Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Am schwarzen, hornigen Kopfe ftehen zwei einfache Augen, vorn eine Art Schnabel und daneben ein Paar beweglicher Kiefer, Fühler, oder wie man sonst die gezahnten und bewimperten Werkzeuge nennen mag, welche sich in fortwährender Bewegung befinden. Beim Fortkriechen im Schlamme werden sie zum Einhaken gebraucht, so daß die Larve dabei an die Gewohnheit eines Papageien erinnert, der sich seines Schnabels als dritten Fußes zu bedienen pflegt. Sie häutet sich mehrere Male. Zur Verpuppung reif, verläßt sie das Wasser und sucht Schutz unter einem Steine. Unter einem solchen fand ich am 12. April einige Larven mindestens 2 m entfernt vom Wasserspiegel eines Teiches und an einer Anhöhe, die an 2 m über demselben lag; bemerkt sei noch, daß der Teich im vorangegangenen Sommer einen sehr niedrigen Wasserstand gehabt hatte und auch beim höchsten jenen Stein nimmer hätte erreichen können. Ich brachte sie im geheizten Zimmer auf ziemlich trockene Erde, unter welche sie sich etwas eingruben, und am 14. Mai erschien die erste Fliege, ein Männchen der Stratiomys longicornis. Das Herauskriechen der Larve aus dem Wasser ist jedoch nicht unumgänglich notwendig, denn man findet die Puppen auch an dessen Oberfläche zwischen Meerlinsen und anderen schwimmenden Wasserpflanzen. Die: selben gleichen einer zusammengeschrumpften, verkürzten Larve, deren Vorderteil sich vorzugsweise zurückzieht, so daß er etwas eckig wird und die Hornhaken des Kopfes wie ein Zäpfchen vorstehen. Trotz der, wie man meinen sollte, gegen Schmarotzer geschützten Lebensweise sind auch diese Larven nicht sicher vor solchen. Ein Dickschenkel aus der Familie der
Chalkidier (Smicra clavipes, Fig. 1, S. 325) verdankt ihnen seinen Ursprung.
Was nun die Fliege selbst anlangt, so sehen wir hier in der gemeinen Waffenfliege (Stratiomys chamaeleon) eine der verbreitetsten Arten. Der Kopf ist an den dicken Backen, welche etwas leistenartig hervortreten, lebhaft gelb gefärbt und ebenso das Gesicht mit Ausschluß einer schmalen, schwarz glänzenden Längsstrieme. Die Netzaugen berühren sich beim Männchen auf dem Scheitel. Das Endglied der vorgestreckten Fühler erscheint fünfringelig und etwas breitgedrückt. Der gekniete, fleischige Rüssel wird in der Ruhe eingezogen getragen und birgt in seinem Inneren zwei kurze Borsten, welche nie stechen; seine kleinen Taster sind zweigliederig. Die Fliegen erhielten ihren deutschen Namen von dem mehr oder weniger gelb gefärbten Schildchen, welches an seinen abgerundeten Hinterecken mit je einem spießartigen, schräg aufsteigenden Dorne bewehrt ist. Auch die Zeichnungen am breiten Hinterleib und die Beine sind, bis auf einen schwarzen Ring um die Schenkel, gelb. Die Flügel liegen in der Ruhe platt auf dem Körper, welchen sie seiner Breite wegen an den Seiten nicht decken, ihre Randader reicht nur bis zur Spitze, und die vorderen Längsadern drängen sich aneinander, so daß die Mittelzelle weit vorrückt; sie entsendet vier blasse, stark gebogene, den Flügelrand nicht vollkommen erreichende Längsadern. Die dritte Längsader gabelt sich. So geräuschlos die Waffenfliegen von Blume zu Blume, besonders der Dolden, fliegen, so starkes Gebrumm erheben sie, in die hohle Hand eingeschlossen. Zahlreiche andere Gattungen, deren Larven meist nicht im Wasser leben, reihen sich noch der über alle Erdteile verbreiteten Familie an.
Sämtliche bisher besprochenen Dipteren nebst zahlreichen nicht erwähnten werden als Ortorrhapha zusammengefaßt, weil die Puppenhaut sich unregelmäßig oder in einer Längsspalte beim Ausschlüpfen des Geschlechtstieres öffnet; überdies haben die Larven einen abgeschiedenen Kopf. Alle folgenden bilden die Gruppe der Cyclorrhapha, wo die Larven kopflos sind und die Puppenhaut sich in Form eines Deckels abhebt.
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Durch Reichtum an auffälligen, nirgends fehlenden Arten zeichnen sich die Schwirrfliegen oder Schwebfliegen (Syrphidae) aus und bilden eine der größten Fliegenfamilien. Im einzelnen verschiedengestaltig, erkennt man die Glieder derselben an einer überzähligen Längsader, welche, die kleine Querader durchschneidend, sich zwischen der gewöhnlichen dritten und vierten Längsader einschiebt; jene ist nie gegabelt, wohl aber im letzten Drittel zuweilen buchtig geschwungen, am auffälligsten in der Sippe der Eristalinen. Die erste Hinterrandzelle ist immer geschlossen, die Analzelle bis oder fast bis zum Flügelrand verlängert. Bei allen erreicht der halbkugelige Kopf die Breite des Rückenschildes, höhlt sich unter den dreigliederigen Fühlern etwas aus, tritt im Untergesicht nasenartig hervor, trägt auf dem Scheitel drei deutliche Nebenaugen, die Netzaugen beim Männchen aber in enger Berührung und birgt in der großen Mundöffnung meist vollständig den fleischigen, mit breiten Saugflächen und ungegliederten Tastern ausgerüsteten Rüssel. Die Schwebfliegen sind fleißige Besucher von Blüten und verlaustem Gesträuch und zeichnen sich durch ihren gewandten, zum Teil wilden Flug aus.
In der Hauptsache grün gefärbte, die einen reiner, die anderen mehr grau getrübt, den Blutegeln an Gestalt und Bewegungen sehr ähnliche „Würmer“ (Fig. 3, S. 499) sieht man im Sommer auf den Blättern zwischen Blattläusen sitzen. Es sind die den zahlreichen Syrphus-Arten angehörenden Maden. Ihre Geschmeidigkeit und Gewandtheit erreicht einen hohen Grad, denn sie verstehen es, ihren Körper spitz vorzustrecken und wiederum von beiden Enden so nach der Mitte zusammenzuziehen, daß er beinahe die Gestalt eines Ovals annimmt (Fig. J), sobald man fie anfaßt. Mit Fleischwarzen am hinteren Körperende halten sie sich fest, während die größere Vorderhälfte tastend und immer dünner werdend in der Luft umhersucht. Am vorderen Ende unterscheidet man nichts weiter als zwei Hornhäkchen und dazwischen ein dreispitziges Hornplättchen. Mit jenen hält sich die Larve fest, wenn sie den Körper lang ausgestreckt hat, um mit dem Hinterende loszulassen, es nachzuziehen und auf diese spannende Weise sich fortzubewegen; mit diesem spießt sie ihre Beute, die wehrlose Blattlaus, an, zieht den Teil dann etwas in den Körper zurück, so daß die Blattlaus sich an den dadurch entstehenden Rand legt und gleich einem Pfropfen auf der Flasche einen Verschluß bildet. Wie der Kolben einer Pumpe bewegt sich der vorderste Körperteil, welchen wir füglich nicht als Kopf bezeichnen dürfen, vor⸗ und rückwärts und pumpt den Saft förmlich aus. Wenn die Larve Hunger hat, ist nach einer Minute nichts mehr übrig als der Balg, welchen sie abstößt und durch eine zweite Blattlaus ersetzt; die sehr jungen Larven heften sich einer solchen gewöhnlich auf den Rücken, um sie auszusaugen. Es macht einen höchst eigentümlichen Eindruck, diese vollkommen unschuldig aussehenden Wüteriche unter den arg- und wehrlosen Blattläusen hausen zu sehen. Eine nach der anderen spießen sie ohne Erbarmen an und saugen sie aus mit derselben Ruhe, mit welcher die anderen fortweiden, über ihren Feind weglaufen, friedlich daneben sitzen bleiben und nicht ahnen, daß der nächste Augenblick der letzte ihres Lebens sein kann. Fürwahr, ein Bild rascher Zerstörung durch Mord unter der Maske harmlosen und friedlichen Beisammenseins! 20—30 Schlachtopfer zu einer Mahlzeit ist der schon erwachsenen Larve ein Spaß, und solcher Mahlzeiten hält sie viele während des Tages, besonders nur um die Mittagsstunden ausruhend. Man darf sich über diese Freßgier nicht wundern, wenn man bedenkt, daß die Larve in wenigen Wochen vom Ei an ihre volle Größe erlangt. Ist dies geschehen, so verläßt sie die Stätte ihrer Thaten und kriecht, meist zur Abendzeit, an die Rückseite eines Blattes, an die Spitze einer Kiefernadel, an einen Stengel oder Grashalm in der Nähe. Bald darauf findet man statt ihrer ein bräunlich grünes Gehäuse von der Form eines fallenden Tropfens, einer Thräne (Fig. 5 u. 6, S. 499), mit der Innenseite an den früher gewählten Gegenstand angeleimt, und man würde schwerlich
geneigt sein, diesen Körper mit der Made von vorgestern in Verbindung zu bringen, wenn nicht die gemachten Erfahrungen dazu nötigten. In diesem Tönnchen entsteht die gemeißelte Puppe. Allmählich färbt es sich dunkler, und nach kaum 14 Tagen hebt sich vom dickeren Ende ein kleiner Deckel ab, um dem neugeborenen Wesen den Weg ins Freie zu bahnen. Die mondfledige Schwirrfliege (Syrphus seleniticus), welche auf diese Weise das Licht der Welt erblickt hat, ist an Kopf und Brustkasten metallisch blaugrün, am durchsichtigen Schildchen bräunlichgelb, fein behaart, die Augen nicht ausgenommen; auf dem platten, glänzend schwarzen Hinterleib stehen drei Paare weißer Mondfleckchen; bei einer sehr ähnlichen, in ganz Europa (außer in Lappland, Agypten, Algerien) und in Nordamerika von Colorado bis Californien vorkommende Art (Syrphus pyrastri) sehen sie lichtgelb aus und haben teilweise eine etwas veränderte Lage. Die dunkeln Fühler enden mit einem ovalen Gliede, welches an der Wurzel eine nackte Borste trägt. Die glashellen, glitzernden Flügel charakterisieren, wie bei allen N Gattungsgenossen, eine fast gerade, dritte Längsader, \ VUN eine in die vordere Hälfte der Mittelzelle mündende IN kleine Querader und eine offene Randzelle. Die Mittelzelle hat fast die Länge der ersten Hinterrandzelle, deren oberer Vorderwinkel stets ein spitzer ist. Im Sonnenschein schwirren diese Fliegen ungemein lebhaft, aber fast geräuschlos und in einer Weise, welche allen Syrphiden zu eigen ist. Sie stehen nämlich längere oder kürzere Zeit auf einem Punkte in der Luft, unaufhörlich mit den herabhängenden Beinen quirlend, und lassen sich, aber nicht stoßweise, auf ein Blatt, eine Blume nieder, um flink, wie sie kamen, wieder aufzufliegen und ihr altes Spiel zu erneuern. An trüben, rauhen Tagen zeigen sie sich, wie alle Fliegen, in dem Maße faul und schwerfällig, wie vorher unermüdlich und gewandt. Das Weibchen legt seine Eier einzeln an Blätter, auf denen Blatt— e ee e läuse wohnen. Daß bei der schnellen Entwickelung mehrere Bruten im Jahre vorkommen, läßt sich erwarten und daher auch nicht genau feststellen, auf f an welcher Entwickelungsstufe die Überwinterung erfolgt. Halb erwachsene Larven habe ich schon bei den Frühjahrsüberschwemmungen aus dem Wasser gefischt, woraus deren Überwinterung zweifellos hervorgeht. Am 4. Dezember 1865 fand ich ein noch sehr jungfräulich aussehendes Weibchen, welches sich in eine seichte Vertiefung einer Lehmwand gedrückt hatte; ob es den bösen Winter dort würde überlebt haben, wage ich nicht zu entscheiden, glaube eher, daß dies bei manchen Puppen der Fall ist, weil man sehr früh im Jahre oft frisch ausgekrochenen Fliegen begegnet.
Wird bei den wie zum ewigen Umherirren zwischen Blumen und Gras verurteilten Melitreptus-Arten, besonders Melitreptus scriptus, M. taeniatus und anderen, der Körper schon lineal und stiftförmig, wie sich am Gruppenbilde „Herrschaft der Fliegen“ erkennen läßt, das an der Dolde noch mehrere Familiengenossen vergegenwärtigt, so erreicht bei Baccha die Verdünnung den höchsten Grad, denn wir begegnen hier einem gestielten 325
Hinterleib, gestielt in der Weise, wie bei Ammophila und Trypoxylon unter den Mordwespen. Hierzu im geraden Gegensatze stehen durch ihren breiten Körperbau die untersetztesten unserer heimischen Syrphiden, die Flatterfliegen, Federleichtfliegen (Volucella), deren mehrere durch die starke Behaarung einer Hummel ungemein ähnlich sehen; überdies macht sie eine geschlossene Randzelle und eine lange, herabhängende, sehr lang gefiederte Rückenborste an der Wurzel des dritten Fühlergliedes, welche beim Weibchen etwas kräftiger und länger behaart ist als beim Männchen, leicht kenntlich. Diese Fliegen zeigen sich scheu und flüchtig. Ziemlich geräuschlos fliegen sie von Strauch zu Strauch, um deren Blüten auf ihren Honiggehalt zu erforschen. Manchmal aber bemerkt man, wie sie, stark summend, ähnliche Schwenkungen in der Luft ausführen wie die Bremsen, und ich möchte dies Gebaren für wilde Tänze zur Feier ihrer Hochzeiten halten, welche sie an recht sonnigen Tagen veranstalten. Schon Degeer und Réaumur fanden in Hummel- und Wespennestern die Maden der Flatterfliegen, und zwar zweier Arten: Volucella bombylans und V. plumata. Erichson, im Besitz von Übergangsformen, zweifelte bereits die Artrechte beider an und hielt die lettere nur für eine Abänderung der ersteren, zumal beide von Boje aus einem und demselben Neste der Steinhummel erzogen worden waren. Nehmen wir hinzu, daß Zeller Ende Mai, Anfang Juni die vermeintlichen Arten in Vereinigung fing, und zwar Männchen von V. bombylans mit Weibchen von V. plumata und um: gekehrt, so dürfen wir nicht daran zweifeln, daß ihr Artunterschied kein berechtigter und der erstere der beiden Namen, als der ältere Linnésche, allein beizubehalten ift, den man im Deutschen durch hummelartige Flatterfliege am besten wiedergeben kann. Die stattliche Fliege wird leicht erkannt an dem dicht pelzig behaarten Körper, wodurch sie einer Hummel ähnlich und dem eierlegenden Weibchen der Zugang zu deren Nestern nicht verwehrt wird. Der Körper ist entweder schwarz, Gesicht und Stirn wachsgelb und die letzte Hälfte des Hinterleibes gelbbraun, fuchsrot behaart, oder das Rückenschild ist gelb behaart, in der Mitte schwarz, das Schildchen gelb in der Grundfarbe; der Hinterleib hat an der Wurzel gelbe Seitenflecke, gelbe Behaarung, und die letzten gelben Leibesringe sind noch lichter, fast weißlich behaart (V. plumata); durch den Flügel zieht von der Vorderrandsmitte eine abgekürzte, dunkle Binde, und auch die Querader vor der Spitze besäumen dunklere