Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die graue Fleischfliege (Sarcophaga carnaria, Fig. 6, ©. 510) begegnet uns für gewöhnlich nicht in den Häusern, desto häufiger aber vom Mai ab das ganze Jahr hindurch draußen im Freien, an Baumstämmen, auf Blumen, an Wegen und besonders überall da, wo sich verwesende Tier- und Pflanzenstoffe vorfinden. Sie wechselt sehr in der Größe. Das immer kleinere Männchen übertrifft manchmal kaum eine recht feiste Stubenfliege, während das Weibchen in der Regel reichlich 15 mm mißt. Das blaßgelb schillernde Gesicht, der lichtgraue, ebenso schillernde, mit schwarzen Striemen wechselnde Rücken, der braune, schwarz und gelb schillernde, würfelig gezeichnete Hinterleib und die samtschwarze Stirnstrieme machen fie in Hinsicht auf Färbung kenntlich. Weiter hat die Fliege eine an der Wurzelhälfte dickere, hier dicht befiederte Fühlerborste, gekeulte Taster am kurz vortretenden Rüssel und wenig auffällige Großborsten am gestreckt eiförmigen, beim Männchen fast walzigen Hinterleib. In den großen Flügeln mündet die erste, offene Hinterrandzelle weit von der Spitze, während die vierte Längsader (Spitzenquerader) winkelig abbiegt und sich als Falte hinter der Beugung noch fortsetzt. Diese und alle ihrer Gattung angehörigen Fliegen legen keine Eier, sondern gebären Maden, welche aus jenen bereits im Leibe der Mutter ausgeschlüpft find. Schon Réèéaumur bemerkte diese Thatsachen an der grauen Fleischfliege und untersuchte sie genauer. Der Eierstock erscheint als ein Gefäß, dessen Wandungen wie ein Band geformt und spiralförmig zusammengerollt sind. Wickelt man eins auf, so ergibt sich eine Länge von ungefähr 65 mm, während die Fliege selbst nicht viel mehr als 15 mm mißt. Der Breite nach liegen 20 Maden und auf einer Länge von 6,5 mm 100 nebeneinander, mithin in einem Bandstück von genannter Länge 20 * 100, was für den ganzen Cierstock 20,000 Larven betragen würde, welche einzeln in einer dünnen Eihaut eingeschlossen und auf diese Weise in Ordnung erhalten werden, am Ende des Eierstockes auch weiter entwickelt sind als an dem von den Eileitern entfernteren Teile. Angenommen, daß nicht die Hälfte der ungeheuern Zahl zur Entwickelung gelangt, wozu eben kein Grund vorliegt, und etwa nur 8000 geboren würden, so ist die Fruchtbarkeit dieser Fliegen immerhin noch eine Schrecken erregende. Die Neugeborenen wachsen wie das ihnen verwandte Ungeziefer sehr schnell und haben nach 8 Tagen ihre volle Größe erlangt. Sie sind kegelförmig, schmutzig weiß, mit zwei schwarzen Hornhaken am vorderen, zugespitzten Teile und zwei Fleischspitzchen darüber versehen. Das abgestutzte Hinterende höhlt sich aus, wird von zusammenziehbaren Warzen umgeben und enthält im Innenraum, anscheinend als zwei dunkle Punkte, in Wirklichkeit als dreilapp-herzförmige Flächen, je drei Luftlöcher; noch ein gezahntes Luftloch befindet sich jederseits vorn. In irgend einem Winkel oder flach unter der Erde wird die Made zu einem schwarzbraunen Tönnchen,
dessen sehr unebenes Leibesende durch eine scharf gekantete Aushöhlung die entsprechende Stelle der Larve andeutet. Bouchés Erfahrungen stimmen nicht mit denen Réeaumurs und Degeers überein, indem er eine Puppenruhe von 4— 8 Wochen, ebenso eine längere Entwickelungszeit der Larve und nur in faulenden Pflanzenstoffen, nicht im Fleische beobachtete und darum eine teilweise Verwechselung mit der blauen Schmeißfliege voraussetzt. Fortgesetzte Beobachtungen an verschiedenen Gemeinfliegen haben außerordentlich verschiedenartige Entwickelungsorte einer und derselben Art erkennen lassen, und selbstverständlich ist trotz ihres Namens die in Rede stehende Art als Larve am wenigsten auf Fleischkost angewiesen, da sie solche im Freien nur sparsam finden würde. Daß Ausnahmefälle vorkommen können, werden wir nachher sehen.
Kein Tier — das kann wohl ohne Übertreibung behauptet werden — ist dem Menschen ohne sein Zuthun und ohne ihn selbst zu bewohnen, ein so treuer, in der Regel recht lästiger, unter Umständen unausstehlicher Begleiter, als die Stubenfliege (Musca domestica,
Fig. 8, S. 510). Sie versteht es ebensogut, sich im kalten Lappland häuslich einzurichten, wie die Annehmlichkeiten der Länder unter dem heißen Erdgürtel zu würdigen. Wir alle kennen ihre schlimmen Eigenschaften, die Zudringlichkeit, Naschhaftigkeit und die Sucht, alles und jedes zu besudeln; eine Tugend wird niemand von ihr zu rühmen wissen. Besonders gegen Ende des Sommers, wo sie die kühlen Nächte und Morgen massenhaft in die Häuser treiben, wird sie in den Zimmern am lästigsten, doch für den Nordländer und Bewohner des mittleren Europa noch nicht in dem Maße wie für den Südländer. „Ich traf“, erzählt A. Young in feiner interessanten ‚Reife durch Frankreich“, „zwischen Pradelles und Thuytz Maulbeeren und Fliegen zugleich. Unter dem Ausdruck „Fliegen“ meine ich jene Myriaden, welche den unangenehmsten Umstand des südlichen Klimas ausmachen. Sie sind die vorzüglichsten Qualen in Spanien, Italien und den Olivendistrikten Frankreichs, nicht, weil sie beißen, stechen oder verletzen, sondern weil sie summen und necken. Mund, Augen, Ohren und Nase werden einem voll davon, sie schwärmen über alles Eßbare, Obst, Zucker, Milch. Jedes Ding wird von ihnen in solchen zahllosen Heeren angefallen, daß es unmöglich ist, eine Mahlzeit zu halten, wenn sie nicht von jemand, der nichts anderes zu thun hat, unablässig vertrieben werden. Auf zubereitetem Papier und mittels anderer Erfindungen werden sie mit solcher Leichtigkeit und in solcher Menge gefangen, daß es bloße Nachlässigkeit ist, wenn sie so unglaublich überhandnehmen. Wenn ich in diesen Gegenden Landwirtschaft triebe, jo würde ich 4—5 Morgen alljährlich mit toten Fliegen düngen.“ Obgleich später im Jahre eine Zeit kommt, in welcher sie verschwunden sind, erhält sich doch die eine oder andere auch während des Winters in unseren Zimmern, noch mehr aber in den warmen Ställen, und es bedarf nur einiger schönen Tage im jungen Jahre, so lassen sie sich hier und da auch im Freien von der Frühlingssonne bescheinen. Eine ganz eigentümliche Todesart unter ihnen fällt einmal mehr, das andere Mal weniger in die Augen: mit ausgespreizten Beinen trifft man sie an den Wänden oder draußen an beliebigen Gegenständen, der Hinterleib ist ihnen angeschwollen, die Verbindungshaut seiner Glieder tritt als leistenartiger Schimmelstreifen auf, so daß der Hinterleib braun und weiß geringelt erscheint. Beim Offnen findet man denselben hohl und gleichfalls schimmelig. Selbst die Stelle, an welcher sie sitzen, ist mit einem Anflug jenes Pilzes überzogen, welcher den Leichnam festhält.
Die Stubenfliege hat eine bis zur Spitze beiderseits gefiederte Fühlerborste, keine Großborsten auf dem Rücken der vier Hinterleibsringe, eine winkelig zur dritten aufgebogene vierte Längsader und keine einzelnen Borsten an der Innenseite der Mittelichienen.
Letztere kommen vor bei der schwarzblauen Schmeißfliege, dem Brummer (Musca oder Calliphora vomitoria, Fig. 1, S. 510). Schwarze, rot behaarte Backen, vier schwarze,
nicht eben sehr deutliche Striemen über das Rückenschild, auf welchem nur Borsten, keine Haaren stehen, rotgelbe Taster, schwarze Beine und ein stark weißer Schimmer am blauen Hinterleib und an dem schwärzlichen Untergesicht machen diese kenntlich, das Weibchen überdies noch eine sehr breite schwarze, an den Seiten grau schillernde Stirnstrieme. Wer N sollte sie nicht schon gesehen und gehört haben, jene große (8,75—13 mm messende) Brummfliege, welche sich sofort einstellt, wenn sie aus weiter Ferne Fleisch wittert, um ihre Eier (Schmeiß) daran zu legen, und in unseren Wohnzimmern unter beständigem Räsonnieren gegen die Fensterscheiben rennt, als wollte sie sich den Kopf einstoßen. Die Fruchtbarkeit beider Arten erreicht eine außerordentliche Höhe durch die Menge der Eier, welche die Weibchen absetzen, und durch die Schnelligkeit, mit welcher die Brut sich entwickelt; letztere wird nach Davidsons Beobachtungen durch Dunkelheit und Wärme bei der Schmeißfliege begünstigt. Die Stubenfliege legt deren in Klümpchen von 60— 70 Stück in Zeit einer Viertelstunde. Von Gestalt find fie fast walzenförmig, nur vorn, wo die Made heraus-kommt, etwas spitzer, ihre zarte Haut glänzt wie Perlmutter. Die der Schmeißfliege haben die etwas gekrümmte Form einer Gurke und an der eingebogenen Seite eine Längsleiste,
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Schmeißfliege (Musca vomitoria): 1) Fliege, 2) Eier, 3) Larven, 4) Tonnenpuppe. 5) Graue Fleischfliege (Sarcophaga carnaria): 6) neugeborne Larven, 7) erwachsene Larve derselben. 8) Stubenfliege (Musca domestica) nebst Larve. 9) Wadenstecher (Stomoxys caleitrans). 10) Kopf der Stubenfliege. 11) Vorderes Fußglied der grauen Fleischfliege. 12) Von Pilzen getötete Stubenfliege. Nur 10 und 11 vergrößert.
in welcher sich die Schale öffnet; auch fie werden zu 20— 100 auf ein Häuflein gelegt, bis 200 von jedem Weibchen, vorzugsweise an Fleisch, die der Stubenfliege besonders an Mist, jedoch sind beide Mütter nicht gerade wählerisch; die Stubenfliege verschmäht das Fleisch nicht, legt ihre Eier auch an verdorbenes Brot oder Getreide, Melonenschnitte, tote Tiere, in nicht rein gehaltene Spucknäpfe, ja, an den Schnupftabak in den Dosen, wenn man sie ihr offen stehen läßt; die Schmeißfliege geht an alten Käse (die springenden Maden desselben gehören aber nicht ihr, sondern zu Piophila casei), an Aas, irre geleitet durch ihren sehr scharfen Geruchssinn an die sonderbaren Blüten der Aaspflanzen (Stapelia) und dergleichen. In höchstens 24 Stunden kriechen die Maden aus; sie sind weiß, kegelförmig von Gestalt, hinten gestutzt, beide aber an ihren Enden von verschiedenem Ansehen. Die Maden der Stubenfliege scheinen nur einen schwarzen Haken im Munde zu haben, weil beide, wie bei manchen Blumenfliegen, vollkommen gleich sind und dicht nebeneinander liegen; die der Schmeißfliege haben zwar zwei gleiche, aber durch eine Art von dazwischen liegendem kurzen Pfeil getrennte Haken. Der flüssige Unrat,
welchen die Maden von sich geben, scheint die Fäulnis ihrer Nahrung, besonders des Fleisches, zu beschleunigen. Bald sind die von ihnen bewohnten Gegenstände durchwühlt; denn, obgleich ohne Augen, fliehen sie das Licht und arbeiten sich daher schnell in jene hinein. Ein Beobachter ließ eine Schmeißfliege ihre Eier an einen Fisch legen. Am zweiten Tage nach dem Ausschlüpfen waren die Maden schon noch einmal so groß, aber immer noch klein genug, daß ihrer 25—30 zusammen kaum 1 Gran wogen, am dritten Tage wog jede für sich schon 7 Gran, war also binnen 24 Stunden gegen 200mal schwerer geworden.
In England trug sich vorzeiten eine grauenhafte Geschichte zu, welche von verschiedenen glaubhaften Seiten bestätigt wird, und anderwärts haben ähnliche Erfahrungen den Beweis für das schnelle Wachstum solchen Ungeziefers und seiner Gefährlichkeit geliefert. Ein Almosenempfänger, welcher infolge seines unruhigen Wesens nicht Lust hatte, im Arbeitshause seiner Pfarrei zu bleiben, sondern es vorzog, in den benachbarten Dörfern bettelnd umherzustrolchen, erhielt milde Gaben, meist aus Brot und Fleisch bestehend. Wenn er seinen Hunger gestillt hatte, pflegte er das Übrigbleibende, besonders das Fleisch, zwischen Haut und Hemd zu stecken und auf der Brust zu tragen. Nachdem er einst einen beträchtlichen Vorrat davon gesammelt hatte, wurde er unpäßlich und legte sich auf einem Feldweg nieder, wo von der Sonnenhitze jener Jahreszeit (es war Mitte Juni) das Fleisch bald in Fäulnis überging und voll Fliegenlarven wurde. Diese fuhren nicht nur fort, die unbelebten Fleischstücke zu verzehren, sondern auch der lebende Körper blieb nicht verschont. Als der Unglückliche zufällig von einigen Vorübergehenden gefunden wurde, war er so von den Maden angefressen, daß sein Tod unvermeidlich schien. Nachdem man, so gut es gehen wollte, dieses ekelhafte Geziefer entfernt hatte, führten ihn die barmherzigen Samariter in ihre Heimat und holten sogleich einen Wundarzt herbei, welcher erklärte, der Körper befände sich in einem solchen Zustande, daß er den Verband nur einige Stunden überleben würde. Wirklich starb der Unglückliche, angefressen von Fliegenmaden. Da die Zeit nicht angegeben ist, wie lange er dagelegen hatte, und nicht anzunehmen, daß es mehrere Tage gewesen, so dürfte hier keine der beiden Musca-Arten in Betracht kommen, sondern eine lebendig gebärende Sarcophaga. In Paraguay sind Fälle vorgekommen, wo Leute von heftigem Kopfweh nach Nasenbluten während des Schlafes befallen wurden und nicht eher Erleichterung fanden, bis sie einige Fliegenmaden herausgeniest hatten. Fieberkranke auf Jamaika müssen mit größter Sorgfalt beobachtet werden, damit ihnen nicht eine große blaue Fliege ihre Eier in die Nase oder an das Zahnfleisch lege, von wo aus einzelne Maden schon bis zum Gehirn gelangt sind und dem Unglücklichen einen entsetzlichen Tod gebracht haben. Lassen wir es dahingestellt sein, ob die verderblichen Fliegenlarven gerade die hier besprochenen Arten sind, da es noch sehr viele andere gibt, welche ganz ebenso leben. Erwiesen ist z. B., daß die Maden von Sarcophaga latifrons aus Ohrgeschwüren herausgeschnitten worden sind; ich besitze deren zwei, welche durch Behandlung mit Benzin aus einem sehr schmerzhaften Ohrgeschwür eines Knaben herausgekommen sind, und in einem anderen Falle war es mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fleischfliegenlarve, welche den inneren Augenwinkel eines anderen Knaben, der im Freien eingeschlafen war, in einer Weise verletzt hatte, daß er die Sehkraft verlor. Unter allen Umständen geht aus den angeführten Beispielen hervor, wie gefährlich es ist, während der warmen Jahreszeit im Freien zu schlafen, da die von seiten an sich harmloser Geschöpfe uns drohenden Gefahren größere Bedeutung haben, als wir zu glauben geneigt sind. Die medizinische Wissenschaft hat schon seit länger gewisse Krankheitserscheinungen als Myiasis bezeichnet, welche durch Fliegenlarven am menschlichen (und tierischen) Körper hervorgerufen werden und in erster Linie die Sarcophaga (Sarcophila) magnifica oder Wohlfahrti als die Urheberin angeführt.