Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
der Zeit zur Plage. Es möge hieran noch eine zweite Mitteilung desselben Forschers geknüpft sein, die er einem anderen amerikanischen Beobachter verdankt. Beim Klange der Note a soll eine Zuckung einen ganzen Mückenschwarm durchbeben, so daß derjenige, welcher sich in ihrer Wolke befindet, bei jenem Tone sein Gesicht von einer großen Menge von Mücken berührt fühle. Viele Mücken leben als Larven und Puppen im Wasser. Je nachdem diese stets unter demselben zubringen oder sich durch schnellende Bewegungen ihres Körpers an die Oberfläche erheben können, atmen sie durch äußere Kiemen oder Atemröhren. Jene können haarartig und bewimpert oder blattförmig sein und pflegen, wie diese, am ersten und letzten Körperring zu sitzen.
Die geringelte Stechmücke (Culex annulatus, Fig. a) mag die Sippe der Culiciden vergegenwärtigen, derjenigen Mücken, welche durch einen langen Stechrüssel, mäßig breite, in der Ruhe dem Leibe flach aufliegende, an der Spitze gerundete Flügel mit mindestens sechs gleich dicken, dicht behaarten Längsadern, von denen die des Randes fast ringsum in gleicher Stärke läuft, durch den Mangel der Punktaugen und einer Querfurche auf dem Rücken des Brustkastens charakterisiert sind. Nur beim Männchen verlängern sich die rauhhaarigen, fünfgliederigen Taster sogar über den Rüssel hinaus und bilden samt den 14 gliederigen Federbüschen der Fühler einen üppigen Haarwuchs um den Kopf. Nie b A A
wird man dergleichen an einer Mücke be Geringelte Stechmücke (Culex annulatus), a Weibchen, merken, welche sich uns auf die Hand setzt, b Larve, o Puppe. Alle vergrößert. ihre hornige Borste innerhalb der sich einknickenden Scheide in die Haut und bis zu einem Blutgefäße einbohrt (denn es sind, wie wir bereits wissen, die solches Schmuckes entbehrenden Weibchen), wohl aber sehen, wie ihr Bauch röter und dicker wird, wenn sie in vollen Zügen schwelgt; jeder weiß auch, daß die juckende Wunde mehr schmerzt, wenn man die Mücke totschlägt und die Spitze ihres Rüssels dabei in jener zurückbleibt, als wenn man fie das einmal begonnene Werk unge: hindert zu Ende führen läßt. Die genannte Art wird an den weißen Ringen von Hinterleib und Füßen auf braunem Untergrunde, an den zwei dunkeln Striemen auf dem Rücken und an fünf dunkeln Fleckchen der Flügel leicht erkannt. Indem sie 9 mm und darüber mißt, stellt sie die größte der heimischen Arten dar. Die vielleicht noch häufigere gemeine
Stechmücke (Culex pipiens) pflegt in ihrer Gesellschaft zu sein; sie ist kleiner, am Hinterleib auch heller und dunkler geringelt, aber den Füßen und braun geaderten Flügeln fehlen die dunkeln Zeichnungen. Die Larven beider leben zu Millionen in stehenden Gewässern. Es ist interessant, diese zarten Wesen mit dem am vorletzten Leibesgliede seitwärts abgehen: den Atemrohr, den Kopf nach unten gerichtet, an der Wasserfläche hängen zu sehen. An diesem sind die beiden inneren, am meisten zugespitzten und stark bewimperten Hervorragungen in unserem Bilde die Kinnbacken, welche sich in fortwährender Bewegung befinden, dadurch einen Strudel erzeugen und der Mundöffnung die kleinen Schmutzteilchen zuführen, welche den Darm alsbald schwarz färben. In dieser Weise, oder mit dem Vorderkörper sich erhebendund mit dem anderen Paare der Anhängsel, den Fühlern, umhertastend, hängen die Tiere lange Zeit da, und nur wenn das eine dem anderen zu nahe kommt, zausen sie
sich wohl auch an den Köpfen, ohne sich in längeren und ernstlichen Streit einzulassen. Die leiseste Erschütterung des Wassers aber läßt sie von der Oberfläche verschwinden, in schlangenartigen Windungen des Körpers steigt alles auf den Boden hinab. Hier halten sie jedoch nicht lange aus. In derselben Weise, wie sie untertauchten, kommt bald eins nach dem anderen wieder herauf und hängt mit dem Atemrohre an der Oberfläche. Auch ohne erschreckt zu sein, tauchen sie einzeln unter, krabbeln am Boden umher, legen sich auf den Rücken und — entleeren sich. So treibt diese Gesellschaft ihr Spiel ununterbrochen fort, bedeutend lebhafter an sonnigen Tagen, und wem es Vergnügen macht, dergleichen || selbst und besser zu beobachten, als es sich schildern läßt, der schöpfe ein Glas Wasser aus einem von ihnen bevölkerten Troge, aus einem Löschkübel ꝛc.
Ist ihre Zeit gekommen, so hängen sie in fragezeichenförmiger Krümmung ihres Leibes an der Oberfläche, der Körper bekommt hinter dem Kopfe einen Längsriß, und daraus kriecht dasselbe Tier, der Körper nur in etwas größeren Umrissen, hervor. Die Häutung ist erfolgt. Die alten Bälge schwimmen im Wasser umher, lösen sich allmählich auf und werden von den Mückenlarven selbst und von anderen Mitbewohnern des eben nicht sauberen Aufenthaltsortes wieder verspeist. Jede hat drei solcher Häutungen zu bestehen, bis sie ihre volle Größe von durchschnittlich 8,75 mm erlangt. Platzt die Haut im Nacken zum viertenmal, so ist es um das bisherige Leben geschehen, die schlanke Form ist verschwunden und hat einer gedrungeneren, seitlich etwas zusammengedrückten Platz gemacht. Die Puppe (Fig. c) hängt mit zwei Luftröhren, welche hinter dem Kopfe stehen, an der Wasserfläche und bewegt sich gleich der Larve zum Zeitvertreib auf und nieder, indem sie mit dem Schwanze gegen den Vorderteil ihres Körpers schnellt. Jetzt wirbeln und tummeln sich Larven und Puppen in unserem kleinen Aquarium durcheinander, die Zahl jener nimmt ab, diese würde sich in demselben Maße mehren, wenn nicht eine nach der anderen einem vollkommneren Zustande entgegenreifte und nach 8 Tagen dem Mummenschanz ein Ende machte. Auch ihr Stündlein hat geschlagen: ein Riß der Haut befreit das Mücklein von seiner Maske. Es arbeiten sich sechs lange Beine hervor, ein schmächtiger, zweiflügeliger Leib folgt nach. Das Tierchen faßt zunächst Fuß auf der schwimmenden Hülle, welche es soeben noch barg, mit welcher es, wenn ein unerwarteter Windstoß kommt, wohl auch Schiffbruch leidet und — ertrinkt, dann auf dem Wasser selbst oder auf hier schwimmenden Körperchen, ruht noch etwas von seiner Arbeit aus, während die Flügelchen sich vollkommen entfalten und trocken werden, und schwingt sich zuletzt als Mücke in die Luft, um, lebendig wenigstens, in die ihm nun feindliche Heimat, das Wasser, nie wieder zurückzukehren. Nur das Weibchen, welches sich einen Mann ertanzt hatte, kehrt kurz vor seinem Tode noch einmal dahin zurück, um seine Eier abzulegen. Zu diesem Zwecke setzt es sich an einen Pflanzenteil, von welchem aus es mit der Hinterleibsspitze das Wasser erreicht, oder auf einen schwimmenden Gegenstand, kreuzt seine Hinterbeine in Form eines X übereinander und beginnt nun in die der Leibesspitze zugekehrte Winkelöffnung die gestreckten, nach oben gespitzten, nach unten breiteren Eier zu legen, welche mit ihrer klebrigen Oberfläche senkrecht aneinander haften und den Winkel nach und nach ausfüllen. Ist damit erst der Anfang gemacht, so bedarf es der Richtschnur und des Halters nicht mehr, weil jene schwimmen. Die Hinterbeine werden nun hoch in die Luft gehalten, in welcher Stellung die Mücken gern ruhen. Endlich ist ein kleines, vorn und hinten zugespitztes, plattes Boot flott, welches 250—350 Eier zusammensetzen. Am unteren Ende kriechen die Larven bald EnN*EreoR aus, und die Eischalen treiben auf dem Wasser umher, bis sie von ihm zerstört werden.
Wenn man berücksichtigt, daß ein Weibchen durchschnittlich 300 Eier legt, aus diesen in 4— 5 Wochen fortpflanzungsfähige Mücken hervorgehen, jo kann man sich einen Begriff davon machen, wo die ungeheuren Schwärme derselben herkommen, und daß feuchte Jahre,
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in welchen es nicht an Tümpeln und Pfützen, ihren Geburtsstätten, fehlt, ihrer Entwickelung und Vermehrung besonders günstig sind. Die befruchteten Weibchen der letzten Brut überwintern in den verschiedensten Schlupfwinkeln, besonders gern in Kellern, um im nächsten Frühjahr ihre Art fortzupflanzen.
Auf der Insel Barbados find es besonders die drei Arten: Culex molestus, C. trifurcatus und C. pulicaris, welche als Moskitos in Verruf stehen. Daß man diesen Plagegeistern auch eine gute Seite abgewinnen könne, beweist ein Heilverfahren, welches zu Veracruz ein Arzt, Namens Delacoux, mit einer Dame einleitete. Diese lag infolge einer Gehirnentzündung seit 12 Stunden in tiefer Schlafsucht und trug die Kennzeichen eines baldigen Todes an sich. Der Arzt öffnete das Bett und setzte die Kranke zwei Stunden lang den Stichen der Moskitos aus. Die Schlafsucht hörte infolgedessen bald auf, und die Kranke befand sich am anderen Tage nicht nur noch unter den Lebenden, sondern auch um vieles besser. In mückenreichen Jahren können zwar Rauch der angezündeten Feuer oder die Glimmstengel der Raucher die lästigen Tiere einigermaßen von einem Orte abhalten, aber nie vollständig vertreiben. Wessen Haut gegen Nelkenöl nicht empfindlich, der bestreiche sich mit dem „Mückenfett“, wie es in manchen Gegenden genannt wird, und er bleibt vor Mückenstichen geschützt, solange das flüchtige Ol noch Geruch verbreitet. Betupfen der verwundeten Stelle mit Salmiakgeist oder schwacher Karbolsäure befreit am schnellsten und sichersten von dem brennenden Jucken des Mückenspeichels.
Die Gattung Tipula nebst den zahlreichen Verwandten enthält die größten Mücken, welche allgemein unter dem Namen der Schnaken oder Bachmücken bekannt sind, sich auf Wiesen, Gebüsch oder an Baumstämmen umhertreiben und mit ihrem kurzen, fleischigen Rüssel nicht stechen können. Man erkennt sie an der deutlichen Querfurche des Mittelrückens, an den vieladerigen Flügeln, auf deren Verschiedenheiten zahlreiche Gattungen begründet worden sind, an dem kolbigen, mit Haftzangen ausgerüsteten Leibesende des Männchens und dem zweiklappig spitz auslaufenden des Weibchens. Von letzterem Geschlechte sehen wir zwei auf unserem Gruppenbilde „Herrschaft der Fliegen“ hoch oben in der Luft. Bei der gemeinen Kohlschnake (Tipula oleracea) bestehen, wie bei allen Gattungsgenossen, die kurzen Fühler aus 13 Gliedern, endigen die viergliederigen Taster lang fadenförmig und fehlen die Nebenaugen; das erste Fühlerglied ist verlängert, das zweite verkürzt, alle folgenden tragen Behaarung an der Wurzel. Die in der Ruhelage halb klaffenden großen Flügel werden in folgender Weise gestützt: erste Längsader doppelt, zweite in der Nähe der Spitze gegabelt, dritte einfach, vierte im vorderen Teile vielfach verzweigt; fie bildet eine vollständige Mittelzelle, aus welcher sich drei Aste bis zum Flügel: rande fortsetzen, dessen oberster gestielt und gegabelt ist. Die fünfte Längsader biegt sich nur vor der Mündung ein wenig, während die folgende gerade ist wie die kleine Querader; die große steht schief und bildet mit dem kurzen Wurzelstück vom untersten Zweige der vierten Längsader einen Winkel. Zum Unterschied von den anderen Arten hat die genannteein graues, braun gestriemtes Rückenschild, einen rotbraunen Hinterleib und einen ziegelroten Vorderrand der blaßbräunlichen Flügel. Die Hinterbeine übertreffen den neunringeligen Hinterleib beinahe um das Dreifache; die Länge des ganzen Körpers beträgt 22— 26 mm. Die Kohlschnake gehört nicht zu denen, welche frühzeitig im Jahre erscheinen, und tanzt nicht wie manche andere Arten im Mai an Baumstämmen auf und ab, sie entwickelt
sich vielmehr erst im Juli und August aus einer walzigen, hellbraunen Puppe, deren maskenartiger Gesichtsteil an der Stirn mit zwei fast keulenförmigen Hörnern ausgestattet ist. Geht man im September über eine Wiese, so fallen diese Schnaken vorzugsweise in die Augen; überall arbeiten sie mit ihren langen Spinnenbeinen im Grase, und auf Schritt und Tritt wird eine aufgescheucht, welche mit etwas schnarrendem Geräusch ihrer langen Flügel, welches zum Teil durch das Flattern im Grase hervorgebracht wird, eine kleine Strecke nahe dem Boden hinfliegt, um gleich wieder in ihr niedriges Buschwerk einzufallen. Man weiß so eigentlich nicht recht, was dieses Treiben bedeuten soll. Ist's Spiel? Dazu scheinen die unbeholfenen, phlegmatischen Tiere nie aufgelegt, oder gehen sie der Nahrung nach? Das kann auch nicht sein, denn längst sind die Tautröpfchen, welche am Morgen schwer auf den schmalen Blättchen lasteten, als unsichtbare Nebel in die klare Herbstluft zurückgekehrt. Eher sollte man meinen, sie suchten lebensmüde ein ruhiges Plätzchen, um zu — sterben. Das ist allerdings der Fall, vorher aber drückt jede mit der Hinterleibsspitze den Körper, fast aufrecht stehend, in die lockere Erde, um ihr die etwas gekrümmten Eier einzeln anzuvertrauen; sie ruht kurze Zeit in dieser Lage und entledigt sich eines bis zweier, dann rückt sie vorwärts und wiederholt ihre Arbeit, bis sie die Keime ihrer Nachkommenschaft dem Schoße der Erde anvertraut hat. Nachdem ihr Werk vollendet ist, geht sie heim. In acht Tagen aber schon, bei nicht zu kühler Witterung, werden die kleinen Körnchen lebendig. Wenn die Larven erst etwas größer geworden sind, lassen sie sich im Wiesenboden, klarem Gartenlande, an humosen, etwas feuchten Stellen der Wälder in den oberen Erdschichten ohne Mühe auffinden. Sie sind aschgrau von Farbe, sehr durchscheinend, querfaltig, mit kurzen Borsten einzeln besetzt und haben einen schwarzen, in das erste Leibesglied zurückziehbaren Kopf, an dem zwei Kiefer und kurze Fühler unterschieden wer: den. Der Leib endet hinten stumpf gestutzt, ist schwach ausgehöhlt und am Rande von sechs Fleischzäpfchen eingefaßt. Zwischen den beiden mittleren dieser und der Fläche stehen die beiden Träger der schwarzen, großen Luftlöcher. Solange es die Witterung noch erlaubt, ernähren sich die Larven von der abgestorbene Pflanzenstoffe enthaltenden Erde, erstarren dann und setzen im nächsten Frühjahr diese Lebensweise fort, bis sie sich wenige Wochen vor dem Erscheinen der Mücke in die bereits näher bezeichnete Puppe verwandeln. — Die Larven der übrigen Arten, soweit man sie kennt, leben in derselben Weise, und manche, wie die genannte, werden den angebauten Pflanzen durch das Benagen der feinen Wurzelfasern schädlich.