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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Bandfüßiges Grünauge (Chlorops ente bench. Bede velgroßert.

Die weiße Made der Sommerbrut veranlaßt durch ihr Saugen am Halm des Weizens (und der Gerste) eine Verunstaltung, welche die Engländer als „Gicht“ oder „Podagra“ bezeichnen, und die darin besteht, daß um die flache Furche, welche sie in der Regel von der Ahre bis zum ersten Knoten verursacht, die Zellen anschwellen, der Halm wie geknittert erscheint, an der gegenüberliegenden Seite weich und dünn bleibt und zur Fäulnis neigt. Infolgedessen kommt die Ahre entweder gar nicht vollständig aus der Blattscheide heraus oder erlangt nicht die volle Entwickelung, wenn fie sich aus jener mühsam hervordrängt. Die mit 4,5 mm Länge erwachsene Larve verpuppt sich in der Regel nahe dem obersten Knoten zwischen Halm und Blattscheide, wo man sie meist einzeln antrifft, ausnahmsweise auch in der Ahre. Nach 17— 21 Tagen Puppenruhe entfaltet sich die Fliege im August. Das Weibchen legt seine Eier jetzt an die Wintersaaten, an welchen die Larve in derselben Weise auftritt wie die des Getreideverwüsters, der früher erwähnten Cecidomyia destructor, und unter Umständen die zarten Pflanzen noch vor Eintritt des Winters tötet. i

Die Fritfliege (Oseinis frit) ift eine kaum 1,7 mm messende, genau ebenso ge-baute, glänzend schwarze Fliege, welche nach Haberlands Beobachtungen, in Böhmen wenigstens, drei Bruten zu stande bringt, deren erste die Frühlingssaaten, die zweite die reifenden Haferkörner und die dritte die Wintersaaten beschädigen soll. Beide Arten werden in Schweden unter dem Namen „Kornflugan“ zusammengefaßt, und der von ihnen angerichtete Schade zeitweilig bis auf 500,000 Kronen berechnet. — Höchst auffallend wird das bisweilen massenhafte Schwärmen mancher Grünaugen, ohne daß damit bemerkbare Schädigungen durch ihre Larven verbunden sind. So stiegen im Spätsommer 1857 von dem Dache eines Hauses in Zittau dichte Wolken auf und glichen jo täuschend auf: wirbelndem Rauche, daß man mit Spritzen und Wasser herbeieilte, um das vermeintliche Feuer zu löschen. Die genaue Untersuchung ergab, daß Millionen der kleinen Chlorops nasuta aus einer durch einen abgebrochenen Ziegel entstandenen Dachlücke hervordrangen und den Irrtum veranlaßten. Gleichzeitig fand sich dieselbe Fliege in und an einigen anderen Häusern der Stadt in ungeheuern Mengen. In der zweiten Hälfte des September 1865 traf ich an der Decke einer Sommerwohnung im Harze (Suderode) während einiger Tage wahrscheinlich dieselbe Art in solchen Mengen, daß jene große, schwarze Flecke zeigte; als es wärmer wurde, kamen die Fliegen an die Fenster herab und färbten diese gleichfalls stellenweise schwarz. Ahnliche Wahrnehmungen, wie die erwähnten, gehören hier und da nicht eben zu großen Seltenheiten.

Als wunderliches Fliegenvölkchen empfehlen sich uns zum Abschiede die Arten der Gattung Phora und ihre nächsten Verwandten. Die kleinen, buckligen Tiere rennen mit einer gewissen Wut, einem Eifer, dessen Grund man nicht recht begreift, auf Blättern der Gebüsche, an Planken und mitunter auch an Fensterscheiben umher, fliegen wenig und ohne Ausdauer und kommen in mehr denn 80 Arten über ganz Europa verbreitet vor. Der Kopf ist gesenkt und kurz, der Brustkasten hoch gewölbt und der Hinterleib abschüssig, wodurch eben das bucklige Ansehen des ganzen Körpers bewirkt wird. Der Kopf trägt kurze, warzenförmige Fühler, deren große, bald nackte, bald befiederte Rückenborste sich hoch auf: richtet; die borstigen Taster stehen gleichfalls hervor. Durch verlängerte Hüften und breitgedrückte Schenkel erscheinen die Beine kräftig. Bis zur Mündung der stark verdickten zweiten Längsader trägt der Vorderrand der großen Flügel Stachelborsten. Bei genauerer Betrachtung hat man die eben genannte Ader für die dritte anzusehen, welche sich vorn öfters gabelt und zwei blasse Aste in die Fläche sendet; von dem hinteren Aderstamm find nur zwei vorhanden, die Analzelle fehlt stets. Die dicke Buckelfliege (Phora incrassata) ist glänzend schwarz, der Hinterleib matt grau, sein erstes Glied am Ende

weiß gerandet. Die Augen sind sehr fein behaart, die glashellen, an der Wurzel gelblichen Flügel werden nur von vier Längsadern durchzogen, deren erste (der obere Ast der dritten) mehr gerade erscheint und nicht 8-förmig gebogen ist. An den pechschwarzen Beinen, deren vorderste von der Vorderhälfte der Schenkel an gelblich werden, fällt die kräftige Borstenbewehrung, besonders auch an den Hüften, bei dieser Art in die Augen. In den meisten Gegenden Deutschlands, in Schweden und Rußland kommt die Fliege den Sommer und Herbst hindurch auf Gesträuch und an Planken vor und kriecht in die Bienenstöcke, um den ziemlich erwachsenen Larven in den noch nicht gedeckelten Zellen je ein Ei unter die Haut zu legen, und zwar so, daß sie die Legröhre zwischen zwei Leibesringen einführt und das Ei gleichlaufend mit der Längenachse der Bienenlarve absetzt, das Kopfende desselben nach dem Kopfende dieser gelegen. Die Made muß im Ei schon fast vollkommen entwickelt sein, denn nach 3 Stunden durchbricht sie die Eihülle und bohrt sich sofort in den Fettkörper der Bienenlarve ein, von welchem sie lebt. Sie wächst ungemein schnell; 48 Stunden nach dem Ausschlüpfen häutet sie sich zum ersten Male, und nun ist sie fein bestachelt; 24 Stunden nach der ersten Häutung hat sie eine auffällige Dicke erlangt; nach weiteren 12 Stunden erfolgt die zweite Häutung, und das Wachstum verdoppelt sich, so daß sie 24 Stunden nach dieser eine Länge von noch nicht 2,5 mm erlangt hat. Nach abermals 24 Stunden mißt sie fast 3,5 mm, häutet sich zum drittenmal und ist vollkommen erwachsen, vorn zugespitzt, hinten gestutzt mit Endborsten und den beiden Luftlochträgern versehen, die des Vorderrückens treten pyramidenförmig heraus. Ungefähr 12 Stunden nach der letzten Häutung verändert sie ihre Richtung in der Bienenlarve, welche scheinbar gesund ist, nun gleichfalls ihre Reife erlangt und sich eingesponnen hat, dreht sich ebenfalls in ihrer Zelle, dem Deckel den Hinterteil des Leibes zukehrend. Hat sich die Schmarotzerlarve umgewendet, so bohrt sie sich mitten durch das Leibesende ihres Wohntieres, durch den Wachsdeckel, welcher die Zelle verschließt, läßt sich herabfallen und wird auf dem Boden des Stockes im Mulm zu einem Tonnenpüppchen, oder windet sich zum Flugloch heraus und verwandelt sich in der Erde. Zwölf Tage darauf kriecht die Fliege aus, welche hinter Rindenschuppen überwintert. Diese interessanten Beobachtungen wurden von Aßmuß angestellt. Die verlassene Bienenlarve stirbt und geht in Fäulnis über. Die Phora ist somit ein gefährlicher Schmarotzer unserer Honigbienen und die Veranlassung der einen Art von sogenannten „faulbrütigen“ Stöcken. Andere Buckelfliegen leben als Larven in faulenden Pflanzenstoffen, wieder andere wurden als Schmarotzer bei Schmetterlingsraupen, Käferlarven und Schnecken angetroffen, so daß die Gattung, wie in der Bildung des Flügelgeäders, so auch in der Lebensweise der verschiedenen Arten wenig Übereinstimmendes bekundet.

Abweichend von allen bisher betrachteten Mücken und Fliegen sowohl in Hinsicht auf ihre äußere Erscheinung als auch bezüglich ihrer Entwickelung stehen die sogenannten Puppengebärer (Pupipara) einzig unter den Zweiflüglern da, und es ließe sich von ihnen allein ein dickes Buch schreiben. Das Weibchen bringt jedesmal nur einen Nachkommen in Form einer Larve zur Welt, welche sich bis zur Puppenreife im Leibe der Mutter entwickelt hat und fast unmittelbar nach der Geburt wirklich zur Puppe wird, weshalb der gewählte Name für diese interessante Abteilung nicht ganz zutreffend erscheint. Die hierher gehörigen Tiere leben sämtlich im vollkommenen Zustand als Parasiten auf anderen, meist warmblütigen Tieren und gliedern sich in drei Sippen: Lausfliegen, Fledermausfliegen und Bienenläuse.

Die Lausfliegen (Öoriacea oder Hippoboscidae) haben einen hornigen, am Hinterleib mehr lederartigen und dehnbaren plattgedrückten Körper. Der wagerechte, quereiförmige Kopf schließt sich mit seinem Hinterrand eng an den Brustkasten, trägt an den Seiten große Augen, sehr kurze, walzenförmige Fühler, welche man leicht übersieht, weil fie fi) andrücken, und umgibt die Mundöffnung mit einem wallartigen Rande. Den Saugrüssel bildet hier die Oberlippe und die sie scheidenartig umschließenden Unterkieferhälften, die Unterlippe ist sehr kurz, und die Taster fehlen gänzlich. Die langen Flügel zeigen meist nur am Außenrande deutliches Geäder, fallen bisweilen leicht aus oder verkümmern, die sehr kleinen Schwinger bleiben immer frei und stehen ungewöhnlich tief. Wegen des breiten Brustbeines rücken die Beine weit auseinander; ihre Schenkel sind flachgedrückt, die Füße kurz und derb, das Endglied am längsten, seine zweiteiligen Klauen sehr kräftig. Durch solche Bildung werden diese Fliegen befähigt, mit ungemeiner Gewandtheit und Schnelligkeit vor-, rück⸗ und seitwärts am Pelze von Pferden, Hirschen, Rehen und anderen Säugern, zwischen den Federn der Vögel umherzulaufen, vielleicht richtiger gesagt, umherzukrabbeln. In der Regel lebt eine Art auf einem bestimmten Tiere und saugt dessen Blut, nur Lipoptena cervi macht eine Ausnahme: solange sie Flügel hat, hält fie sich als die Ornithobia pallida. Meigens bis zum Herbst auf Vögeln auf, später (nach der Begattung?) verliert das Weibchen die Flügel und schmarotzt dann auf dem Edelhirsch, Reh und Eber, wo

| |)| INTERN 0| N77[a ee0 man während des Winters flügellose Männchen auf der— | KUN ‚u N gleichen Weibchen sitzend finden kann, ohne gepaart zu sein.

Im Herbst fliegt sie stellenweise in Wäldern nicht selten umher, setzt sich in das Gesicht vorbeigehender Menschen IR und an deren Kleider, wie mir scheinen wollte, vorzugs— Pferde Lausfliege (lippobosea weise an braun gefärbte Gegenstände. Wenn ich mit einem e Freunde in von ihnen bewohnte Gegenden kam, wählten sie dessen braun gefärbten, langfilzigen Hut, während ich immer von ihrer Zudringlichkeit verschont blieb. Ihr Umherkrabbeln im Gesicht gehört durchaus nicht zu den angenehmen Empfindungen. Der Inhalt des weiblichen Eierstockes reicht bei der flügellosen Schafzecke, Teke (Melophagus ovinus), zu acht Eiern aus, und die Nachkommenschaft einer einzelnen von allen diesen Fliegen beschränkt sich auf eine nur sehr geringe Anzahl. Eine große, baumartig verzweigte Drüse sondert eine Flüssigkeit ab, welche die in der Entwickelung begriffene Larve gierig aufsaugt. Wenn sie geboren wird, stellt sie einen glatten, ovalen Körper ohne jede Gliederung dar, der anfänglich weiß aussieht und sich allmählich dunkler färht.

Die Pferde-Lausfliege (Hippobosca equina) behält zeit ihres Lebens die Flügel, welche fünf dicke Längsadern am Außenrand kennzeichnen; die erste ist doppelt, die zweite und dritte sind einfach, letztere kommt fast in der Flügelmitte aus der zweiten und trifft am Rande mit dessen Ader weit vor der Flügelspitze zusammen, die vierte und fünfte Längsader erscheinen in der Nähe der kleinen Querader plötzlich wie abgebrochen, weiterhin sehr blaß. Der Körper ist glänzend rostgelb, auf der Scheibe des Mittelrückens kastanienbraun, am Schildchen blaßgelb; die ungleichen, gezahnten Fußklauen find schwarz. Die Neben: augen fehlen, der kurze Rüssel endet stumpf. Die Art findet sich auf Pferden (und Rindern) nicht selten, besonders an den haararmen Körperteilen, ist aber wegen ihrer schlüpfrigen Oberfläche und der Gewandtheit, nach allen Seiten hin zu entwischen, schwer zu erhaschen. —

Bei der Gattung Lipoptena lassen sich deutliche Nebenaugen erkennen, auf den später an der Wurzel abbrechenden Flügeln aber nur drei zarte Längsadern. Die auf der Hausund Mauerschwalbe nicht seltene Schwalben-Lausfliege (Stenopteryx hirundinis) zeichnet sich durch die schmalen, sichelförmigen Flügel aus, die kaum zum Fluge befähigen dürften. Im Juni fand ich einen der zuletzt genannten Vögel, welcher ermattet zur Erde gefallen war und sich greifen ließ. An seinem Körper saßen 24 Stück der genannten Lausfliege, und zwar ausschließlich hinten stark angeschwollene, schwarz schimmernde Weibchen, welche dem Legen sehr nahe standen.

Wenn die bereits erwähnten Arten in ihrer äußeren Erscheinung schon an die Spinnen mahnen, so in noch weit höherem Grade die ungeflügelten, langbeinigeren, mit gekrümmter und verlängerter Ferse versehenen Fledermausfliegen. Auch ihr Körper ist hornig und flachgedrückt, der Kopf becherförmig, sehr frei beweglich, nach rückwärts in eine tiefe Aushöhlung der Oberseite des Mittelleibes einschlagbar. Die Augen sind punktförmig oder gänzlich fehl geschlagen, die zweigliederigen, fingerförmigen Fühler unter dem Kopfrande eingefügt. Der fadenförmige Saugrüssel zeichnet sich durch sehr große, etwas gekeulte Taster aus, die Schwingkolben enden in einen kugeligen Knopf und sind der Rückenseite angeheftet. Unter und vor der Einlenkung der Mittelbeine sitzen am Rande einer Aushöhlung zwei eigentümliche, kammähnliche Werkzeuge, welche verschiedene Deutung erhalten haben und, wie es scheint, hauptsächlich zum Schutze der benachbarten Luftlöcher dienen. Die meist nur 2,25-4,5 mm langen Parasiten von ledergelber Färbung leben in verschiedenen Arten auf den verschiedenen Fledermäusen. Steckt man mehrere in ein Gläschen, an dessen Wänden sie nicht haften können, so suchen sie sich aneinander zu halten und zappeln so lebhaft, daß es beinahe scheint, als flögen sie im Kreise umher.

Die verschiedenen besprochenen Sonderbarkeiten finden sich am auffallendsten bei der flügel⸗, schwinger- und augenlosen Bienenlaus (Braula coeca, Fig. G, S. 218), welche auf der Honigbiene schmarotzt und mit der ersten Larvenform der Maiwurmkäfer (Meloë) nicht verwechselt werden darf. Ihr Kopf ist deutlich vom Bruststück getrennt, senkrecht, dreieckig, mit feinen gelblichen Börstchen bedeckt, das Untergesicht von der Stirn durch eine dunklere, wenig erhabene Kante getrennt, in der Mitte mit einer schwachen Linie bezeichnet, unten tief ausgeschnitten. Hier liegt das hornige, halbmondförmige Kopfschild, beiderseits, etwas nach unten, die kurzen, kolbigen Taster und zwischen ihnen der kurze, häutige Rüssel: die von den Kinnladen röhrig eingeschlossene Oberlippe. Genau da, wo bei anderen Fliegen die Augen stehen, finden sich zwei große Gruben, in welche die dreigliederigen Fühler bis zum beinahe kugeligen, eine gefiederte Rückenborste tragenden Endglied versenkt sind. Die drei Brustringe verschmelzen zu einem gemeinschaftlichen kurzen Mittelleib, welcher vorn kaum breiter als der Kopf wird, nach hinten sich aber schwach erweitert und kein Schildchen unterscheiden läßt; an seiner Unterseite treten die Hüften näher zusammen als bei den übrigen Pupiparen. Die Beine unterscheiden sich wenig voneinander, auch nicht in der Länge, bestehen aus dicken Schenkeln, etwas gebogenen Schienen, fünf Fußgliedern, deren vier erste quer sind, das fünfte stark erweitert ist und an seinem Vorderrand etwa 30 borstenartige Zähnchen trägt, welche sich zu einem Kamme aneinander reihen und eingeschlagen werden können; sie vertreten die Stelle der Klauen. Vor ihnen, also der Außenseite des letzten Fußgliedes angeheftet, sitzen noch zwei dünngestielte, kolbige Hautläppchen mit Drüsenhärchen. Der Hinterleib endlich wölbt sich hoch eiförmig und wird von fünf Ringen zusammengesetzt. Der Körper ist mit Ausschluß der honiggelben Fühler glänzend rotbraun, hart und 155 mm lang.

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