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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Man kennt zur Zeit zwischen 1000 und 1100 Arten, welche über alle Erdteile verbreitet sind und in den heißen Ländern reichlicher, aber mit nur wenigen Ausnahmen schöner und größer als in den gemäßigten und kalten Erdstrichen vorkommen. Von jener Zahl ernährt Europa ungefähr 100 und darunter solche, die auch anderwärts heimaten, wie beispielsweise Libellula pedemontana in Sibirien, Aeschna juncea in Transfau: kasien, Anax Parthenope in Afrika; Anax formosus findet sich von Schweden und dem Uralgebirge an durch ganz Europa und Afrika.

Die Seejungfern (Calopteryx) gehören zu der Sippe der Agrioniden, die durch einen breiten, hammerförmigen Kopf, welcher an den Seiten weit voneinander getrennt die halbkugeligen Augen trägt, durch einen drehrunden, dünnen Hinterleib und durch eine zwischen den inneren Laden tief ausgeschnittene Unterlippe im vollendeten Zustande, durch Schwanzkiemen und eine flache Maske im Larvenstande charakterisiert werden. Bei der genannten Gattung verschmälern sich die engmaschigen Flügel allmählich nach der Wurzel, unterscheiden sich je nach dem Geschlecht in der Färbung und ermangeln beim Männchen eines Males. Bei dieser Gattung nehmen außerdem die Raife Zangenform an. Die anatomischen Untersuchungen haben ergeben, daß die Larven nicht nur durch Schwanz, sondern gleichzeitig durch Darmkiemen atmen. Jene bestehen aus drei langen Flossen, zwei fast dreikantigen äußeren, tiefer stehenden und einer etwas kürzeren und höher gerückten in der Mitte. Eine vorn gespaltene Maske, vor den Augen auf kantigem, kräftigem Grundglied eingelenkte Fühler, welche in ihren sieben Gliedern den Kopf an Länge übertreffen,

und Nebenaugen charakterisieren überdies diese schlanken, langbeinigen Tiere. Eine der häufigsten und verbreitetsten Arten ist die gemeine Seejungfer (Calopteryx virgo). Das Weibchen hat braune Flügel mit weißem Male und einen metallisch smaragdgrünen Körper, das Männchen dagegen, das wir auf dem Bilde „Eierlegende Schlankjungfer“ fliegend erblicken, erscheint durchaus wie in Stahl gekleidet, gesättigt dunkelblau. Genau genommen sehen die Flügel auch braun aus, schillern aber der Regel nach in jener Farbe, mit Ausnahme der lichteren Spitze; doch finden sich auch Individuen (man hat sie „unreife“ genannt, Calopteryx vesta Charpentiers), bei denen der Schiller vollständig wegbleibt und die braune Grundfarbe zur Geltung kommt. Die Körperlänge beträgt 43,5—48 mm. Mit der gemeinen Seejungfer darf die im Juli und August gleichzeitig fliegende Calopteryx splendens nicht verwechselt werden; ihre Flügel sind schmäler, durchsichtig und haben beim Männchen eine blaue Querbinde vor der Spitze, beim Weibchen grünes Geäder.

Die Schlankjungfern (Lestes) tragen schmälere, an der Wurzel deutlich gestielte Flügel mit weiteren, zum Teil fünfeckigen Maschen. Die schlanken, dünnen Larven atmen nach der letzten Häutung, also im Nymphenzustand, nur durch lange und breite Schwanzkiemen, haben keine Nebenaugen, dünne, siebengliederige Fühler zwischen den Netzaugen und eine sehr lange, schmale Maske, welche in der Ruhe bis zu den Hinterhüften reicht. Von den gleich langen Leibesringeln tragen die fünf vorletzten kurze, gerade Seitenstacheln sowie das Ende zwischen den drei Flossen fünf kurze Schwanzspitzen.

Im Mai und Juni fliegt in Deutschland nicht selten die verlobte Schlankjungfer (Lestes sponsa, Agrion foreipula Charpentiers). Der smaragdgrüne Körper mißt 33 —35 mm und wird beim ausgefärbten Männchen oben und unten am Mittelleib sowie auf den beiden Wurzel- und Endgliedern des Hinterleibes von lichtgrauem Reif über: zogen, eine fast weiße Randader am braunen oder schwarzen Flügelmal und zwei gleich große und spitze Zähne am Innenrande der Haftzangen gehören zu den weiteren Er: kennungszeichen des Männchens. Das Eierlegen dieser Art beobachtete von Siebold an einem mit Binsen (Scirpus lacustris) bewachsenen Teiche, und ich konnte mir nicht versagen, dasselbe durch eine Abbildung: „Eierlegende Schlankjungfer“, zu veranschaulichen. Ist die Paarung, wie oben berichtet, erfolgt, so läßt das Männchen sein Weibchen nicht los, wie dies andere thun, sondern hält es am Nacken fest und führt es spazieren. Beide fliegen in dieser Verbindung mit ausgestreckten Leibern umher, setzen sich auf diese und jene Wasserpflanze und scheinen in ihren Handlungen von einem Willen beseelt zu sein. Am häufigsten läßt sich das Männchen an jenen Binsen, und zwar meist an der Spitze nieder, und die Beobachtungen bezogen sich zunächst auf die näher stehenden, außerhalb des Wassers befindlichen Pflanzen. Hatte sich ein Männchen auf einer derselben niedergelassen, so krümmte alsbald das Weibchen, welches hinter ihm in der Entfernung Platz griff, welche ihm der männliche, gerade ausgestreckte Hinterleib vorschrieb, den seinen bogenförmig, die Spitze desselben hinter seinen Füßen einsetzend, schob den säbelförmigen Legbohrer aus den beiden seitlichen Hornscheiden hervor und drückte ihn in die Oberhaut der Binse ein. Kaum war dieses geschehen, jo kroch es einige Schritte an der Binse herab, arbeitete von neuem mit seinem Legapparat und fuhr in dieser Weise fort, bis es, das Männchen natürlich mit sich ziehend, am Grunde der Binse angelangt war. Dann flogen beide davon, um an einer anderen dasselbe Geschäft von oben bis unten zu1 wiederholen. Die in dieser Weise bearbeiteten Stengel ließen Reihen weißgelber Fleckchen erkennen; von oben nach unten war durch die Verwundung ein Streischen Sb haut abgetrennt, aber mit dem konvexen Teile des Legapparates, nachdem derselbe heraus: gezogen war, wieder angedrückt worden. Fast hinter jeder dieser Wunden lag in der dort befindlichen, geräumigen Luftzelle der Binse ein Ei, und zwar mit seinem pie

EIERLEGENDE SCHLANKJUNGFER.

I

dunkelbraunen Ende in den inneren Teil der Hautspalte eingeklemmt; das etwas dickere, abgerundete Ende des fast walzigen, sonst blaßgelb gefärbten Eies ragte in die Zelle hinein. Diese hatte, wenn die Eier schon längere Zeit darin staken, eine krankhafte, braune Farbe angenommen. Manchmal fand sich hinter einer solchen Verwundung kein Ei; es war in diesem Falle wahrscheinlich dem Weibchen keine Zeit zum Ablegen desselben gelassen worden; denn das Männchen zeigt nicht immer gleiche Ausdauer, um ihm bis unten zu folgen, sondern fliegt manchmal auf, noch ehe der ganze Weg zurückgelegt ist. Als die Blicke des aufmerksamen Beobachters weiter schweiften, gewahrten sie auch Pärchen auf Binsen, die aus dem Wasser hervorragten. Sie ließen sich durch dieses nicht abhalten, ihren gewohnten Weg bis zum Grunde der Pflanze fortzusetzen, sondern verschwanden beide unter der Wasserfläche, legten aber vorher ihre vier Flügel dicht zusammen. Hatte sich das Weibchen unter das Wasser begeben, so rückte das Männchen schnell nach, und jenes begann sein Geschäft nicht eher wieder, als bis auch dieses ganz von Wasser umgeben war; hier bog das Männchen seinen Hinterleib aber gerade so sprenkelartig vom Stengel der Binse ab wie das Weibchen, so daß alle unter Wasser befindlichen Pärchen, deren von Siebold eine große Anzahl beobachtete, mit ihren Leibern einen doppelten Bogen bildeten. Außerdem gewährten sie durch ihren Silberglanz einen überraschenden Anblick. An ihren Leibern, den Beinen und Flügeln nämlich haftete eine dünne Luftschicht, die sie ohne Zweifel zum Atmen bedurften; denn einzelne blieben eine halbe Stunde unter Wasser, weil sie hier wie auf dem Lande bis zum Grunde der Binse, also auch des Teiches, hinabstiegen. Sind sie hier angekommen, so kriechen sie am Stengel wieder empor und fliegen sofort davon, wenn sie über dem Wasserspiegel angelangt sind. Es kam nicht selten vor, daß an einer und derselben Binse, an welcher unter Wasser bereits ein Pärchen saß, sich ein zweites in die Tiefe begab, und zwar auf derselben Seite. In einem solchen Falle wichen sie einander in der Weise aus, daß sich das obere nach der entgegengesetzten Seite des Stengels wendete und dann sein Geschäft ungehindert sortsetzte. Bei Annäherung des Beobachters ließen sie sich an der Luft in ihrer Arbeit stören und flogen davon; nicht so im Wasser: da konnten sie bis auf einen gewissen Grad beunruhigt, d. h. berührt werden, sie klammerten sich nur fester an den Stengel an; wurde aber mit einem Stocke stärker um sie herum gewirtschaftet, so krochen sie schneller als gewöhnlich an der Binse herauf, um zu entfliehen. An den unter Wasser angestochenen Stellen der Binse breitet sich ein brauner Fleck aus, der bis in die Luftzellen eindringt. Daß übrigens die Weibchen einen großen Drang zum Eierlegen haben müssen, geht aus den weiteren Beobachtungen hervor, denen zufolge sie dürres Holz und andere ungeeignete Gegenstände, an die sich die Männchen bisweilen auch ansetzten, in derselben Weise mit ihrem Legbohrer zu bearbeiten versuchten wie die weichen Binsen. Am spitzen Ende der Eier schlüpfen die Larven aus, welche durch ihre in die Augen fallenden längeren und verschieden geformten Fühler in dieser Jugend einen anderen Eindruck machen als im späteren Lebensalter.

Die zahlreichen Sippengenossen, welche feinen Nadeln gleich im Sonnenschein am Schilfe und in dessen Nähe umhertanzen und dabei die bedächtig schwingenden Flügel prächtig blitzen lassen, oder, wenn es trübes Wetter ist, fest sitzen und diese nach oben zusammenklappen, gehören verschiedenen Gattungen an, von denen die der Schlankjungfern (Agrion) die meisten Arten enthält. Man erkennt fie an den gleichfalls gestielten Flügeln, deren Mal nur Zellenlänge erreicht, sowie an den nicht erweiterten, dornig bewimperten Schienen und unterscheidet sie hauptsächlich an der Hinterrandsbildung des Vorderrückens. Ihre reifen Larven gleichen denen der Gattung Lestes, die sich vorn helmartig umbiegende Maske reicht hinten nur bis zu den Mittelhüften, die Flügelscheiden find etwas länger, Beine und Schwanzkiemen kürzer, und den Hinterleibsringen fehlen

die Stacheln. Von der angegebenen Grundform weicht die breitbeinige Schlankjungfer (Platycnemis pennipes) durch die bei beiden Geschlechtern breitgedrückten, weißlichen Schienen der vier hintersten Beine augenfällig ab. Die zierliche, 35 mm lange Wasserjungfer wird überdies durch den weißlichen, schwarz liniierten Leib leicht kenntlich.

Den zweiten Formkreis der Wasserjungfern, und zwar die größeren, gleichzeitig wilderen Arten verrät auf den ersten Blick der große, halbkugelige Kopf, dessen Hauptteil die sich vor dem Scheitel berührenden, prächtig schillernden und in dem Grade entwickelten Augen einnehmen, daß man bei günstig auffallendem Lichte ohne Vergrößerungsglas die kleinen Felder (Facetten) auf ihrer gewölbten Oberfläche erkennen kann. Den dritten Teil der ganzen Kopfoberfläche nimmt die blasig aufgetriebene, durch einen Quereinschnitt geteilte Stirn ein, an welche sich nach unten die Oberlippe anschließt, wie der Schirm einer Mütze gestaltet und die Freßwerkzeuge von oben her deckend. Die Hinterflügel übertreffen im Wurzelteil die Vorderflügel merklich an Breite, und alle vier liefern im Flügeldreieck und in der Bindehaut die wesentlichsten Unterschiede zwischen den Gattungen. Unter jenem versteht man nämlich die durch stärkere Adern begrenzte, dreieckige Fläche, welche sich im ersten Flügeldrittel zwischen der vierten und fünften, der Flügelwurzel ent: springenden Längsader ausdehnt und wohl auch mit seiner Spitze nach hinten über letztere hinausreicht. Die Bindehaut ist ein sehr kleiner, mehr oder weniger halbmondförmiger Abschnitt am Flügelgrunde, welcher sich durch Farbe und Beschaffenheit von der übrigen Haut unterscheidet. Die Larven aller Dickköpfe atmen nur durch Darmkiemen und bedürfen daher keiner Schwanzflossen.

Für Europa werden die größten und buntesten Glieder der Familie, von denen höchstens eine Art hinter der gewöhnlichen Länge von 52—65 mm zurückbleibt, durch die Shmal: jungfern (Aeschna) gebildet. Man erkennt fie leicht an dem blau und gelb gezeichneten Körper, den in einer Linie auf dem Scheitel zusammenstoßenden Augen und den ziemlich gleichen vier Flügeldreiecken. Die acht deutschen Arten lassen sich teilweise nur schwierig voneinander unterscheiden. Sie fliegen in waldigen und bergigen Gegenden mehr einzeln, weil eine jede ihr Jagdrevier in wildem Fluge beständig durchstreift und so leicht keine zweite darin duldet. Die Larve zeichnet sich durch große Netzaugen, schwach entwickelte Punktaugen, dünne, siebengliederige Fühler zwischen jenen, schlanke, die Leibesspitze nicht erreichende Hinterbeine mit dreigliederigen Füßen, durch eine flache Maske, versteckte Luftlöcher an den Ringen des Mittelleibes und durch Seitenstacheln an den letzten Leibesgliedern aus (Fig. 1, 2, S. 557). Während mehrere Arten der Schmaljungfern oben auf der blasigen Stirn mit einem dunkeln T.förmigen Flecke gezeichnet find, fehlt er der großen Schmaljungfer (Aeschna grandis J.), welche überhaupt sparsamer an dem gelben oder rotbraunen Körper gefleckt erscheint als andere. Die Brustseiten schmücken zwei gelbliche Binden, die Rückenmitte zwischen den gelblichen Flügeln und das dritte Hinterleibsglied blaue Flecke; die Oberlippe ist einfarbig, die Bindehaut weißlich und jeder Raif des Männchens an der Wurzel ungezahnt, an der Spitze gerundet.

Der gemeine Plattbauch (Libellula depressa), gelbbraun von Farbe, an den Rändern gelb gefleckt oder am Hinterleib des reifen Männchens schön himmelblau bereift, tritt uns hier im Bilde entgegen. Ein großer länglicher und dunkler Fleck an der Wurzel der vorderen, ein dreieckiger an der der hinteren Flügel, eine rotbraune, zwischen der Wurzel der dritten und vierten Längsader gelegene Zelle (Basalzelle) auf allen vier Flügeln und wenigstens zehn Queradern am Vorderrande von deren Wurzel bis zu der etwas eingekniffenen, durch dickere Queradern markierten Stelle in ihrer Mitte, das

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