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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Die gemeine Wasserflorfliege (Sialis lutaria) erinnert in ihrer Körpertracht an die bald näher zu besprechenden Köcherhafte, in deren Gesellschaft sie sich an hereea stehenden wie fließenden Gewässern umhertreibt, in den Stellungen, wie wir sie hier sehen, an Pflanzen, Baumstämmen, Planken, Wänden ruht oder auch schwankend und schwerfällig fliegt, wenn fie die wärmenden Strahlen der Sonne dazu auffordern. Obschon sie außerdem manchmal eine Strecke von ihrem Ruheplätzchen flink fortläuft, so macht sie doch den Eindruck eines trägen, plumpen Tieres, welches sich leicht ergreifen läßt. Die Körperform und das Flügelgeäder vergegenwärtigt e e a 0 ie, unsere Abbildung, zu deren Erläuterung nur eß die obere Gierpartie vergrbßerft. noch hinzugefügt fein mag, daß den Scheitel eine Längsfurche, aber keine Nebenaugen, den Unterkiefer eine schmal lanzettförmige innere Lade und lange sechsgliederige Taster auszeichnen. Weil die Schulterbeulen kräftig hervortreten, erscheint gegen das an sich breite Mittelbruststück der nach hinten etwas verschmälerte erste Ring wie ein Hals. Die stark angeräucherten Flügel bleiben dabei durchsichtig und werden von dicken Adern durchzogen, alles Merkmale, welche den Köcherhaften fehlen. An den Beinen erweitert sich das vor⸗ ³K3 letzte, vierte Fußglied herzförmig. Die Wasserflorfliege ist matt braunschwarz, nur die Randaderwurzel der Vorderflügel braungelb. | 2

Im Mai und im folgenden Monat findet sich diese düstere Fliege an den bezeic)- neten Stellen durch ganz Europa meist sehr häufig. Das befruchtete Weibchen legt an Pflanzen oder andere Gegenstände in der nächsten Nähe des Wassers in gereihten Haufen bis 600 Eier (Fig. 1). Dieselben sind braun, stehen senkrecht auf der einen gerundeten Endfläche der Walze und enden oben in einen lichten, schnabelartigen Ansatz. Nach wenigen Wochen schlüpfen die winzigen Lärvchen aus und gleiten hinab in das Wasser, wo sie

e die obere e a 0 ie, rpartie vergrbßerft. e e a 0 ie, die obere Gierpartie vergrbßerft.

sich vom Raube ernähren und sich kriechend und schwimmend in schlangenförmigen Windungen sehr lebhaft bewegen (Fig. 2). Der große Kopf und die drei Brustringe sind hornig, alles übrige weich. Die röhrenartigen, beweglichen Seitenfortsätze (Kiemenfäden) und der lange Schwanz dienen zum Atmen, gleichzeitig mit den Beinen aber auch zum Rudern. März oder April des nächsten Jahres sind die gelbbraunen, dunkler oder heller gefleckten Larven bei 17,5 mm Länge, den Schwanz abgerechnet, erwachsen. Jetzt verlassen sie das Wasser, um sich in der feuchten Erde des Ufers zu verpuppen (Fig. 3).

Eine zweite, sehr ähnliche Art, die rußfarbige Wasserflorfliege (Sialis fuliginosa), unterscheidet sich von der gemeinen nur durch dunklere Färbung, etwas anderes Flügelgeäder und die abweichend gebildete Spitze des männlichen Hinterleibes; sie erscheint in der Regel einen halben Monat nach der vorigen.

Einen abermals anderen Formkreis eröffnet die gemeine Skorpionfliege (Panorpa communis), ein wunderbares Insekt, welches in seiner Körpertracht einigermaßen

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Gemeine Storpionfliege (Panorpa communis): a legendes Weibchen, b Männchen, e Larve, d Puppe. (a und b kaum vergrößert.)

an einen Glasflügler erinnert und während des Sommers die Gebüsche für die übrigen Kerfe unsicher macht. Seine deutsche Benennung erhielt es, weil das Männchen zwar nicht in einen knotigen Giftstachel endigt, wohl aber in eine geknotete Haftzange, welche in drohender Stellung nach oben gerichtet ist. Die Schlankheit des Körpers, der Beine und Fühler, die schnabelartige Verlängerung des Kopfes und die verhältnismäßig wenigen Queradern in den hinten stumpf gerundeten, kaum voneinander verschiedenen vier Flügeln, alles dieses läßt die Abbildung erkennen. Überdies verdienen noch die kleinen und gekämmten Fußklauen, die kräftigen Endsporen der Schienen und die deutlichen Nebenaugen Beachtung. Von obenher bildet das langdreieckige Kopfschild, von untenher der verlängerte Unterkiefer und die damit verwachsene Unterlippe den Schnabel, jene mit fünfgliederigen, diese mit dreigliederigen Tastern versehen; die Kinnbacken erscheinen klein, schmal und zweizähnig. Das 13— 15 mm messende Ungetüm verleugnet feine glänzend schwarze Grundfarbe an Schildchen, Beinen, Schnabel und den drei letzten Gliedern des männlichen Hinterleibes, indem die beiden erstgenannten gelb, die letzteren rot sind. In der Gefangenschaft läßt sich die Skorpionfliege mit Apfeln, Kartoffeln, rohem Fleische füttern, verrät mithin keinen wählerischen Geschmack; in der freien Natur entwickelt sie ihr unerschrockenes Wesen, ihre ungezügelte Frechheit. Denn sie scheut sich nicht, eine vielmal größere Wasserjungfer anzufallen, zu Boden zu werfen und ihr den Schnabel tief in den Leib zu bohren. Lyonnet war Zeuge solcher Kühnheit. So frank und frei die Fliege lebt und den Sammler manchmal erschreckt oder täuscht, wenn sie unerwartet zwischen den Blättern herausfährt, so versteckt leben Larve und Puppe, und erst nach vielen Bemühungen gelang es den Forschern, dieselben ausfindig zu machen. Vier Tage nach der

Gemeine Storpionfliege (Panorpa communis): a legendes Weibchen, b Männchen, e Larve, d Puppe. (a und b kaum vergrößert.)

Paarung legt das Weibchen, beweglich wie es ist, mittels der vorstreckbaren Leibesspitze ungefähr 2,25 mm tief unter feuchte Erde ein Häuflein Eier, größer, als man seiner Persönlichkeit nach vermuten sollte. Anfänglich sind dieselben weiß, von erhabenen Adern netzartig überzogen, allmählich aber werden sie grünlichbraun. Nach 8 Tagen bekommen sie Leben. Die Larve (Fig. c), nur am Kopfe und an dem vorderen Brustteil haarig, ernährt sich von verwesenden Stoffen und erlangt durchschnittlich in einem Monat ihre volle Größe. Der rotbraune, herzförmige Kopf trägt dreigliederige Fühler, zwei hervorquellende Augen und kräftige Freßwerkzeuge, deren Kiefertaster lang hervorragen. Von den übrigen 13 haarig bewarzten Leibesringen führen die drei vordersten hornige Brust⸗, die acht folgenden fleischige, kegelförmige Bauchfüße und alle, mit Ausschluß des zweiten und dritten, je ein seitliches Luftloch. Aus dem Endgliede kann die Larve vier kurze Röhren hervorstrecken, welche eine weiße Flüssigkeit absondern. Trotz ihrer sonstigen Trägheit weiß sie Verfolgungen gewandt zu entgehen. Zur Verpuppung steigt sie etwas tiefer hinab unter die Erde, höhlt diese eiförmig aus und verweilt hier noch 10— 21 Tage, ehe fie sich dazu entschließt, die Larvenhaut abzustreifen und in der liebenswürdigen Gestalt (Fig. d) zu erscheinen, welche wir vor uns sehen. Ungefähr nach weiteren 14 Tagen arbeitet sich diese an das Tageslicht und gebiert die Fliege. Weil durchschnittlich 9 Wochen zur vollständigen Verwandlung genügen, so werden vom Erscheinen der ersten Skorpionfliegen Anfang Mai zwei Bruten sehr gut möglich, von deren letzter teils Larven, teils Puppen überwintern. Westwood führt in einer Monographie dieser Gattung 19 Arten auf, von welchen 3 in Europa, 7 in Amerika, 2 auf Java, 1 auf Madras und die übrigen in Afrika leben. Noch zweier interessanter Erscheinungen sei gedacht, welche wegen der schnabelartigen Verlängerung der Mundteile und der übrigen Merkmale in nächster Verwandtschaft zu der vorigen stehen. Die mückenartige Schnabeljungfer (Bittacus tipularius) des südlichen Europa, besonders Frankreichs (ist aber auch im Harz gefangen worden), ein 26 mm langer Kerf, wenn man von der Stirn bis zu der Spitze der ruhig auf dem Rücken liegenden Flügel mißt, scheint infolge der langen dünnen Beine, des linienförmigen, an der Spitze etwas geschwollenen und aufgebogenen Hinterleibes und der schmalen gelblichen Flügel auf den ersten flüchtigen Blick eine Mücke zu sein. Fadenförmige Kiefertaster, Fühler wie Nebenaugen kennzeichnen neben der schnabelartigen Verlängerung nach vorn den Kopf, lange Schienendornen und nur eine Kralle die Beine, eine rostgelbe Farbe, welche auf dem mittleren und hinteren Brustring sowie an den Spitzen der Schienen und Fußglieder ins Braune übergeht, den Körper. Zitternd und unstet fliegen die Schnabeljungfern während der Dämmerung umher, hängen sich mit den langen Vorderbeinen an ein Astchen und fangen mit den Hinterbeinen die ihnen zu nahe kommenden Insekten. Bei dieser Gelegenheit finden sich auch die Geschlechter zusammen, paaren sich, Bauch gegen Bauch gewandt, und verzehren dabei die erhaschte Beute. Außer der eben besprochenen kennt man noch einige andere Arten in Australien.

Die grillenartige Schnabeljungfer, der Gletschergast (Boreus hiemalis) ist ein nur 3,37 bis kaum 4,5 mm messendes Wesen, welches die Kälte liebt, denn es kommt vom Oktober bis zum März und sogar bisweilen auf dem Eise der Gletscher vor. Zu dieser Sonderbarkeit in der Erscheinungszeit gesellen sich noch andere in Ansehung des Körperbaues. Zunächst werden die Flügel bei dem Weibchen durch zwei Schuppen, bei dem Männchen durch zwei klauenartige, aufwärts gebogene Anhänge vertreten; sodann verlängern sich die Hinterbeine bedeutend und befähigen zum Springen, weshalb Panzer das

Tierchen auch Schnabelgrille (Gryllus proboscideus) genannt hat, und es läßt sich in der That eine gewisse Ahnlichkeit mit einer sehr jungen Grashüpferlarve keines⸗

wegs verkennen. Das Weibchen endlich hat eine lange Legröhre; Nebenaugen fehlen. Die metallisch dunkelgrüne Grundfarbe wird an den Beinen, den Flügelstumpfen und an der Legeröhre des Weibchens durch ein bräunliches Gelb verdrängt. Vor mehreren Jahren erbeutete ich bei Halle einige Schnabeljungfern in einer sandigen Einsenkung desjenigen Teiles unserer Kiefernhaide, welcher durch den Kohlenbau vollständig unterminiert ist. Die zwischen Moos lebenden, zur Verpuppung trockene Erde aufsuchenden Lärvchen sollen denen der Skorpionfliege sehr ähnlich sein. Eine zweite Art hat man im Süden von New Pork auf Schnee entdeckt und mit dem Namen Boreus nivoriundus belegt.

Während bei allen bisher betrachteten Gitterflüglern Gleichartigkeit der vier Flugwerkzeuge, vor allem keine Faltung der hinteren, und hornige Kinnbacken zum Charakter gehören,

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Rautenfleckige Köcherfliege (Limnophilus rhombicus): 1) Larve, 2) Puppe, 3) Larve in ihrem Gehäuse, 4) Imago, Letzteres vergrößert.

treten bei der nun zu erwähnenden Familie der Köcherfliegen, Frühlingsfliegen, Wassermotten, Schmetterlingshafte, Pelzflügler, Faltflüglerꝛc. (Phryganeodea) wesentliche Anderungen gerade in diesen Beziehungen ein. Von den behaarten oder beschuppten, nichts weniger als gegitterten Flügeln falten sich die bedeutend breiteren Hinterflügel fächerartig, um von den meist bunt gefärbten Vorderflügeln bedeckt werden zu können, welche in der Ruhe wie ein Dach dem Leibe aufliegen und denselben hinten überragen. Die Mundteile verkümmern, besonders bleiben die Kinnbacken häutig, Unterkiefer und Unterlippe verwachsen, und an jenem lassen sich keine Laden unterscheiden; die Taster an ihnen sind 2—-5gliederig, an den Lippen beständig dreigliederig. Je nach der Anzahl der Schienensporen an allen Beinen, welche in verschiedener Zahl und Verteilung an den verschiedenen Paaren auftreten, haben Mac Lachlan, Hagen, F. Müller u. a. die ursprüngliche Linnésche Gattung Phryganea und einige nach ihr aufgestellte andere Gattungen nach und nach in ungemein zahlreiche zerlegt, auf welche hier nicht näher eingegangen werden kann. Dafür möge die rautenfleckige Köcherfliege (Limnophilus rhombicus,

Fig. 4) die ganze Familie veranschaulichen. Sie macht sich an den zwei Fensterflecken auf jedem der gelbbraunen Vorderflügel leicht kenntlich, ihre artenreiche Gattung aber an folgenden Merkmalen: bei dem Männchen setzen drei, bei dem Weibchen fünf Glieder die Kiefertaster zusammen, die Nebenaugen sind deutlich, die Borstenfühler so lang wie die

Rautenfleckige Köcherfliege (Limnophilus rhombicus): 1) Larve, 2) Puppe, 3) Larve in ihrem Gehäuſe, 4) Imago, Letzteres vergrößert.

schwach behaarten, an der Spitze scharf abgestutzten Vorderflügel, die Vorderschienen mit einem, die mittleren mit drei und die hintersten mit vier Sporen bewehrt.

In der Lebens- und Entwickelungsweise, soweit letztere bekannt ist, stimmen alle Frühlingsfliegen der Hauptsache nach überein. Im Mai und Juni treiben sich die meisten an fließenden und stehenden Gewässern umher und beleben deren Ufer, ohne sich dem Natur: freund gerade sehr bemerklich zu machen, es sei denn, daß er ihnen besondere Aufmerksamkeit widmet und ihnen mit Vorliebe nachspürt; denn ihre Beweglichkeit beginnt erst mit einbrechender Dunkelheit, und dann können fie sogar lästig fallen, wenn fie massenhaft vor: handen sind und durch Lampenlicht angelockt werden. Bei Tage sitzen sie an Wasserpflanzen, Planken, äußerlich an Baumstämmen oder versteckt öfter in großen Gesellschaften hinter abgelösten Rindenstücken derselben. Werden sie gestört oder irgendwie von außen her beunruhigt, so entziehen sie sich in raschem, fahrigem, aber kurzem Fluge der Nachstellung, setzen sich an gleichen Stellenvon neuem fest oder fallen in das Gras nieder; will man sie hier angreifen, so wissen sie sich durch halb rutschende, halb hüpfende Bewegungen, welche sie ohne Anwendung der Flügel nur mittels der langen, in der Mittellinie der Brust zusammenstoßenden Hüften ausführen, tiefer in das Gras zu verbergen oder auf glattem Boden der Gefangennahme zu entwischen. Andere suchen an den Blättern unter lebhafteren Bewegungen im Sonnenschein nach Feuchtigkeit, welche sie aufsaugen. Sie alle erscheinen aber mehr träge und schwerfällig in ihrem Gebaren und ziemlich teilnahmlos der Außenwelt gegenüber. Der Name „Frühlingsfliegen“ paßt auf die meisten, einzelne kommen jedoch erst im Herbst und dann nicht selten auf Eichengebüsch, Kiefern und anderen Hölzern an weit vom Wasser entfernten Waldstellen zum Vorschein. Flogen sie des Nachts dorthin oder begnügen sich ihre Larven mit bloßer Feuchtigkeit? Ich wage keine bestimmte Antwort auf diese Frage zu geben, glaube mich aber für die zweite Möglichkeit entscheiden zu müssen. Die Larven der meisten Köcherfliegen leben nämlich im Wasser, und zwar in Jelbit-gefertigten Gehäusen. Diese „Wasserraupen“, wie sie Rösel nennt, erinnern lebhaft an die Sackträger unter den Schmetterlingen, wie manche der vollkommenen Kerfe an die Motten, und es erscheinen darum die Bezeichnungen „Köcherfliegen, Wassermotten“ und einige andere dahin zielende vollkommen gerechtfertigt; in gewissen Gegenden Deutschlands kennt man die Larven auch unter den Namen: Kärder, Sprocke, Sprockwürmer, Hülsenwürmer. Die umstehend abgebildete baut ihr Futteral aus sehr verschiedenen Stoffen, bald aus feinen, quergelegten Grashälmchen, bald aus dickeren Halmen, wie es die Abbildung (Fig. 3, S. 538) vorführt, bald aus längeren, der Länge nach geordneten Halmen, endlich auch aus Spänen von Holz oder Rinde, die durcheinander gemengt und vollkommen ungeordnet sind. Als Einwohner aller dieser Gehäuse stellt sich die grünliche, vorn, soweit die sechs Beine reichen, dunkle Larve (Fig. 1, S. 538) dar, welche, gleich allen anderen, hinten mit zwei Hornhaken zum Festhalten ihres Häuschens versehen ist. Sie hält sich in der Nähe von Schilf auf, und zwar nahe der Oberfläche des Wassers. Ende April oder erst im Mai spinnt sie sich an Wassergewächsen an, verschließt die Wohnung und wird zu einer gestreckten, sehr beweglichen Puppe (Fig. 2, S. 538), aus welcher nach 14 Tagen die Fliege zum Vorschein kommt.

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