Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Vorzeiten hat es nicht an Leuten gefehlt, welche behaupteten, dergleichen Maden entständen von selbst an faulenden Gegenständen, und die einen Toten aufzehrenden sogenannten „Leichenwürmer“ seien nichts weiter als die sichtlichen Zeichen seines sündhaften Lebens. Heutzutage glaubt kein vernünftiger Mensch solchen Unsinn mehr, sondern weiß, daß diese oder andere Fliegen ihre Eier an den Leichnam absetzten, wenn es auch niemand mit angesehen hat. Je nach den Umständen: günstige Witterung und nahrhafte reichliche Kost, sind die Maden in 8—14 Tagen erwachsen. Leuckart hat die interessante Beobachtung an denen der Schmeißfliege und der schönen großen Goldfliege (Musca caesarea) gemacht, welche schon bei den Ostriden und den bald zu erwähnenden Pupiparen angestellt worden waren, daß während ihres Wachstums Veränderungen an den Mundteilen und Luftlochträgern vorgehen und in dieser Hinsicht drei Stufen anzunehmen seien, deren erste 12, deren zweite 36 Stunden und deren dritte von da bis zur Verwandlung dauert. Behufs dieser gehen sie auseinander und suchen, wenn es sein kann, die Erde auf; sie bringen die Verpuppung auch ohne diese fertig, aber nach großer Unruhe und merklichem Unbehagen. Nach durch: schnittlich 14 Tagen hat sich im Tönnchen die Fliege jo weit entwickelt, daß fie durch Auf: blähen ihres Kopfes dasselbe sprengt und daraus hervorkommt, was stets am Tage, nie des Abends oder Nachts geschieht. Es versteht sich von selbst, daß die im Spätherbst erst erwachsenen Maden als Puppen überwintern, daß sie aber in milden Wintern sehr zeitig die Fliegen liefern, dürfte weniger bekannt sein, wenigstens war ich im höchsten Grade überrascht, als ich am 15. Januar 1874 früh 9 Uhr in meinem Hofe eine Schmeißfliege antraf, deren noch zusammengeschrumpfte Flügel darauf hinwiesen, daß sie eben der Puppe entschlüpft sein müsse. Diese Voraussetzung wurde zur Gewißheit, als ihr, der in die warme Stube Mitgenommenen, bis Mittag die Flügel vollkommen entfaltet waren. Weiter geht aus dem Gesagten hervor, daß bei mehreren Bruten im Jahre das Fliegenvolk zu einer unermeßlichen Zahl heranwachsen müßte, wenn Tiere und Menschen ihm nicht aufsässig wären.
Im Spätsommer pflegt sich noch eine andere Art von Fliegen in den Zimmern ein: zustellen, besonders wenn Viehställe nicht fern find, welche von ihrer blutsaugenden Eigen: schaft den Namen Stechfliege, Wadenstecher (Stomoxys calcitrans, Fig. 9, S. 510), erhalten hat. Die graue Fliege gleicht in Körpertracht und Färbung ungemein der kaum größeren Stubenfliege, von welcher sie sich jedoch durch den wagerecht aus dem Maule vorstehenden Stechrüssel leicht unterscheidet; überdies trägt sie eine gekämmte, will sagen, nur an der Oberseite gefiederte Fühlerborste und hat auf dem Rückenschild drei breite weißliche, an der Naht unterbrochene Striemen; sodann wird noch behauptet, daß sie beim Ruhen stets mit dem Kopfe nach oben sitze, während die Stubenfliege die entgegengesetzte Richtung einhalte, ein Verhalten, an dem die russischen Bauern beide Arten in ihren Zimmern leicht zu unterscheiden wissen.
Die kegelförmige, hinten abgerundete Larve ist milchweiß, glatt und glänzend, vorn zweiteilig; die ungleichen Haken des strahlenartig gerunzelten Mundes sehen trotzdem bei ihrer großen Nachbarschaft wie nur einer aus. Am Vorderrücken erscheint der ringförmig aufgetriebene Vorderrand scharf, die gelben, muschelförmigen Stigmenträger zerfallen in je sechs keulenförmige Teile, die des halbkugelförmigen letzten Gliedes bilden ziemlich große, schwarzbraun eingefaßte, kreisrunde Flächen, auf welchen je drei Luftlöcher im Dreieck stehen. Die Made ist 8,75 mm lang und lebt im Sommer und Herbst gesellschaftlich mit den Stubenfliegenmaden im frischen Pferdemist, entwickelt sich aber langsamer als diese. Die Puppe ist blaß rotbraun, fein in die Quere gestrichelt, und die vordersten Luftlöcher der künftigen Fliege erscheinen, wie bei allen Gemeinfliegen, am Hinterrand des vierten
Leibesringes als kegelförmige, nach vorn gerichtete Hörnchen, während die hintersten da liegen, wo fie die Made hat. Die Puppenruhe dauert 4—6 Wochen.
Eine unserem Wadenstecher nahe verwandte, entschieden schönere Art ist die Tsetse—
Fliege (Gloss ina morsitans), welche im heißen Gürtel Afrikas vom Limpopo bis zum Tanganjikasee wegen ihres den Haustieren tödlichen Stiches so gefürchtet ist, daß die von ihr bewohnte Gegend als „Fliegenland“ mit Weidetieren wie die Pest gemieden und höchstens zur Nachtzeit durchzogen wird. Wie unsere Stechfliegen ernähren sich diese Fliegen vom Blute des Menschen und warmblütiger Tiere und dürsten an gewitterschwülen Tagen am meisten nach demselben, ihr Opfer mit gleicher Hartnäckigkeit verfolgend wie die bei uns heimische Art. Dem Menschen und den Tieren des Waldes sowie von den Haustieren den Ziegen, Eseln und saugenden Kälbern bringt der Stich keinen Schaden, allen anderen Haustieren aber nach längerer oder kürzerer Zeit, zumeist kurz vor dem Eintreten des
Tsetse-Fliege (Glossina morsitans): a Kopf mit den Mundteilen in der Seitenansicht, b Fühler. Alles in verschiedener Stärke vergrößert.
Regens oder mit der Regenzeit, einen sicheren Tod. Verschwellen der Augen, wässerige Absonderungen aus denselben, Verschwellen der Zungendrüsen sind die ersten äußerlichen Krankheitserscheinungen Nach dem Tode findet sich das Fleisch wässerig, das Herz besonders weich, das Blut vermindert und durch Eiweißstoff verdickt, außer dem Herzen auch Leber und Lunge oder einer von diesen Teilen allein krank, während Magen und Eingeweide keine Spur von Störungen zeigen. Ein Hund soll schon verloren sein, wenn er von der Milch einer kranken Kuh säuft, während das Kalb dieselbe ohne Schaden genießen kann. Diese in ihren Wirkungen so rätselhafte Tsetse-Fliege übertrifft an Größe unsere Stubenfliege und hat an der Wurzel des langen, messerförmigen Endgliedes der angedrückten Fühler eine lang gekämmte Borste, auf dem grau bestäubten, kastanienbraunen Rückenschilde vier beiderseits abgekürzte schwarze Längsstriemen, auf dem schmutzig gelben Schildchen zwei dunkle Wurzelflecke und kräftiges Borstenhaar. Der fünfringelige Hinterleib in der hier vorgeführten Zeichnung ist gelblichweiß und dunkelbraun gefärbt. Die Beine sind gelblichweiß, an der Außenseite etwas gebräunt, und die Flügel angeräuchert.
Die wenigen näher besprochenen Gemeinfliegen treten nebst ihren nächsten Verwandten in den Hintergrund gegen das große Heer der Blumenfliegen (Anthomyidae), welche in ihrem äußeren Wesen und meist auch in der Färbung dem Blick des Unkundigen nur Stubenfliegen zu sein scheinen, sich aber bei näherer Betrachtung durch den Mangel der Spitzenquerader von ihnen unterscheiden. Sie sind die echten Proletarier unter den Fliegen, welche man verhältnismäßig am wenigsten der Beachtung würdigt, und welche ihrer
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Einförmigkeit halber selbst dem Forscher große Schwierigkeiten bereiten. Allein von der Gattung Anthomyia kennt man über 200 Europäer, deren Larven teilweise Unfug an den verschiedensten Kulturgewächsen treiben. So findet man Anthomyia furcata einzeln im Herzen der Speisezwiebeln (Allium Cepa) und die Zwiebelfliege (A. ceparum) in 2—3 Bruten vom Mai bis Oktober gleichfalls da, aber in anderer Art. Sie arbeitet nämlich Gänge in der Nähe des Zwiebelbodens und vernichtet dadurch sehr viele Zwiebeln. Die Kohlfliege (A. brassicae) durchwühlt als Larve vom Juli bis November die Kohlstrünke und tötet die jungen unter ihnen; die Radieschenfliege (A. radicum) zerstört die bekannten Radieschen; die Made der Runkelfliege (A. conformis) miniert in den jungen Runkelblättern; die der Lattichfliege (A. lactucae) frißt im August und September die Samen der Salatarten aus, und andere leben in gleicher Weise in anderen Gewächsen, die meisten jedoch halten sich in faulenden Pflanzenstoffen auf. Sie alle und Hunderte von anderen Arten und Gattungen gehören zu denjenigen Fliegen, bei denen die Flügelschüppchen die Schwinger mehr oder weniger vollständig bedecken. Weit mannigfaltiger sind die Mitglieder der anderen Gruppe, bei welcher jene frei liegen; einige derselben müssen hier gleichfalls vorgeführt werden.
Von den zahlreichen Arten, welche sich durch netzartig oder sonstwie zierlich gezeichnete, bisweilen auch durchaus dunkle Flügel, durch eigentümliche Bildung ihrer dreigliederigen Fühler oder die Gestalt des Kopfes auszeichnen, wollen wir nur der hübschen Bohrfliegen (Trypetinae) gedenken, bei welchen der weibliche Hinterleib in eine lange, gegliederte Legröhre ausläuft, womit sie ihre Eier in die verschiedensten Teile lebender Pflanzen, wie z. B. an den Fruchtboden der Disteln und anderer Korbblümler, legen, damit sich die Larven von deren Samen ernähren.
Neuerdings hat die Made der Spargelfliege (Pla typarea poeciloptera) stellenweise die Aufmerksamkeit der en 140278 Gärtner auf sich gezogen. Bald nach dem Erscheinen der , ü egen ersten Keime des Spargels, also Anfang Mai, stellt von oben. Alles Vergrößert. sich die Fliege ein und legt ihre Eier zwischen die Schuppen des Pflanzenkopfes. Nach 14— 21 Tagen, je nach der Witterung, kriechen die weißen Maden aus und fressen sich von oben herab durch den Stengel bis auf dessen unteren holzigen Teil. Diese Wanderung ist nach etwa 14 Tagen beendet und die Made dann in der Länge von 6,5 mm erwachsen und zur Verpuppung reif. Diese beginnt also Mitte Juni und ist bis Ende des Monats bei allen Fliegen erfolgt, deren bis acht und mehr in einem Stengel sitzen können. Die von Maden be: wohnten Spargelpflanzen zeigen sehr bald ein krüppelhaftes, meist oben gebogenes Wachs: tum und werden gelb und faulig, noch ehe die Verpuppung vollendet ist. Das Tonnen: püppchen, an den äußersten Enden schwarz, sonst ziemlich glänzend bräunlichgelb, erscheint am Rücken etwas gewölbter als am Bauche. Das Hinterende trägt ein ankerartiges, kurzes Doppelhäkchen, das vorn mehr oder weniger gerade abgestutzte Vorderende ist etwas runzelig eingeschnürt. Im nächsten Frühjahr stößt die Fliege eine Schuppe in der Nackengegend los und kommt zum Vorschein. Dieselbe erreicht kaum die Größe unserer Stubenfliege, ist am Kopfe, an den Brustseiten und Beinen glänzend braunrot, das Gesicht mit den Backen, Mundteilen und Fühlern am hellsten, mehr rostgelb. Das Rückenschild ist zart gräulich bereift, von drei schmalen, mehr oder weniger deutlichen, schwarzen Längsstriemen durchzogen, das Schildchen glänzend schwarz, der Hinterleib bräunlichschwarz, an den
Hinterrändern der Ringe grau, bei dem Weibchen zugespitzt und tief schwarz, die Legröhre dagegen rostgelb, bei dem Männchen stumpf, im ganzen Verlaufe walzig. Die Flügel sind gleichfalls bräunlichschwarz und glashell in der zackigen Anordnung, wie sie unsere Abbildung erkennen läßt. Die eher plump als schlank zu nennenden Beine tragen gleich den Hinterleibsseiten einige schwarze Borstenhaare. Die Länge beträgt 4,5— 5,17 mm.
Auch die Maden, welche in manchen Jahren die Herz- und Weichselkirschen bewohnen, in der Regel in jeder Frucht nur eine, gehören einer Bohrfliege an. Das Weibchen dieser
Kirschfliege (Spilographa cerasi) legt Anfang Mai seine Eier, wie es scheint, nahe der Stelle, wo der Stiel angewachsen ist, an die unreife Frucht, welche nachher von der ausgeschlüpften Made angebohrt wird. Dieselbe hat sich jedoch auch noch in den Früchten einiger
Geißblattarten (Lonicera xylosteum und tartarica) und des Sauerdorns (Berberis vulgaris) gefunden. Hat sie am Fleische der reifenden Frucht ihren Hunger gestillt und ihre volle Größe erlangt, so bohrt sie sich heraus, läßt sich zur Erde herabfallen, windet sich dort noch einige Stunden umher und wird zu einem gelben Tönnchen, aus welchem erst im nächsten Jahre zu der bereits angegebenen Zeit die zierliche Fliege zur Entwickelung kommt. Diese ist glänzend schwarz, das Rückenschild zart bräunlichgelb bereift, dreimal schwarz gestriemt, an den Schulterbeulen, zwischen diesen und der Flügelwurzel striemenartig, an dem Schildchen, dem Kopfe, mit Ausnahme seines hintersten Teiles, und an den Beinen von den Schienen an gelb. Am Vorderrand der Flügel, welche den Hinterleib überragen, hängen Bandfüßiges Grünauge (Chlorops drei dunkle, fast gleichlaufende Querbinden, die beiden ersten ente bench. Bede velgroßert. gekürzt, die dritte aber vollständig und vorn zu einem gleichbreiten, bis wenig über die vierte Längsader reichenden Spitzensaum erweitert. Die erste Längsader ist doppelt und steigt mit dem Vorderaste steil zum Rande hinauf, jede der beiden Queradern auf der Flügelmitte der anderen nicht genähert, die Analzelle kürzer als die davorliegende Wurzelzelle, hinten zipfelig ausgezogen. Das hübsche Tierchen erreicht nicht ganz die Größe der Spargel-Bohrfliege.
Grünaugen (Chlorops) nennt man kleine oder sehr kleine Fliegen, die wie ihre nächsten Verwandten (Oscinis) einesteils durch die ungeheuern Mengen, in welchen fie manchmal schwärmen oder in den Zimmern erscheinen, andernteils durch die Beschädigungen des Getreides die Aufmerksamkeit mehr auf sich gelenkt haben, als wohl sonst solch kleinem Geschmeiß zu teil wird. Die Stirn ist bei beiden Geschlechtern breit, feinhaarig, hinten mit drei Nebenaugen besetzt, welche auf einem dreieckigen schwarzen Flecke (Scheiteldreieck) stehen, je nach der Art mehr oder weniger ausgedehnt und vollkommen. Die sonstigen Formverhältnisse lehrt unser Bild. An den verhältnismäßig kurzen Flügeln reicht die Randader nur bis zur Spitze; die erste Längsader ist einfach, die drei folgenden verlaufen ziemlich gerade, und die beiden Queradern nähern sich einander auf der Flügelmitte; Analund hintere Wurzelzelle fehlen. In der Ruhe werden die Flügel gleichlaufend dem Hinterleib aufliegend getragen. Die zahlreichen Arten lassen sich schwer unterscheiden. Das bandfüßige Grünauge (Chlorops taeniopus) ist in der Hauptsache glänzend gelb, an den ganzen Fühlern und an den Stellen, wo es die Abbildung zeigt, schwarz und außerdem noch an Strichelchen vor der Flügelwurzel und an kleinen Fleckchen der bleicheren Brustseiten, je einem über den Hüften. Eine Bogenreihe schwarzer Börstchen faßt das Schildchen ein. Die Fußglieder der gelben Beine erscheinen dunkel, die vordersten schwarz, haben jedoch bei dem Männchen einen gelben Mittelring. Die Flügel sind glashell, ihre Schwinger weiß. 33 *