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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Die Magenbreme des Pferdes (Gastrophilus oder Gastrus equi) gehört unter die häufiger vorkommenden Arten. Die Stirn, beim Weibchen breiter als beim Männchen, sowie der Rücken des Mittelleibes sind mit einem dichten bräunlichgelben Pelze bekleidet,

Magenbreme des Pferdes (Gastrophilus welcher nur vor den Flügeln in eine schwarze Binde d Jen alfder1 5 G übergeht. Die übrigen Teile tragen lichtere und spärstufe, eTönnchen. Alle vergrößert. lichere Behaarung, die Beine und der größte Teil des Hinterleibes dunkel wachsgelbe Hautfarbe. Die schwach getrübten, mit einer verwischten dunkleren Querbinde und einigen Fleckchen gezeichneten Flügel sind von einer vollkommen geraden vierten Längsader durchzogen und haben weder eine Spitzenquerader, noch eine verengerte oder geschlossene erste Hinterrandzelle. Die 13— 17,5 mm lange Fliege ruht mit eingekrümmter Leibesspitze und halb klaffenden Flügeln. Hat sie in den ersten Morgenstunden an einem schönen Tage ein Deckelchen von der Tonnenpuppe abgestoßen, so fällt an ihr eine große, abwechselnd anschwellende und zusammensinkende Blase auf, welche die ganze Stirn bis zum Genick bedeckt und durchsichtig ist. Man meint, diese Blase, welche man auch bei Tachinen und anderen Musciden im Jugendalter wahrnehmen kann, leiste beim Abstoßen des Deckels gute Dienste. Mit dem vollkommenen Abtrocknen der neugeborenen Fliege verschwindet dieselbe, und die Breme fliegt nun unter Gebrumme aus, um sich zu paaren. Sie gehört zu denen, welche hohe Punkte lieben. Auf einer kahlen Anhöhe, welche nie von Pferden besucht wird, umschwärmte mich am 6. August eine Pferdemagenfliege, setzte sich an meinen Rock und ließ sich fangen. Das befruchtete Weibchen geht nur bei heiterem, warmem Wetter an seine Arbeit. Flüchtig

und unstet umschwärmt es das Pferd, welches ihm auf der Weide, dem Acker, der Landstraße zugänglich wird, umklammert sein Haar, solange es nötig ist, um ein Ei (Fig. b, S. 504), auch wohl einige, daran zu kleben, fliegt auf, kommt in derselben Absicht wieder und fährt damit fort, solange Witterung, Tageszeit und der Aufenthalt des Pferdes, Esels oder Maultieres im Freien es ihm gestatten; in den Stall oder in das Wasser folgt es niemals. Der weibliche Hinterleib enthält ungefähr 700 dieser sonderbar gestalteten, erst weißen, später gelblichen Eier. Aus ihnen kriechen nach wenigen Tagen die Larven aus, indem sie oben das Deckelchen abstoßen, in ihrer Entwickelung durch die Wärme der Luft und die Ausdünstung des Rosses begünstigt. Instinktmäßig schlängeln sich die jungen Maden (Fig. d) nach den Lippen des Tieres oder werden wegen des Hautreizes, welchen sie erzeugen, von denjenigen Stellen weggeleckt, welche die Zunge erreichen kann, und verschluckt. Bei der Schwierigkeit, an den Ort ihrer Bestimmung zu gelangen, infolge deren manche Larve zu Grunde geht, stattete die Natur den weiblichen Eierstock so außerordentlich zahlreich mit Eiern aus. Nach zweimaliger Häutung nimmt die Larve die Form von Fig. c an, ist fleischrot von Farbe, etwas niedergedrückt und an den Leibesringen, mit Ausschluß der letzten, durch doppelte, nach hinten gerichtete Stachelkränze rauh. Vorn unterscheidet man zwei aus⸗ und einziehbare Wärzchen an der oberen und zwei querstehende Hornhaken, die zum Festhalten dienen, an der unteren Seite; zwischen beiden öffnet sich der Mund in einer Nasenbreme des Schafes (Oestrus ovis): a Fliege, b Larve von der Rückenseite, e Puppe von der Bauchseite. Alle vergrößert. Längsspalte. Am stumpfen Afterende liegen in Querfurchen die schwer zu erkennenden Offnungen der Luftlöcher. Im Magen haken sich die Larven fest, einzelne auch im Schlunde, und man findet sie in von ihnen gebildeten Gruben oder Zellen, besonders bei Weidepferden nicht selten in förmlichen Nestern von 50— 100 Stück beisammen, größere und kleinere. Sie saugen an der Schleim: haut wie Blutegel, erzeugen Grübchen und nach und nach größere Höhlungen, welche eine eiterähnliche Flüssigkeit als ihre Nahrung absondern. Diese Stellen vernarben wieder, wenn sie von den Larven verlassen sind. Anfangs wachsen die Maden sehr schnell und ändern bisweilen auch ihren Aufenthaltsort. Haben sie durchschnittlich etwa 10 Monate hindurch ihr Unwesen im Magen getrieben, so verlassen sie das gequälte Tier im Laufe des Mai, Juni oder Juli mit dessen Auswürfen. Auf ihrem langen Wege durch die Därme, welchen sie, unterstützt durch die peristaltischen Bewegungen derselben, in verhältnismäßig kurzer Zeit zurücklegen, scheinen sie ihre letzte Entwickelung zu erlangen, wenigstens hat es in nur äußerst seltenen Fällen gelingen wollen, aus solchen Larven Fliegen zu erziehen, welche dem Magen zu Grunde gegangener Pferde entnommen worden sind. Auf der Erde angelangt, gräbt sich die Larve senkrecht in dieselbe, bis das Ende des Leibes davon bedeckt ist, kehrt sich um, schrumpft ein und wird zum harten Tönnchen (Fig. e, S. 504), dessen vordere Atmungswerkzeuge wie zwei Ohren hervortreten. Zur Ausbildung der Fliege sind bei einigermaßen günstigen Witterungsverhältnissen durchschnittlich 6 Wochen ausreichend. Man kennt noch sechs andere Magenöstriden, welche fast alle im Pferde, überhaupt aber nur in Einhufern leben.

Naſenbreme des Schafes (Oestrus ovis): a Fliege, b Larve von der Rückenſeite, e Puppe von der Bauchſeite. Alle vergrößert.

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Die Schaf-Dasselfliege, Nasenbreme des Schafes (Oestrus oder Cephalomyia ovis, Fig. a, S. 505), gehört zu einer zweiten der oben gekennzeichneten Gruppen. Sie ist ein brauner, fast nackter Kerf, dessen Hinterleib durch schwache Seidenhärchen gewürfelt erscheint. Stirn und Rückenschild sind durch schwarze Wärzchen rauh und die Flügel mit einer Spitzenquerader versehen. Man findet die Fliegen im August und September an Stellen, wo Schafe zu weiden pflegen, in Mauerlöchern, zwischen Rindenrissen der Baumstämme still sitzend, so daß man sie wegnehmen kann. Das befruchtete Weibchen legt die Eier an die Nasenlöcher der Schafe. Die daraus hervorschlüpfenden Lärvchen arbeiten sich in der Nase in die Höhe bis zur Stirnhöhle und ernähren fi) vom Schleim, dessen Absonderung durch fie vermehrt wird; man findet selten mehr als 7 —8 dieser sogenannten „Grübler“ in der Nase eines Schafes, und zwar von verschiedener Größe. Zwei Hornhaken dienen zum Festhalten. Nach ungefähr 9 Monaten sind sie erwachsen, dann lassen sie sich herausniesen, gehen senkrecht in die Erde und verwandeln sich in eine Tonnenpuppe (Fig. c), welche 7—8 Wochen zu ihrer Entwickelung gebraucht. Daß die Dreh: { krankheit der Schafe 2 nicht von den Grüblern De herrührt, wie man früber meinte, ist schon — längst erkannt worden. N — Ingleicher Weiselebt die Larve von Oestrus maculatus in der Nasenhöhle des Büffels

| * und Kamels, die der

Hautbreme des Rindes (Hypoderma bovis): a Fliege, b Larve, e Puppe, beide von Pharyngomyia picta der Bauchseite. Alle vergrößert. in der Nase und Rachenhöhle des Edelhirsches, die der Cephenomyia rufibarbis desgleichen, die der C. stimulator beim Rehe, der C. trompe im Renntier.

Um schließlich auch einen Bewohner von Dasselbeulen vorzuführen, wurde die Rindsbiesfliege, Hautbreme des Rindes (Hypoderma bovis, Fig. a obiger Abbild.), gewählt. Der Kerf ist schwarz, an Schienen und Füßen rotgelb, der Körper dicht behaart, am zweiten und dritten Hinterleibsringe schwarz, an der Spitze gelb, sonst weiß oder grauweiß; auf dem Rückenschilde treten einige stumpfe Längsleisten deutlich hervor.

Diese wie die verwandten Arten schwärmen lebhaft auf hoch gelegenen Punkten um: her. Die Weibchen legen ihre Eier, wie alle übrigen, an die Haut oder die Haare der Wohntiere, nicht in dieselbe. Die ausgeschlüpfte Larve, mit Bohrzeug vorn ausgerüstet, arbeitet sich stoßweise in das Zellgewebe der Unterhaut. Erst mit der Zeit entsteht die nach außen geöffnete, eiternde Dasselbeule in der Oberhaut. Die reife Made (Fig. b) verläßt früh zwischen 6 und 8 Uhr die Beule, bleibt auf der Erde liegen und wird zur Tonnenpuppe (Fig. c), welche je nach den Umständen 4 — 6 Wochen zu ihrer Entwickelung bedarf. — Ebenso leben die Larven von Hypoderma Diana und H. Actaeon, jene am Rehe, diese am Hirsche, H. tarandi in den Dasselbeulen der Renntiere. Auf die eine oder andere Weise werden die genannten Tiere heimgesucht, selbst Nashörner und Elefanten werden von ihnen nicht verschont, und Brauer hat den aus dem Rachen des afrikanischen Elefanten entstammenden Pharyngobolus africanus beschrieben.

Es ist schwierig, bei dem beschränkten Raume eine Auswahl aus dem größten Heere der Fliegen zu treffen, welche die Systematiker zu der Familie der Gemeinfliegen (Muscidae) vereinigt haben, jener Tausende, welche nicht minder reich an Formen wie an Arten sind und dabei doch in gewissen Beziehungen so viel Übereinstimmung zeigen, daß jede Art scharf und umständlich charakterisiert sein will, um sich aus der Beschreibung auch mit Sicherheit erkennen zu lassen. Die allbekannte, überall hin auf der Erde dem Menschen folgende Stubenfliege, der blaue Brummer, vor welchem wir unsere Fleischwaren im Sommer nicht genug verwahren können, die goldgrünen Fliegen, welche zu Scharen im Freien eine ihnen dargebotene Gabe im Nu bedecken, alle jene Hunderte von Arten, welche für das ungeübte Auge Stubenfliegen zu sein scheinen, gehören hierher und führen uns den Familiencharakter vor. Soweit derselbe das Flügelgeäder betrifft, verweisen wir auf den Muscidenflügel S. 472, wonach sehr vieler, wenn auch nicht aller Flügel gebildet sind, namentlich kann einer Reihe von ihnen die Spitzenquerader fehlen. Weiter stimmen sie in folgenden Punkten überein: die mehr oder weniger gesenkten oder niederliegenden Fühler sind immer dreigliederig, das letzte verschieden geformte, aber stets breitgedrückte Glied hat eine gegliederte oder ungegliederte, nackte oder behaarte Rückenborste. Der gekniete Rüssel, in seltenen Fällen hornig und stechend, trägt vorherrschend breite Saugflächen, ungegliederte Taster und zwei Borsten im Inneren. Auf dem Rückenschild gehört eine Quernaht zu den Erkennungszeichen, und an den Füßen außer * den einfachen Klauen zwei Haftläppchen, welche beim Männchen Wilde Raupenfliege (Eehi-öfters stärker zur Entwickelung kommen als beim fast immer p dawn größeren Weibchen. Wenn man in Rücksicht der sehr entwickelten, die Schwinger versteckenden Flügelschüppchen bei den einen und deren Mangel oder Verkümmerung bei den anderen die Gemeinfliegen in zwei große Gruppen (Muscidae calypterae oder acalypterae) und jede wieder in zahlreiche Sippen gegliedert hat, jo geschah dies weniger, um dadurch eine natürliche Einteilung zu erzielen, als um einen Anhalt für die so vielen, sonst eben wenig ausgezeichneten, besonders in der Färbung überaus eintönigen Gattungen und Arten zu gewinnen.

Die Schnell-, Morde, Raupenfliegen, von der Gattung Tachina, um welche sich eine Anzahl anderer schart, auch Tachinen genannt, gehören entschieden zu den wichtigsten aller Fliegen, zu jenen kleinen und sicheren Wächtern, welche die Natur schuf, um der Störung des Gleichgewichtes in ihrem unendlich gegliederten Haushalt entgegenzutreten, indem ihre Larven als Schmarotzer, meist mehrere auf einmal, in anderen Larven, in denen von Blattwespen, Ohrwürmern, Käfern, vorherrschend jedoch in Schmetterlingsraupen leben und deren allzugroßer Vermehrung vorbeugen. Darum fallen uns die kleineren von ihnen wenig in die Augen, denn sie schlüpfen, unverdrossen suchend, im Grase und zwischen Gebüsch umher, wo die Weibchen ihre Schlachtopfer zu finden wissen. Die kräftigeren Arten wird man eher gewahr und erkennt sie am hastigen, scheuen Fluge, an ihrer Wildheit, worauf der erste jener deutschen Namen und die wissenschaftlichen Benennungen, wie Echinomyia ferox, E. fera und andere, hinweisen. Das Verhalten der Larven zum Wohntier ist bei den verschiedenen Arten ein verschiedenes. Die einen bohren sich aus dem Raupenkörper und gehen zur Verpuppung in die Erde, die anderen thun dasselbe, nachdem sich die Raupe verpuppt hat, noch andere verwandeln sich in der Schmetterlingspuppe oder im Gespinst der Blattwespenlarven zu Tönnchen, manche endlich werden als Larven vom Weibchen geboren und nicht in Eiform dem Wirte übergeben. Alle Tachinen stimmen überein in der deutlichen Spitzenquerader, in der nackten oder mindestens schein—

Wilde Raupenfliege (Eehi-

bar nackten, gegliederten Fühlerborste und in dem vierringeligen, kurz eiförmigen, kegeligen, selten walzenförmigen Hinterleib, der im letzten Fall dann hinten wie eingebogen erscheint. Nur wenigen Arten fehlen die starken Borsten (Macrocheten) am Körper. Die Augen stoßen auf dem Scheitel nicht zusammen, wenn sie sich auch beim Männchen nähern, kommen bald kahl, bald samtartig behaart vor. Als größtes einheimisches Familienglied führen wir im Vordergrunde des Gruppenbildes „Herrschaft der Fliegen“ die reichlich 17,5 mm lange, dabei im kurz eiförmigen Hinterleib 11 mm breite größte Raupenfliege (Tachina oder Echinomyia grossa) vor. Sie ist glänzend schwarz, sehr dicht stachelborstig behaart, am Kopfe und der Flügelwurzel rotgelb; das rostrote mittlere Fühlerglied übertrifft das viereckige, schwarze Endglied um das Doppelte. Die Augen sind nackt, Wimpern dem Untergesicht vorenthalten. Die wilde Raupenfliege (Tachina oder Echinomyia ferox, Abbild. S. 507) vergegenwärtigt an dieser Stelle die Körpertracht der in Rede stehenden Schmarotzer. Sie ist braun, am Hinterleib durchscheinend rostrot, mit Ausschluß einer schwarzen Mittelstrieme. |

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