Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Gartenhaarmücke (Bibio hortulanus) geht in ihren beiden Geschlechtern noch weiter auseinander, indem zu einem schwarzen Männchen ein ziegelrotes Weibchen gehört, und wird im Stande ihrer schwärzlichen, der vorigen sehr ähnlich gebauten Larve bisweilen den angebauten Pflanzen sehr nachteilig. So hatte sie beispielsweise bei Halle im April 1875 ein jung angelegtes Spargelbeet durch Verzehren der Pflanzenwurzeln vollständig zerstört.
Obschon in ihrer äußeren Erscheinung vollkommene Fliegen, haben die Bremsen, Viehfliegen (Tabanidae) die Verwandlungsweise und ihre Weibchen die Blutgier mit vielen Mücken gemein und können Menschen und Tiere arg peinigen. An der hier abgebildeten Rinderbremse (Tabanus bovinus), einer der gemeinsten der 400— 500 über die ganze Erde verbreiteten Arten, mag das Wesen der ganzen Familie erläutert werden. Körpertracht und Form der einzelnen Teile ersehen wir aus dem Bilde. An der Seitenansicht des Kopfes ragt die große, häutige Unterlippe als Rüsselscheide weit hervor, kann in der Ruhelage mehr zurückgezogen werden und birgt in ihrem Inneren die Stechborsten, je nach der Art 4—6; was wir noch darüber bemerken, find die zweigliederigen Kiefertaster. Die vorgestreckten, an der Wurzel sehr genäherten Fühler bestehen aus drei Gliedern; weil aber das dritte manchmal geringelt erscheint, könnte man auch von sechs sprechen. Charakteristisch für die Familie ist der Aderverlauf der in der Ruhe halb klaffenden Flügel. Ihre Randader geht ringsum, die dritte Längsader gabelt sich, und der obere Ast hat manchmal einen rückwärts gerichteten Anhang. Aus der Mittelzelle strahlen drei und aus der hinteren Wurzelzelle noch eine Längsader nach dem Rande, beide Wurzelzellen sind gleich lang, deutlich getrennt, und die Analzelle (dritte Wurzelzelle) fast bis zum Flügelrande verlängert. Von den fünf Hinterrandzellen schließt sich die erste zuweilen. Obschon deutliche Flügelschüppchen vorhanden sind, werden die Schwinger doch nicht versteckt. An den unbeborsteten Beinen bilden drei Haftläppchen eine Eigentümlichkeit der Familie. Die genannte Art gehört zu den stattlichsten bei uns einheimischen Fliegen, hat unbehaarte Augen, welche bei den Männchen immer auf dem Scheitel zusammenstoßen, keinen Anhang am Vorderaste der dritten Längsader, hellgelbe Schienen und dreieckige Rückenflecke am siebengliederigen Hinterleibe, als dessen Grundfarbe ein düsteres Wachsgelb vorherrscht. Das schmutzige Rückenschild wird (end 19 52110ife durch gelbliche Behaarung ziemlich verdeckt. Die halbmondförmig ansicht des Kopfes. Natürl. Gr. ausgeschnittenen Fühler sind nie ganz schwarz, die Flügel bräunlichgrau, ihr Geäder gelbbraun. Die gegebene Beschreibung reicht aber noch nicht aus, um mit Sicherheit die genannte von mehreren anderen sehr ähnlichen Arten zu unterscheiden, doch können wir hier nicht weiter in das Einzelne eingehen.
Durch kräftiges Gesumme verkündet die Rinderbremse, wie ihre anderen Gattungsgenossen, ihre holde Gegenwart, ist ebenso schnell wieder verschwunden, wie fie kam, und umkreist im neckischen Spiele ihre Beute, das Weidevieh, welches bisweilen bluttriefend und schäumend vor Wut, wenn die unersättlichen Weibchen in Menge ihre scharfen Klingen einschlagen und ihren Heberapparat wirken lassen, den Weideplätzen entläuft. Das Wild sucht schattiges Gebüsch auf, um sich vor diesen Bremsen zu schützen; denn dahin folgen sie nicht, weil sie den Sonnenschein und somit offene Plätze lieben. Es ist interessant, an solchen, z. B. auf einem breiten Waldwege, über dem die Sonne steht und drückende Schwüle verbreitet, ihren wilden Spielen zuzuschauen. Mit starkem, scharfem Gesumme scheinen sie sekundenlang auf einer Stelle inMannshöhe, auch um das Doppelte höher in der Luft still zu stehen, die Schwingungen der Flügel folgen sich so rasch, daß diese nur bei einer Seitenwendung sichtbar werden; mit einem Nude aus unseren Augen verschwunden, stehen sie im nächsten Augenblicke wieder an einer anderen Stelle. Mit diesem wunderlichen Tanze verbindet sich ein gar nicht unangenehmes Konzert, wenn zehn und zwölf Stück längs jenes Weges gleichzeitig sich tummeln. Dem Menschen gegenüber zeigen sie sich ungemein scheu und pflegen sich nur dann auf ihn herabzulassen, wenn er bewegungslos stehen bleibt. An rauhen Tagen sitzen sie gern an den Stämmen der Bäume, aber nicht fest; denn wenn man sich
einer sehr behutsam naht, um sie zu fangen, huscht sie unter der Hand davon. Auch kann man sie in Menge an schadhaften Eichstämmen den ausfließenden Saft saugen sehen, in der Weise, wie sie zu neun Stück unser Gruppenbild „Herrschaft der Fliegen“ vorführt.
Die Larve gleicht denen der Erdschnaken, hält sich wie diese gesellig auf Wiesen in lockerer Erde auf, wahrscheinlich von Graswurzeln lebend, und kann sich durch Ausrecken des vorderen Körperteiles sehr verschmälern. Der kleine, glänzend braune Kopf trägt zwei Fühler, Freßspitzen und zwei nach unten gekrümmte Häkchen, welche wie die seitlichen, am Bauche liegenden Fleischwärzchen das Fortkriechen unterstützen. Die zwölf Leibesringe sehen graulich aus und haben schwärzliche Gelenke. Das dicke Schwanzende trägt eine senkrechte Spalte mit den Luftlöchern. Im Mai ist nach der Überwinterung die Made erwachsen, streift ihre Haut ab und verwandelt sich in eine zolllange Mumienpuppe, die etwa der der Schnaken gleicht, grau von Farbe, am Hinterrande der (acht) Hinterleibsringe mit Fransen grauer Haare, am letzten mit einem Borstenkranze besetzt ist, mit dessen Hilfe sie sich aus der Erde hervorarbeitet. Zwei Höcker vorn dienen ihr zum Atmen. Im Juni schlüpft die Fliege aus, und hat sie ihr Wesen in der oben beschriebenen Weise getrieben, so legt das befruchtete Weibchen seine Eier in Haufen von 300— 400 an Grasstengel, woraus sich nach 10 oder 12 Tagen die jungen Lärvchen entwickeln, wenn nicht kleine Schlupfwespen, der zu starken Vermehrung dieser Bremse vorbeugend, dieselben schon angestochen hatten.
So geräuschvoll sich die Viehbremsen ihren Opfern nahen, so still und hinterlistig thun es zwei andere Fliegen, die derselben Familie angehören und großen Geschmack an Menschenblut finden. Die erste ift die prächtige goldäugige Blindbremse (Chrysops coecutiens). Goldäugig und doch blind? Das scheint ein gewaltiger Widerspruch zu sein. Man gab vermutlich dieser Fliege jenen Namen, weil sie gegen jede Gefahr, die ihr droht, blind ist, wenn sie sich einmal zum Saugen eingerichtet hat. Ihre Zudringlichkeit kennt keine Grenzen. Die schöne Fliege setzt sich besonders an recht drückend heißen Tagen nicht nur an die entblößten Körperstellen dessen, der einen breiten Waldweg dahinwandelt, sondern auch an die Kleidungsstücke und versucht hier, oft mit gutem Erfolge, die scharfen Klingen ihres Rüssels einzubohren, da sie gewöhnt ist, unter dem dicken Felle der Rinder und Pferde die Blutgefäße ausfindig zu machen. Sie hat etwa die Gestalt der vorigen, nur einen hinten mehr gerundeten, in seinem Verlaufe fast gleichbreiten, gleichfalls niedergedrückten Hinterleib und mißt nur 8,75 mm in der Länge. Der schwarze Vorderrand und eine schwarze Querbinde über die Flügel sowie der in der vorderen Hälfte lichtgefärbte Hinterleib machen sie auch auf der obersten und rechtsseitigen Dolde unseres Bildes „Herrschaft der Fliegen“ leicht kenntlich; die Fühler sind pfriemförmig, drei deutliche Nebenaugen, welche anderen Bremsen fehlen, und Endsporen an den Hinterschienen unterscheiden die Gattung von der vorigen. Man findet diese Fliege und einige andere, schwer davon zu unterscheidende Arten im Mai und Juni honigsaugend auf den Blumen. Die Gewitterschwüle scheint sie erst zudringlich und blutdürstig zu machen. In den genannten Monaten erscheinen die Mitglieder der ganzen Familie, im Juli haben sie schon mehr abgenommen und find im August mit wenigen Ausnahmen, wozu diese und die folgende Art gehört, fast ganz verschwunden. Nach Jännickes
Beobachtungen in Frankfurt a. M. scheint jedoch die glauäugige Bremse (Tabanus glaucopis) nur im Herbst zu fliegen.
Kaum größer, aber schlanker ist die dunkelbraune, grau gezeichnete Regenbremse (Haematopota pluvialis). Sie hat schwarzgraue, hell marmorierte Flügel, in der oberen Hälfte purpurn strahlende Netzaugen, keine Nebenaugen und keine Enddornen an den Hinterschienen. Beim Männchen ist das erste Fühlerglied dick angeschwollen, beim Weibchen lang und dünn, hier wie dort das Endglied pfriemförmig und an der Spitze dreiringelig. Die lichtgrauen Zeichnungen bestehen am Rückenschilde aus Längsstriemen,
am Hinterleibe aus Punktreihen und den Querlinien der Gelenkeinschnitte. Ihren Namen verdankt die Fliege der besonderen Liebhaberei, sich bei Sprühregen oder auch vor drohenden Gewittern am zudringlichsten und blutdürstigsten zu zeigen; zu 10 und 20 sammeln sie sich dann auf der Unterseite eines aufgespannten Regenschirmes an, und schwer wird es, sich ihrer zu erwehren; an irgend einer Stelle weiß eine oder die andere, und wäre es durch die Kleidung hindurch, ein Blutgefäß zu treffen. Die Renntiere Lapplands sollen von ihnen ganz unglaublich heimgesucht werden und manchmal von den zahlreichen Stich: wunden auf der ganzen Haut mit Grind überzogen sein. Die Entwickelung der beiden genannten Arten verläuft in derselben Weise wie bei der Rinderbremse.
Blut ist, wie wir sahen, die Losung der weiblichen Bremsen, Blut, aber kein warmes und rotes, sondern solches, wie es in einem Kerfleibe fließt, die Losung von Männchen und Weibchen zahlreicher Arten, welche zur Familie der Raubfliegen (Asilidae) vereinigt worden find. Namen, wie Habichts⸗, Wolfs-, Mord⸗, Raubfliegen und andere, lassen uns den Charakter einzelner Stämme dieses Volkes einigermaßen erraten. Die Raubfliegen erkennt man an dem meist schlanken, gestreckten Körper, den kräftigen Beinen, welche zwischen den Klauen zwei Haftlappen tragen, an dem Knebel- und Backenbarte und an dem meist langgestreckten dritten und letzten Fühlergliede, welches eine Endborste oder einen gegliederten Griffel trägt; der kurze, spitze Rüssel steht wagerecht oder schräg, selten senkrecht aus dem Munde hervor, hat einschließlich des messerförmigen Unterkiefers nur vier Borsten, eine verhornte Unterlippe und ein- bis zweigliederige Taster. Die meist glogen-den Augen sind bei beiden Geschlechtern durch eine Scheitelfurche getrennt, daher erscheint der Kopf breit und kurz, und die Punktaugen stehen zu dreien dicht nebeneinander, oft auf einer Erhöhung. Der Hinterleib gliedert sich in acht Ringe, deren letzter die Legröhre und männlichen Geschlechtswerkzeuge erkennen läßt. Wegen der kleinen Flügelschüppchen bleiben die Schwinger unbedeckt. Die Flügel liegen in der Ruhe platt dem Rücken auf, haben eine gegabelte dritte Längsader, eine Mittelzelle, 2—3 Unterrandzellen und ihrer fünf des Hinterrandes, von denen die dritte und vierte öfter verengert oder geschlossen, selbst gestielt vorkommen. Die Analzelle reicht bis zum Rande und schließt sich hier bisweilen. — Die Larven, welche man erst von wenigen Arten kennt, leben flach unter der Erde, besonders in feuchtem Sande, in Wurzeln und totem Holze, von denen sie zehren, sind langgestreckt und niedergedrückt, haben einen deutlichen Kopf und vorn und hinten Luftlöcher. Ihre Verwandlung in eine Mumienpuppe erfolgt nach Abstreifen der letzten Larvenhaut.
Naturgemäß zerfallen die Asiliden in zwei Gruppen, je nachdem die zweite Längsader in den Flügelrand (Leptogaster, Damalis, Ceraturgus, Dioctria, Dasypogon) oder in die erste Längsader mündet (Laphria, Asilus, Ommatius), die Randzelle also offen oder geschlossen ist. Durch letzteren Umstand wird die Flugkraft, wie man dies auch bei anderen Gattungen beobachten kann, außerordentlich verstärkt. Es gehören demnach in die zweite Gruppe die flugfertigen kühnen Wegelagerer, denen kaum eine erlesene Beute zu groß, zu stark oder zu fest gepanzert ist, wogegen die ersteren im Fluge träger sind, zwischen Halmen und Blättern strauchdieben und ihre wehrlose Beute morden.
Die 15 mm messende, schlanke ölandische Habichtsfliege (Dioctria oelandica,
Fig. 1, S. 492), welche ihren Namen von der Insel Oland an der schwedischen Küste erhalten hat, breitet sich über ganz Europa, mit Ausnahme seines südwestlichen Teiles, aus und findet sich im Sommer häufig auf Gebüsch. Lauernd sitzt sie auf einem Blatte in der hier wiedergegebenen Stellung und stürzt sich auf das Mückchen, die neugierige Fliege,
welche ohne Arg in ihrer Nähe Platz nimmt; auch die fette Spinne ist nicht sicher vor ihr. Man erkennt sie leicht an den schwarzen Flügeln, dem glänzend schwarzen Körper und an den ziemlich langen, rotgelben Beinen, an welchen nur die Füße und Schienenspitzen schwärzlich find; der Knebelbart, die inneren Augenränder, einige Flecke an den Seiten des Brustkastens und zwei Striemen auf dessen Rücken schimmern messinggelb. Beling beschreibt im „Archiv für Naturgeschichte“, Jahrgang 48, S 195, Larve und Puppe. — Löw nimmt sieben europäische Arten der Gattung an, indem er ebenso viele außerdem beschriebene als Abänderungen in der Färbung unter jene verteilt. Sie wird charakterisiert durch die meist einem Stirnhöcker aufsitzenden Fühler von fast Mittelleibslänge, deren drittes, längstes Glied mit zweigliederigem, stumpfem Endgriffel versehen ist, durch einen schmal walzigen, eingekrümmten Hinterleib und durch die inwendig gewimperten Hinterbeine. Auch Nordamerika bleibt nicht ohne Vertreter dieser Gattung.
Die Steifbärte (Dasypogon) find untersetzte kräftige Habichtsfliegen,deren Fühler in einen spitzen Griffel enden; ein stattlicher Knebelbart und ein Endhaken an den Vorderschienen unterscheiden sie weiter von den vorigen. Die Arten finden sich zahlreich über alle Erdteile verbreitet, in Deutschland nicht selten der 15 - 17, mm lange deutsche Steifbart (Dasypogon teutonus). Er ist glänzend schwarz, an Schienen, Schenkeln und Fühlern rostrot, am Brustrücken braun gestriemt, 1) Slandische Habichtsfliege (Dioctria oclandica). 2) Gewürfelte an den Seiten messinggelb. Den