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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Zu den auffälligsten und schönsten Mücken gehören die Kammmücken (Ctenophora) wegen der stark gekämmten männlichen Fühler, der pfriemförmig vortretenden Legröhre der Weibchen und der lebhafteren Körperfarben, unter welchen sich Gelb und Schwarz vor: zugsweise vertreten finden. Auf unserem Gruppenbilde „Herrschaft der Fliegen“ sehen wir ein Weibchen der schönen Ctenophora atrata unten am Eichenstamme sitzen, ein zweites über der Dolde fliegend.

Unter der Familie der kleinen, meist licht gelblich gefärbten Mücken, deren Maden zahlreich in Pilzen leben (Pilzmücken, Mycetophilidae), gibt es auch eine Reihe, welche man wegen ihrer dunkeln Flügel Trauermücken (Sciara) genannt hat. Ihre Hüften sind nicht auffallend lang, wie sie bei den Pilzmücken zu sein pflegen, die dünnen, fein behaarten Fühler nur aus 16, die Taster nur aus 3 Gliedern zusammengesetzt, deren letztes breit ausläuft; Nebenaugen erkennt man deutlich, zwei kurze Endsporen bewehren

die Schienen der für Mücken kurz zu bezeichnenden Beine; in den Flügeln, welche in der Ruhe wagerecht auf dem Rücken getragen werden, gabelt sich die dritte Längsader, und eine kleine Querader verbindet die erste und zweite. Die überall verbreitete Heerwurm—

Trauermücke (Sciara militaris) ist durchaus schwarz, an den Beinen pechbraun bis schmutzig braungelb; der siebenringelige Hinterleib matt schwarz, an den Verbindungsstellen der Glieder gelb, welche Farbe nach dem Tode durch Eintrocknen mehr oder weniger schwindet und sich höchstens in den Körperseiten durch Fleckchen sichtbar erhält. Er endet bei dem Weibchen (Fig. e, d) in eine spitz verlaufende Legröhre, bei dem Männchen in eine zweigliederige, dicke Haftzange (Fig. e), zwischen welcher am Bauchringe zwei Spitzchen vorragen. Das stark gewölbte, eiförmige Rückenschild ist glänzend schwarz, ohne Quernaht und äußerst kurz schwarz behaart. Das untersetzte Weibchen hat kürzere, weil in ihren ovalen Gliedern gedrängtere Fühler als das Männchen und mißt 4—4,5, das schlankere Männchen nur 2,6— 3,5 mm. Die Larve (Fig. a) hat, wenn sie in größeren Mengen vorkommt, als sogenannter Heerwurm! (Kriegswurm, Wurmdrache, Heerschlange) eine gewisse Berühmtheit erlangt

b

V N N

Heerwurm-Trauermücke (Sciara militaris): a Larve, b Puppe, e meiblide Mücke, d natürliche Größe derselben, e Hinter: leibsende des Männchens, k ein vergrößerter Teil des Fühlers. Außer d alles vergrößert.

Im Jahre 1603 begann, von Schlesien ausgehend, der Spuk mit dieser Erscheinung, erneuerte sich von Zeit zu Zeit in den sächsischen Herzogtümern, in Thüringen, Hannover, Norwegen und Schweden und dauerte, allmählich zur wissenschaftlichen Streitfrage erhoben, bis zu dem Jahre 1868 fort. Dann erst gelang es den unermüdlichen Forschungen des Forstmeisters Beling, den Grund der Wanderungen zu ermitteln und darzuthun, daß die am Harze vorkommende Art mit der von Nowicki bei Kopalin beobachteten und als Mücke Seiara militaris benannten Art übereinstimme, also nicht die Sciara Thomae sei, wie nach Bertholds Ansicht seit 1845 allgemein angenommen worden war. Wie der gemeine Mann damals und noch bis auf die neueste Zeit wenigstens in der Tatra darüber dachte, wird uns von den Männern, welche Aufklärung suchten, mit unzweideutigen Worten erzählt. Die einen prophezeiten aus dem Erscheinen des Heerwurmes Krieg, die anderen den Ausfall der Ernte, so zwar, daß er den schlesischen Bergbewohnern Segen verhieß, wenn er thaleinwärts zog, Mißwachs dagegen, wenn er seinen Weg bergauf nahm; den Abergläubischen im Thüringer Walde bedeutete jene Marschrichtung Frieden, diese Krieg. Noch andere benutzten das Erscheinen des Heerwurmes als Orakel für ihre Person. Sie

1 Die Amerikaner haben auch einen Heerwurm, army-worm, verstehen aber darunter die Raupe eines Eulchens, Leucania extranea, welche Roggen-, Mais- und Sorghum-Felder verwüstet und weite Märsche danach unternimmt.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 31

Heerwurm-Trauermücke (Sciara militaris): a Larve, b Puppe, e meiblide Mücke, d natürliche Größe derſelben, e Hinter: leibsende des Männchens, k ein vergrößerter Teil des Fühlers. Außer d alles vergrößert.

warfen ihm Kleider und Bänder in den Weg und schätzten sich glücklich, besonders hoffnungsvolle Frauen, wenn er über diese hinkroch, bezeichneten dagegen den als einen nahen Todeskandidaten, dessen Kleidungsstücken er auswich. Gesetzt, es wäre Juli oder Anfang August, uns würde verkündet, wie 1756 und 1774 den Bewohnern von Eisenach, im benachbarten Holze zeige sich der Heerwurm, und wir gingen hinaus wie die Leute damals scharenweise, aber — vorurteilsfrei, was würden wir dann eigentlich erblicken?

Eine graue Schlange, bis 376 cm lang, nicht überall gleichbreit (drei Finger bis handbreit) und etwa daumendick, bewegt sich nicht mit der jenen Kriechtieren eignen Leichtigkeit über und zwischen Laub und Gras dahin, sondern schleicht mit der Schwerfälligkeit der Schnecke im Walddunkel umher und hat entschieden etwas Unheimliches in ihrer Erscheinung. Sie besteht aus tausend und abertausend bleichen Maden, welche, durch ihre schleimige Körperoberfläche zusammengehalten, gleichsam nur einen Körper ausmachen, dessen Schwanzende sich für einen Augenblick auf einem Stäbchen in die Höhe heben läßt. Indem in dieser Vereinigung eine jede Larve in der gewohnten Madenbewegung die hintere Körperhälfte vorschiebt und dann tastend die vordere ausstreckt, entsteht die Fortbewegung des ganzen Zuges, dessen Oberfläche dem Auge denselben Eindruck hervorruft wie ein langsam dahingleitendes Gewässer. Je nach den Boden- und sonstigen Verhältnissen erleidet der Zug mancherlei Abweichungen; geringere Hindernisse werden überschritten, größere verursachen eine vorübergehende Spaltung, bisweilen verschwindet ein Teil unter dem Laube und läßt eine Zeitlang das Ganze unterbrochen erscheinen, ein gewaltsamer Durchbruch, etwa durch die Hufe eines Pferdes, die Räder eines Wagens veranlaßt, schließt sich bald wieder, alles so wie bei den Umzügen der Prozessionsraupen. Auch hat man beobachtet, daß mehrere Züge nach verschiedenen Schwenkungen sich schließlich zu einem einzigen vereinigt haben, dagegen hat es sich nicht bestätigt, daß eine bestimmte Zeit oder bestimmte Himmelsgegend eingehalten werde, wie solche Leute beobachtet haben wollten, welche die ganze rätselhafte Erscheinung nicht zu erklären, sondern in Zu: sammenhang mit ihrem oder anderer Schicksal zu bringen suchten.

Sorgfältige und jahrelange Beobachtungen im Freien wie bei Zuchtversuchen in der Gefangenschaft haben Beling die Überzeugung abgenötigt, daß die bisher nicht zu er-klärenden Umzüge allerdings dem Aufsuchen von passenden Weideplätzen gelten. Die Larve, unter feuchter Laubschicht und Abschluß der Sonnenstrahlen aus Eierhäufchen entstanden, ist von Natur auf Geselligkeit angewiesen und bedarf zu ihrem Gedeihen einen ganz bestimmten Feuchtigkeitsgrad, zu viel Nässe wird ihr nicht minder verderblich wie zu große Trockenheit. Ihre Nahrung besteht in der auf der Erde liegenden und zwar in der Regel aus der untersten, bereits etwas in Verwesung begriffenen Laubschicht. Die Blätter werden von ihr skelettiert, jedoch nur insoweit, als das Blattfleisch den Grad von Weichheit besitzt, welcher einer allgemeinen Auflösung und Verwesung vorangeht. Daher sind die untersten, mehr verdichteten Schichten quelliger, von Natur feuchter Ortlichkeiten, wo das Laub von mehreren Jahren sich angesammelt hat, ihre eigentlichen Geburtsstätten. Im Harz enthalten solche Stellen vorherrschend das Laub der Buchen und Hainbuchen, und in den geschlossenen Beständen dieser Laubbäume sind die Maden am sichersten zu finden, zierlich an ihren mürbesten Stellen jtelettierte Blätter und feine, schnupftabakartige Krümel, die Exkremente, zwischen jenen, das sichere Anzeichen, daß hier Maden gefressen haben und (find fie nicht mehr vorhanden) in nicht zu entfernter Nachbarschaft aufge: funden werden können. An dergleichen Stellen entwickeln sich die Larven in 8—12 Wochen, vom Eistand an gerechnet, zu voller Reife, verwandeln sich in Puppen (Fig. b), diese ruhen 8—12 Tage, dann kommen die Mücken daraus hervor, stets weit mehr weibliche als männliche; die Paarung erfolgt selbst dann schon, wenn das Weibchen noch keine

Beerwurm.

Beerwurm.

vollkommen entfalteten Flügel hat, da die früher erscheinenden Männchen in eiligem Laufe ein träges Weibchen aufsuchen, welches dann das mit ihm vereinte Männchen nach sich zieht. Nach Verlauf dreier Tage ist keine Mücke mehr am Leben, neben ihren Leichen liegen die Eierhäufchen. Jahre hintereinander können dergleichen Dinge unter der Laubschicht vorgehen, und kein Mensch hat eine Ahnung davon, daß diese unscheinbaren Wesen überhaupt vorhanden sind, sei es an Stellen, welche sein Fuß oft genug überschritten hat, oder an anderen, wo so leicht keines Menschen Fuß hingelangt.

Nach der eben in ihren Grundzügen angedeuteten Lebensweise der im Verborgenen sich vollendenden Entwickelungsgeschichte der Heerwurm-Trauermücke ist es eben sehr wohl denkbar, daß in besonderen Ausnahmefällen die Larven an die Offentlichkeit treten und sich als Heerwurm zeigen, öfter noch als solcher vorhanden sind, ohne gesehen zu werden. Zu diesen Ausnahmefällen gehört in erster Linie eine ungewöhnlich große Larvengesellschaft, welche an ihrem Weideplatze nicht mehr hinreichende Nahrung von der ihr genehmen Art findet; je entwickelter die Larven sind, desto mehr Nahrung bedürfen sie, desto fühlbarer wird der Mangel, daher hat man sie meist auch im erwachsenen Alter ziehen sehen; es ist sogar vorgekommen, daß die Verpuppung einzelner im Zuge erfolgt. Außerdem können zu viel Nässe, zu große Trockenheit die Wanderlust bedingen, die auf vollkommen trockenem Untergrunde nicht möglich ist, weil die Larven dann leicht festkleben. Somit scheint jenes Rätsel in dieser Beziehung gelöst zu sein. Eine für den ersten Augenblick befremdende Erscheinung liegt in dem Umstande, daß der Kopaliner Heerwurm nur in Fichtenbeständen angetroffen worden ist, und daß sich, wie es Nowicki erst nach seiner Veröffentlichung zu beobachten gelang, die Larve von der vermoderten Nadelstreu ernährt; bedenken wir indes, daß der Unterschied zwischen Laub und Nadeln in dem von den Larven beliebten, der Auflösung nahen Zustand ein geringerer ist als im lebenden Zustand, und daß ferner Mücken⸗ und Fliegenlarven sich in keinerlei Weise als Kostverächter zu zeigen pflegen, so kann uns die verschiedene Nahrung einer und derselben Art gleichfalls keinen weiteren Anstoß geben. Es wäre überflüssig, zu verzeichnen, wo und wann ein Heerwurm erschienen, da die eben Genannten, Beling im „Zoologischen Garten“ (Band IX u. W), die anderen in besonderen Schriftstücken sich darüber verbreitet haben; dagegen ist die Naturgeschichte der Heerwurm— Trauermücke in einzelnen Punkten noch zu vervollständigen. Die anfangs glänzend weißen, später schwärzlichen Eier sind winzig klein (15—20 so groß wie ein Mohnkorn), werden durchschnittlich zu 100 Stück von einem Weibchen an dessen Geburtsstätte auf die mit Laub bedeckte Erde oder zwischen die unterste Schicht von diesem selbst gelegt und überwintern. Während des Mai entschlüpfen ihnen die Larven. Im erwachsenen Zustand mißt eine solche durchschnittlich 7 mm, besteht außer dem hornigen, schwarzen Kopfe mit zwei Augen und gezahnten Kinnbacken aus 13 fleischigen und glasigen Leibesgliedern, deren dunkler Darminhalt stellenweise durchscheint; sechs verkehrt tellerförmige Fleischwarzen am Bauche der drei vorderen Ringe, zwei warzenartige Nachschieber am Ende und schwarze Luftlöcher an den Seiten der sie tragenden Ringe sind die einzigen Auszeichnungen der glatten und klebrigen Oberfläche. Die reifen Larven verlieren ihr glasiges Ansehen, entledigen den Darm seines Inhaltes, spinnen wenige Fäden und streifen die Haut ab, welche als ein braunes, eingeschrumpftes Anhängsel an der Spitze der Puppe hängen bleibt. Wie die gleichalterigen Larven zusammenhalten, so finden sich auch die Puppen in größeren Partien beisammen, wenn es sein kann, in Vertiefungen, besonders in solchen, welche die Mäuse auf ihren Straßen zurücklassen. Die bucklige Mumienpuppe hat das Ansehen unserer Abbildung, ist anfangs mit Ausschluß der schwarzen Augen gelblichweiß, wird zuletzt an den Flügelscheiden schwärzlich und läßt kurz vor dem Ausschlüpfen der Mücke 31*

deren schwarzen Körper und die gelben Verbindungsstellen der Hinterleibsseiten durchscheinen; fie mißt 3—4 mm, die kleineren Maße den Männchen einräumend. Alles weitere ist uns bereits bekannt, nur das noch nicht, daß sich zwischen Larven und Puppen meist einige Larven der Cyrtoneura pabulorum, einer Gemeinfliege, und kleinere Verwandte der blauen Schmeißfliege finden, welche sich von jenen beiden früheren Ständen ernähren, kranke Larven und gesunde Puppen fressen. Die Heerwurm-Trauerfliege hat somit nur eine Brut im Jahre, welche im allgemeinen die bereits erwähnten Entwickelungszeiten einhält, sich jedoch wie alle Kerfe durch die Witterungsverhältnisse einigermaßen beeinflussen läßt, so daß Verschiebungen von einigen Wochen Zeitdauer eintreten können.

Die eben besprochene Trauermücke nimmt nicht allein ein allgemeines Interesse in Anspruch; es leben bei uns noch mehrere Birn-Trauermücken als Larven in unreifen Birnen und lassen dieselben nicht zur Reife gelangen. Eine große Art mit gelbem Hinterleib wird in Louisiana in auffälligen Mengen stets dann beobachtet, wenn böse Fieber, namentlich das gelbe Fieber, ihre Herrschaft geltend machen. Es ist diese noch nicht erklärte Erscheinung so auffällig, daß man die Sciara, als welche sie von Osten-Sacken erklärte, die gelbe Fieberfliege (Vellow fever Fly) genannt hat.

In mehr als einer Hinsicht bieten die Gallmücken (Cecidomyia) ein nicht geringes Interesse. Es sind kleine, oft sehr kleine, zarte Mückchen, durch deren breite und stumpfe, häufig behaarte, am Rande immer lang bewimperte Flügel 3, höchstens 4 Längsadern ziehen (1, 3, 5), deren mittelste charakteristisch vor der Flügelspitze in den Vorderrand mündet. Die Querader pflegt so zart zu sein, daß man sie nur bei sehr günstig auffallendem Lichte bemerkt. Die mondförmigen Augen berühren einander auf dem Scheitel des kleinen Kopfes, und am dicken Rüssel stehen nach innen die viergliederigen Taster hervor, deren Endglied in der Regel am längsten ist. Die perlschnurartigen Fühler schwanken in der Zahl der häufig gestielten und wirtelhaarigen Glieder zwischen 13 und 36, und das Männchen pflegt seinem Weibchen um eins oder einige voraus zu sein. Bei letzterem spitzt sich der achtringelige Hinterleib zu, bei jenem verläuft er walzig und trägt am Ende die gewöhnliche Haftzange. Man kennt aus Europa gegen 100 Arten dieser Gattung, deren Gemeinname besagen will, daß ihre Larven an den Futterpflanzen gewisse Mißbildungen, Gallen, erzeugen, doch thun dies lange nicht alle, während umgekehrt wieder andere, welche man des abweichenden Körperbaues wegen nicht hierher ziehen konnte, Gallen hervorbringen. Die zwiebelförmigen, rotbäckigen Auswüchse, um einiger der gewöhnlichsten zu gedenken, welche auf der Oberseite der Buchenblätter sitzen, entstehen durch den Stich der Cecidomyia fagi, die fast kugeligen, welche die Blattfläche der Zitterpappel durchwachsen, durch den der C. polymorpha. Die C. pericarpiicola erzeugt kirschrote Kügelchen in den Blütenständen der wilden Möhre, und jeder andere Pflanzenteil kann von wieder anderen Arten bewohnt sein.

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