Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Schatten; die Länge beträgt reichlich 14— 16 mm. Von gleicher Größe und noch viel gemeiner ist die durchscheinende Flatterfliege (Volucella pellucens, Fig. 2, ©. 501), kenntlich an der weißen Wurzel des nackten Hinterleibes und der gelben der dunkelfleckigen Flügel. Die zahlreichen Eristalis- Arten unterscheiden sich im wesentlichen von voriger Gattung dadurch, daß die kleine und schiefe Querader hinter der Mitte der Mittelzelle mündet, und daß die dritte Längsader sich sehr tief nach dem Innenrand hin einsenkt; wie dort ist auch hier die Randzelle geschlossen. Die Fühlerborste bleibt bei den einen nackt, bei den anderen versieht sie sich mit kurzen Fiederhaaren. Die Schlammfliege (Eristalis tenax, Fig. 1, S. 501) findet sich in ganz Europa, im Norden und Süden Afrikas, in China und Japan und seit einigen Jahrzehnten in allen Teilen der Vereinigten Staaten Nordamerikas. Sie erscheint im ersten Frühjahr und gehört zu den letzten der Insekten, welche vor dem Winterschlaf der Natur die vereinzelten Blümchen besuchen; am 6. Oktober, ER
dem schon einige Nachtfröste vorangegangen waren, fand ich eine eben ausgeschlüpfte Fliege 2 mit noch unentwickelten Flügeln. Wer es nicht besser versteht, hält sie für eine Drohne, 912 7 so ähnlich ist sie ihr in Größe, Gestalt und Gesumme, wenn man sie anfaßt, doch ergibt —= sich ihre Fliegennatur bei einem flüchtigen Blicke aus dem Vorhandensein von nur zwei 21 Flügeln, und deren Bau läßt sie sofort als eine Eristalis erkennen, eine nackte Art mit € nackter Fühlerborste auf dem Rücken des fast kreisrunden Endgliedes. Wie bei allen * 2
Gattungsgenossen überzieht die Augen ein feines schwarzes Haarkleid, welches sicher nur unter dem Vergrößerungsglas entdeckt wird; den übrigen Kopf, mit Ausschluß einer glänzend schwarzen Gesichtsstrieme, decken braungelbe Härchen, ebenso das Bruststück. Der dunkelbraune, fünfgliederige Hinterleib hat an seinen vorderen Gliedern mehr oder weniger deutliche gelbliche Seitenflecke und ist nach außen, besonders aber am etwas hohlen Bauche, ebenfalls behaart. Die Hinterschenkel, wenig länger als die übrigen, sind wie ihre gekrümmten Schienen (gleichfalls eine Eigentümlichkeit der ganzen Gattung) an der oberen und unteren Kante mit einer Reihe schwärzlicher Borstchen besetzt. Woher aber der wenig zierende Name „Schlammfliege“ für ein so sauberes, die Blumen liebendes Tier? Sie hat ihn ihrer Larve zu danken, welche im Schlamme, besonders an jauchigen Plätzen neben Viehställen, in Rinnsteinen, wo sich Bodensatz ablagert, und an ähnlichen schmutzigen Orten ihre Wohnung aufschlägt und als „Rattenschwanzmade“ hier, als „Mäuschen“ da,
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- Schlammfliege (Eristalis tenax) nebst Larve. 2) Durchscheinende Flatterfliege (Volucella pellucens). 3) Conopsartige Stielhornfliege (Ceria conopsoides). Natürliche Größe.
wie in Schlesien, bekannt ist, ohne daß man weiß, in welches geflügelte Wesen sie sich verwandelt. Ausgewachsen mißt die schmutzig graue, walzige Larve, deren Eingeweide von außen sichtbar find, 17,5 und der fadenförmige Schwanz in seiner vollen Länge noch 19,5 mm. Das Vorderende stülpt sich etwas faltig ein und hat die gewöhnlichen zwei Hornhaken, der Bauch Borstenreihen, welche bei der Fortbewegung dienen, besonders auch beim Kriechen nach trockenen Stellen, bis zu geringer Höhe an den Wänden empor, wenn die Verpuppung bevorsteht. Der Schwanz endet in eine dünne, aus- und einziehbare rötliche Spitze. Wenn sich die Made in mehr wässeriger Flüssigkeit aufhält, hängt sie, gleich der Mückenlarve, mit ihm an der Oberfläche, um zu atmen. Wo man viele dieser Maden findet, zeigen sich später, und zwar an trockneren Stellen, erhärtete Gebilde, denen man ansieht, daß sie aus jenen entstanden; es sind die Puppen, die erhärteten, stark querfaltigen „Mäuschen“, welche vorn ein Paar ohrartige Ansätze als Atmungswerkzeuge tragen. Nach 12 oder 14 Tagen löst sich ein Deckelchen samt diesen los, und die Fliege kommt hervor. Die im ersten Frühling an Weidenkätzchen schmausenden Stücke halte ich für überwinterte Spätlinge des vorigen Jahres, möglichenfalls sind es auch eben den Puppen entschlüpfte Ankömmlinge; überdies dürfte die Fliege auch im Eizustand überwintern. Die genannte Art kommt indes nicht allein aus den wunderlichen Maden, sondern noch andere derselben und nächst verwandten Gattung Helophilus, welche sich durch die offene Randzelle und etwas dickere, jedoch nicht gezahnte Hinterschenkel von Eristalis in der Hauptsache unterscheidet. Arten, wie Helophilus pendulus, H. trivittatus, welche sich durch einen gelbstriemigen Rücken und gelb gefleckten, wie gebänderten Hinterleib auszeichnen, treiben sich gleichzeitig mit der
Schlammfliege im Hochsommer auf Feld- und Waldblumen in Menge umher und unterscheiden sich in ihrer Aufführung in nichts von ihr.
Ich kann nicht von den Syrphiden scheiden, ohne noch der ungemein zierlichen conopsartigen Stielhornfliege (Ceria conopsoides, Fig. 3, S. 501) zu gedenken, welche man oft neben den Flatterfliegen auf blühendem Liguster antrifft; auch andere blühende Sträucher und kranke Stellen an Baumstämmen, denen der Saft entquillt, besucht fie, die überall nur einzeln Vorkommende. Der lange Stiel, auf welchem die Fühler stehen, und die gelben Zeichnungen auf mattschwarzem Grunde zeichnen die genannte Art aus sowie ein dunkler Strahl von brauner Färbung die halb gehobenen, halb klaffenden Flügel. Die Gattung Ceria erkennt man an dem hier weißen Endgriffel des letzten Fühlergliedes und an der in der Mitte verengerten und durch einen der dritten Längsader entspringenden Aderanhang in zwei Hälften geteilten ersten Hinterrandzelle. Abgesehen von den auf dem Scheitel zusammenstoßenden Augen, unterscheidet sich das Männchen vom Weibchen durch den vollkommen walzigen Hinterleib, der sich bei letzterem in der Mitte schwach erweitert. Die Larve, welche im Mulme alter Baumstämme lebt, hat Ahnlichkeit mit den Syrphus- Larven, statt des Schwänzchens aber einen griffelartigen Stigmenträger und eine wie durch Dörnchen rauhe Oberfläche.
Durch Körpertracht, Zeichnungsanlage und besonders durch die Form der Fühler, welche wie gestielt aussehen, irre geleitet, könnte man die Dickkopffliegen (Conops) leicht mit der vorigen Gattung verwechseln, wenn sie sich nicht in anderer Rücksicht jo wesentlich voneinander unterschieden, daß man sie sogar einer besonderen Familie (Conopidae) hat zuweisen müssen. Der große Kopf ist breiter als das Halsschild, geht wenig unter die Augen herab und zeichnet sich durch ein gedunsenes Untergesicht aus. Wenn sich dieses bei den Schwebfliegen glatt und in der Mitte nasenartig erhaben daritellt, jo zieht sich hier eine Längsfurche, welche beiderseits von einer nach oben breiter werdenden Kante begrenzt wird, bis zu der großen Mundöffnung herunter, aus welcher ein geknieter, horniger Rüssel mit sehr kleiner Saugfläche wagerecht und meist lang hervorragt. Die hinter den Fühlern eingedrückte Stirn ist bei beiden Geschlechtern breit, am Scheitel mit einer durchsichtigen Blase versehen, welche die Nebenaugen verdrängt hat. Auf einer Erhöhung stehen dicht bei einander die langen Fühler, deren erstes Glied am kürzesten ist, während die beiden folgenden zusammen eine schmale Keule bilden, welche sich jedoch durch den dreigliederigen Endgriffel wieder zuspitzt. Der gestreckte, beim Männchen kolbige und vorn verengerte, beim Weibchen mehr walzige Hinterleib biegt sich an der Spitze nach unten um und trägt bei letzterem am Bauche ein hornartiges, oft weit vorgestrecktes Organ. Wenn nicht hierdurch, so unterscheiden sich die Weibchen durch geringere Länge der Haftläppchen und Fußklauen oder durch verhältnismäßige Kürze des fünften Ringes vom anderen Geschlecht. An den ziemlich langen und dünnen Beinen verdicken sich die hintersten Schenkel schwach und ganz allmählich, und zwischen den Krallen aller Beine kommen sehr entwickelte Haftläppchen vor. Die langen und schmalen Flügel haben eine doppelte erste Längsader, deren beide Zweige vorn durch eine Querader verbunden sind, eine einfache dritte, eine geschlossene und gestielte erste Hinterrandzelle, eine bis nahe zum Rande verlängerte, ebenfalls geschlossene und gestielte Analzelle und große Lappen. Daß die alten Griechen den Gattungsnamen zur Bezeichnung der Stechmücken gebraucht haben, wurde früher beiläufig erwähnt. Die hübschen Fliegen finden sich auf Blumen ein und erscheinen mehr träge als lebendig. Von mehreren Arten weiß man, daß sie schmarotzend in den Hinterleibern gewisser
Aderflügler ihre Entwickelung durchgemacht und sich oft ein halbes Jahr und länger nach dem Tode des Wirtes zwischen den vorderen Ringen des Hinterleibes herausgearbeitet haben. Ich entdeckte im Nacken eines Bombus elegans, welcher mindestens die angegebene Zeit in meiner Sammlung gesteckt hatte, ein Loch mit halb hervorragender Puppenhülse, und in demselben Kasten die Leiche des Conops vittatus. Dieselbe Art wurde auch aus Eucera antennata und aus einem Grashüpfer (Oedipoda cyanoptera) erzogen, Conops rufipes aus der Erdhummel, C. flavipes aus einer Osmia, C. chrysorrhoeus aus Bembex tarsata, C. auripes aus einer Hummel und nicht genannte Arten aus Vespa, Oedinerus, Pompilus audax, Sphex flavipennis. In betreff der übrigen Umstände, namentlich wie der Schmarotzer in den Wirt gelangt, ist noch nichts näher ermittelt, höchstens zu vermuten, daß hier nicht die Larve, sondern das fertige Kerbtier von dem Schmarotzer beehrt wird. Außerdem scheint die schwankende Größe der Fliegen ein und derselben Art dafür zu sprechen, daß jede nicht auf eine Kerfart angewiesen ist, sondern bei verschiedenen schmarotzt, wie dies von der gestreiften Dickkopffliege (Conops vittatus) bereits nachgewiesen worden ist. Höchst wunderlich nimmt es sich aus, die Arten der nahe verwandten Gattung Blasenkopf (Myopa) in der Ruhe an einem Zweige sitzen zu sehen, wovon auf unserem
Frühlingsbilde der rostrote Blasenkopf (Myopa ferruginea) rechts auf der obersten Weidenknospe eine Vorstellung gibt. Sie wirft ihren aufgeblasenen, dicken Kopf noch mehr nach hinten und hat in ihrem ungeschlachten Ansehen viel Herausforderndes und Drohendes, obschon ihr Wesen vollkommen harmlos und friedlich ist. Vom Dickkopf unterscheidet sich der Blasenkopf durch eine zweigliederige, kurze, griffelartige Rückenborste der Fühler, durch das Vorhandensein von Nebenaugen und durch einen doppelt geknieten Rüssel, welcher der Gattung wohl auch den Namen Taschenmesserfliege eingetragen hat. Die genannte Art, eine von einigen 20 Europäern, ist glänzend rostrot, im Gesichte goldgelb, am Rückenschild mit drei Längsstriemen, am Hinterleib mit weiß seidenglänzenden Querbinden gezeichnet. Auch diese Kerfe, welche zeitig im Frühjahr fliegen, scheinen bei Immen zu schmarotzen.
In wesentlich verschiedener Form tritt das Schmarotzertum bei einer kleinen Familie auf, welche man Dassel-⸗, Biesfliegen oder Bremen (Oestridae) genannt hat. Die Arten suchen in verschiedener Weise und vorherrschend die behuften Haustiere und das Hochwild heim, einzelne haben sich auch als Parasiten von Beutel- und Nagetieren erwiesen, und es dürften gewiß noch andere Säuger von ihnen geplagt werden, nur entzogen sich bisher die Fliegen der sehr schwierigen näheren Beobachtung. In den heißen Ländern wird bisweilen auch der Mensch von Bremen heimgesucht, deren Larven in der Kopfhaut, der Nasenhöhle, dem äußeren Gehörgang, ja auch im Magen gefunden worden sind, in Brasilien Ura, in Cayenne Ver macaque, in Costarica Torcel, bei den Maynasindianern Suglacuru, in Neugranada Gusano peludo oder nuche heißen und einem
Menschenöstriden (Oestrus hominis) angehören sollen. Dem ist jedoch nicht so, sondern eine und die andere Art, welche bei Rindern, Hunden, Pferden, Maultieren ꝛc. schmarotzt, hat sich in den vorliegenden Fällen einmal zu einem Menschen verirrt.
Die Larven der in Rede stehenden Fliegen leben entweder unter der Haut und ernähren sich von dem Eiter der Beulen (Dasselbeule), welche sie erzeugen — dies die Hautöstriden —, oder setzen sich an die Innenwände des Magens, auch der Gedärme, Magenöstriden, noch andere endlich, die Nasenbremen, kommen in der Nasen- und Rachenhöhle vor. An vielen dieser Larven hat man mehrmalige Häutungen und damit
Au
verbundene unbedeutende Formveränderungen beobachtet; sind sie reif, so verlassen sie das Wohntier, um sich auf oder flach unter der Erde in ein Tonnenpüppchen zu verwandeln. Die Fliegen selbst haben eine kurze Lebensdauer, während welcher viele von ihnen im Sonnenschein auf kahlen Höhen unter starkem Gesumme umherfliegen. Die hölzernen Gerüste in Gebirgsgegenden, welche z. B. im Harz an verschiedenen Punkten eine Weitsicht ermöglichen sollen, gehören zu den besten Fangplätzen. Körperlich zeichnen sich die Dasselfliegen durch warzenförmige, in einer Stirngrube eingesenkte Fühler aus, welche mit einer Borste enden, und durch den ungemein verkümmerten, zur Aufnahme von Nahrung kaum geeigneten Rüssel. Nebenaugen sind vorhanden. Der sechsgliederige Hinterleib endet beim Männchen stumpf, beim Weibchen in eine lang ausstreckbare Legröhre. Das Flügelgeäder stimmt am meisten mit dem der Familie der Musciden, welche wir folgen lassen, überein. Der Linnésche Gattungsname Oestrus blieb heutzutage nur noch wenigen Arten, denn je nach dem Aderverlauf der Flügel, der Beschaffenheit der Fühler, des Mundes und des Gesichtes hat man N noch 13 andere daneben aufgestellt. Da wir diesem so O hochwichtigen Gegenstand hier unmöglich den Raum widmen können, welcher ihm gebührt, so verweisen wir auf die Forschungen Fr. Brauers, denen wir viele Auf: klärungen auf diesem geheimnisvollen Gebiete zu ver: danken haben, und die er in seiner „Monographie der Ostriden“ (Wien 1863) niedergelegt und durch spätere Nachträge in den „Verhandlungen der k. k. zoologischbotanischen Gesellschaft“ ergänzt hat.