Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Subimago itzt. Nun ruht das Tier einige bs a Natürliche Große an Sekunden und befreit schließlich den Hinter: leib samt den Borsten sowie die Hinterbeine, als die allein noch umschlossenen Teile, putzt den Kopf und die Fühler mit den Vorderbeinen und entflieht rasch dem Auge des Beobachters. Die Haut allein bleibt sitzen mit zusammengeschrumpften Hinterrändern der Flügelscheiden. Dieser Umstand dürfte den Namen „Haft“ veranlaßt haben und nicht, wie Rösel meint, das Klebenbleiben an frisch geteerten Schiffen. Mir ist aus meiner Jugendzeit, wo ich dergleichen Dinge mit anderen Augen ansah als heutigestags, noch in der Erinnerung, eine solche Häutung in der Luft während des Fluges wahrgenommen zu haben. War es Täuschung, war es Wahrheit? Nach dem eben geschilderten Hergange scheint mir die Möglichkeit eines solchen Vorfalles nicht ausgeschlossen. Die Verschiedenheiten zwischen Subimago und Imago aufzufinden, setzt einige Übung voraus. Jenes erscheint wegen der schlotternden Haut plumper, seine Glieder sind dicker und kürzer, besonders die männlichen Vorderbeine, die Färbung ist unbestimmter und schmutziger; bei diesem treten alle Umrisse und Formen schärfer, die Farben reiner hervor. Alles ist glänzender und frischer, das „Bild“ jetzt erst klar und wahr. Übrigens geben die Flügel untrügliche Merkmale ab, wie Pictet ausführlicher auseinandergesetzt hat.
Die Eintagsfliegen waren den Alten nicht unbekannt. Aristoteles erzählt, daß der Fluß Hypanis, welcher sich in den eimmerischen Bosporus ergießt, zur Zeit 85 Sommer:
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. 1X.
Tag⸗ und Nachtgleiche Dinge wie Säckchen von der Größe der Weinkerne mit sich führe, aus welchen ein geflügeltes, vierfüßiges Tierchen krieche, welches bis zum Abend herumfliege, dann ermatte und mit der sinkenden Sonne sterbe; es heiße daher Eintagsfliege. Aelian läßt fie aus dem Weine geboren werden. Wird das Gefäß geöffnet, jo fliegen die Eintagsfliegen heraus, erblicken das Licht der Welt und sterben. Die Natur beschenktsie mit dem Leben, entreißt sie demselben aber so schnell wieder, daß sie weder eignes Unglück fühlen, noch fremdes zu sehen bekommen können.
An einem stillen Mai- oder Juni-Abend gewährt es einen zaubenn Anblick eigentümlicher Art, diese Sylphiden im hochzeitlichen Florkleide, bestrahlt vom Golde der sinkenden Sonne, sich in der lauen Luft wiegen zu sehen. Wie verklärte Geister steigen sie ohne sichtliche Bewegung ihrer glitzernden Flügel auf und nieder und trinken Lust und Wonne in den wenigen Stunden, welche zwischen ihrem Erscheinen und Verschwinden, ihrem Leben und Sterben liegen; denn sie führen den Hochzeitsreigen auf, wiewohl merkwürdigerweise unter Tausenden von Männchen nur wenige Weibchen vorkommen. Man kann diese Tänze bei uns zu Lande am besten an der gemeinen
Eintagsfliege (Ephemera vulgata) beobachten, weil sie die größte ist, am häufigsten in Deutschland, und zwar schon im Mai vorkommt und sich infolge ihrer dunkeln Färbung am schärfsten gegen den Abendhimmel ab: grenzt. Sie mißt reichlich 17—19 mm ohne die Schwanzborsten, welche beim Weibchen eine gleiche, beim Männchen fast die doppelte Länge haben, und ist dunkelbraun; einige gereihte, bisweilen zusammenstoßende Flecke von pomeranzengelber Farbe auf dem Hinterleibe, abwechselnd lichte und dunkle Ringel der drei unter sich gleichen Schwanzfäden verleihen dem düsteren Ge- = 2 5: 1 wande einigen Schmuck, sowie eine braune, gekürzte
ännchen der gemeinen Eintagsfliege Mittelbinde auf den dreieckigen Vorderflügeln den dicht een netzförmig und dunkel geaderten, in den Zwischenräumen durchsichtigen Flügeln etwas Abwechselung. An jedem Beine zählt man fünf Fußglieder, deren zweites das erste beinahe um das Achtfache an Länge übertrifft. Die gesperrt gedruckten Merkmale kommen der ganzen Gattung Ephemera zu, die nach der jetzt leider herrschenden Liebhaberei in mehrere Arten zerlegt worden ist.
Fragen wir nun: wo kommen sie her, jene ephemeren Erscheinungen? Sie entsteigen, gleich den vorigen, dem fließenden Wasser, wo die Larven ihre Lebenszeit mit Raub verbrachten, nachdem die Weibchen die Eier in dasselbe ausgestreut hatten. Die gestreckte Larve unserer Art hat auf jeder Seite des Hinterleibes sechs Kiemenbüschel oder Quasten, keine Kiemenblättchen. Der Kopf läuft vorn in zwei Spitzen aus, trägt fein behaarte Fühler und lange, sichelförmig nach oben gekrümmte Kinnbacken und Kiefertaster, welche dreimal länger als die Lippentaster sind. Die einklauigen Beine sind glatt und bewimpert, Schenkel und Schienen der vordersten stärker und zum Graben eingerichtet, denn sie arbeiten mit ihnen in die sandigen Ufer, der Bäche lieber als der Flüsse, wagerechte, bis 52 mm tiefe Röhren, meist zwei dicht nebeneinander. Die schmale Scheidewand ist im Hintergrunde durchbrochen, so daß die vorkriechende Larve sich nicht umzuwenden braucht, wird indes durch das Wasser oder infolge des Vorbeikriechens oft zerstört.
Die Larven der Gattung Palingenia graben auch, unterscheiden sich aber äußerlich von der vorigen durch zwei gewimperte Kiemenblättchen an den Seiten der meisten
EINTÄGSFLIEGE.
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Hinterleibsringe; andere, teils von mehr platter, teils von mehr runder Körperform, leben frei im Wasser, jedoch sind die meisten von ihnen noch lange Zeit hindurch sorgfältig zu beobachten, ehe die vielen Lücken in unseren Kenntnissen über die einzelnen Eintagsfliegen ausgefüllt werden können.
Das gemeine Uferaas (Palingenia horaria) hat bei milchweißer Grundfarbe einen schwärzlichen Außenrand der Vorderflügel, schwarze Schenkel und Schienen der Vor—
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Gemeines Uferaas (Palingenia horaria).
derbeine, überdies an allen Beinen die beiden ersten der fünf Fußglieder einander gleich. Die Gattung charakterisiert sich durch licht geaderte, ungefleckte, nicht durchsichtige Flügel und eine kürzere mittlere Schwanzborste, welche beim Männchen mehr in die Augen fällt als beim Weibchen; dieses soll sich, wenigstens bei der langgeschwänzten Art (Palingenia longicauda), nicht zum zweiten Male häuten, außerdem bei der Paarung, welche in der Luft oder auf dem Wasser erfolgt, auf dem Männchen sitzen.
Die Ephemeren und unter ihnen vorzugsweise das Uferaas (Palingenia) gehören zu denjenigen Arten, welche durch ihr massenhaftes Auftreten ein allgemeineres Interesse 35%
in Anspruch nehmen, und zwar in um so höherem Grade, als die Lebensdauer der Einzelwesen sich auf die kürzeste Zeit beschränkt. Überhaupt wird das Uferaas nur für einige Tage, beziehungsweise Abende des ganzen Jahres sichtbar, um dann spurlos zu verschwinden, bis für jede Art ihre Zeit im nächsten Jahre wieder herbeigekommen ist. Dieselbe hält eine jede so gut ein, daß dem Landwirt die seinige für die verschiedenen Ernten nicht geläufiger sein kann, wie sie den Fischern auf einem bestimmten Flusse für das Schwärmen des Uferaases ist, mögen auch ein größerer Grad von Wärme oder Kälte, das Steigen oder Fallen des Wassers und andere noch unbekannte Umstände die Erscheinungszeit etwas beschleunigen oder verzögern. Zwischen dem 10. und 15. August werden von den Fischern der Seine und Marne diejenigen erwartet, welche Reaumur als Palingenia virgo beschreibt. Die Fischer nennen sie „Manna“, und wenn ihre Zeit gekommen ist, so pflegen sie zu sagen: „das Manna fängt an sich zu zeigen; das Manna ist diese Nacht häufig, im Überfluß gefallen“, wodurch sie entweder auf die erstaunliche Menge von Nahrung, welche die Eintagsfliegen den Fischen bieten, oder auf die reiche Fülle ihrer Netze beim Fischfang anspielen wollen.
Réaumur bemerkte diese Kerfe zuerst im Jahre 1758, in welchem fie sich nicht eher ‚4 als am 18. August in Menge zeigten. Als er am folgenden TageT von einem Fischer erfahren, daß die Fliegen erschienen wären, stieg er drei Stunden vor Sonnenuntergang in einen Kahn, löste vom Ufer des Flusses mehrere Erdmassen, welche mit Larven angefüllt waren, und setzte sie in einen großen Kübel mit Wasser. Als dieser bis gegen 8 Uhr in dem Kahn gestanden, ohne daß eine beträchtliche Menge von Haften geboren worden war, und ein Gewitter im Anzuge war, ließ ihn der berühmte Forscher in seinen Garten bringen, an welchem die Marne vorbeifloß. Noch ehe ihn die Leute an das Land brachten, kroch eine große Menge von Ephemeren aus demselben hervor. Jedes Stück Erde, welches über das Wasser hervorragte, ward von denselben bedeckt, indem einige ihren Schlammsitz zu verlassen begannen, einige zum Fliegen bereit und andere bereits im Fluge begriffen waren; überall unter dem Wasser konnte man sie in einem höheren oder niederen Grade der Entwickelung sehen. Als sich das Gewitter näherte, war Réaumur gezwungen, das interessante Schauspiel zu verlassen, kehrte aber sogleich wieder zu demselben zurück, nac)- dem der Regen aufgehört hatte. Als der Deckel, den man auf den Kübel gelegt hatte, wieder abgenommen worden war, erschien die Anzahl der Fliegen bedeutend vermehrt und wuchs noch immer. Viele flogen hinweg, noch mehr ertranken im Wasser. Die schon Verwandelten und in der Verwandlung Begriffenen würden allein hingereicht haben, den Kübel anzufüllen; doch wurde ihre Zahl bald von anderen, welche das Licht anzog, ver: größert. Um ihr Ertrinken zu verhindern, ließ Réaumur den Kübel wieder bedecken und das Licht darüber halten, welches gar bald vom Schwarm der Anstürmenden verlöscht wurde, die man händeweise von dem Leuchter wegnehmen konnte. Dies Schauspiel um den Kübel, so neu und anziehend es für den genannten Forscher auch war, wurde noch bei weitem durch dasjenige übertroffen, welches sich seinen Blicken am Flusse selbst darbot, wohin ihn die Bewunderungsrufe des Eärtners riefen. „Die Myriaden Hafte“, erzählt Réaumur, „welche die Luft über dem Strome des Flusses und auf dem Ufer, wo ich stand, anfüllten, können weder ausgesprochen noch gedacht werden. Wenn der Schnee in den größten und dichtesten Flocken fällt, so ist die Luft nicht so voll von demselben, als sie hier von Haften war. Kaum stand ich einige Minuten auf einer Stufe, als die Stelle mit einer Schicht derselben von 2 — 4 Zoll in der Dicke bedeckt wurde. Neben der untersten Stufe war eine Wasserfläche von 5—6 Fuß nach allen Seiten gänzlich und dicht von ihnen zugedeckt, und was der Strom wegtrieb, wurde unaufhörlich ersetzt. Mehrere Male war ich gezwungen, meine Stelle zu verlassen, weil ich den Schauer von Haften nicht ertragen
konnte, der, nicht so beständig in schiefer Richtung wie ein Regenschauer einfallend, immer und auf eine sehr unangenehme Weise von allen Seiten mir in das Gesicht schlug; Augen, Mund und Nase waren voll davon. Bei dieser Gelegenheit die Fackel zu halten, war eben kein angenehmes Geschäft. Die Kleider des Mannes, der sie trug, waren in wenig Augenblicken von diesen Fliegen bedeckt, gleichsam überschneit. Gegen 10 Uhr war dieses interessante Schauspiel zu Ende. Einige Nächte darauf erneuerte es sich, allein die Fliegen zeigten sich nicht mehr in derselben Menge. Die Fischer nehmen nur drei aufeinander folgende Tage für den großen Fall des „Manna“ an, doch erscheinen einzelne Fliegen sowohl vor als nach denselben. Wie immer auch die Temperatur der Atmosphäre beschaffen sein möge, kalt oder heiß, diese Tiere schwärmen unveränderlich um dieselbe Stunde des Abends, das heißt zwischen ein Viertel und ein Halb nach 8 Uhr; gegen 9 Uhr beginnen sie die Luft zu erfüllen, in der folgenden halben Stunde ist ihre Anzahl am größten, und um 10 Uhr sind kaum einige mehr zu sehen, so daß in weniger als zwei Stunden dieses ungeheure Fliegenheer aus dem Flusse, der sie zur Welt bringt, hervorgeht, die Luft erfüllt, sein bestimmtes Werk verrichtet und — verschwindet. Eine große Anzahl fällt in das Wasser, den Fischen zum reichlichen Mahle, den Fischern zum glücklichen Fange.“
Auch ich hatte zu verschiedenen Malen Gelegenheit, im Vorübergehen das gemeine Uferaas zu beobachten. Zuerst in Leipzig, wo es bekanntlich nicht an fließendem Wasser fehlt. Hier sah ich (Ende der 30er Jahre) an den brennenden Straßenlaternen der bewässerten Vorstädte diese Art in Klumpen hängen, welche die halbe Größe einer Laterne erreichten, und sicher hat sich seitdem dieselbe Erscheinung öfter wiederholt. In der ersten Woche des August 1859 bemerkte man hier in Halle dieselbe Art in der Nähe der am Wasser stehenden Laternen wie Schneeflocken umherfliegen und hatte beim Gehen an den Füßen die Empfindung, welche locker gefallener Schnee verursacht. Es war am 26. Juli 1865 abends nach 10 Uhr, als ich an einer mehrarmigen Laterne auf dem Marktplatz in Halle ein ähnliches Schauspiel beobachtete, wie es der französische Forscher geschildert hat. Tausende und Abertausende der genannten Hafte umkreisten das Licht in größeren und kleineren Zirkeln, im allgemeinen aber ließen sich bestimmte Richtungen, einzelne Gürtel unterscheiden. Merkwürdig war mir dabei, daß auf meinem weiteren Wege an einzelnen Straßenlaternen diese Fliegen nicht beobachtet wurden, selbst nicht an denen, welche sich unmittelbar neben einem Saalarm befanden, während jener Armleuchter weiter vom Wasser entfernt stand als alle übrigen nicht umflatterten Laternen. Am 14. und 15. August 1876 wiederholte sich dieselbe Erscheinung, aber nur an einigen Laternen in der nächsten Nähe des Flusses.