Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Um Obstbäume gegen den verderblichen Raupenfraß zu schützen, hat sich seit langer Zeit der Teerring oder Schutzgürtel bewährt, wenn er auf die rechte Weise gehandhabt wird, und in Schweden hat man auf einem kleinen Raume 28,000 Weibchen mit demselben abgefangen. Er besteht aus einem handbreiten Papierstreifen, der für den Arbeiter in bequemer Höhe jo um die einzelnen Stämme gelegt wird, daß unter ihm kein Weibchen aufwärts kriechen kann. Dieser Gürtel wird mit einem Klebestoff bestrichen und klebrig erhalten, solange die Flugzeit dauert. Man wählte hierzu anfangs reinen Kienteer,
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vertauschte denselben, da er brauchbar schwer zu erlangen war, mit anderen, die Klebrigkeit länger bewahrenden Mischungen, von denen ich unter anderen die von Becker in Jüterbog unter dem Namen „Brumataleim“ in den Handel gekommene als sehr brauchbar selbst geprüft habe. Seitdem man die Kiefernstämme gegen die Spinnerraupe (S. 414) anteert (ohne Unterlage eines Papierstreifens), haben sich zahlreiche „Leimsiedereien“ in diesem Sinne aufgethan, von deren Produkten der von Mützell in Stettin gelieferte „Raupenleim“ nach dem Urteil vieler praktischen Forstleute der beste ist.
Der Kiefern- oder Föhrenspanner (Bupalus piniarius) weiß die Zeit seines Erscheinens besser zu wählen als die vorigen und kann auch von allen denen nicht unbeachtet bleiben, welche an einem warmen Junitage zwischen Kiefernbäumen dahinwandeln, und sei es nur, um die würzige Luft des Nadelwaldes in vollen Zügen zu genießen. Denn in wankenden, immerhin aber hastigen und wilden Bewegungen fliegen Männchen und
Kiefernspanner (Bupalus piniarius), 1) Männchen, 2) Weibchen und Raupe. 3) Spießband (Larentia hastata) nebft
Raupe. Alle in natürlicher Größe.
Weibchen zwischen den Stämmen und Nadeln der Föhren umher. In kurzen Umflügen von den Nadeln nach den Stämmen, hier und da mit aufrechten und zusammengeklappten Flügeln zeitweilig ausruhend, auch hier die Männchen nur größere Lebhaftigkeit an den Tag legend als die Weibchen, vertreiben sich diese Spanner die Zeit, bis sich die Pärchen zusammengefunden haben. Als ich vor mehreren Jahren an einem gewitterschwülen Junitage nach warmem Regen durch einen Kiefernwald streifte, und ihre Zahl, wie manchmal zum Leidwesen des Forstmannes, eine sehr bedeutende war, umflatterten fie mich zu Hunderten, rannten mir in das Gesicht, saßen auf dem Wege, so daß man jederzeit einen zu zertreten fürchten mußte, und trieben sich paarweise an den Stämmen umher. Im Jahre 1888 sah man sie während einiger Tage in der Stadt Halle umherfliegen, welche von dem vorerwähnten Kiefernwald ein Stündchen entfernt liegt. Wir erblicken hier das Männchen in seinen lichten und veränderlichen Flecken- und Strahlenzeichnungen auf schwarzbraunem Grunde ausgebreitet; diese haben auf der Oberseite eine strohgelbe, auf der Rückseite eine mehr rein weiße Farbe. Bei dem noch mehr veränderlichen Weibchen wechseln in ähnlicher Weise düsteres Rotgelb mit Rotbraun, so jedoch, daß einmal die eine, das andere Mal die andere der beiden Farben vorwaltet. Eine Anhangszelle im Vorderflügel, eine Vorderrandsrippe im Hinterflügel, welche aus der Wurzel selbst entspringt, eine flach anliegend beschuppte Stirn, kurze Beine, besonders Hinterschienen und ein Flügelschnitt, wie wir ihn vor uns sehen,
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charakterisieren die Gattung. Hoch oben in die Krone der Kiefern legt das Weibchen die Eier an die Nadeln, und im Juli kriechen die Räupchen aus denselben hervor, ihr Fraß aber wird, wenn sie in Menge da sind, erst im August bemerkbar. Im September hängen sie sich gleich Spinnen an Fäden auf und kommen bis zur halben Höhe herab, wie es scheint, nur zum Vergnügen, denn sie arbeiten sich wieder empor, bis sie im Oktober, einzelne auch erst im November, nach erlangter Reife in derselben Weise oder zu Fuß ganz herabkommen, um sich im Bereiche des Baumes unter Moos oder Streu zu verpuppen. Die sehr schlanke, grüne Raupe hat drei weiße Rücken- und zwei gelbe Seitenlinien, welche sich über den Kopf fortsetzen. Die anfangs grüne, später mit Ausschluß der Flügelscheiden braun werdende Puppe endigt in eine zweiteilige Spitze und überwintert. Im nächsten Jahre liefert sie nicht immer den Schmetterling, denn die Raupe hat viele Schlupfwespen als Liebhaber, einige mit der Forleule gemein, da sie im ganzen dieselbe Lebensweise führt; überdies gelangt in Jahren ihrer großen Häufigkeit manche gar nicht zur Verpuppung, weil sie durch einen in ihr wohnenden Pilz (Botrytis) getötet worden ist.
Die artenreiche Spannergattung Larentia gehört einer Gruppe an, bei deren Gliedern die Vorderrandsrippe im Hinterflügel nicht, wie bei den bisher erwähnten, den kleinen Froft-spanner ausgenommen, aus der Wurzel selbst kommt, sondern aus der vorderen Mittelrippe und zwar meist kurz vor der vorderen Ecke der Mittelzelle. Im Vorderflügel kommt eine vollkommen geschlossene Mittelzelle und eine geteilte Anhangszelle vor. Da sich jedoch innerhalb dieser Merkmale noch allerlei Unterschiede im Verlaufe des Flügelgeäders finden, so ist die Gattung je nach der Auffassungsweise des betreffenden Schriftstellers mehrfach geteilt worden, worauf wir unter den gegebenen Verhältnissen keine Rücksicht nehmen können.
Der Birkenbuschspanner oder das Spießband (Larentia hastata) ist in der Natur derselbe Schwarzweiße, wie wir ihn auf S. 449, Fig. 3, sehen, und gleich dem vorigen ein ausschließlicher Waldbewohner; jedoch findet er sich nicht inWäldern ohne Ausnahme, sondern nur in solchen, wo Birkengebüsch örtlich vorherrscht. Hier fliegt dieser zierliche Spanner an den Birken im Mai ziemlich lebhaft und scheu umher, wie gleichzeitig, aber auch früher oder später (denn er hat zwei Bruten), der fast ebenso gezeichnete, aber minder große Trauerspanner (Larentia tristata) im Grase des Gehölzes und der Gebüsche. Die Raupe des Spießbandes findet sich später zwischen zusammengezogenen Birkenblättern, ist querfaltig, zimtbraun und in den Seiten mit je einer Reihe gelber, hufeisenförmiger Flecke gezeichnet. Sie verpuppt sich in der Erde, wo die Puppe überwintert. Weiße oder gelbe, dichter oder sparsamer dunkel bandierte Larentien sind es, welche das Gras feuchter Gründe beleben und rechts und links aus demselben auffliegen, um sich auf einem Busche, der Unterseite eines Blattes, auf einem Baumstamm bald wieder niederzulassen, oder von neuem im Grase ein Versteck zu suchen, wenn man in einer für sie etwas verdächtigen Weise solche Gegenden durchstreift. Man merkt ihnen an, daß sie sich aus Furcht entfernen, und daß sie lieber die Dunkelheit abwarten, um aus eignem Antrieb und im Dienste der Ernährung und der Fortpflanzung lebendigere Umflüge zu halten.
Der Gänsefußspanner, gelber Marmor (Larentia chenopodiata, auch Cidaria chenopodiata), hält sich an ähnlichen Ortlichkeiten, besonders in den Dorfgärten und deren Nachbarschaft auf, sitzt infolgedessen anWänden der Stallgebäude, an Stämmen und nicht im Grase, so daß er sich weniger aufscheuchen läßt als andere, und fliegend so leicht nicht gesehen wird. Die grünlich ledergelbe Grundfarbe wird an den Grenzen des Mittelfeldes beim Weibchen mehr bindenartig, beim Männchen ausgedehnter dunkler und zwar gelbbraun. Die Gestalt der Vorderflügel, die Teilung der Spitze durch einen dunkeln Schrägstrich, die wellenrandigen, schwächer gezeichneten Hinterflügel, deren Vorderrand den Innenwinkel der vorderen überragt, finden wir bei vielen anderen Arten, welche zum Teil
noch viel sauberer gezeichnet und lebendiger gefärbt sind, wieder. Unser Spanner ist im Juli und August nirgends selten. Seine Raupe, welche überwintert, erscheint an den Seiten etwas knotig, platt von oben her und verschieden in Färbung und Zeichnung, bräunlichgrau oder zimtbraun, auf dem Rücken mit nach vorn spitzen Winkelhaken verziert, welche eine feine dunkle Linie teilen, und gelb an den Seiten durch eine gezackte Linie. Sie ernährt sich von den verschiedenen Gänsefußarten (Chenopodium), an denen man sie manchmal in größeren Gesellschaften beisammen trifft; zur Verpuppung geht sie tief in die Erde. | Neben dem „gelben Marmor“ jehen wir den Harlekin, Stachelbeerspanner (Abraxas grossulariata), der sich gleichzeitig mit ihm und an denselben Ortlichkeiten findet, wenn ihn auch eine wohlgeordnete Schmetterlingssammlung weit entfernt von jenem
Puppe. Alle in natürlicher Größe.
und lange vor ihm seine Stelle anweist. Er kann mit keinem anderen Schmetterling verwechselt werden, auch wenn der Aderverlauf in den Flügeln unberücksichtigt bleibt, der ihn überdies eine andere Stellung im System bedingt. Auf weißem Grunde tragen die Flügel schwarze Punktreihen in der zur Anschauung gebrachten Weise, an der Wurzel und zwischen den beiden letzten, nahe beisammenstehenden Querbinden der Vorderflügel sowie an den Körperseiten kommt die dottergelbe als dritte Farbe hinzu. Bei Tage sitzt der Harlekin weniger zwischen Gebüsch, in Hecken ꝛc. verborgen, als mancher andere, weil er sich nicht so eng an die Blätter anschmiegt und weniger bestimmt die Blattunterseite als Ruheplatz auswählt. Mit einbrechender Dunkelheit beginnt er seine taumelnden, geisterhaften Umflüge, bei denen sich die beiden Geschlechter aufsuchen und finden. Das befruchtete Weibchen legt im August seine strohgelben Eier in kleinen Gruppen zwischen die Blattrippen verschiedener Holzgewächse, namentlich der Stachelbeer-, Johannisbeersträucher, der Pflaumen- und Aprikosenbäume unserer Gärten, des Schleh- und Kreuzdorns außerhalb derselben. Spätestens bis zu der ersten Hälfte des September kriechen die Räupchen aus, häuten sich vor dem Winter noch ein- oder zweimal und fallen mit dem Laube oder vor ihm herunter, um sich am Boden ein Versteck zu suchen. Aus dem Winterschlaf erwacht, suchen sie die Futterpflanze auf, und sind sie recht zahlreich, so bleibt kein Blatt an ihr, da sie mit dem Fraße beginnen, ehe die Blätter zur vollen Entwickelung gelangt sind. Da die Raupen von Natur auf das Leben in der Geselligkeit nicht angewiesen sind, so kommen sie in der Regel auch nur vereinzelt vor. Sie liefern uns ein seltenes Beispiel von Farbengleichheit zwischen 29*
Larve und vollkommenem Kerfe. Sie ist in der angegebenen Weise schwarzfleckig, rückwärts auf weißem, am Bauche auf dottergelbem Untergrund. Mit Abschluß des Mai ist sie für gewöhnlich erwachsen, spinnt sich mit einigen Fäden an ihrem letzten Weideplatze oder in dessen Nähe fest und wird hinter denselben zu einer glänzend schwarzen, gedrungenen Puppe, an welcher die erhabenen Hinterränder der Hinterleibsglieder dottergelb gefärbt sind. Diese zierliche Puppe ruht nur wenige Wochen. Infolge der Übereinstimmung in Farbe und Zeichnung wird es teilweise schwierig, die zahlreichen und unscheinbaren Arten der Gattung Eupithecia richtig zu würdigen. Sie zeichnen sich durch die auffallend kleinen Hinterflügel mit gerundetem oder gestutztem, aber ganzrandigem Saume aus, deren 6. und 7. Rippe auf gemeinschaftlichem Stiele stehen, die vorderen haben eine ungeteilte Anhangszelle und die 6. und 7. Rippe getrennt; überdies sind die Schenkel anliegend beschuppt, die Stirn schmäler als der Durchmesser der Augen, die Taster ihrer Kleinheit wegen meist von oben nicht sichtbar und die Fühler nur bewimpert. Die vorherrschend grauen, von lichterer oder dunklerer Wellenlinie alsHauptzeichnung durchzogenen Flügel werden in der Ruhelage alle vier sichtbar und die vorderen durch ihren sehr langen Außenrand auffällig. Die Raupen sehr vieler leben an Blüten und Früchten. Ich führe hier das wegen der milchweißen Grundfarbe als Sonderling zu bezeichnende Flockblumenspannerchen (Eupitheécia signata oder centaureata, Fig. 2) vor und mache 4 aauf seine zierlichen Zeichnungen aufmerk⸗ — sam: der schwarzgraue Fleck vorn und aria) nebst Raupe. 2) Flock⸗ 113 blumenspannerchen (Eupithecia signata) nebst Raupe. Natür⸗ die breit rotgrau angelegte Wellenlinie liche Größe. am Saume. Der mehr nächtliche Spanner fliegt im Mai und Juni überall, wenn auch nicht zahlreich, und lebt als Raupe von den Blüten und unreifen Samen der Flockblumen, Hauhechel und einiger anderer. Die weißliche Raupe wird durch hellrote, zackige Zeichnungen charakterisiert. Wir fanden hinreichende Gelegenheit, den verschiedenen Geschmack der Spanner in Rücksicht auf ihr Thun und Treiben kennen zu lernen. Die einen sitzen am Tage fest und verborgen und kommen ihres nächtlichen Lebens wegen nur dem zu Gesichte, der sie dort aufzufinden weiß, oder dem ihre Zucht aus der Raupe glückte, welche, beiläufig bemerkt, hier schwieriger wird als bei den anderen Schmetterlingsfamilien. Andere fliegen bei Tag und Nacht oder vorwiegend an ersterem, diese mit Vorliebe im üppigen, von Bäumen beschatteten Grase, an lebenden Zäunen, im niederen Buschwerk, jene im dichteren Walde. Auf Triften, Stoppelfeldern, an breiten Feldwegen, sich in der Regel auf die nackte Erde setzend, so daß man überhaupt nicht recht begreifen kann, was er an dergleichen blumenarmen Stellen eigentlich suche, fliegt im Juli und August ein zierlicher Spanner, welcher, obgleich nicht groß, durch sein rotes Kleid doch leicht in die Augen fällt. Es ist der We gtrittspanner (Lythria purpuraria, Fig. 1), welcher aus überwinterten Puppen einzelner schon im Mai fliegt. Die Vorderflügel des Männchens sind olivengrün, die des Weibchens bisweilen mehr dunkel ockergelb und verziert mit 2 oder 3 purpurroten