Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Knötchen genannt, unterscheiden diese Art von den zahlreichen Gattungsgenossen. Genau dieselbe Gestalt, Größe und Körperfarbe, nur kein blau angelaufenes Männchen hat der etwas früher, schon im Mai erscheinende vierfleckige Plattbauch (Libelulla qua-drimaculat a), von den dunkeln Flecken an den Knötchen aller Flügel jo genannt, welche überdies noch eine safrangelbe Wurzel auszeichnet.
Beide Arten haben dann und wann durch die ungeheuern Mengen, in denen sie auftreten und weite Züge vornehmen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Es wurden deren seit 1673 mehr als 40 aufgezeichnet, die meist aus Libellula quadrimaculata, dann aus Libellula depressa und auch einmal aus einem Agrion bestanden. Der bereits oben erwähnte, nicht nur um die in Rede stehenden Kerfe hoch verdiente Forscher Dr. Hagen (vormals in Königsberg, jetzt in Nordamerika) berichtet von einem Zuge der erstgenannten Art, den er von seinem Ursprung an und eine Strecke hin zu
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- Larvenhülse einer Schmaljungfer. 2) Larve einer solchen mit vorgeftredter Maske. 3) Gemeiner Plattbauch (Libellula depressa). 4) Lebende Larve einer Libellula mit vorgestreckter Maske. 5) Dieselbe als zurückgelassene Haut nach dem Ausschlüpfen. Natürliche Größe.
beobachten Gelegenheit fand, wie folgt: „Im Juni 1852, an einem schönen, warmen Tage, erfuhr ich schon des Morgens um 9 Uhr, daß über das Königsthor ein ungeheurer Libellenschwarm in die Stadt zöge. Um die Mittagszeit verfügte ich mich dahin und sah noch immerfort Libellen in dichtgedrängten Massen in die Stadt ziehen. Um das interessante Schauspiel genauer zu betrachten, ging ich zum Thore hinaus und konnte hier auf einem freien Platze den Zug genau beobachten. Denkt man sich von der Höhe des Thores aus nach Dewan etwa eine Viertelmeile hin (denn dort nahm, wie ich später entdeckte, der Zug seinen Anfang) eine gerade Linie gezogen, so gibt sie die Richtung genau an; am Thore war er etwa 30 Fuß über dem Boden erhaben, da die Krone des dort befindlichen Walles den Zug zum Teil am Hinüberfliegen hinderte. Gegen Dewan zu senkte er sich allmählich, wie man an nahe stehenden Bäumen schätzen konnte, und wo er bei Dewan den Weg kreuzte, war er der Erde so nahe, daß ich, auf einem Wagen sitzend, hindurchfuhr. Auffällig und sonst nicht beobachtet war mir die große Regelmäßigkeit des Zuges. Die Libellen flogen dicht gedrängt hinter- und übereinander, ohne von der vorgeschriebenen Richtung abzuweichen. Sie bildeten so ein etwa 60 Fuß breites und 10 Fuß hohes lebendes Band, das sich um so deutlicher markierte, als rechts und links davon die
Luft rein, von Insekten leer erschien. Die Schnelligkeit des Zuges war ungefähr die eines kurzen Pferdetrabes, also unbedeutend im Vergleiche zu dem reißenden Fluge, der sonst diesen Tieren eigentümlich ist. Bei näherer Betrachtung fiel es mir auf, daß alle Wasserjungfern frisch ausgeschlüpft zu sein schienen. Der eigentümliche Glanz der Flügel der Libellen, die noch nicht lange die Nymphenhaut abgestreift haben, läßt dies nicht schwer erkennen. Je weiter ich dem Zuge entgegenfuhr, desto jünger waren offenbar die Tiere, bis ich nach Dewan kam und in dem dortigen Teiche die Quelle des Stromes entdeckte. Die Färbung des Körpers und die Konsistenz der Flügel bewiesen, daß fie erst an dem: selben Morgen ihre Verwandlung überstanden haben konnten. Auf dem Teiche oder am jenseitigen Ufer war keine Libelle zu sehen. Der Zug nahm zweifellos aus dem Teiche selbst, und zwar am diesseitigen Ufer seinen Ursprung. Der Zug dauerte in derselben Weise ununterbrochen bis zum Abend fort; eine Schätzung der Zahl der Tiere mag ich mir nicht erlauben. Merkwürdig genug übernachtete ein Teil desselben, da die Libellen mit Sonnenuntergang zu fliegen aufhören, in dem dem Thore zunächst gelegenen Stadt-teil, bedeckte dort die Häuser und Bäume der Gärten und zog am folgenden Morgen in der ursprünglichen Richtung weiter. Auf eine Anfrage, die ich in den Zeitungen ergehen ließ, erfolgte die Antwort, daß er am folgenden Tage in der Richtung über Karschau weggezogen und etwa 3 Meilen von Königsberg gesehen worden sei; sein weiteres Schicksal blieb mir unbekannt. — Halten wir die beobachteten Thatsachen zusammen, so liegt hier unzweifelhaft der instinktartige Trieb einer Ortsveränderung vor, da die Tiere gegen ihre Gewohnheit und bevor an ihrer Geburtsstätte Mangel an Nahrung ihnen fühlbar gewesen sein konnte, in geregeltem Zuge, gleichfalls sehr gegen ihre Gewohnheit, dieselbe verließen. Wohl davon zu unterscheiden sind die ungeheuern Schwärme von Libellen, die wir in manchen Jahren an den Gewässern beobachten, besonders wenn ein kaltes Frühjahr ihre Entwickelung verzögert hat und einige warme Tage plötzlich die verspätete Entwickelung zu Wege bringen. — Der von mir beobachtete Zug folgte der Richtung des Windes; doch scheint dies mehr zufällig gewesen zu sein, da bei den 40 verschiedenen Beobachtungen ein großer Teil nicht die herrschende Windrichtung einhielt. Die Ursache dieser Züge ist noch nicht aufgeklärt. Die Regelmäßigkeit derselben, die dem Naturell jener rastlos umherschweifenden Tiere widerspricht, bedingt allerdings einen bestimmten Zweck. Im vorliegenden Falle läßt sich nur annehmen, daß für die künftige Brut einer solchen Anzahl die dortigen Gewässer, die übrigens im Sommer nicht austrocknen, nicht ausgereicht haben dürften.... Abbé Chappe, der 1761 den Durchgang der Venus in Sibirien beobachten sollte, sah einen ähnlichen Zug derselben Art, 500 Ellen breit und 5 Stunden lang in Tobolsk, und Uhler aus Baltimore berichtet mir, daß im nördlichen Amerika, namentlich in Wisconsin, derartige Züge nicht ungewöhnlich seien. Die übersendeten Tiere stellen es außer Zweifel, daß jene Art mit der unseren genau übereinstimmt; auch in Südamerika wurden diese Erscheinungen beobachtet. Wie kräftig übrigens das Flugvermögen dieser Tiere ist, geht aus der verbürgten Thatsache hervor, daß Schiffe Libellen auf hoher See, 600 englische Meilen vom Lande, fliegend angetroffen haben “ Die meilten Plattbäuche haben gelb oder dunkel gefärbte Flügelwurzeln, die wenigften aber die platte Form des Hinterleibes, welche die beiden genannten auszeichnet, kein einziger erscheint in metallischer Körperfarbe. Als Erkennungsmerkmale gelten: die in einem Punkte oben auf dem Kopfe zusammenstoßenden Netzaugen, der in beiden Geschlechtern gleich gebildete Hinterrand des Hinterflügels und das in diesem anders als im Vorderflügel gestellte Dreieck. Die Larven haben eine Helmmaske und die gedrungene Form der Figuren 4 und 5, S. 557; im übrigen weichen die verschiedenen Arten mannigfach voneinander
ab. Man hat sich veranlaßt gefunden, diese Gattung nebst ihren Verwandten (Epitheca, Cordulia, Polyneura, Palpopleura und andere) als dritte Sippe (Libellulidae) von den Aschniden abzuscheiden, weil die vereinten, aber vorn eingekerbten inneren Lappen der Unterlippe viel kürzer sind als die mit den Tastern verwachsenen äußeren, während sie dort fast gleiche Länge damit und keine Einkerbung zeigen, weil ferner die Dreiecke des Vorder: und Hinterflügels verschieden und endlich die Larven mit Helmmasken aus: gestattet sind.
Mit den unansehnlichen, anBaumstämmen und Planken anzutreffenden Holzläusen (Psocus) beginnt die Reihe der ausschließlichen Landbewohner unter den gleichartig ges flügelten Kaukerfen. Die äußere Erscheinung dieser Tierchen rechtfertigt die deutsche Benennung keineswegs. Wie der Kopf sich durch eine blasig aufgetriebene Stirn nach vorn, durch glotzende Augen seitlich erweitert, so nach hinten derartig, daß er den ganzen Vorderrücken bedeckt. Vor. den drei genäherten Nebenaugen sind die achtgliederigen Borstenfühler eingelenkt, welche den Körper an Länge übertreffen. Durch die halbkreisförmige Oberlippe werden die übrigen Mundteile versteckt, als da find: der hornige, hakige Oberkiefer, der aus häutigen Laden, einer breiten äußeren und verlängerten zweispitzigen inneren, und viergliederigen Tastern zusammengesetzte Unterkiefer, endlich eine zweiteilige, tasterlose Unterlippe. Die Flügel bedecken wie ein Wetterdach den kurzen,
Liniierte Holzlaus (Psocus lineatus). eiförmigen, neunringeligen Hinterleib, ihn weit über— Dreimal vergrößert. ragend, und sind arm an Adern; die vorderen haben ein großes Mal vor den kürzeren und schmäleren Hinterflügeln voraus. Am letzten der beiden ziemlich gleichen Fußglieder kommen zwei kurze Klauen nebst einer Borste vor. Die Tiere ernähren sich wahrscheinlich von Flechten und trockenen Pflanzenteilen und bieten im Larvenzustand keine Eigentümlichkeit. Wohl aber verdient erwähnt zu werden, daß das Weibchen die an Blätter gelegten Eier mit Fäden aus seiner Oberlippe überspinnt, jede
Art auf ihre Weise. So birgt z. B. die vierpunktige Holzlaus (Psocus quadripunctatus) die ihrigen, 5—16, in den Vertiefungen zwischen den Blattrippen und über: zieht sie so, daß das Ganze in der Entfernung das Ansehen einer Fischschuppe annimmt. Wir lernten früh das Spinnen einiger Wasserkäfer zu gleichem Zwecke, aber mittels der Hinterleibsspitze kennen; unter den vollkommenen Insekten ist mir keins weiter bekannt, welches mit dem Munde spinnt.
Die zahlreichen lebenden Arten (man kennt 13 fossile im Bernstein) werden neuerdings auf sehr viele Gattungen verteilt und bilden die Familie der Psocidae. Sie lassen sich am Geäder, an den dunkeln Flecken oder Binden der Flügel und an der Körperfarbe oft nur mit Mühe unterscheiden. Wir erblicken hier in der liniierten Holzlaus (Psoeus lineatus) die größte europäische Art, denn fie mißt von der Stirn bis zur Flügel: spitze reichlich 6,5 mm, die schwarzen, am Grunde blaßbraunen Fühler werden bis Il mm lang. Die am Körper schwärzliche, am Kopfe rote Heulaus (Psocus, jetzt Caecilius pedicularius) erreicht kaum 2 mm Länge, lebt auf Laub- und Nadelhölzern und kommt bisweilen in Magazinen, Heuböden und in menschlichen Wohnungen massenhaft vor.
Unter der Benennung Staublaus, Bücherlaus hat man neuerdings zwei, und zwar flügellose Arten erkannt: die kleinere, nur 153 mm lange Art ist der Troctes divi-
natorius Müllers, welche in ganz Europa und in Nordamerika vorkommt, die größere, bis 2 mm lange Art mit längeren Fühlern, weniger dicken Hinterschenkeln und sonst noch unterschieden, heißt Atropos puls atorius L. Beide leben zwischen alten Papieren, in Herbarien, Kästen der Insektensammlungen, staubigen Ecken der Zimmer und ernähren sich vom vorhandenen Staube, schaben aber auch in Sammlungen die Schuppen von den Schmetterlingsflügeln ab und suchen immer die Dunkelheit auf.
Die Termiten, Unglückshafte (Termitidae), rechtfertigen insofern eine dritte Benennung weiße Ameisen, als sie wie die Ameisen in größeren Gesellschaften gemeinsame Nester bewohnen oder Bauten ausführen, und weil in den Kolonien neben den geflügelten, fortpflanzungsfähigen Geschlechtern ungeflügelte und unfruchtbare Individuen vorkommen; im übrigen weichen sie durch die Körperform, die unvollkommene Verwandlung und sonst noch wesentlich von jenen Hautflüglern ab. Leider sind unsere Kenntnisse über diese so höchst interessanten Bewohner wärmerer Erdgegenden noch ungemein lückenhaft, obschon ältere Reisende, wie König, Smeathman, Savage, St. Hilaire ꝛc., über fie berichtet, obschon in den neuesten Zeiten ein Lespès, Bates, Fritsch, Fritz Müller und andere ihnen an Ort und Stelle größere Aufmerksamkeit gewidmet haben. Allein die unwirtlichen Gegenden in denen sie wohnen und die wenig zu den andauernden Beobachtungen geeignet sind, wie sie so im Verborgenen lebende Tiere beanspruchen, die so verschiedenen Formen einer und derselben Art und das Vorkommen mehrerer Arten an derselben Ortlichkeit erschweren die Forschung ganz außerordentlich. Aus diesen Gründen und weil die Lebensweise aller nicht dieselbe ist, läßt sich, ohne ausführlicher zu sein, als es der Raum hier erlaubt, auch nur in sehr allgemeinen Umrissen ein ungefähres Bild von ihnen entwerfen. 5 Die Termiten haben, wie die nachfolgenden Abbildungen zeigen, einen länglichen, ziemlich gleichbreiten Körper von eiförmiger, oben mehr abgeflachter, unten gewölbter Gestalt, an welchem der freie, schräg oder senkrecht nach unten gerichtete Kopf samt dem Mittelleibe ungefähr die Hälfte der ganzen Länge ausmacht, viergliederige Füße und, sofern sie geflügelt sind, vier gleichgroße, lange und hinfällige Flügel mit einer Quernaht an der Wurzel. Dieselben find von vier Längsadern durchzogen, welche schräge, unter sich gleichlaufende oder auch einfach gegabelte Aste aussenden. Die Gestalt des verhältnismäßig kleinen, oben gewölbten, unten platten Kopfes ändert nach den verschiedenen Arten ab, immer aber rundet sich sein großer, hinter den Augen gelegener Teil halbkreisförmig; eine mehr oder weniger deutliche Längsnaht, welche sich auf dem Scheitel gabelt, teilt ihn in drei fast gleiche Teile. Die meist großen Augen quellen hervor und grenzen jederseits nach innen an ein Nebenauge, deren im ganzen nur zwei vorkommen, gar keine bei Thermopsis und Hodotermes. Dicht vor den Netzaugen sitzen die perlschnurförmigen, 13— 20, (27⸗)gliederigen Fühler, welche höchstens den Kopf um ein Geringes an Länge über: treffen. Die Mundteile entwickeln sich kräftig: eine verschieden gestaltete, muschelartig aufgetriebene Oberlippe, stumpf endende, am Innenrand 4—6zähnige Kinnbacken, Unterkiefer und Unterlippe; jener aus einer zweizähnig endenden inneren, einer höher liegenden, säbelförmig gekrümmten äußeren Lade (Helm) und fünfgliederigen Tastern bestehend, diese vier Lappen darstellend, welche von ihren dreigliederigen Tastern wenig überragt werden. Die drei Ringe des Mittelleibes haben gleiche Größe, vorherrschende Breite, je eine flache, seitlich unbedeutend überragende Chitinplatte als Bedeckung, deren vorderste sich von den übrigen einigermaßen unterscheidet und gute Artmerkmale abgibt. Die Beine