Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Das eben beschriebene Tierchen lebt meist einzeln auf Honigbienen, Arbeitern, Drohnen, am liebsten jedoch, wie es scheint, auf der Königin, welche manchmal von größeren Mengen
bewohnt wird und bald wieder aufs neue damit besetzt gewesen sein soll, nachdem man die alten entfernt hatte. Die Bienenlaus wählt das Rückenschild zu ihrem Tummel: und Weideplatz, wandert bisweilen auch bei der nahen Berührung, welcher die Bienen im Stocke ausgesetzt sind, von einer zur anderen über. Wenn sie sich mit dem Rüssel dort festgesogen, sitzt sie stundenlang auf einem Fleck, entfernt von ihrem Wirte stirbt sie nach einigen Stunden, und nur die jungen, eben aus der Puppe entschlüpften Bienenläuse besitzen mehr Lebenszähigkeit, weil sich ihnen nicht immer gleich die Gelegenheit bietet, eine Biene zu besteigen. Da nämlich das Weibchen, welches in seinem doppelten Eierstock nur vier Keime birgt, die von seiner Milchdrüse im Innern gesättigte, reife Larve fallen läßt, diese mithin für gewöhnlich auf den Boden des Stockes, mitunter auch ins Freie gelangt: so muß der vollkommene Kerf die zufällige Annäherung einer Biene erwarten. Bei der Geburt ist die Larve weiß und weich, verhärtet aber und dunkelt nach kurzer Zeit, so daß man nachher ein elfgliederiges Tönnchen vor sich zu haben meint, wenn man es unter dem Mikroskop betrachtet. Ungefähr 14 Tage später hat die Fliege ihre Ausbildung erlangt. Man kennt bisher nur diese einzige Art, die in ganz Deutschland, Frankreich und Italien vorkommt, in Rußland, mit Ausnahme der Ostseeprovinzen, noch nicht beobachtet zu sein scheint.
Schon Degeer und andere Forscher nach ihm haben die Flöhe nicht mit den Fliegen vereinigen, sondern zu einer selbständigen Ordnung als Suctoria oder Aphaniptera erheben wollen, und mit vollem Rechte; denn die einfachen Augen, die hinter denselben entspringenden Fühler, welche sich in eine Furche verstecken können, der mit seinen Hinterrändern über den Vorderrücken übergreifende Kopf, die drei bei keinen anderen Insekten voneinander geschiedenen Thoraxringe mit je einem Paar von Luftlöchern und der vollständige Mangel der Flügel scheiden sie wesentlich von den Zweiflüglern. Trotzdem fügen wir sie hier anhangsweise bei, namentlich um Raum zu sparen und weil wir dann auch die später zu erwähnenden Strepsipteren mit demselben Rechte als besondere Ordnung aufführen müßten. Der seitlich zusammengedrückte Körper und die bestachelten kräftigen Beine, deren Hüften ungemein weit vortreten, vollenden das Bild der Flöhe, deren Sprungfertigkeit von keinem zweiten Tiere nur annähernd erreicht wird.
Glücklich drum preis' ich den lockeren Gesellen, Pulex, den Turner im braunen Trikot, Wenn er in Sprüngen, verwegenen, schnellen, Himmelhoch jauchzet frisch, fromm, frei und froh!
Die Flöhe leben schmarotzend auf warmblütigen Tieren und nähren sich von deren Blute, ihre Larven dagegen von allerlei faulenden Stoffen, besonders vom Miste. Früher rechnete man alle zu einer Art, es ist aber erwiesen, daß fast jedes von Flöhen bewohnte Tier seine eigne beherbergt, so daß neuerdings nicht nur zahlreiche Arten, sondern auch mehrere Gattungen aufgestellt werden mußten und eine Scheidung in zwei Familien, Pulicidae und Sarcopsyllidae, gerechtfertigt erschien. Zu ersterer gehört der nebenstehend abgebildete gemeine Floh (Pulex irritans) des Menschen, als Weltbürger hinreichend bekannt und besonders von reizbaren, empfindlichen Naturen gefürchtet. Die Mundteile sind in ihrer Gliederung abgebildet; es sei nur noch darauf aufmerksam gemacht, daß die Kiefertaster aus vier Gliedern bestehen, während fie bei anderen Arten wieder anders gebildet sind. Im August und September werden diese Tiere besonders lästig und in warmen Ländern mehr noch als in unseren gemäßigten Himmelsstrichen. Ein befruchtetes Weibchen legt etwa 12 verhältnismäßig große, länglich ovale Eier zwischen die Ritzen der Dielen oder
in staubige, schmutzige Ecken. Dergleichen Brutstätten, besonders in Kinderstuben, aber auch in neugebauten Häusern, haben vorzeiten zu dem Glauben Anlaß gegeben, die Flöhe entständen aus Sägespänen unter den Dielen, wenn sie mit Harn begossen würden. Das Richtige bei dieser Sache bleibt, daß Stubenkehricht, der an vielen Orten mit feuchten Sägespänen, welche man vorher zum Sprengen gegen den Staub anwendete, gemengt ist, eine besondere Anziehungskraft für die von Eiern geschwellten Weibchen ausübt. Im Sommer genügen 6 Tage, während des Winters im geheizten Zimmer die doppelte Zeit, um im Ei die Larve (Fig. 2) zur Entwickelung zu bringen. Sie erscheint als schlankes, weißes Würmchen mit Fühlern und zwei Freßspitzen, aber ohne Augen. Zwei Nachschieber am Leibesende und seitliche Börstchen unterstützen ihre schlangenartigen Windungen und bringen sie ziemlich schnell von der Stelle. Rösel fütterte sie mit Stubenfliegen, getrockneter, auf angefeuchteten Mulm geschabter Blutmasse und dergleichen, wodurch sie sich sichtlich färbten.
Gemeiner Floh (Pulex irritans): 1) Ei, 2) Larve, 3) Puppe, 4) der Floh: a Oberlippe, b Kinnbacken, e Taster der
Unterlippe, d diese selbst, e Taster der nicht sichtbaren Kinnladen. Alles vergrößert. 5) Kraftleistungen dressierter Flöhe.
Nach 11 Tagen sind sie erwachsen, geben den Unrat von sich, werden wieder weiß und bereiten sich an ihren Aufenthaltsorten eine kleine Höhlung zur Verpuppung. Wenn die Made ihre Haut abgestreift hat, welche sich hinter ihr findet, ist sie zu einer weißen, munteren Puppe (Fig. 3) mit zwei zangenartigen Schwanzspitzen geworden, an der man die einzelnen Teile des künftigen Kerfes wohl unterscheidet. Nach und nach färbt sie sich dunkler, bis im Sommer nach 11 Tagen der gewandte „Turner“ daraus hervorkommt. Somit währt die ganze Verwandlung etwa 4, im Winter unter günstigen Verhältnissen 6 Wochen. Der Neugeborene bedient sich sofort seines Vorteiles, der kräftigen Hinterbeine, und vom Blutdurst getrieben (er kann lange hungern, sticht aber dann um so empfindlicher), sucht er in langen Sätzen den Gegenstand, der ihm Nahrung bietet. Da er unter Menschen und Tieren geboren wurde, jo dürften feine Bemühungen bald belohnt werden. Mit meisterhafter Fertigkeit bohrt er seine spitzen Klingen ein und saugt in vollen Zügen, stets der Gefahr ausgesetzt, in seinem Behagen gestört zu werden, oder gar seine Lust mit dem Leben büßen zu müssen. Hat er sich wacker durchschmarotzt, ist er den allabendlich auf ihn angestellten Jagden glücklich entgangen, und hat er den Gegenstand seiner tierischen Liebe gefunden (die Männchen sind bedeutend kleiner als die Weibchen und sitzen bei der Begattung auf diesen), so erfüllt er den Lauf der Natur.
Bekanntlich gibt es Leute, welche sich durch Abrichten von Flöhen (Anspannen derselben an kleine Wagen ꝛc.) ihren Lebensunterhalt verschaffen. Indem sie die Tiere längere Zeit in flache Döschen einsperren, wo sie sich bei Springversuchen jedesmal derb an den
Kopf stoßen, gewöhnen sie ihnen diese Unart ab, und durch Ansetzen an einen ihrer Arme belohnen sie einen jeden nach der Vorstellung stets mit so viel Blut, als er trinken mag. Wir haben hierin einen neuen Beweis dafür, daß den Tieren, den unbedeutenden Kerfen, eine gewisse höhere geistige Fähigkeit innewohnt, welche unmöglich durch den bloßen Natur: trieb erklärt werden kann, wie von gewissen Seiten versucht wird.
Die Verkümmerung der Augen oder ihr gänzliches Fehlen, die Form des Kopfes, Vorhandensein oder Mangel von Stachelkämmen auf dem Rücken der Leibesglieder, die Form des letzten, dritten Fühlergliedes und anderes sind in Betracht zu ziehen, um die bisher näher bekannt gewordenen Arten, ungefähr 20 an der Zahl, zu unterscheiden.
Die zweite Familie der Sarcopsyllidae ist zunächst auf den Sandfloh, Chigger,
Nigua, Bicho (Sar copsylla penetrans) oder wie dieser im tropischen und subtropischen Amerika und Afrika gefürchtete Kerf noch heißen mag, gegründet. Er findet sich überall in der Nähe menschlicher Wohnungen oder verlassener Wohnstätten, wo Trockenheit und Wärme, die er beide liebt, nicht fehlen. Nur die befruchteten Weibchen bohren sich in die Haut warmblütiger Tiere und der Menschen, hier vorzugsweise unter die Nägel der Füße oder an anderen Stellen dieses Körperteiles ein; die Männchen und nicht befruchteten Weibchen nähren sich vom Blute wie die anderen Flöhe; ihre Körperfarbe ist, abgesehen vom durchscheinenden, dunkeln Darminhalte, gelblich, bei den eingebohrten fast rein weiß. Anfangs gleichen die beiden Geschlechter einander an Größe und messen durchschnittlich 1 mm, also die Hälfte unseres gemeinen Flohes, können springen, aber nicht so weit und hoch wie dieser, und geben ungefähr dasselbe Bild wie er, nur mit dem Unterschied, daß der verhältnismäßig große Kopf auf der oberen und vorderen Seite eckig, das letzte Fühlerglied ohne Einschnitte und die Mittelleibsringe sehr schmal sind; auch die Bildung der Mundteile weicht etwas von der der Puliciden ab, sowie die Anzahl der Luftlöcher, welche dem zweiten und dritten Hinterleibsgliede fehlen. Solange das eingebohrte Weibchen ungestört in der nicht durch Druck und Reiben gereizten Haut sitzt, schwillt es im Hinterleib bis zur Größe einer kleinen Erbse (5 mm) im Durchmesser an, verbleibt in diesem Zustand eine längere Zeit und bringt weiter keine bemerkbaren Nachteile, als ein leichtes Jucken und Erröten der Stelle hervor. Durch Reiben und Kratzen der juckenden Stelle steigert sich indes die Entzündung bedeutend und hat bei Vernachlässigung die Wirkungen, welche von fast allen Berichterstattern angegeben werden, besonders auch darum, weil ein zweites und drittes Weibchen eine solche Stelle für besonders geeignet findet, sich daneben anzusiedeln. Bösartige Eiterungen und dazu kommender Brand nötigen, die Zehen abzunehmen, und haben sogar in einzelnen Fällen den Tod zur Folge gehabt. Das Anschwellen des in die Haut eingenisteten weiblichen Flohes geht sehr rasch vor sich, erst aber muß er sich bis zur Afterspitze eingearbeitet haben, welche nach außen den Verschluß seiner Wohnung bildet. Die sehr zahlreichen Eizellen, die sich in den cylindrischen Schläuchen des einfach gegabelten Eierstockes befinden, entwickeln sich nun hier allmählich in der Weise, daß das reifste Ei stets neben dem Ausgang liegt und durch den Druck der übrigen nachwachsenden Eier hervorgetrieben wird. Das Muttertier bleibt, wenn es nicht gestört wird, an seinem Wohn: sitz so lange unverändert, bis alle Eier abgesetzt sind, die mithin herausspringen und nicht in den Körper des Wohntieres gelangen, wie sich aus der vorher beschriebenen Ruhelage des häuslich eingerichteten Flohes ergibt. Hierauf stirbt, wie zu erwarten steht, der mütterliche Körper ab und fällt heraus. Die weitere Entwickelung und Verpuppung der Larven bietet keine wesentlichen Verschiedenheiten von dem Hergang bei unserem Flohe.
Unter allen Umständen ist es nicht geraten, feine Haut geduldig als Wohnung für das legende Weibchen herzugeben, denn es gehört immer eine gewisse Willensstärke dazu, um da nicht zu kratzen, wo es juckt; überdies kann der Druck von außen, wie wir sahen,
die Wunde verschlimmern, und endlich weiß nicht ein jeder im voraus, wie widerstandsfähig sein Körper gegen dergleichen Verwundungen ist. Darum werden für die Bewohner jener Gegenden durch die Erfahrung gelehrte Vorsichtsmaßregeln unerläßlich. Den im Einbohren begriffenen Floh zu verfolgen, wird nicht angeraten, weil er sich mit seinen Mundteilen in seinem Eifer, ein gutes Plätzchen zu erlangen, weiter arbeitet und daher leicht zerreißt und nur stückweise herausgebracht wird, was die Wunde verschlimmern würde. Vielmehr läßt man ihn sich erst festsetzen und hebt ihn dann, wenn er schon im Anschwellen begriffen ist, vorsichtig aus der Wunde, hütet sich aber wohl, den jetzt dünnwandigen, angeschwellten Hinterleib zu zerreißen, da unter allen Umständen ein von ihm zurückbleibender Teil der wunden Stelle Nachteile bringen würde. Wenn wir übrigens von solchen Geschichten hören, so wollen wir nicht murren und in Demut die Quälereien hinnehmen, zu denen unser Floh uns verdammt: sie sind lästig, aber unter Umständen sogar vielleicht heilsam und nie gefahrbringend. Schließlich sei noch bemerkt, daß der Sandfloh 1873 durch ein Segelschiff von Bahia nach Afrika verschleppt worden ist und sich hier in kurzer Zeit am Kongo und in Gabun angesiedelt hat.
Aus dieser Familie ist noch eine weibliche Sarcopsylla gallinacea am Huhne auf Ceylon, das Weibchen der Rhynchopsylla pulex aus Südamerika und der Vermipsylla Alakurt auf Pferden, Schafen, Kamelen in den Thälern von Tiénschan bekannt. Nähere Auskunft über die Flöhe gibt O. Taschenberg in seiner Halle 1880 erschienenen Monographie: „Die Flöhe. Die Arten der Insektenordnung Suctoria; mit vier lithographischen Tafeln.“
Fünfte Ordnung.
Die Netz oder Gitterflügler (Neuroptera).
Linns vereinigte bei Begründung der nunmehr zu besprechenden Ordnung alle diejenigen Kerfe, deren Flügel der Benennung gemäß von einem mehr oder weniger vollständig gegitterten Adernetz durchzogen werden, und deren Körperbeschaffenheit in den wesentlichen übrigen Punkten, besonders in der Bildung der Mundteile und dem loseren Zusammenhang des vordersten mit den beiden folgenden Brustringen übereinstimmt. Infolge davon wurden Kerfe mit außerordentlich zierlichem Maschennetz, wie die Wasserjungfern und einige Verwandte, deren Verwandlung die drei Hauptstufen einer vollkommenen nicht erkennen läßt, zu anderen gestellt, bei welchen dies der Fall ist. Man fühlte diesen Übelftand und erklärte die ganze Ordnung wegen der Verschiedenartigkeit ihrer Bestandteile für eine Übergangsgruppe. Doch lassen sich, besonders auch im Einklang mit dem inneren Bau, die Netzflügler mit unvollkommener Verwandlung ausscheiden und zu der folgenden Ordnung ziehen, wie dies hier nach Erichsons Vorgang geschehen und wodurch der Vorteil erlangt worden ist, daß nun diese wie die folgende Ordnung eine schärfere Unterscheidung zuläßt, als bisher unter vorwaltender Berücksichtigung der Flügelbildung möglich war. Ohne daß wir also den alten, üblichen Namen fallen lassen, werden hier mit der angegebenen Beschränkung unter den Netzflüglern alle diejenigen Insekten begriffen, welche eine vollkommene Verwandlung bestehen, beißende, größtenteils jedoch schwach entwickelte Mundteile, eine freie Vorderbrust und gleichartige, häutige Vorder- und Hinterflügel haben.