Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Larve der zweipunktigen Köcherfliege (Phryganea bipunctata Reiz), einer in Deutschland nirgends seltenen Wassermotte, ist im April erwachsen. Sie trägt am ersten Bauchringe fünf Warzen, welche sich erheben und einsinken können; nimmt man sie aus dem Wasser, so werden diese Warzen durch eine von ihnen abgesonderte Feuchtigkeit naß. Auf allen anderen Ringen bemerkt man zwei Büschel fleischiger Fäden, welche federbuschartig aufgerichtet werden können und zum Atmen dienen. Freiwillig verläßt diese Larve so wenig wie ein anderer Sprockwurm ihr Gehäuse; will man sie heraushaben, ohne
dieses und sie selbst zu verletzen, somuß man sie allmählich und behutsam von hinten mit einem Nadelknopfe vorschieben. Sie läßt sich auf diese Weise mit Widerstreben heraustreiben, kriecht aber sogleich mit dem Kopfe voran wieder hinein und kehrt sich sodann um, wenn man sie gewähren läßt. Bringt man sie nackt in ein Glas mit Wasser, auf welchem allerlei leichte Körper, welche sie zum Bauen eines Häuschens verwenden könnte, umherschwimmen, so bewegt sie sich stundenlang unter denselben umher, ohne sie zu verwenden; wählt man aber Stückchen alter Gehäuse, Splitter und Pflanzenteile, welche, von Wasser durchdrungen, zu Boden sinken, so macht sie sich sogleich daran, setzt sich auf eins der längsten Stückchen, schneidet von den Spänen oder Blättern Teilchen ab, heftet sie hinten an die Seiten des Grundstückes fast senkrecht, läßt andere nachfolgen, bis ein Kreis und mit ihm der Anfang des Futterales fertig ist, welches nach und nach wächst und die Länge der Larve bekommt. Anfangs finden sich noch Lücken, welche allmählich ausgefüllt werden und verschwinden. Erst dann, wenn alles von außen nach Wunsch geschlossen erscheint, wird das Innere mit einer zarten Seidenwand austapeziert. Die Seide aber zum Aneinanderheften der äußeren Bekleidung und der inneren Tapete kommt wie bei den Schmetterlingsraupen aus den Spinndrüsen, welche in der Unterlippe zwischen den walzenförmigen Unterkiefern ihren Ausgang finden, und die kräftigen Kinnbacken am hornigen Kopfe zerlegen den Baustoff, so oft dies nötig wird.
Vor der Verpuppung heftet die Larve ihr Gehäuse an einen Stein oder an eine Wasserpflanze und verschließt dann die beiden Enden mit einer Art Gitter aus Seidenschnüren, damit das zum Atmen nötige Wasser frei durchdringen, aber kein feindliches Raubinsekt an die wehrlose Puppe gelangen könne. Da man schon im März dergleichen vergitterte Gehäuse findet, so scheinen einzelne Puppen zu überwintern, was in der Regel auch von der Larve gilt, welche sich meist im Juli einspinnt. Die gelblichweiße Puppe hat einen schwarzen Seitenstreifen an den vier letzten Gliedern, auf dem Rücken die Kiemenfäden und am Ende zwei Fleischzäpfchen. Am kleinen Kopfe fallen die großen schwarzen Augen, vorn eine Art von Schnabel und darüber ein Haarbüschel auf. Den Schnabel bilden zwei sich kreuzende Haken von brauner Farbe unter der vorspringenden fleischigen Oberlippe; sie stellen, wie es scheint, den Oberkiefer dar und dienen wohl zum Durchbrechen des Gitters, denn beim Ausschlüpfen der Fliege bleiben sie zurück. Diese hat ungefähr die Größe der vorigen abgebildeten Art, als Genosse der heutigen Gattung Phryganea dicht anliegend behaarte und kurz gewimperte Flügel, fast nackte Kiefertaster, Nebenaugen, 2—4 Sporen an den Schienbeinen, von dem vordersten Paare an gerechnet, und den hinteren Ast der Unterrandader (Kubitus) im Vorderflügel einfach bei dem Männchen, gegabelt bei dem Weibchen. Unsere Art ist am Körper dunkel pechbraun, die braunen Fühler sind schwarz geringelt, die Hinterflügel einfarbig braun oder schwarzgrau, die vorderen hellzimtbraun mit zwei weißen Punkten und bei dem Weibchen mit kurzer und unterbrochener schwarzer Längsstrieme verziert. Der Verlauf des Flügelgeäders muß bei allen diesen Tieren genauer untersucht werden, als hier darauf eingegangen werden kann.
Um einen annähernden Begriff von dem verschiedenartigen Baustoff und Baustil zu geben, welche die Sprockwürmer anwenden, wurde eine Anzahl von Gehäusen zusammengestellt. Hier sind es feine Sandkörnchen (Fig. 1, 2, 5, S. 538), welche zur Verwendung kommen, oder größere Steinchen (Fig. 3, 4), dort Schneckenhäuser (Fig. 6), besonders der Gattung Planorbis angehörige, die zum Teil noch bewohnt sein können, oder die Schalen der kleineren Muscheln, in einem anderen Falle wieder zurechtgebissene Pflanzenteile (Fig. 710), unter denen Gras⸗, Schilf⸗, Zweige und Rindenstückchen, Meerlinsen und Baumsamen je nach den Ortlichkeiten eine Hauptrolle spielen. Mit Ausschluß von 1 haben wir Gelegenheit, in unseren deutschen Bächen, Gräben und stehenden Gewässern, welche mit Pflanzen ver—
sehen sind, alle diese Formen selbst im Freien zu beobachten. Man hat sich davon überzeugt, daß die Nahrung der Wasserraupen in erster Linie aus Pflanzenstoffen und nur unter: geordnet auch aus tierischen Überresten besteht. Daß eine und dieselbe Art nicht überall und immer genau denselben Stoff zu ihrem Hause verwendet, läßt sich wohl erwarten; aber entschieden baut jede in derselben Form und weicht nur insofern unbedeutend davon ab, als das verschiedene Baumaterial dazu nötigt. Übrigens sind die sehr zahlreichen Arten noch lange nicht mit der Genauigkeit und in hinreichender Vollständigkeit beobachtet worden, um aus dem Gehäuse die Fliege zu erkennen oder gewisse allgemeine Gesetze über jenes
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Verschiedene Phryganiden-Gehäuse: J) Schneckenhausförmige aus Tennessee, 2) köcherförmige in Forellenbächen, wie die vorigen und 5) aus feinen Sandkörnchen bestehend, 3 und 4) Gehäuse in Bergflüssen aus Steinen, 6) aus Planorbisgehäusen, 7—10) aus Pflanzenteilen zusammengesetzte Gehäuse.
aufstellen zu können. Mit dem zierlichen schneckenförmigen Gehäuse 1 hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Dasselbe stammt aus Tennessee und wurde von dem nordamerikanischen
Schneckenkenner Lea für das Erzeugnis einer Schnecke (Valvata arenifera) gehalten, bis der schweizerische Forscher Bremi es als das Kunstwerk einer Köcherfliege erkannte, welcher er den Namen Helicopsyche Shutleworthi beilegte. Wie mir Fritz Müller aus der Kolonie Blumenau mitteilte, hat derselbe auch gesellschaftlich beisammen lebende Phryganiden beobachtet und die Gattung Rhyacophylax genannt. Ein Dutzend Larven haben sich nebeneinander quer über einen Stein angesiedelt. Die festsitzenden Röhren sind ziemlich roh aus Pflanzenfasern und Steinchen gebaut, vor jeder befindet sich eine trichterförmige Vorhalle, überdacht von einem zierlichen Netze, dessen keine Spinne sich zu schämen braucht. Die Larven leben in rasch über Steine fließenden Bächen, deren Lauf die Trichter entgegengekehrt sind. So wird alles Genießbare aufgefangen, was der Bach mit sich führt.
Wenn auch die verschiedenen Arten im einzelnen voneinander abweichen, jo finden sich bei ihnen allen die Freßwerkzeuge, besonders die Kinnbacken, entwickelter als nachher bei der Fliege; ihre Fühler sind klein oder fehlen gänzlich, auch die Augen lassen sich schwer erkennen. Die sieben ersten weißen und weichen Hinterleibsglieder oder ebenso viele vom zweiten ab tragen bei den meisten jederseits 2—5 anliegende oder abstehende Kiemenfäden oder Kiemenbüschel als Werkzeuge zum Atmen. Die Tiere häuten sich während des Wachstums mehrere Male und arbeiten dabei gewiß das alte Gehäuse nur um, wenn ihnen erweiterter Ansatz am Rande nicht den nötigen Raum verschaffen kann; daß sie ein ganz neues anfertigen, wie Rösel meint, ist kaum denkbar. Bald nach dem Erwachen im Frühjahr sind die Larven erwachsen, und vom Mai an erscheinen die Köcherfliegen. Jene spinnen sich dann an eine Wasserpflanze fest und beide Offnungen des Gehäuses zu, manche sollen sogar noch ein besonderes Innengehäuse anfertigen. Schon nach wenigen Wochen entläßt die gemeißelte Puppe das geflügelte Wesen. Die befruchteten Weibchen legen die Eier als Gallertklümpchen an Wasserpflanzen und andere dem Wasser zunächst stehende Gegenstände. Man sollte meinen, die Larven der Wassermotten wenigstens wären vor den feindlichen Nachstellungen der Schlupfwespen gesichert. Dem ist aber nicht so, wie die überraschende Entdeckung von Siebolds bewiesen hat. Einige der Gattung Aspatherium angehörige Phryganiden nämlich, welche ein walziges, glattes Haus bewohnen, werden von einer Schlupfwespe, dem Agriotypus armatus, heimgesucht. Das Weibchen dieses kleinen Schmarotzers taucht unter Wasser, verweilt längere Zeit in demselben, um mittels seines kurzen Bohrers die Eier der Larve einzuverleiben. Diese entledigt sich vor ihrem Absterben im erwachsenen Alter des Spinnstoffes, welcher in Form eines langen Bandes aus dem Kopfende des Gehäuses hervordringt und dadurch zum Verräter jeder angestochenen Larve wird. Obschon die Phryganeen in allen Erdteilen vertreten sind, so herrschen sie doch in den gemäßigten Gürteln vor.
Mehr anhangsweise als unter Annahme unzweifelhafter Verwandtschaft sei an dieser Stelle der eigentümlichsten aller Schmarotzerkerfe, der Fächer: oder Drehflügler (Strepsiptera, Rhipiptera, Stylopidae), gedacht, über deren Stellung im System sich die Gelehrten noch nicht einigen konnten. Die einen, besonders die Engländer, wollen sie zu einer besonderen Ordnung erhoben wissen; andere, darunter auch neuerdings Lacordaire, rechnen sie zu den Käfern; wieder andere, wie A. Gerstäcker, behaupten, es dürfe ihnen nirgends anders als hier bei den Netzflüglern ein Platz eingeräumt werden.
Die Strepsipteren wurden lange Zeit nur von den Engländern der näheren Betrachtung gewürdigt, bis ihnen von Siebold unter den Deutschen vor länger als einem Vierteljahrhundert seine besondere Aufmerksamkeit schenkte, ihr Wesen mit Eifer studierte und manche den Forschern bis dahin entgangene Wahrheit aufdeckte. Die männlichen Puppen oder die lange verkannten wurmförmigen Weibchen, welche sich beide mit dem Kopfbruststück zwischen zwei Hinterleibsgliedern gewisser Hautflügler herausbohren, führten zuerst zu der Entdeckung dieser interessanten Kerfe. Bei Andrena, Halictus, Vespa, Odynerus, Polistes, Sphex und Pelopoeus fand man vorzugsweise die Spuren jener Schmarotzer, einen, höchstens zwei an einer Wespe, welche deshalb auch „stylopisiert“ genannt wird. Acht bis zehn Tage später, nachdem sich die reife männliche Larve zur Verpuppung aus dem Hinterleib des Wohntieres teilweise herausgebohrt hat, hebt sich der vordere Teil des hornig gewordenen schwarzen Kopfbruststückes wie ein Deckelchen ab, und das neugeborene Männchen kommt zum Vorschein. Ihm sind nur wenige Stunden Lebenszeit vergönnt
welche auf das Begattungsgeschäft verwendet werden. Während dieser kurzen Frist befindet es sich in großer Unruhe, fliegt oder kriecht beständig umher, in welch letzterem Falle gleichwohl die stummelhaften Vorderflügel (a) wie die längsgefalteten, umfangreichen Hinterflügel in steter Bewegung bleiben. Beim Fliegen steht der Körper senkrecht, mit der Spitze nach f oben gebogen, so daß sich ein zierliches Bildchen in Fragezeichenform darstellt. Auch beim i Kriechen halten fie, wie so häufig die Staphylinen, die Schwanzspitze empor, schreiten wacker mit den vier vorderen Beinen aus, während die hintersten, welche mehr zur Stütze des Hinterleibs zu dienen scheinen, nachgeschleppt werden. Bei Betrachtung dieser sonderbaren Tiere unter Anleitung des abgebildeten Xenos Peckii fallen die un verhältnismäßig großen halbkugeligen Augen mit sehr groben Feldern und die 4—6gliederigen, meist gegabelten Fühler auf. Um den senkrechten Kopf legt sich in engem Anschluß der schmale Halsring. Das Mittelbruststück als Träger der verkümmerten Vorderflügel (a) gelangt am wenigsten zur Entwickelung, während der hinterste Ring des Brustkastens zwei Drittel der ganzen Körperlänge einnimmt und von oben und unten die Wurzel des Hinterleibs bedeckt, dort durch einen kegelförmigen Fortsatz, welchen eine Quernaht vom übrigen Hinterrücken trennt. Vorder- und Mittelhüften treten als frei be: wegliche, senkrechte Walzen hervor, wogegen die hintersten klein und eingekeilt erscheinen. Schenkel und Schienen sind kurz und breitge— r drückt, die Füße nach vorn verbreitert und herzförmig, an der Sohle häutig, aber ohne jede Spur von Krallen. Wenige Adern stützen strahlenartig den an der Wurzel breiten Hinter: 1) Pecks Immenbreme (Xenos Pecküi):averkümmerte flügel und geben ihm das Aussehen eines domewende baader, debelatte Fächers Der viergliederige Hinterleib endet in die hakenförmig heraustretenden Geschlechtsteile, welche sich inder Ruhelage nach oben und innen umschlagen. Die leere Puppen: hülse, welche in dem versteckten Teile die weichhäutige Beschaffenheit der Larve beibehielt, bleibt im Wohntier sitzen und bildet an dessen Hinterleib eine klaffende Stelle zwischen zwei Ringen. Wie bei gewissen Sackträgern unter den Schmetterlingen, so haben die Weibchen der rß „Immenbremen“ ihren geflügelten, beweglichen Männern gegenüber einen wesentlich anderen Charakter. Die reife Larve bohrt sich gleichfalls mit dem Kopfbruststück heraus und ist bereits zur Schwärmzeit des Männchens zum vollkommenen Insekt entwickelt, welches sich aber nur wenig von der Larvenform unterscheidet und an jener Stelle, einen Freier er wartend, stecken bleibt. Wegen dieser Larvenähnlichkeit der Weibchen konnte man lange Zeit hindurch mit der Entwickelungsgeschichte nicht ins klare kommen, bis dem oben genannten deutschen Forscher der Nachweis gelang, daß es für jene eben keine vollendetere Form gibt. Das Kopfbruststück, bei anderen Arten nach hinten mehr eingeschnürt als bei Rossis Immenbreme, muß man sich als eine hornige Schuppe denken, welche gegen den übrigen walzenförmigen Körper zurücktritt. Es besitzt an seinem Vorderrand eine halbmondförmige Mundöffnung, welche durch einen engen Schlund in einen weiten, einfachen Darm leitet, dessen blindes Ende fast bis zur Leibesspitze reicht. Dicht hinter dieser Mundöffnung zieht eine Querspalte über das Kopfbruststück, deren Ränder anfangs aneinander schließen, später in Form eines Halbmondes klaffen. Durch diese Spalte, die Geschlechtsöffnung, wird der u-gang zu einem weiten Kanal erschlossen, welcher unter der Haut bis ziemlich zum Leibes⸗ 3 ende hinläuft und sich durch feine silbergraue Färbung gegen das Weiß des übrigen Hinter