. Reißt man dagegen von einem Stockwerk ein größeres Wandstück los, jo ziehen sich die Einwohner in die zunächst liegenden Stockwerke zurück und schließen mit Kot die engen Zugänge zu diesem in kürzester Zeit. Auf diese Weise läßt sich das Haus leicht Stockwerk für Stockwerk gegen eindringende Feinde verteidigen.

Über die von andern Seiten schon mehrfach erwähnten nestartigen Termitenwohnungen an Bäumen eröffnet Fr. Müller ganz neue Gesichtspunkte, die, wenn vielleicht nicht für alle, so doch für die von ihm beobachteten südamerikanischen Arten gelten. Wie gewisse heimische Ameisen Gänge in das Holz der Bäume nagen, so auch gewisse Termitenarten (wie die der Gattung Calotermes). Bestimmte Arten scheinen bestimmte Hölzer mit Vorliebe anzugreifen, selbst harte Hölzer noch fast gesunder Bäume. Die Wand der Gänge ist meist mit einer dünnen Kotschicht ausgekleidet, während sich diese Kotschichten an den beiden Enden der Gänge bisweilen anhäufen. Dächte man sich die Volkszahl auf demselben Raume bedeutend vermehrt, so würden die ausgefressenen Gänge einander immer näher rücken, die Zwischenwände immer dünner werden und schließlich ganz aufhören.

Termitenhügel in Sennar.

Die Kotbekleidungen der benachbarten Räume würden unmittelbar aneinander stehen und so die Zwischenwände statt des Holzes darstellen. Diesen allmählichen Übergang von weit getrennten, das Holz durchziehenden Gängen zu Kotanhäufungen, die in ihrem Gefüge an lockere Brotkrume oder an einen Schwamm erinnern, kann man in Baumstämmen beobachten, welche von einem mit Termes Rippertii nahe verwandten Eutermes bewohnt werden. Beschränken sich diese Kotanhäufungen nicht auf das Innere des Baumes, treten sie vielmehr aus demselben heraus, so entstehen die „kugeligen Baumnester“, welche also ursprünglich nichts anderes find, als der gemeinsame Abtritt eines Eutermes-Volkes, dann aber auch als Brutstätte für die Eier und als Aufenthalt für die Larven benutzt werden. Diese Nester werden also aus dem Baume heraus,, nicht an denselben herangebaut.

Schneidet man ein Stück des Nestes ab, so ziehen sich die Arbeiter aus den dadurch geöffneten Gängen zurück; an denselben erscheinen kleine spitzköpfige Soldaten in großen Mengen und laufen eifrig hin und her, fortwährend mit den Fühlern tastend. Nach einiger Zeit kehren die Arbeiter zurück. Jeder betastet zuerst den Rand der zu schließenden Offnung, dreht sich um und legt ein braunes Würstchen auf diesen Rand ab. Dann eilt er entweder sofort in das Innere des Nestes zurück, um den anderen, die ihm dicht gedrängt folgen, Platz zu machen, oder er dreht sich nochmals um, damit er sein Werk betaste und nötigen Falls zurechtdrücke. Einzelne Arbeiter bringen auch wohl zwischen den Kinnbacken kleine Bruchstücke der alten Wand, die beim Offnen des Nestes in dasselbe gefallen sind, und fügen sie in die im Baue begriffenen, noch weichen Wände ein. Die Soldaten haben sich beim Beginn der Arbeit meist wieder in das Innere zurückgezogen, bis auf einige, welche ab und zu die Arbeiter mit den Fühlern berühren, als wenn sie dieselben zurechtweisen und aufmuntern wollten. An dicken Stämmen nimmt das Nest nur eine Seite ein, an dünneren geht es ringsum, an den Spitzen alter Stubben bildet es eine rundliche Kuppel; eins der größten von Müller beobachteten Nester stellte eine unregelmäßige Masse von 94— 125 em Durchmesser dar, welche zwei an der Erde liegende Cangeranastämme umschloß. Die Oberfläche zeigte flache, unregelmäßig ineinander verfließende Erhöhungen, die im Verein mit der schwarzen Farbe und der kugeligen Form den oft gehörten Vergleich mit einem Negerkopf rechtfertigen. Je älter ein Nest, desto dunkler, desto fester ist es. Bei alten Nestern muß man zur Axt greifen, um Stücke davon loszutrennen. Der oberflächliche Teil enthält nur Arbeiter und Soldaten sowie kurz vor der Schwärmzeit im Dezember geflügelte Termiten; dann folgen Larven, die nach innen zu immer kleiner werden, im Herzen in durch nichts ausgezeichneten Räumen ungeheure Massen von Eiern; schließlich König und Königin.

Mögen auch die Ansichten der verschiedenen Schriftsteller in einzelnen Punkten hinsichtlich der Lebensweise der Termiten weit auseinander gehen, in dem einen stimmen sie alle überein, daß viele Arten von ihnen, vielleicht am wenigsten die Hügelbauer, zu den Schrecknissen der heißen Länder gehören, welche jeden Reisenden in Erstaunen setzen. Zwar greifen sie die Person desselben nicht an, wie so vieles andere unnütze oder giftige Geziefer, aber in ungeheuern Scharen kommen sie angezogen, um in kürzester Frist sein Eigentum, Kleider, Bücher, Hausgeräte, selbst das Gebälk seiner Wohnung zu zerstören und so im geheimen, so hinterlistig, daß er den Schaden erst merkt, wenn er nicht mehr abzuwenden ist, daß ihm das Dach über dem Kopfe zusammenbricht, ehe er es sich versieht. D'Escayrac de Lauture verbreitet sich in seiner „Reise durch Sudan“ ausführlich über die weißen Ameisen, dort „Arda“ genannt. Sie haben die Größe einer gemeinen Ameise und nähren sich vorzugsweise von Holz, zerfressen übrigens alles: Leder, Fleisch, Papier zc. Bücher und Fußbekleidungen lassen sich sehr schwer vor ihnen schützen. In einer Nacht

zerstörten fie einen kartonierten Atlas und das Futteral eines Fernrohres zur Hälfte. Die Zerstörung des erstern wurde erst bemerkt, als man ihn zum Nachschlagen aufnahm. Die Ardas hatten, um zu ihm zu gelangen, den Boden des Gemaches und eine Erdbank durchbohren müssen. Außerlich ließ sich keine Verletzung wahrnehmen, sie waren von unten in den Atlas gedrungen und hatten fast den ganzen Deckel und die nächsten Blätter zerstört. Die Nubier schützen ihr Eigentum dadurch, daß sie es auf Bretter legen, welche an Stricken vom Dach des Hauses herabhängen. In anderen Gegenden verwahrt man die Hausgeräte vor den scharfen Zähnen dieser gefräßigen Bestien dadurch, daß man sie mit den Füßen in Gefäße voll Wasser stellt. Ein Araber schlief bei Burnu auf einem Termitenneste, ohne es zu ahnen, ein und wachte des Morgens — — nackt auf, denn alle seine Kleider waren zerstört. Nach A. Brehms Mitteilungen hatte am 15. August 1850 zu Chartum im Diwan des Latief-Pascha das Grundwasser des hoch gestiegenen Blauen Nils tags vorher eine Termitenkolonie in die Höhe getrieben, welche sich jetzt durch den Estrichboden des Saales einen Weg gebahnt und ihre Mitglieder in solcher Zahl herausgesendet hatte, daß alle Anwesenden flüchten mußten. Am folgenden Morgen ließ der Pascha ein tiefes Loch in das Erdreich graben, um das ganze Nest vertilgen zu können. In der Tiefe des Stromspiegels fand man einen mächtigen, lebendigen Klumpen, der nur aus Termiten bestand. Er schien der Mittelpunkt der Kolonie zu sein, und von ihm liefen nach allen Seiten höhlenartige Kanäle aus, durch welche fortwährend neue Haufen zu- und abzogen. Der Klumpen wurde ersäuft und die Grube mit Kalk gefüllt. Abends aber kamen die Tiere aus drei Löchern in noch weit größerer Anzahl hervor. Mehrere Diener arbeiteten beständig, um sie zusammenzufegen und in Gefäße zu schaufeln.

Continue reading
Page 146 of 196