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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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find schlank, aber kräftig, und die Hüften der zusammengehörigen Paare berühren einander. Am Hinterleib zählt man oben zehn, unten nur neun Ringe. Die Flügel liegen in der Ruhe wagerecht übereinander dem Leibe auf, den sie weit überragen. Die Färbung der Termiten bietet wenig Abwechselung und erstreckt sich in der Regel bei jedem Einzelwesen ziemlich gleichmäßig über alle Teile. Braun geht durch alle Tinten einerseits in Schwarz, anderseits in Gelb über. Je nach dem Alter sind die Stücke einer und derselben Art verschieden gefärbt; eben ausgeschlüpfte haben stets die gelbe Farbe alten Elfenbeins. Die Geschlechter unterscheiden sich durch die Bauchschuppen, beim Männchen nämlich sind die sechs ersten gleichlang, die beiden folgenden bedeutend kürzer, beim Weibchen die ersten fünf gleich, die sechste größer und je nach der Art anders geformt, die beiden folgenden verkümmert; die neunte erscheint bei beiden Geschlechtern verkümmert und geteilt.

Die Larven, aus welchen die eben beschriebenen, vollkommenen Kerfe entstehen, sind anfangs kleine und zarte, stark behaarte Wesen, deren einzelne Körperteile sich wenig voneinander absetzen, sondern gewissermaßen ineinander übergehen, und die noch undeutliche Augen, kürzere Fühler und keine Spur von Flügeln zeigen. Nach mehrmaligen Häutungen erscheinen diese allmählich, die Körperhaut wird durchsichtiger, beweist aber durch ihre geringe Festigkeit, daß sie noch nicht zur Vollendung gelangt ist. Endlich hängen die Flügel an der Körperseite, bis zum sechsten Ringe reichend, herab, die Puppe (Nymphe) ist fertig gestellt und sieht ihrer letzten Vollendung entgegen.

Mit dem Namen König und Königin werden allgemein diejenigen Bewohner eines Termitenbaus belegt, welche die Fortpflanzung zu bewirken haben und entschieden gepaart gewesene Männchen und Weibchen sind, welche ihre Flügel verloren haben, und von denen das letztere im Hinterleib oft unförmlich angeschwollen ist, so daß der Vorderleib in noch viel höherem Maße gegen den sackartigen Hinterleib verschwindet, als bei einer vollgesogenen Hundszecke. Die Vergrößerung erfolgt durch Wachstum oder Ausdehnung der Zwischenhäute, denn die Chitinplatten der Glieder selbst verändern sich nicht, sondern liegen als weit entfernte, dunklere Flecke auf diesem gelblich weißen, von Eiern strotzenden Sacke, den Keimgrübchen auf der Oberfläche einer gestreckten Kartoffel vergleichbar. Man kennt erst von sehr wenigen Arten die Königin.

Neben den bisher besprochenen Formen finden sich in jedem Neste, und zwar viel zahlreicher, die sogenannten Arbeiter und Soldaten, beide flügellos und hauptsächlich in Kopfform und Größe voneinander unterschieden. Der vollkommen entwickelte Arbeiter steht an Größe der eben beschriebenen geflügelten Form wenig nach, bleibt aber infolge des geringer entwickelten Mittelleibes etwas kürzer. Der fast senkrecht gestellte Kopf, bei den meisten Arten augenlos, ist etwas gewölbter, sonst sind seine Teile wie bei den eben geschilderten Geschlechtstieren gebildet. Der Mittelleib weicht, weil er nie Flügel zu tragen hat, wesentlich ab: der vordere Ring ist sehr schmal und die beiden folgenden sind von den Hinterleibsgliedern nicht zu unterscheiden. Lespes fand durch anatomische Untersuchung in den Arbeitern die Anlage von männlichen Geschlechtsteilen bei den einen, von weiblichen bei den anderen. Vor der ersten Häutung lassen fi die arbeitenden und zur geschlechtlichen Reife gelangenden Termiten nicht unterscheiden, allmählich jedoch prägen sich durch die Häutungen die Unterschiede der ersteren in der Lage des Kopfes und der Bildung des Mittelleibes aus. Die Soldaten stimmen mit den Arbeitern bis auf die beträchtlichere Körpergröße und die überwiegende Ausdehnung des Kopfes überein. Letzterer nimmt nicht selten die Hälfte des ganzen Körpers ein und wechselt in Umrissen und Oberfläche je nach der Art. Bei allen aber treten die Kinnbacken drohend heraus, indem sie den dritten Teil der Kopflänge erreichen, mitunter sogar die ganze Kopflänge noch übertreffen, wogegen Kinnlade und Unterlippe fast verkümmern. Auch bei den Soldaten fand Lespeès e Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 36

zwei Geschlechter in der Anlage. Die Larven der Arbeiter und Soldaten fangen erst nach der zweiten Häutung an, fi zu unterscheiden. Hagen gedenkt bei der Gattung Eutermes noch einer weiteren Form fabelhafter Geschöpfe, nämlich solcher, deren Kopf sich vorn nasenartig in die Länge zieht, und die der übrigen Bildung nach als einem der beiden oben genannten Stände zugehörig betrachtet werden müssen; er hat sie daher nasuti (Nasenträger) genannt. Die Eier haben eine walzige, bisweilen gekrümmte Gestalt, runden sich an den Enden ab und sind bei einer und derselben Art nicht alle von gleicher Größe.

Was nun das Leben und Treiben der Termiten im allgemeinen anlangt, so steht fest, daß Geschlechtstiere, unfruchtbare Arbeiter und Soldaten zu einem Staate gehören, dessen Aufenthaltsort, zunächst ohne Rücksicht auf Form und Einrichtung, das Nest genannt sein mag. Im Neste kommen die beiden letzten Kasten auf verschiedenen Altersstufen und wenigstens eine Königin vor, wenn letztere auch nicht immer aufgefunden worden ist; geflügelte Männchen und Weibchen finden sich nur zeitweilig, wie es scheint, bei Beginn der Regenzeit. Sobald diese vollkommen entwickelt sind und Überfüllung im Neste eintritt, erfolgt, wie bei den Ameisen, das Schwärmen und die Paarung, sei es in der Luft oder nachdem die Tiere wieder festen Boden unter sich gewonnen und die Flügel an der Quernaht abgebrochen haben. Bates, welcher das Schwärmen in Amazonien beobachtete, erzählt, daß es am Morgen geschehe, bei bedecktem Himmel, oder an trüben, feuchten Abenden. Im letzteren Falle haben die Lichter der menschlichen Wohnungen wie für alle des Abends fliegenden Kerfe auch für die Termiten eine besondere Anziehungskraft. Myriadenweise dringen sie durch Thür und Fenster ein, erfüllen die Luft mit einem laut rasselnden Geräusche und verlöschen die Lampen. Rengger spricht in seiner „Reise nach Paraguay“ von dem wunderbaren Eindruck, den der Anblick einer „Säule“ dieser Tiere hervorbringe, die aus der Erde aufsteige und im Sonnenlicht aus Silberblättchen zu bestehen scheine. G. Fritsch, welcher sich 3 Jahre in Südafrika aufgehalten hat, gedenkt nur des von ihm beobachteten „Schwärmens der Männchen“. „Sie erheben sich gegen Abend in dichter Masse über den TeogVeA 3.Bau, und es gewährt einen beinahe gespenstischen Anblick, wenn man im Halbdunkel die weißliche, in ihren Umrissen beständig wechselnde Wolke dieser Tiere zwischen den ver— 3 worrenen Zweigen eines umgestürzten Kameldornbaumes umhertanzen sieht. Übrigens sind 1 sie sehr schwache Flieger und verlassen sich auch nicht gern auf die langen, lose angehefteten 3 Schwingen. Trifft man ein geflügeltes Männchen außerhalb des Baues und sucht es zu 8 erhaschen, so ist es augenfällig bemüht, sich durch lebhaftes Drehen und Wenden des Körpers die lästigen Zugaben abzubrechen, um ungehinderter fliehen zu können.“

Diese Angaben mögen als Beweise dafür genügen, daß verschiedenen Arten auch in 4 * dieser Hinsicht verschiedene Gewohnheiten eigen sind. Nur wenige entrinnen bei ihren wilden Hochzeitsreigen den unzähligen Feinden, den Ameisen, Spinnen, Eidechsen, Kröten, Fleder⸗ 5 mäusen, Ziegenmelkern, welche alle gierig über sie herfallen. Diese wenigen werden König und Königin einer neuen Kolonie, und wen der Zufall begünstigt, der kann die hohen Herrschaften nebst wenigen Arbeitern in den ersten Anfängen ihres künftigen Nestes antreffen. Daß das Männchen fortlebt, also auch ein „König“ das Nest bewohnt, gehört zu den bisher noch nicht aufgeklärten Erscheinungen im Termitenstaat und läßt eine wiederholte Befruchtung vermuten.

Die Arbeiter und Soldaten und vielleicht auch ihre erwachseneren Larven sind es, welche sich rührig nach Nahrung für diejenigen, die sich dieselbe nicht selbst suchen können, umhertreiben, welche die Eier in die verschiedenen Räumlichkeiten des Nestes tragen, Schäden ausbessern, den Schwärmenden einen Ausgang aus dem Neste bahnen und dergleichen mehr. Sie verlassen ihr Haus bei ihren Arbeiten, kommen aber meist nicht an

das Tageslicht, sondern überwölben den Weg, den fie zurücklegen, und bauen am Nest hauptsächlich auch nur des Nachts. In betreff des letzteren kommen wohl die größten Verschiedenheiten unter den Termiten vor. Eine beträchtliche Anzahl errichtet die seit langem bekannten, zu gewisser Berühmtheit gelangten Bauten. Auf die in Afrika sehr verbreitete kriegerische Termite (Termes bellicosus) beziehen sich zahlreiche Mitteilungen, von denen diejenigen Smeathmans und Savages von hervorragendem Werte sind. Die Bauten bestehen hiernach in außen unebenen, mit vielen Hervorragungen versehenen Hügeln, welche sich am besten mit einem Heuschober vergleichen lassen und besonders zahlreich auf ebenem Lande vorkommen, wenn dieses zum Anbau gelichtet und das gefällte Holz dem Verderben preisgegeben worden ist. Von heftigen Regengüssen, oder in der Nähe der Städte von den darauf spielenden Kindern beschädigte Hügel sind von den Tieren verlassen; haben sie dagegen aufwärts strebende Türmchen und Spitzen, mit welchen ein solcher Bau ursprünglich seinen Anfang nimmt, so befinden sie sich noch im Wachstum. Ein Türmchen entsteht neben dem anderen, und die Zwischenräume werden ausgefüllt. In jedem derselben ist eine Höhle, welche als Weg in das Innere des Hügels führt, oder in anderen das Ende eines Weges bildet, der eine freie Verbindung im Baue unterhält. Hat der Hügel die Form eines Heuschobers, so hat er seine volle Ausbildung und mit ihr eine senkrechte Höhe von 3,76 bis reichlich 5 m erreicht, bei einem Umfang von 17,7 18,83 m an seinem Grunde. Das Material besteht vorzüglich aus Thon, der je nach Beschaffenheit des Bodens eine verschiedene Färbung annimmt und mit dem Speichel der Tiere angeknetet wurde; Sand eignet sich begreiflicherweise zu dergleichen Bauten nicht, weil er sich nicht dauerhaft binden läßt. Die Festigkeit jener Thonbauten ist nach dem übereinstimmenden Urteil zahlreicher Beobachter so bedeutend, daß sie mehr Menschen oder Vieh tragen könnten, als auf ihnen Platz haben. Drei Männer brauchten 2½ Stunde Zeit, bis sie einen solchen Hügel vollständig öffneten. Durch ihre Härte werden die Bauten vor Zerstörung durch die dort überaus heftigen Regengüsse und häufig auf sie stürzenden Bäume geschützt. Entfernt man Gras und Gestrüpp rings um den Fuß, so sieht man verschiedene bedeckte Wege oder Thonröhren zu benachbarten Baumstümpfen und Klötzen führen. Mitunter haben sie über 31 em im Durchmesser, werden allmählich kleiner und verzweigen sich an den Enden. Ist ihre Verbindung mit dem Hügel unterbrochen, so erblickt man viele Höhlungen als Eingang zu den Wegen, die abschüssig nach dem Baue verlaufen. Diese Wege münden in die durch Thonpfeiler gestützten Räume im Grunde jenes. Die Pfeiler tragen eine Anzahl Bogenbaue, die Zellen, die königlichen Wohnungen und die übrigen inneren Räume. Die Umgebung der Hügel besteht in einem Thonwall von 15,7— 47 cm Stärke und enthält Zellen, Höhlungen und Wege, die sich verbinden oder von dem Fuße bis zur Spitze laufen und die Verbindung mit dem inneren Dom vermitteln. Unten in dem Grunde, 31—62,3 em über der Bodenfläche, im Inneren des Hügels, liegt die königliche Kammer, umgeben von anderen Gemächern mit Eiern und Jungen verschiedener Größe, je nach der Entwickelungsstufe. Was Smeathman weiter von der inneren Einrichtung und über die verschiedenen Stoffe berichtet, welche er im Neste gefunden hat, übergehen wir mit Stillschweigen, da es mancherlei Irrtümer enthalten dürfte. Ahnliche Gebilde, spitze Kegel von 94—157 em Höhe und ungefähr 31 em Breitendurchmesser an ihrem Fuße, einzeln stehend oder in Reihen wie Gebäude von wunderbarem Ansehen dicht bei einander, beobachtete Leichardt in Australien, und Epp wurde an Grabdenkmäler erinnert, als er auf der Insel Banka den Termitenwohnungen begegnete. Golberry erwähnt eigentümliche Nester, die er mit Termes mordax in Zusammenhang bringt: auf einer 94— 125 em hohen, walzigen Unterlage ruht ein kegelförmiges, allseitig über 5 em weit überstehendes Dach — vielleicht dieselben, welche Lichtenstein als „pilzförmige“ Termitennester bezeichnet. Bates („der Naturforscher am 36*

Amazonenstrom“) wählte zu seinen Beobachtungen besonders die Sandtermite (Termes arenarius), weil sie in jenen Gegenden Amazoniens die zahlreichsten kleinen Hügel baut, die weich genug sind, um mit einem Messer zerschnitten werden zu können. „Der ganze große Distrikt hinter Santarem“, so fährt er fort, „ist dicht mit ihren Hügeln bedeckt, und alle sind miteinander durch ein System von Straßen verbunden, die mit demselben Material überwölbt sind, aus welchem die Hügel bestehen. So kann man die ganze Masse von dieser Art Termiten als eine einzige große Familie betrachten, und das erklärt das System ihres Nestbaues. Es gibt deren von jeder Größe, vom kleinen Klümpchen um die Basis eines Grasbüschels an bis zu den größten Hügeln und in allen Zwischenstufen ihres Wachstums. Man findet: 1) neue Hügel, in welchen sich nur einige wenige Soldaten und Arbeiter aufhalten, welche die Wurzel der Grasbüschel zerstören; 2) kleine, im Wachstum begriffene, gleichfalls nur von wenigen der genannten Kasten bewohnt; 3) wenig Zoll hohe Hügel, die ein paar Eiklümpchen nebst den unvermeidlichen Arbeitern und Soldaten enthalten, von denen jene sichtlich aus einem überfüllten Neste, das eine Königin besitzt, herübergebracht worden find; 4) große Hügel mit zahlreichen Eiern in verschiedenen Kammern und mit jungen Larven auf allerlei Stufen ihres Wachstums, jedoch ohne Königin oder Anzeichen einer königlichen Zelle; 5) sehr kleine Hügel mit einer Anzahl geflügelter Geschlechtstiere, mit einigen Arbeitern und Soldaten, aber ohne Eier, ohne junge Larven, Nymphen und Königin; 6) beinahe vollständig große Hügel ohne Königin oder Zelle für sie, sondern nur mit einer Anzahl fast erwachsener Larven und mit ihnen fressender Nymphen; 7) Hügel derselben Größe mit Nymphen und geflügelten Geschlechtstieren; 8) Hügel mit einer Königin nebst dem ihr beigegebenen König in einer geräumigen Zelle nahe dem Mittelpunkte der Basis, aus Material gebaut, das sich vom übrigen Teile des Hügels unterscheidet. Es ist dick, zähe und lederartig, während das übrige eine körnige, leicht zerreibliche Masse bildet.“ Solche Hügel fand Bates stets mit Tieren förmlich vollgestopft: einige damit beschäftigt, die Eier aus der Zelle der Königin in alle Teile des Nestes, selbst in die Zellen des Gipfels, zu schaffen; kürzlich geborene Larven und andere auf verschiedenen V Stufen des Wachstums waren überall in den Zellen dicht zusammengekeilt, die Köpfe gegeneinander gewendet und zum Boden gesenkt, offenbar im Fressen begriffen. In denselben Zellen fanden sich, zusammen fressend, sehr junge schwache Larven, ohne Zweifel Arbeiter, sehr junge und schwache Soldaten, allein an der Kopfform kenntlich, ferner Arbeiter und Soldaten, mehr erwachsen, sehr dünne, schwache Nymphen, kleiner als die ausgewachsenen Arbeiter und neben allen diesen auch erwachsene Nymphen.

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