Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Gefräßigkeit der Raupen, fast sprichwörtlich geworden, kennt jedermann, denkt aber dabei an die ihm vielleicht verunstalteten Ziergewächse seines Blumengartens, an die fehlgeschlagene Obsternte oder an die eben geschilderten Verwüstungen im Forste. Daß eine Raupe die andere auffrißt, weiß nur der Sammler und Züchter solchen Geziefers und lernt diese löbliche Eigenschaft auch nur bei gewissen von ihnen kennen. Dieselben hat er zu fürchten, denn er darf darauf rechnen, daß, wenn er eine einzige dieser Mordraupen mit anderen zugleich in dieselbe Schachtel einschloß, um sie heimzutragen, unterwegs ein Teil der mühsam errungenen Ausbeute zu Grunde gerichtet wird. Ich zweifle, ob in freier Natur, wo unter den Kerfen Mord und Raub zum gewöhnlichen Handwerk gehören, dergleichen Raupen sich an anderen vergreifen, da jede der anderen leicht ausweichen kann; in der Gefangenschaft gehört es aber zu den gewöhnlichen Erscheinungen, zumal wenn viele in einem Behälter beisammen sind, auch unter der Voraussetzung, daß es keiner an grünem, frischem Futter gebricht. Delessert teilt eine Beobachtung mit, welche das Grauenhafte der Gefräßigkeit in volles Licht stellt. Eine Mordraupe (Scapelosoma satellitia), die sich an einer anderen Raupe fett gefressen hatte, wurde mit einer zweiten Mordraupe (Cosmia trapezina) zusammengesperrt, von dieser an der Seite angefressen, daß die Eingeweide heraushingen, dann aber vom Ende her nach und nach aufgezehrt. Um die Lebenszähigkeit dieses Opfers festzustellen, wurden ihm die eignen Eingeweide vorgelegt. Die Raupe fraß dieselben auf, während sie von hinten her selbst mehr und mehr verschwand; erst dann, als ihr der Kopf und der Halsring allein noch übrig waren, hörten die Bewegungen der Kinnbacken auf. Dieses Doppelmahl nahm einen Zeitraum von 2 Stunden in Anspruch. Die letztgenannte Gattung enthält mehrere Arten, deren Larven sämtlich den Mordraupen angehören, so die im Mai auf Rüstern lebende, ihrem äußeren Ansehen nach recht artige Raupe der Feldulmen-Eule (Cosmia diffinis, Abbild. S. 439, Fig. 1). Dieselbe, mit glänzend braunem Nackenschild und schwarzbraunem Kopfe, ist auf gelbgrünem Grunde von fünf weißen Längslinien in gleichen Abständen durchzogen und mit braunen, behaarten Wärzchen in weißen Fleckchen bestreut. Eine lichte, gabelförmige Stirnzeichnung und braune Luftlöcher vollenden ihre Ausstattung. Nicht minder zierlich, glatt und kastanienbraun glänzend, rotgrau angeflogen, besonders am Innenrand, nimmt sich der Schmetterling aus, welchen am gelbgrauen Vorderrand zwei große weiße Flecke, die Anfänge der Querlinien, deren hintere stark gebrochen ist, kenntlich machen. Von noch zwei
Rüstern bewohnenden Brüdern (Cosmia affinis und pyralina), die mit ihm im Juli erscheinen, ist er der seltenste, aber entschieden auch der hübscheste; jener hat sehr schwache weiße Fleckchen am Vorderrande der Vorderflügel, dieser gar keine.
Man hat neuerdings unter dem Gattungsnamen Agrotis, welcher sicham besten durch Ackereule verdeutschen läßt, eine große Menge von Eulen vereinigt, deren viele schmutzig und unscheinbar aussehen, grau wie der Erdboden, auf welchem sie sich, unter Laub versteckt, am liebsten aufhalten; andere wieder genießen den bei Eulen im allgemeinen seltenen Vorzug, daß ihre Hinterflügel bunt gefärbt find, gelb mit einer schwarzen Saumbinde. Wenn sie somit das Kleid, welches in einer wissenschaftlichen Einteilung überhaupt nicht maßgebend sein darf, nicht vereinigt, so stimmen sie in anderen Merkmalen, wenn auch nicht ausnahmslos, mehr überein. Ein kräftiger Körperbau, ein anliegend behaarter Kopf und Mittelleib, welch letzteren kein schneidiger Längskamm auszeichnet, nackte,
unbewimperte Augen, aufsteigende Taster mit geneigtem Endglied, ein schopfloser, oft breit gedrückter Hinterleib, das dürften in der Hauptsache die körperlichen Eigenschaften sein, die wir bei ihnen antreffen. Nehmen wir nun noch dazu die bereits erwähnte Art, sich bei Tage zu verbergen, die auf dem Rücken wagerecht übereinander gelegten Flügel, wenn sie ruhen, die zitternde Bewegung, welche sie mit denselben vornehmen, wenn sie am Tage gestört werden, bevor sie aufgehen, ein Stück hinfliegen, um sich dann wieder an der Erde zu verkriechen, und das sehr versteckte Wesen ihrer nur Kräuter oder Gras fressenden, nackten und feisten Raupen, welche meines Wissens nach ohne Ausnahme überwintern und sich dann in der Erde verpuppen: so vereinigt sich eine Menge von Umständen, die ihre Zusammengehörigkeit außer Zweifel setzen. Der Raum gestattet leider nicht, mehr als ein paar der gewöhnlichsten Arten näher vorzuführen.
Das Erdfahl, die Hausmutter (Agrotis pronuba), fälschlich von der sammelnden Jugend auch als gelbes Ordensband bezeichnet, weil die ockergelben Hinterflügel eine schwarze Saumbinde tragen, erscheint in zwei Abänderungen; bei der einen (Agrotis innuba) sind die Vorderflügel fast einfarbig, rötlich lederbraun; die andere, schärfer gezeichnete, hat auf den genannten Flügeln eine rotbraune, graubraune bis ins Schwarze ziehende Grundfarbe, welche im Wurzel- und Mittelfelde mehr oder weniger aschgrau gemischt ist. Bei beiden Formen ist das Mittelfeld dann und wann dunkel quergestrichelt, der Nierenfleck licht und außen noch dunkel umzogen, oft schwärzlich ausgefüllt, im Inneren weißlich bestäubt und die Wellenlinie wurzelwärts scharf schwarz gefleckt. Die Flügelspannung beträgt ungefähr 58 mm. Im Juni und Juli trifft man diese Eule überall und nicht selten. Bei ihren nächtlichen Flügen gelangt sie auch in die menschlichen Wohnungen und setzt sich beim Grauen des Morgens in ein düsteres Winkelchen. Ihre schmutzig braune Raupe trägt eine helle Rückenlinie, oben schwarze, unten weißliche Längsstriche daneben und von da nach unten und rückwärts gewendete, dunkle Schrägstriche; hinten treten diese Zeichnungen viel schärfer hervor als auf den vorderen Gliedern. Ungefähr noch sechs andere Arten, deren einige sehr schöne, gesättigte Farben auszeichnen, alle mit gelben Unterflügeln, werden auch unter dem Gattungsnamen Triphaena von den übrigen abgeschieden.
Die Wintersaateule (Agrotis segetum) möchte ich darum nicht unerwähnt lassen, weil ihre Raupe auf Feld und im Garten fast alljährlich, einmal in dieser, das andere Mal in einer anderen Gegend, nicht nur lästig, sondern höchst schädlich wird. Sie ist erdfahl, braun, reichlich mit Grau und etwas Grün gemischt, die Haut durchscheinend und stark glänzend, das Nackenschild dunkler als der Körper, die Afterklappe dagegen nicht. Die Hornfleckchen (Warzen) auf den Gliedern fallen, weil kaum dunkler als der Grund, wenig in die Augen. Ihre Anordnung stimmt bei allen derartigen Raupen in folgender Weise überein: auf dem Rücken des zweiten und dritten stehen vier in einer Querlinie, von da bis zum neunten einschließlich zwei große, unter sich entferntere hinten, zwei kleinere, einander mehr genäherte vorn, auf dem zehnten findet kein Unterschied in den Entfernungen der Paare statt, und auf dem elften treten die vorderen weiter auseinander als die hinteren. Aus jedem dieser Hornplättchen, deren andere noch in den Seiten sich reihen, entspringt ein Borstenhaar. Über die beiden äußeren der durch jene Anordnung entstehenden vier Warzenreihen laufen zwei schmale gelbliche, aber verwischte Längsstreifen. Die Raupe wird bis 52 mm lang und so dick wie ein kräftiger Gänsekiel. Von Auguft bis Oktober, bei anhaltend milder Witterung auch bis zum November, macht sie sich durch ihren Fraß am Winterraps und Rübsen, an den verschiedenen Rüben, Kohlarten, Kartoffeln und der Wintersaat auf den Feldern, an allerlei Pflanzen in den Gärten bemerklich, ohne sich äußerlich blicken zu lassen; denn sie verbirgt sich bei Tage unter Steinen
und Erdschollen oder, wo diese fehlen, flach unter der Erde an der Wurzel ihrer Futterpflanze und kommt nur des Nachts hervor, um dieser sich zu bemächtigen. Ich fand sie nicht selten noch unter halbwüchsig und dann von bedeutend dunklerer Farbe am 20. Juli an Zuckerrüben. Nirgends geht sie die Zaserwurzel an, wie man meinen sollte, da die Sammler sie und ihresgleichen als „Wurzelraupen“ bezeichnen, sondern frißt die junge Pflanze über der Wurzel ab und zieht, das Herz verzehrend, die oberirdischen Teile, soweit sie folgen, in ihr Lager, wie der Regenwurm auch thut, oder faßt umgekehrt dieselben von oben an, sich nach unten hineinbohrend. In Rüben und Kartoffeln arbeitet fie, wie der Engerling, Löcher und höhlt letztere manchmal ganz aus. Erwachsen über: wintert fie, und nur in seltenen Fällen gelangt fie noch zur Verpuppung, in noch selteneren zum Schmetterling. Die am 20. Juli in Zuckerrüben gefundenen Raupen hatte ich eingezwingert und später das betreffende Glas offen auf einem Tische stehen. Am Abend des 15. September schwärmte zu meiner nicht geringen Verwunderung eine Winter: saateule um meine Lampe, und beim Nachsuchen im offenen Behälter fand ich die leere Puppenhülse. Nach gewöhnlichen Verhältnissen verwandeln sich die aus dem Winterschlaf erwachten Raupen in leicht zerbrechlicher Erdhöhle zur Zeit, wo die Rübsaat in den Gipfeln ihre Blüte zu entwickeln beginnt. Die gedrungene, glänzend gelblichrote Puppe endigt in zwei kurze, etwas auseinander gehende Dornspitzchen. Nach ungefähr 4 Wochen Ruhe schlüpft der unansehnliche, 44 mm spannende Schmetterling aus. Seine Vorderflügel find gleich: mäßig heller oder dunkler graubraun und schillern bei dem meist helleren Männchen gelblich. Die beiden Querlinien, dunkler eingefaßt, treten bei den dunkeln Stücken nur undeutlich hervor, dagegen lassen sich die beiden vorderen Flecke infolge ihrer schwarzen Umsäumung gut erkennen. Die Wellenlinie ist etwas heller und verläuft, abgesehen von zwei stumpfen Ecken nach außen (dem stumpfen W), vom Saume ziemlich gleich entfernt. Die Linie auf diesem besteht aus dunkeln Dreieckchen zwischen den Rippen. Beim Männchen bleiben die Hinterflügel weiß mit Ausschluß der gelblich leicht bestäubten Rippen und des Außenrandes, beim Weibchen erscheinen sie durch stärkere Bestäubung auf der ganzen Fläche wie angeräuchert. Dort tragen außerdem die Fühler bis über die Mitte etwas keulenförmige, immer kürzer werdende, bewimperte Kammzähne. Man begegnet von der zweiten Hälfte des Mai (1862 schon am 4. des genannten Monats) diesem traurigen Proletarier, häufiger im Juni, aber auch im Juli und August, ja im trockenen Jahre 1865 fand ich ihn noch einzeln im September, am 18. Oktober ein ganz frisches Weibchen unter dem Grase und am letzten Tage des genannten Monats ein abgeflattertes Männchen. Nach dem vorher Gesagten stammten diese Nachzügler ganz entschieden von einer zweiten Brut, deren Nachkommen natürlich bedeutend kleiner durch den Winter kommen müssen und Spätlinge für das nächste Jahr liefern. Die Wintersaateule ist nicht nur über ganz Europa, sondern auch über einen großen Teil von Asien sowie über Südafrika und Nordamerika verbreitet, gehört also entschieden zu den Weltbürgern.
Man darf indes nicht meinen, daß die im obigen Sinne geführten Klagen über Schädigungen an unseren Kulturpflanzen die eben besprochene Raupe allein treffen. Es gibt noch mehrere ihr sehr ähnliche, ebenso schmutzige und schwer durch Wort oder Bild untrüglich wiederzugebende, welche mit ihr ungefähr gleichzeitig leben und nicht minder unschönen Ader: eulen angehören, wie beispielsweise dem Ausrufezeichen (Agrotis exclamationis), dessen sonst fast zeichnungslose, gelblich rotgraue Vorderflügel nur die drei dunkleren
Eulenflecke tragen, oder der rindenfarbigen Ackereule (Agrotis corticea), welche etwas in Größe hinter den vorigen zurückbleibt, sonst sich von der Wintersaateule eigentlich nur dadurch unterscheidet, daß die Hinterflügel in beiden Geschlechtern braun aussehen.
Die Goldeulen, Plusien (Plusia), find über alle Erdteile verbreitet und auch in Europa durch zahlreiche Arten vertreten; sie zeichnen sich größtenteils durch metallisch glänzende Flecke auf ihren Vorderflügeln vorteilhaft aus; es kommen Bildungen, beispielsweise den griechischen Buchstaben „„ » oder A ähnlich, vor, welche aus dick aufgetragenem Gold oder Silber zu bestehen scheinen. Auf dem schlanken Hinterleib erheben sich starke Schöpfe. Die Schulterdecken bestehen aus drei mehr oder weniger deutlichen Lagen von Haaren, deren Ränder sich markieren, und von denen die vordere Reihe mit der vorderen Behaarung des Mittelrückens gewissermaßen einen zweiten Halskragen bildet. Die aufsteigenden Taster erreichen bei den verschiedenen Arten sehr verschiedene Länge, stehen z. B. bei der prächtigen, blaßgoldenen Plusia moneta wie ein paar krumme Säbel vor und über dem Kopfe. Diese schönen Eulchen ruhen mit steil dachförmigen Flügeln, und viele von ihnen fliegen auch bei Tage. Die Raupen kennzeichnen ein kleiner Kopf, über: haupt ein nach vorn verjüngter Leib und das Schwinden der vordersten Bauchfüße, so daß sie spannerartig kriechen und gern mit bucklig emporgezogenem Vorderkörper ruhen. Sie leben alle frei an Kräutern und fertigen meist an der Futterpflanze ein lockeres Gespinst für die Puppe. Diese hat eine stark entwickelte Rüsselscheide und bedarf nur kurze Zeit zu ihrer Entwickelung.
Das Gamma, die Ypsilon-Eule (Plusia gamma), gehört zu den Arten, deren Vorderflügel ein dicker Silberbuchstabe in Form des griechischen 7 (gamma) auszeichnet, und dürfte gleichzeitig die gemeinste und verbreitetste von allen sein; denn sie fliegt auch in Nordamerika. Das Gamma begegnet uns in Feld und Wald, auf Wiesen und in Gärten, im Sonnenschein nicht minder wie am frühen und späten Abend in scheuem und hastigem Fluge und saugt geschäftig an allen möglichen Blumen Honig. Wird es in seiner Ruhe gestört (denn es sitzt bei Tage auch still unter einem Blatte), so fährt es auf, setzt sich aber bald wieder nieder, und noch unschlüssig, ob es weiter fliegen soll, zittern die Flügel krampfhaft und die Fühler bleiben vorgestreckt; erst wenn es sich sicher fühlt, legt es letztere an den höckerigen Brustkasten, jene dachartig über den braungrauen Hinterleib. Wie wir das Gamma zu jeder Tageszeit antreffen können, so auch fast zu jeder Jahreszeit, natürlich innerhalb der Grenzen des bemerkbaren Insektenlebens. Aus diesem Grunde und weil in den warmen Monaten die Entwickelung sehr rasch von statten geht, kommen während derselben alle Stände gleichzeitig vor, daher es schwierig ist, mit Sicherheit die Zahl der Bruten anzugeben. Für gewöhnlich nimmt man an, daß die Raupe überwintere; ich fing aber am 7. Mai 1865 einen Schmetterling, welcher seinem Ansehen nach kein Kind des Frühlings war, während ein anderer, am 1. Oktober 1874 gefangener, vor kurzem erst der Puppe entschlüpft sein mußte und entschieden nur nach der Überwinterung seinen Lebenszweck erfüllen konnte. Wir sehen den Falter vorn mitten auf unserem Gruppenbilde „Deutsche Tagfalter“ in der Stellung, welche er saugend anzunehmen pflegt. Die Vorderflügel sind grau, heller und dunkler braun marmoriert und rostbraun gemischt, außer dem 7 oder y find die feinen, lichten Zeichnungen silbern. Die an der Wurzel hellbraunen Hinterflügel werden nach dem Saume hin bindenartig dunkler samt der Wurzel der weißen Fransen. Die gelb- bis graugrüne, der Länge nach weiß gestreifte Raupe schnürt sich in den Gelenken ein und frißt an den verschiedensten Kräutern, manchmal in verheerender Weise. So hat sie 1828 in Ostpreußen die Leinfelder vernichtet, anderwärts Hanf, Raps, Hülsenfrüchte ꝛc. stark beschädigt; vor einigen Jahren und wieder 1888 trat sie wiederholt auf den Zuckerrübenfeldern in den Herzogtümern Sachsen und Anhalt verheerend auf, und als ich vor Jahren aus Raupen, welche an Weidengebüsch häufig saßen und meiner Meinung nach einer anderen Goldeule angehörten, die in ihren Raupen zum Teil einander ungemein nahe stehen, unseren Proletarier erzog,