Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
knüpfen sich Bekanntschaften an, und das befruchtete Weibchen legt seine Eier einzeln am Grunde der Blüten oder an sehr junge Hülsen ab. Der Schmetterling hat rehfarbene, gleichzeitig metallisch schimmernde Vorderflügel, an deren Vorderrande von der Spitze bis hinter die Mitte die weißen Vorderrandshäkchen mit schwarzen Stricheln wechseln, von jenen setzen sich drei Bleilinien fort; der lichtere Spiegel wird von zwei blaugelben Strichen begrenzt. Die schwarzen, bronzeschimmernden Hinterflügel haben einfarbig weiße Fransen.
Der mondfleckige Erbsenwickler (Grapholitha dorsana) lebt ganz ebenso und sieht ebenso aus, bis auf den weißen Mond vor dem Spiegel. Er ist etwas größer als der vorige und seine Raupe mehr orangengelb, auch treten bei ihr die Wärzchen, welche je ein Borstenhaar tragen, weniger deutlich hervor, als dort, wo sie etwas düsterer gefärbt find. Diese Art scheint weniger verbreitet zu sein, als die sehr gemeine vorige. Die Raupen beider sind es, welche an den trockenen Erbsen die unregelmäßigen Fraßstellen zurücklassen und bei großer Häufigkeit den Ernteertrag derselben wesentlich beeinträchtigen.
Zum Schlusse gedenken wir noch der sogenannten „Obstmade“ (s. Abbildung S. 458, Fig. J), jener gleichfalls 16 füßigen, blaß rosenroten oder gelbrötlichen, am Bauche lichteren Raupe, welche an den langbeborsteten Wärzchen und an der Afterklappe grau gefärbt ist und Apfel und Birnen durchbohrt, weniger dem Fleische, als den Kernen des Gehäuses nachgehend. Die Eier werden an das halbreife Obst gelegt, und das schwarze Fleckchen, welches man an dem „angestochenen“ findet, bezeich— |
net die Stelle, durch welche sich das Räupchen Mondfleckiger Erbsenwickler (Grapholitha dorsana) den Eingang verschafft hat. Dieselbe wird nebst Raupe. Vergrößert. später meist erweitert, um den Kot herauszuschaffen. Nur bei Obstsorten mit sehr großem Kernhaus ist hinreichender Raum für diesen, und daher fehlt hier das sonst übliche Aushängeschild des Einwohners. Die angestochenen Birnen und Apfel erlangen bekanntlich eine etwas frühere Reife und fallen auch teilweise noch unreif von den Bäumen. Aus den früheren Sorten geht die Raupe meist zu Grunde, weil sie beim Verbrauchen des Obstes gefunden und herausgeworfen wird, bevor sie vollkommen erwachsen ist, mit dem Winterobst gelangt sie dagegen in die Vorratsräume, arbeitet sich hier durch das Eingangs- oder ein zweites angelegtes Loch heraus und sucht irgend einen Winkel außerhalb, um sich zu verpuppen, verschläft in einem Gespinste den Winter und wird erst im Mai zur Puppe, natürlich ohne vorher wieder Nahrung zu sich genommen zu haben. Zahlreiche andere Raupen erlangen ihre Reife draußen, noch ehe die Obsternte gehalten worden ist; weil sie bei der nicht gleichmäßigen Entwickelung eben früher erwachsen sind, oder weil die bewohnte Obstsorte länger hängen muß. Diese Raupen gehen am liebsten hinter die Rindenschuppen des betreffenden Baumes, und sollten es selbst unterirdische sein, hinter Moos und Flechten, sofern der unachtsame Obstzüchter dergleichen an den Stämmen und Asten duldet, auch suchen sie Bohrlöcher anderer Kerfe auf. Nur bei sehr gut gepflegten Obstbäumen werden sie verlegen um ein passendes Winterversteck sein und dann die Erde in der Stammnähe aufsuchen müssen. Wenn die Stämme zu der Zeit ihres Auswanderns mit Schutzgürteln versehen sind, sammeln sie sich massenhaft unter denselben an und fertigen ihre weißen, plattgedrückten Gespinste an der Rückseite jener. Dieser Umstand gibt einen Fingerzeig, wie man diese Raupen ohne Mühe in Menge wegfangen könne. Man braucht nur dafür zu sorgen, daß im September die Bäume Schutzgürtel haben oder, wo diese gegen die Spannraupe nicht nötig sind, Tuchlappen tragen, unter denen sich eine Menge von Ungeziefer ansammelt, welches beim Untersuchen dieser Lappen zu der für jeden Fall entsprechenden Zeit getötet werden kann.
Im Juni erblickt der Schmetterling das Licht der Welt unter dem Namen Apfel- oder
Obstwickler (Grapholitha pomonella, Fig. 2). Er kommt uns vorzugsweise an den Wänden und in den Fenstern solcher Häuser zu Gesicht, worin Wintervorräte von Apfeln aufbewahrt werden; draußen im Freien drückt er sich bei Tage zwischen die Rindenschuppen der Bäume und wird wegen seiner ähnlichen Färbung schwer entdeckt. Die blaugrauen Oberflügel durchziehen feine, geschlängelte Querlinien von brauner Färbung, und ein rötlich dunkelbrauner, rotgolden eingefaßter, wurzelwärts tief schwarz begrenzter Spiegelfleck nimmt an der Innenecke einen bedeutenden Raum ein. Die rötlichbraunen Hinterflügel überzieht ein leichter Kupferglanz, und graue Fransen umsäumen sie. — Weit seltener bekommt man den noch düsterern, kleineren Pflaumenwickler (Grapholitha funebrana) zu sehen, obschon seine Raupe in manchen Jahren die Mehrzahl der Pflaumen bewohnt, und sich von deren Fleische ernährend, oft die Hälfte derselben in die ekelhaften Kotkrümeln verwandelt.
Die Familie der Zünsler oder Lichtmotten (Pyralidina) vereinigt die größten bis ziemlich kleinen Mikrolepidopteren von wesentlich weniger Gleichförmigkeit im äußeren Ansehen als die vorige Familie. Die überein-
11 stimmenden Merkmale beruhen hauptsächlich 1110
|| auf dem Verlaufe des Flügelgeäders und sind | |
. daher versteckterer Natur. Die gestreckten, drei⸗ 7 42 , / eckigen Vorderflügel werden von 11 oder 12, 4 R 77 0 \ seltener von 9 oder 10 Rippen gestützt, von denen Rippe 4 und z dicht bei einander oder N)NNNN N auf gemeinschaftlichem Stiele an der Hinterecke der Mittelzelle entspringen, 9 aus 8 oder 7, selten ganz fehlend, nahe der vorderen Ecke. Diese ungleiche Verteilung von Rippe 3—8 und namentlich der größere Zwischenraum zwischen 5 und 6 unterscheidet die Zünsler von der vorigen und von der folgenden Fa— 1) Sogenannte Obstmade, 2) ihr Schmetterling (Gra- milie. Überdies kommt dem in Rede ftehen-a bemalte. Natärlich Große. (bis karre den Flügel eine ungeteilte Mittelgelle zu. Der immer breitere Hinterflügel ist ohne eingeschobene Zelle, mit Haftborste, drei freien Innenrands-, und noch 7, seltener 6 oder 5 Rippen versehen, von denen Rippe Ib nicht gegabelt, 8 auf einer Strecke mit 7 vereinigt ist oder mindestens nahe daran verläuft. Die Fühler sind borstenförmig, die Augen nackt und meist stark halbkugelig hervorgequollen, die Nebenaugen fehlen nur selten und sind meist gleich hinter der Fühlerwurzel zu suchen. Die Taster ändern in Größe, Form und Richtung außerordentlich und find meist durch die sogenannten Nebentaster, d. h. um höchstens dreigliederige Kiefertaster, vermehrt. Die Raupen der Zünsler lassen sich in ihrer äußeren Erscheinung und in der Lebensweise von denen der Wickler nicht unterscheiden; sie sind es, welche in den weitaus meisten Fällen überwintern, nur selten gilt dies von der Puppe, nie, wie es scheint, von den Eiern oder den Faltern selbst. |
Die Familie in der angenommenen Fassung zerfällt in eine Reihe von Sippen (Pyra-lididae, Botydae, Chilonidae, Crambidae, Phycidae und Galleriae), deren eine oder andere wir nur an wenigen Vertretern erläutern können.
Rippen im Vorderflügel, von denen 1 nicht gegabelt, 7 und 8 gesondert, die Querrippe gerade oder schwach gebogen sind, durch geschlossene Mittelzelle im Hinterflügel und durch gleiche Taster in beiden Geschlechtern, begegnen uns einige Arten bisweilen in unseren Behausungen, weil die Raupen derselben lebende Pflanzenkost verschmähen.
Die Fettschabe, der Schmalzzünsler (Aglossa pinguinalis), hat rotgraue, seidenglänzende Flügel, deren vordere mit querbindenartigen Flecken besetzt und hier und da weißlich gewürfelt sind, und deren einfarbige Hinterflügel sehr lange Fransen auszeichnen. Der Rüssel fehlt, nicht die Nebenaugen; die vorstehenden Taster sind unten borstig behaart und enden in ein schräg aufsteigendes nacktes und walziges Glied, die Nebentaster sind klein und fadenförmig. Die borstigen Fühler des Männchens unterscheiden sich von denen des Weibchens leicht durch feine Haarpinsel, die Hinterleibsspitze des ersteren durch einen Haarbüschel gegen die lang vorstreckbare Legröhre. Die Flugbreite beträgt 22 — 30,5 mm. Im März und April, ungefähr vier Wochen vor der Geburt des Schmetterlings, zeigt sich mitunter die 16 füßige, glänzend braune Raupe an den Wänden der Speisekammer oder in einem staubigen Winkel im Begriff, sich einen passenden Platz zur Verpuppung aufzusuchen. Bis dahin lebte sie im Verborgenen von Schmalz, Butter, Speck und hält sich daher vorzugsweise in den Vorrats- und Speije-kammern auf. Seit Linnés Zeiten, welcher diesen Gegenstand schon erx = —GZ wähnt, wurden mehrere Fälle beobachtet,. 5 NET in denen diese Raupe bis zu sieben e ee ee Stück und erwachsen von Menschen ausgebrochen wurde. Die Erscheinung ist wunderbar genug, um sie bei dargebotenen Gelegenheiten weiter zu verfolgen; denn eine annehmbare Erklärung derselben konnte noch niemand geben.
Der Mehlzünsler (Asopia farinalis, Fig. 3, S. 458) lebt in Gesellschaft des vorigen und gesellt sich dem Ungeziefer zu, denn seine Raupe lebt im Mehle. Der ungemein zierliche, spannerartige Zünsler hat die Eigenheit, den Hinterleib beim Ruhen im Bogen nach vorn aufzubiegen, wie es auch ein weißer, braunbindiger Spanner (Cidaria ocellata) thut, den man an einer Wand gleichfalls bei Tage in dieser Stellung ruhen sehen kann. Zwei zart weiße, unregelmäßig verlaufende Querlinien grenzen auf den olivenbraunen Vorderflügeln ein breites, mehr gelbes Mittelfeld ab; auf den grauen Hinterflügeln sind gleichfalls zwei lichte Schlangenlinien angedeutet. Die aufsteigenden Taster sind anliegend beschuppt und enden fadenförmig; ein Rüssel ist hier vorhanden, aber die Nebenaugen fehlen. Der Zünsler fliegt vom Juli bis September und findet sich auch im Freien, da seine Raupe nicht nur vom fertigen Mehle, sondern auch von dem Mehle in den Körnern und vom Stroh lebt. Die Raupen dieser Sippe scheinen überhaupt frische Pflanzenkost zu verschmähen. So fand ich vor mehreren Jahren hier im benachbarten Walde in einem vollkommen vertrockneten Eichenkranze, welcher eine Laube geschmückt hatte, massenhaft ein schwarzbraunes Räupchen, aus welchem ich die zierliche Asopia glaucinalis erzog.
Um die ungemein artenreiche Gattung Botys, die allein über 100 Europäer enthält, scharen sich die Mitglieder der zweiten Sippe, von der vorigen nur dadurch unterschieden, daß im Vorderflügel Rippe 7 und 8 gesondert voneinander entspringen. Die auf
zahlreiche Gattungen verteilten Arten haben in ihrer äußeren Erscheinung viel Spannerartiges. Manche von ihnen, es sind namentlich kleinere und dunklere bis schwarze Arten mit weißen Zeichnungen, fliegen nur bei Sonnenschein, setzen sich auf Sandboden mit halb ausgebreiteten Flügeln oder suchen rasenbildende Blumen auf, um daselbst Honig zu naschen, zeigen sich aber dort wie hier scheu und flüchtig und lassen sich schwer ergreifen. Andere, namentlich weiße Arten mit gelb oder braun in doppelten Schlangenlinien bemalten Flügeln, lassen sich inder Umgebung von pflanzenreichen Teichen und Wasserlöchern aufsuchen und beleben bei anbrechender Dunkelheit, wie Geister über dem Wasser hintaumelnd, solche Ortlichkeiten, indem die verschiedenen Wasserpflanzen ihren Raupen Nahrung bieten. Die Mehrzahl der Arten und zwar die größten der ganzen Sippe und meist licht, vorherrschend gelb gefärbten sind Nachtschmetterlinge, ruhen am Tage verborgen im Gebüsche, fliegen jedoch auf, wenn sie gestört werden, um in mäßig raschem, etwas stoßendem Fluge ein neues
Versteck aufzusuchen. Einige Arten werden durch ihre Raupen unter Umständen den Feld-kulturen nachteilig, was jedoch nicht von dem Getreidezünsler (Botys frumentalis) gilt, wie man aus seinem Namen schließen könnte; denn seine Raupe lebt von verschiedenen Kreuzblümlern, welche als Unkraut auf den Getreidefeldern, namentlich im Weizen, wachsen.
Der Rübsaatpfeifer (Botys margaritalis oder Orobena extimalis, wie ihn die neueren Schriftsteller nennen, Abbild. S. 459), hat schmutzig schwefelgelbe Vorderflügel welche zwei rostgelbe, mehr oder weniger deutliche und zum Teile unterbrochene Querbinden, ein rostbrauner Schrägstrich aus der Spitze durchziehen und rostbraune, stark grau gemischte Fransen einfassen. Die glänzend strohgelben, kurzen und breiten Hinterflügel haben eine feine rostbraune Saumlinie und am Innenwinkel einen graubraunen Fleck auf den schwach grauschimmernden Fransen. Die gerundete Stirn ist schmäler als die Augen und mit Nebenaugen versehen, die Taster find kurz, rundlich beschuppt und vorgeftredt, die Nebentaster lang und fadenförmig. Im Juni und Juli fliegen die Zünsler des Abends über die Felder, und das befruchtete Weibchen legt die Eieran die Schoten der Olsaaten, des Pfennigkrautes (Thlaspi) und des Bauernsenfes (Iberis), wo das bald auskriechende Räupchen zwischen denselben einige Fäden spinnt, Löcher bohrt, um sich von den Samen zu ernähren und einer solchen Schote das ungefähre Ansehen einer Flöte verleihen kann, daher der Name „Pfeifer“. Die im September erwachsene, dann bis 17,5 mm messende Raupe ist gelbgrün, außer vier Reihen schwarzbrauner, einzeln geborsteter Warzen über den Rücken und einer Reihe dunkler Pünktchen über den gleichfalls dunkeln Luftlöchern; der Kopf und das durch drei weiße Längslinien geteilte Halsschild sind schwarz. Sie sucht nun die Erde auf, fertigt ein eiförmiges, im Innern sehr zart mit Seide austapeziertes Gehäuse und bleibt in demselben als Raupe während des Winters liegen. Erst einige Wochen (26 Tage) vor dem Erscheinen des Schmetterlinges, also im Mai, erfolgt die Verwandlung. Die gelbrote Puppe ist in der Mitte am breitesten, am Kopfe stumpf spitzig, am kolbigen Hinterende mit breitem Aftergriffel versehen. — Das ähnliche Räupchen des