Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Eine der berüchtigtsten, keine Gallen verursachenden, hierher gehörigen Mücken ist der Getreideverwüster (Cecidomyia destructor), der bisher, aber mit Unrecht, den Namen der Hessenfliege führte, welchen man ihm in Nordamerika beigelegt hat; man war nämlich der irrigen Ansicht, daß das lästige Ungeziefer im Jahre 1776 oder 1777 mit dem Gepäcke der hessischen Truppen dort eingeschleppt worden sei, was nach der gleich näher zu erörternden Entwickelungsgeschichte nicht wohl möglich sein konnte. Die erwachsene Made (Fig. f), um mit ihr zu beginnen, mißt 3,37 mm und läßt bei guter Vergrößerung vorn ein
Paar fleischige Taster und an den Seiten der zwölf Leibesglieder (ein dreizehntes und vierzehntes bildet das Kopfende) mit Ausnahme des zweiten, dritten und letzten je ein Luftlöchlein erkennen. Dieser Umstand verweist sie zu den Mückenlarven, während die Kopflosigkeit sie als echte Fliegenlarve erscheinen läßt, und wir somit in ihr eine Art von Mittelgebilde zwischen den vorher erörterten beiden Hauptformen vor uns sehen, welches allen Gallmücken eigen ist. Man findet dies sehr träge Tier einzeln oder in Gesellschaften bis zu neun Stück, mit dem Vorderende nach unten gewendet, zwischen Halm und Blattscheide, entweder unten gleich über dem Wurzelstocke oder dicht über einem der beiden untersten Knoten am Roggen oder Weizen. Mit der Zeit nimmt sie infolge von reichlicher Fettentwickelung eine mehr eiförmige Gestalt an, zieht sich im Inneren von der Körperhaut etwas zurück, und diese wird zu einer allmählich sich bräunenden Hülle, zu einem Tonnenpüppchen (Fig. d), wie es eigentlich nur einer Fliege zukommt. In diesem Zustand er:
m)
u, bi
Getreideverwüster (Cecidomyia destructor): a Weibliche Mücke, b Hinterleib der männlichen, e die im Tönnchen d eingeschlossene Mumienpuppe, e und k Larve in verschiedenen Größen, g Scheinpuppe im Winterlager, h gesunde, i von der Larve getötete Weizenpflanze. Außer g, h, i alles vergrößert.
folgt die Überwinterung. Ungefähr 14 Tage vor dem Erscheinen der Fliege findet sich im Tönnchen die Mumienpuppe (Fig. c). Die beiden seitlichen, unteren Hörnchen am Kopfe find die für die Gallmücken in dieser Form und Lage charakteristischen Atmungsröhren, die beiden oberen nur Borsten. Die Mücke selbst muß man in ihren beiden Geschlechtern besonders betrachten, um sie gründlich kennen zu lernen. Das weit häufigere Weibchen (Fig. a) ändert in seiner Länge, von der Stirn bis zur vorgestreckten Legröhre gemessen, zwischen 2,70 und 3,75 mm ab. Der Körper ist vorherrschend samtschwarz, fait der ganze Bauch, mit Ausschluß eines beinahe quadratischen schwarzen Fleckes auf jedem der sechs mittleren Glieder, die Gelenkeinschnitte des Rückens und eine Mittellinie desselben sind blutrot; eben diese Farbe kommt in der Regel der Fühlerwurzel und den Schulterbeulen zu, dies alles im lebenden Zustand; nach dem Tode gehen wenigstens am Hinterleibe durch Eintrocknen die meisten roten Stellen verloren. Kurze schwarze Haare bedecken überdies den Körper, rötlichgelbe die Fühler, und die Flügel erscheinen durch Härchen, welche ihre Ober- und Unterseite decken, grau getrübt. Außer 2 größeren Grundgliedern setzen 14— 16 kurzgestielte, in der Regel 15 kugelige die Geißel zusammen. Von
den vier Tastergliedern wird jedes folgende etwas länger als das vorhergehende, und eine lebhaft zitternde Bewegung macht sie leicht kenntlich; zwischen ihnen tritt der kurze, gelbe Rüssel hervor, der sich aber auch in die Mundhöhle zurückziehen läßt. Der neun: ringelige Hinterleib läuft in eine äußerst bewegliche Legröhre aus. Zwischen den kohlschwarzen Krallen der sehr langen Beine bemerkt man nur ein scheibenförmiges Haftläppchen, hinter den Mittelbeinen die blaßbraunen Schwinger. Bei dem Männchen beträgt die Körperlänge ziemlich beständig 3 mm, das Schwarz erscheint weniger samtartig, sondern zieht mehr ins Braune, das Rot ist lichter, die Körperbehaarung länger und nur an den Flügeln schwarz, sonst rötlichgelb. Die Fühlergeißel setzen regelrecht 16 Glieder zusammen. Der auffälligste Unterschied der Geschlechter besteht inder Form des Hinterleibes, welchen unsere Abbildungen vergegenwärtigen. Am sehr verkürzten, gelbbraunen neunten Gliede sitzt die dunkelrote Haftzange.
Mit der zweiten Hälfte des April beginnt die Schwärmzeit und dauert etwa 5 Wochen, womit aber nicht gesagt sein soll, daß die Mücke so lange lebe, sondern nur, daß sie während dieser Zeit auskriecht; die Lebensdauer der einzelnen, welche Regen und Kälte nicht vertragen kann, umfaßt nur wenige Tage. Gleich nach dem Ausschlüpfen, an einem warmen und windstillen Tage, erfolgt die Paarung, und das Weibchen legt seine Eier ohne merkliche Unterbrechung hintereinander fort, etwas mehr als 80 und weniger als 100, einzeln oder paarweise zwischen zwei Längsnerven eines Blattes. Sobald die Larve die Eischale verlassen hat, was nach wenigen Tagen geschieht, gleitet sie am Blatte hinab und gelangt hinter dessen Scheide, wo sie sich für immer festsetzt. War es Wintergetreide, an welches die Eier gelegt wurden, so wird sie am ersten oder zweiten Knoten von unten sitzen, dagegen unmittelbar über dem Wurzelstock, wenn das Weibchen Sommersaaten zu seinem Brutplatz erwählte. In beiden Fällen gelingt es ihr für gewöhnlich nicht, die Pflanze zu töten; dieselbe gedeiht, ihr Halm ist aber an der Lagerstätte der Larve durch deren Saugen so beschädigt, daß er die Ahre später nicht zu tragen, zum Teil auch nicht vollständig zu ernähren vermag und durch den Wind leicht umgeknickt wird. Bis gegen den 20. Juni sind die meisten Maden erwachsen, die älteren bereits in Tonnenpüppchen verwandelt, aus welchen im September oder schon Ende August die Sommerbrut entsteht. Die jungen Saatpflänzchen, an denen die Maden der zweiten oder Winterbrut leben, welche den jetzt schwärmenden Mückchen ihren Ursprung verdanken, gehen fast alle zu Grunde, und hierin besonders liegt der große Nachteil, welchen diese Fliege bringen kann und nicht nur in Nordamerika, sondern neuerdings besonders im Posenschen, in Schlesien und anderwärts in Deutschland den genannten Saaten zugefügt hat. Glücklicherweise hat diese Gallmücke nur zwei Bruten, es gibt andere mit dreien und vieren; selten sind die, welche nur eine im Jahre zu stande bringen.
Die Kriebelmücken, Gnitzen (Simulia), gehören zu den kleinsten Mücken und nähern sich durch ihre bucklige Körpertracht schon mehr den Fliegen. Die breiten, milchig getrübten Flügel haben eine fast geeckte Spitze, sehr blasse, nur nach dem Saume zu deutlichere Adern, nebenbei gegabelte und ungegabelte Falten; an den meist gescheckten Beinen machen sich dicke Schenkel und ein langes, erstes Fußglied bemerklich. Kurze elfgliederige Fühler, dünn auslaufende, viergliederige Taster, eine freie, dolchartig zugespitzte Oberlippe, ein zum Stechen eingerichteter Rüssel und der Mangel der Nebenaugen sind als Eigentümlichkeiten des Kopfes zu erwähnen. Die beiden Geschlechter einer und derselben Art unterscheiden sich oft wesentlich inder Färbung und anderweitig. Die Gnitzen treten in un:
geheuern Mengen auf und würden ihrer Kleinheit wegen übersehen, wenn nicht die empfindlichen Stiche ihrer blutdürstigen Weibchen die Aufmerksamkeit auf sie lenkten. Viele der Moskitos von Südamerika (z. B. Simulia pertinax) gehören zu dieser Gattung. Die Larven und Puppen leben im Wasser, wo sie an Steinen, Grashalmen und Wasserpflanzen unter tütenartigen Gehäusen sich aufhalten. Die berüchtigtste europäische Art ist die Columbatscher Mücke (Simulia Columbaczensis Schönbauers), von einem Dorfe im serbischen Distrikte Passarowitz so genannt, wo sie der Aberglaube der Bevölkerung aus einer Felshöhle entstammen läßt, in welcher Ritter St. Georg den Lindwurm erlegte. In dergleichen Felshöhlen flüchten sich nämlich die Mücken bei Unwettern und kommen nachher gleich Nebelwolken daraus hervor. In den Gegenden der ganzen unteren Donau verbreiten sie Furcht und Schrecken unter Menschen und Vieh. So ward z. B. unter dem 26. Juni 1813 aus Wien berichtet, daß im Banat und in einem Teile Ungarns Horn- und Borstenvieh zu vielen Hunderten infolge dieser entsetzlichen Plage während des April und Mai (im August erscheinen sie zum zweitenmal) gefallen sei. Kaum von der Größe eines Flohes, kriechen sie in Nase, Ohren und Maul der Weidetiere, stechen, um Blut zu saugen, und martern diese dergestalt, daß sie in wahrer Tollwut von den Weideplätzen weglaufen und sich infolge des Juckens und der schnell erhärtenden Geschwulst an der gestochenen Stelle aufreiben; das kräftigste Tier kann sich binnen 6 Stunden zu Tode gehetzt haben. Bei dem Menschen fallen die Gnitzen am liebsten in die Augenwinkel ein. Die Colunbatscher besprochene Art stimmt nicht mit der Meigenschen Simulia maculata, l wie man gewöhnlich annimmt, überein, sondern wird von Schiner nach Vergrößert. im Weingeiste aufbewahrten Stücken, welche Kollar an Ort und Stelle gesammelt und in der Natur beobachtet hatte, wie folgt beschrieben: „Unter den Hunderten von Exemplaren findet sich kein einziges Männchen, das Weibchen ist schwärzlich, überall mit weißlicher Bestäubung und messinggelber Behaarung dicht bedeckt, so daß das Rückenschild, besonders vorn, ein schieferbläuliches Aussehen erhält; der Hinterleib weißgelb, oben bräunlich, doch so, daß die weißgelbe Farbe an den Einschnitten noch ziemlich weit hinaufreicht, an trockenen Stücken oft nur die Bauchseite gelb und der Rücken schwarzbraun. Die Fühler sind ganz gelb, die Taster gelb oder gelbbraun, die Beine im Leben weißlich, nach demselben gelblich, die Spitzen der Schenkel und der hinteren Ferse braun, die vorderen Füße durchaus schwarzbraun, die Flügel glashell. Der Körper mißt 3,37 bis beinahe 4 mm. Die zahlreichen Namen, welche viele Arten von den Kerfkundigen erhielten, legen Zeugnis von den Schwierigkeiten ab, welche mit deren richtiger Erkennung verbunden sind.“
Wem wären nicht schon im ersten Frühjahr die plumpen, schwarzen Fliegen aufgefallen, welche an den noch dürren Grasspitzchen hängen, über welche die rauhe Märzluft hinstreicht, welche träge an Buschwerk umherkriechen, besonders da, wo sich die Blattläuse zu zeigen beginnen, aber auch bei warmem Sonnenschein schwerfällig umherfliegen und dabei die Beine lose herabhängen lassen? Zuletzt, wenn sie sich mehren, sieht man sie an gleichen Stellen paarweise aneinander hängen und wundert sich über die große Ungleichheit solcher Pärchen. Es ist die März⸗Haarmücke (Bibio Marci), eine durchaus schwarze, außerdem noch schwarz behaarte Fliege. Wir sehen sie hier S. 488 abgebildet und haben darauf zu achten, daß das kleinere, dickköpfige Wesen, bei welchem der Kopf fast nur ein behaartes Auge ist, das Männchen, das schlankere, welches durch den kleinen rüsselartig verlängerten Kopf mit den kleinen nackten Augen noch den Mückencharakter bewahrt, das Weibchen vorstellt. Auf
der hintersten Ecke des Kopfes lassen sich drei Nebenaugen erkennen, am entgegengesetzten Ende plumpe, neungliederige Fühler, welche halbkugelig auslaufen, und nach unten fünfgliederige, gleichfalls gedrungene Taster. Das stark gewölbte Rückenschild markiert seinen ersten Ring als zwei scharfe Kanten, welche einen spitzen Winkel miteinander bilden. An den kräftigen Beinen, deren hinterste die längsten, fallen die Schenkel durch ihre Keulenform, die Vorderschienen durch einen kräftigen Enddorn, die Klauen und Haftläppchen zwischen ihnen durch ihre Größe auf. Die breiten, vorn stumpfen, stark angeräucherten, am Vorderrande schwarzen Flügel erscheinen wie gestielt, ihre erste Längsader mündet hinter der Flügel: mitte in den Vorderrand, die zweite fehlt, die dritte kommt aus der Wurzel der ersten, verbindet sich mit ihr durch eine schiefe Querader und ist bis zu dieser bedeutend stärker als weiter hin, die ziemlich gerade vierte wird hinter der Querader plötzlich unscheinbar und gabelt sich jenseits, die fünfte sendet aus ihrer Mitte einen oberen Ast aus, welcher durch die immer vorhandene hintere Querader mit der vierten verbunden ist, daher eine vollständige hintere Wurzelzelle bildet, welche länger als die vordere ist.
Nach der Paarung legt das Weibchen 120—150 Eier an Lauberde oder an verfaulte Pflanzenstoffe, besonders auch an Kuh- und Schafmist; die Leichname kann man dann an solchen Stellen umherliegen sehen. Die glatten, weißen Eier spitzen sich nach vorn schwach zu, sie würden sonst vollkommen walzig sein. Nach 3 oder 4 Wochen kommen die Maden daraus hervor, die von der doppelten Länge des Eies sind. Allmählich dunkeln sie, bis sie braungrau werden. In Zwischenräumen von 12—15 Ta: gen häuten sie sich dreimal und haben mit 15 oder 17,5 mm ihre volle Größe erlangt. Es lassen sich an ihnen zwölf Leibesringe unterscheiden, von denen sich der fast kugelige Kopf scharf absetzt, und von denen jeder einen Bor—
stenkranz trägt. Die Mundteile bestehen aus
März-Haarmücke (Bibio Marci) nebst Larve und einer in sechs Zähnen und Wimperhaaren
Puppe. Die beiden letzteren vergrößert. endenden Oberlippe, hornigen Kinnbacken und Kinnladen mit dreigliederigen Tastern und aus einer tasterlosen Unterlippe. Fühler und Augen lassen sich nicht wahrnehmen. Die Luftlöcher stehen längs der Körperseiten. Die Larven überwintern gesellschaftlich in lockerer Lauberde und verwandeln sich erst im Februar oder Anfang März in eine etwas bucklige, in zwei Spitzchen endende Puppe von 8,75—11 mm Länge. Ungefähr 14 Tage später kommen die Fliegen aus der Erde heraus, und auf Gartenbeeten fallen dann die Löcher leicht in die Augen, wenn sie zahlreich vorhanden waren; zuerst pflegen die Weibchen, eine Woche später die Männchen zu erscheinen. — Es gibt eine Menge von Haarmückenarten oder Seidenfliegen, welche in ganz derselben Weise leben, aber alle etwas kleiner sind. Die