Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
leibs scharf abhebt. Derselbe steht mit der übrigen Leibeshöhle durch 3—5 nach vorn um: gebogene kurze Röhren in Verbindung, welche frei in jene hineinragen und auf unserem Bilde durch die vier lichten Punkte angedeutet werden; von Siebold hat ihn den Brutkanal genannt, weil er später die Brut aufnimmt. Die Entwickelung der Eier, welche sich im ganzen Körper zerstreut finden, geht sehr langsam von statten, erfolgt aber im Leibe der Mutter, und zwar entsteht daraus eine sechsbeinige Larve von gestreckter Körperform, ohne Krallen, aber mit zwei Schwanzborsten und sehr unvollkommenen Freßwerkzeugen ausgerüstet. Diese Larven verlassen den Brutkanal, spazieren auf dem Wohntier der Mutter umher, ihm bei flüchtigem Anblick ein mit Staub bedecktes Ansehen verleihend, und wurden früher für Schmarotzer des Schmarotzers gehalten. Spätere Beobachtungen haben jedoch gelehrt, daß sich diese Larven ganz ähnlich verhalten wie die erste Form der Maiwurmlarve, welche wir (S. 133) kennen lernten, sich in die Nester ihrer Wohntiere, und zwar je eine an eine Larve derselben, tragen lassen und in diese einbohren. Hier häutet sich die Strepsipterenlarve nach ungefähr 8 Tagen, nimmt Wurmform an, bekommt eine deutliche Mundöffnung mit zwei verkümmerten Kiefern, einen blindsackförmigen Darm ohne Spur von After, besteht zuletzt aus zehn Ringen, von denen der erste und größte das schon mehrfach erwähnte Kopfbruststück bildet. Bei der männlichen Larve, welche in ein Schwanzspitzchen ausgeht, ist dieses gewölbt oder kegelförmig, bei der weiblichen, wie schon erwähnt, platt gedrückt und das Leibesende stumpf. Ebenso, wie sich äußerlich der Unterschied der Geschlechter ausprägt, schreitet auch im Inneren die Entwickelung der Fortpflanzungsteile vor. Sie hält mit der des Wohntieres so ziemlich gleichen Schritt und liefert einen Beweis dafür, daß es auch hier Schmarotzer geben kann, welche sich ohne Vernichtung ihres Wirtes ausbilden, wenn sie denselben auch in seiner äußeren Erscheinung verändern können, wie Schmiedeknecht an mehreren Andrena-Arten nachweist. Bald nachdem die junge Biene oder Wespe die Puppenhülle verlassen hat, kommt die reife Drehflüglerlarve in der früher angegebenen Weise hervor.
Von Siebold vermutet, daß bei den Drehflüglern auch die Fähigkeit vorhanden sein könne, ohne vorausgegangene Befruchtung entwickelungsfähige Eier hervorzubringen, von denen vielleicht nur die viel häufigeren, aber sehr kurzlebigen Männchen herrühren. Man hat die bisher bekannt gewordenen Arten nach der Verschiedenheit der Männchen auf vier Gattungen (Tenos, Stylops, Halictophagus, Elenchus) verteilt.
Sechste Ordnung.
Kankerfe oder Geradflügler (Gymnognatha, Orthoptera).
Alle bisher betrachteten Kerfe leben, wie man sich erinnert, erst als Larve, dann als davon verschiedene, ruhende Puppe, bis zuletzt Käfer und Schmetterling, Imme und Fliege, zu stande kommt; jedes aber läßt sich ohne weiteres als das erkennen, was es eben ist, weil ihm die Merkmale seiner Ordnung kurz und bündig an der Stirn geschrieben stehen. Bei den Netzflüglern waren diese schon weniger scharf ausgeprägt, man fand sie nicht entschieden ausgesprochen in der Flügelbildung, nicht deutlich erkennbar in dem Verhalten des ersten Brustringes zu seinen beiden Nachbarn, sondern nur in den beißenden Mundteilen und in der vollkommenen Verwandlung. Das große Heer der noch übrigen Kerfe entsteht durch unvollkommene, bisweilen ohne jede Verwandlung; es hat entweder beißende, und zwar oft sehr kräftig beißende, oder schnabelartige, zum Saugen eingerichtete Mundteile, und hierin liegen die wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale der beiden noch übrigen Ordnungen. In jeder derselben finden sich neben den geflügelten auch flügellose Arten, unter ersteren solche, bei denen die Vorderflügel mehr hornige Decken dar stellen, neben anderen, bei denen alle vier Flügel aus dünner Haut mit oder ohne Maschennetz bestehen. Nach der hier festgehaltenen Auffassungsweise gehören alle Insekten, welche un vollkommene oder gar keine Verwandlung bestehen und beißende Mundteile aufzuweisen haben, zu den Kaukerfen.
Außer diesen zwei, allen Orthopteren gemeinsamen Merkmalen zeigen sie in der Bildung der Unterlippe wie in der Gliederung des Hinterleibs noch zwei andere Überein-stimmungen, die nur mit wenigen Worten angedeutet werden können. Dadurch nämlich, daß bei allen echten Linnéschen Geradflüglern die vier Laden der Unterkiefer, zum Teil sogar ihre Stämme, getrennt auftreten, bei den anderen (hier hinzugenommenen) durch einen Schlitz in der Mitte des Zungenteiles zwei Seitenhälften wenigstens angedeutet werden, spricht sich in dieser Ordnung das Streben aus, zwei Unterkieferpaare herzustellen, wie sie bei den Krebsen wirklich noch vorhanden sind. Eine weitere, der Ordnung zukommende Eigentümlichkeit bildet das Auftreten von elf, allerdings nicht überall äußerlich sichtbaren Hinterleibsringen und die damit im Zusammenhang stehende Verteilung der Geschlechtsund Afteröffnung auf zwei verschiedene, bezüglich den drittletzten und letzten derselben.
Die Larve hat bekanntlich keine Flügel, sondern bekommt erst nach mehrmaligen Häutungen die Ansätze dazu, wenn der vollkommene Kerf geflügelt ist; daher unterscheidet sie sich auch ohne große Mühe von diesem. Bleibt letzterer aber flügellos, was nicht selten vorkommt, so wird die Unterscheidung beider schwieriger, denn dann weicht die Larve nur durch die geringere Anzahl der Fühlerglieder und Augenfelder, zweier schwierig festzustel⸗
lender Merkmale, vom vollkommenen Insekt ab. Manchmal hat dieses nur stummelhafte Flügel, deren vordere aber auf den hinteren liegen, während bei der Larve die umgekehrte Lage stattfindet. Die Kaukerfe, vorwiegend von gestrecktem Körperbau, liefern im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl, welche man auf 6000 schätzt, viele in Hinsicht auf Form, Färbung und Größe ansehnliche Insekten und breiten ihre Arten über die ganze Erde aus, wenn auch gewisse Familien vorherrschend den wärmeren Erdgürteln angehören. Manche fallen durch die ungeheure Massenvereinigung einer und derselben Art auf und werden, sofern sie Pflanzenkost zu sich nehmen, der menschlichen Wirtschaft im höchsten Grade verderblich, da sie in beiden Ständen rücksichtlich der Gefräßigkeit keinem anderen Kerfe etwas nachgeben. Diesen Pflanzenfressern gegenüber durchschwärmen andere als unersättliche Räuber die Lüfte und nützen durch Vertilgung gar manchen Ungeziefers.
Versteinerte Überreste kommen be: reits im Kohlengebirge vor, wo sie alle anderen überwiegen; weiter hat man sie im lithographischen Schiefer, besonders zahlreich aber in der Tertiärperiode und im Bernstein aufgefunden. Am zweckmäßigsten stehen diejenigen Kaukerfe an der Spitze, welche früher von den meisten Schriftstellern zur vorigen Ordnung gezogen wurden, sich durch ihre vier gleichartigen Flügel als Geschlechtstiere und durch ihr Wasserleben als Larven auszeichnen. Als Vertreter der Afterfrühlingsfliegen (Perlariae oder Semblodea) sei zunächst die zwei: - =. =
schwänzige Uferfliege (Perla bi- Zweischwänzige Uferfliege (Perla bicaudata): 1) Larve, caudata) genannt. Sie hat einen 2) ausschlüpfende, 3) vollendete Fliege. Natürliche Größe. braungelben, zweimal dunkelgefleckten, durch die Mitte dunkelgestriemten und ebenso eingefaßten Vorderrücken, einen rotgelben Kopf und am übrigen Körper eine mehr braungelbe Färbung. An den gelblichen Beinen sind die Spitzen der Schenkel und Wurzeln der Schienen dunkler. Bei dem Männchen biegt sich die gespaltene, flache neunte Rückenplatte des Hinterleibs am inneren und hinteren Rande zu schmalen Leisten auf, bei dem Weibchen teilt sie sich dagegen durch seichte Grübchen wie in drei Läppchen, während die achte Bauchplatte bei demselben Geschlecht gerade abgestutzt ist. Hier beträgt die Körperlänge fast 22, die des Männchens reichlich 15 mm, dem entsprechend die Maße eines Vorderflügels 28,25 und 22 mm. Überdies muß noch bemerkt werden, daß sich als Gattungscharakter zwischen dem Radius und seinem Aste im letzten Drittel des Vorderflügels nur eine Querader, zwischen dem Radius und der Randader, außerhalb der Einmündung der Unterrandader, dagegen mindestens drei Querrippen vorfinden, daß ferner die Kinnbacken sehr klein und häutig, die Endglieder der Kiefertaster verdünnt sind und das dritte Fußglied die Gesamtlänge der beiden vorhergehenden übertrifft. Unter Berücksichtigung aller dieser Merkmale wird man die genannte Art von vielen sehr ähnlichen unterscheiden können, welche neuerdings auf zahlreiche Gattungen verteilt worden sind. Die zwei Schwanzborsten, welche den Beinamen veranlaßten und unter der Bezeichnung „Raife“ den meisten Ordnungsgenossen zukommen, finden sich bei sehr vielen Afterfrühlingsfliegen wieder, ebenso die allgemeine Körpergestalt, von welcher die fast gleiche
Entwickelung aller drei Brustkastenringe zu dem bei geflügelten Kerfen nur selten zu beobachtenden Familiencharakter gehört. Schon hier beginnt der sich später häufig wiederholende Umstand, daß bei bestimmten Arten regelrecht oder bei Einzelwesen ausnahmsweise die Flügel verkümmern. In dieser Familie trifft diese Kürzung die Männchen gewisser Arten.
Mit den Köcherjungfern und Wasserflorfliegen zu gleicher Zeit und an gleichen Orten sitzen die Kerfe mit platt auf den Rücken gelegten Flügeln, oder sie laufen eine Strecke, wenn sie gestört werden; die Flugbewegungen halten nur kurze Zeit an und werden erst des Abends lebhafter. Die Weibchen kleben die Eier an eine Vertiefung ihres Bauches und lassen sie klümpchenweise in das Wasser fallen, wenn sie darüber hinfliegen. Die ihnen entschlüpfenden Larven haben, wie dies im Begriffe der unvollkommenen Verwandlung liegt, große Ahnlichkeit mit der ausgebildeten Fliege, nur keine Flügel und lange Wimperhaare an Schenkeln und Schienen, um besser rudern zu können. Bei den meisten erkennt man unten auf der Grenze der Brust die Kiemenbüschel, durch welche sie atmen. Sie halten sich vorzugsweise in fließenden Gewässern auf, am liebsten in reißenden Gebirgsbächen unter Steinen oder an Holzwerk, und nähren sich vom Raube, weshalb ihre Kinnbacken jetzt manchmal härter und kräftiger entwickelt sind als nach der Verwandlung. Zur Ausbildung bedürfen sie eines Jahres, wenn nicht noch längerer Zeit, bekommen allmählich Flügelstumpfe und kriechen zuletzt an einem Pflanzenstengel oder einem Steine aus dem Wasser, um im Drange nach Freiheit den unvermeidlichen Riß im Nacken zu veranlassen und als entschleiertes Bild ein kurzes Dasein zu fristen. Pictet bearbeitete 1841 diese Familie im besonderen und widmete den früheren Ständen vorzügliche Aufmerksamkeit. Er beschreibt darin 100 ihm bekannt gewordene Arten, gedenkt noch weiterer 28, welche von anderen Schriftstellern benannt worden, ihm aber unbekannt geblieben sind. Von jenen verbreiten sich 27 über den größten Teil Europas.
Die Hafte, Eintagsfliegen (Ephemeridae), gehören einem zweiten Formkreise an, welcher bei aller Verwandtschaft mit dem vorigen zahlreiche Merkmale als Eigentümlichkeiten für sich beansprucht. Den schlanken, fast walzigen Körper dieser Fliegen bedeckt eine ungemein zarte Haut, und drei, mitunter auch nur zwei gegliederte Schwanzborsten verlängern ihn nicht selten um das Doppelte. Die kurzen Borsten vorn, welche die Stelle der Fühler vertreten, würden leicht ganz übersehen werden, wenn sie nicht auf ein paar kräftigen Grundgliedern ständen. Nebenaugen kommen groß, oft aber nur zu zweien vor. Das mittlere Bruststück erreicht fast die Länge des vordersten. Dem zarten Bau entsprechen auch zarte Beine, welche in vier oder fünf Fußglieder auslaufen. Auf ihrer Bildung beruht der eine Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern, indem sich an den vordersten der Männchen Schienen und Füße in einer Weise verlängern, daß man dieselben, wenn sie in der Ruhelage nebeneinander geradeaus weit vorstehen, bei einem flüchtigen Blicke für die Fühler halten möchte. Die vorgequollenen, beinahe den ganzen Kopf einnehmenden Augen geben für das männliche Geschlecht ein zweites Erkennungszeichen ab. Da die Eintagsfliegen den Namen in der That verdienen und mitunter kaum. 24 Stunden leben, so bedürfen sie der Nahrung nicht und widmen ihre kurze Lebens— 1iR,al .1 dauer nur der Fortpflanzung; daher bleiben die nach dem Plane der beißenden angelegten E Mundteile unentwickelt, und ihre Stummel verstecken sich hinter ein großes zweilappiges * Kopfschild. Die zierlichen Netzflügel endlich werden in der Ruhe senkrecht nach oben ge tragen, in inniger Berührung ihrer Oberflächen, und unterscheiden sich bedeutend in den
Größenverhältnissen, denn ein vorderer übertrifft den Hinterflügel durchschnittlich um das Vierfache oder verdrängt denselben in einigen Fällen gänzlich. Das Interessanteste an den Ephemeren bleibt ein Zug aus ihrer Entwickelungsgeschichte, der sonst nirgends weiter vorkommt. Sobald die Fliege nämlich dem Wasserleben entsagt hat, nach den sonstigen Begriffen vollkommen ist, streift sie noch einmal ihre Haut ab und sogar auch von den Flügeln. Nachdem das sogenannte „Subimago“ kurze Zeit mit stark wagerecht gelagerten Flügeln ruhig gesessen, fängt es an, diese in andauernd zitternde Bewegung zu versetzen. Gleichzeitig löst sich unter fortwährenden seitlichen Bewegungen des Hinterleibes zuerst das letzte Schwanzende und schiebt sich in der Haut langsam nach vorn, wobei die Seitendörnchen an den Hinterenden der Leibesringe einen wesentlichen Vorschub leisten, denn sie verhindern das Zurückgleiten der vordringenden Teile. Durch dies gewaltsame III Drängen des ganzen Tieres gegen Kopf und 7 Bruft wird die feine Haut auf dem Rücken des Mittelleibes in der Mittellinie zunächst N * stark angespannt und endlich gesprengt. Sie 7% . zieht sich immer mehr gegen die Flügel zurück / und der Mittelleibsrücken des vollkommen ent— 5 e,, wickelten Haftes erscheint blank und glänzend a, 859. 6 N e in ihrer Mitte, bis unter fortgesetztem Drängen I 0 In! DEI 4 1 ON 9 der Kopf heraustritt. Die Flügel senken sich Wu, N76 & VB dann dachförmig an den Leib herunter, und es werden aus ihnen die Flügel des Imago und die Vorderfüße fast gleichzeitig hervorgeschoben. Letztere, dicht unter dem Leibe zusammengeschlagen, strecken sich fast im gleichen Augenblick, in welchem die entwickelten Flügel sich steif indie Höhe richten, und klammern sich fest an den Gegenstand, auf welchem das 9 0 n 8 N