Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Raupen dieser Familie bilden drei natürliche Gruppen. Die einen stehen durch ihre auffallende Behaarung und 16 Füße den meisten Spinnerraupen zunächst und ruhen für jedermann offenkundig, bei Tage an ihren Futterpflanzen. Die anderen haben gleich: falls 16 Füße, aber keine merkliche Behaarung, halten sich am Tage meist versteckt und kommen nur des Nachts zum Fraße hervorgekrochen, wo sie dann der eifrige Sammler beim Scheine der Laterne bequemer aufzufinden versteht als bei Tage. Ihre Anzahl überwiegt alle übrigen. Eine dritte Gruppe endlich hat ein oder zwei Fußpaare weniger, ist nackt, sitzt bei Tage frei an den Futterpflanzen und baut in ihrer ersten Eigenschaft den Eulen die Brücke zur nächsten Familie, den Spannern. Sämtliche Raupen spinnen bei der Verpuppung, jedoch unvollkommen, die frei auf Pflanzen ruhenden an diesen oder an dürrem Laub auf der Erde, die der zweiten Gruppe in der Regel unter der Erde, deren Krümchen sie mit verweben oder mit ihrem Speichel nur lose zusammenleimen.
Wegen der großen Übereinstimmung der Eulen sind die Sippen bei einer Einteilung von wenig Wert, selbst die Gattungen haben vielfach gewechselt, weshalb die Unsitte der Sammler, einen Schmetterling nur mit einem Namen, dem der Art, zu benennen, leicht erklärt, wenn auch nicht gerechtfertigt werden kann. Die etwa 2500 bekannten Arten verteilen sich über die ganze Erde. Wenn deren nahezu 1000 auf Europa kommen, so ist daraus der Schluß zu ziehen, daß die Arten unseres Erdteils am sorgfältigsten erforscht, in anderen, kerfreicheren Ländern wegen der versteckten Lebensweise und des weniger in die Augen fallenden Außeren übersehen worden sind. Überdies dürfen wir nicht unbeachtet lassen, daß in den Gleicherländern, welche weit vollkommener von der Sonne beherrscht werden als unsere Gefilde, die nächtlichen Eulen gegen die bunten Tagfalter, großen Spinner und anderen Schmetterlinge bedeutend zurücktreten und in an sich geringerer Artenzahl dort leben. Von den deutschen Arten überwintern auf 100:4 im Ei, 57 als Raupen, 35 im Puppenstand und nur 4 als Schmetterlinge.
Wir beginnen mit einem Schmetterling, dem Blaukopf oder Brillenvogel (Diloba coeruleocephala, Fig. 3, S. 433) welchen die betreffenden Bücher sonst allgemein unter den Spinnern aufführten, während ihn die Neueren den Eulen zuzählen. Die stark gekämmten Fühler des Männchens und der dicke, wollig behaarte Körper des Weibchens lassen seine nahe Verwandtschaft mit jenen, wenn nur die Körpertracht entscheiden sollte, nicht verkennen.
Die schokoladenfarbenen, im Saumfelde lichteren Vorderflügel werden von zwei stark gezackten, am Innenrande sich sehr nähernden, schwarzen Querlinien durchzogen. Indem die beiden grünlichgelben vorderen Flecke zusammenfließen und sich der Zapfenfleck in runder Form an den Ringfleck anhängt, entsteht ein großer lichter Klecks, welcher sich mitunter in zwei brillenähnliche Flecke auflöst. Die weißlichgrauen, am Innenwinkel dunkel gefleckten Hinterflügel entsenden die siebente Rippe aus der Vorderecke der Mittelzelle. Der Falter fliegt vom September an, gehört also zu den sogenannten „Herbsteulen“ und sitzt bei Tage an Baumstämmen oder Wänden. Im Frühjahr erscheinen die dicken, bläulichweißen, gelb gestreiften und schwarz bewarzten Raupen, deren blauer Kopf den Namen des Schmetterlings veranlaßt hat, auf Schwarzdorn und Pflaumenbäumen; diesen letzteren können sie durch ihren Fraß nachteilig werden, wenn sie in großen Mengen im Mai und Juni vorhanden sind. Wenn die Raupe erwachsen ist, fertigt sie von Holzspänen, dem Kalke einer
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(Diloba coeruleocephala) mit Raupe. Alle natürliche Größe.
Wand 2c. eine geleimte Hülle an feste Gegenstände, von welcher die stumpfe, rotbraune Puppe eng umschlossen wird, ganz in Spinnerweise.
Im August, mehr noch im September, fällt häufig auf verschiedenen Bäumen städtischer Anlagen, besonders an Ahorn und Roßkastanie, eine schöne Raupe in die Augen, welche in gekrümmter Lage an der Unterseite der Blätter ruht, in Wäldern oft auch auf Eichen angetroffen wird. Sie ist gelb, an den Seiten zottig gelb behaart und hat über den Rücken eine Reihe blendend weißer, schwarz umringelter Flecke, wie es auf dem Bilde „Wirkungen vereinter Kräfte“ (bei S. 65) zu sehen ist. Ich entsinne mich, daß dieselbe Art vor Jahren eine stattliche Kastanie vor einem Hause hiesiger Stadt vollkommen entblättert hatte. Die vor Hunger matten Tiere fielen den unter dem Baume vorübergehenden Leuten auf die
Köpfe. Der aus der überwinterten Puppe im Mai oder Juni des nächsten Jahres ausschlüpfende Schmetterling heißt die Ahorn-Pfeilmotte (Acronycta aceris) und ist ebenso unansehnlich wie die übrigen, zahlreichen Gattungsgenossen, deren Raupen sämtlich durch ihr buntes Kleid in die Augen fallen. Derselbe ist weißgrau, auf den Vorderflügeln ziemlich verworren gelblich und bräunlich bestäubt, so jedoch, daß die beiden Querlinien und vorderen Eulenflecke als lichtere Zeichnungen sich deutlich erkennen lassen.
Den Orion, die Seladoneule (Moma Orion, Fig. 1), einen ungemein sauberen Falter, können wir im Mai oder Juni, manchmal sogar recht häufig im Walde an den
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Baumstämmen sitzen sehen, und zwar stets mit dem Kopfe nach unten gerichtet. Der abstehend behaarte Mittelleib, dessen Flügelschuppen Seitenschöpfe bilden, der Hinterleib und die Vorderflügel haben auf hellgrüner Grundfarbe schwarze und weiße Zeichnungen. An letzteren unterscheidet man zwei tief schwarze Querlinien und in der Mitte des sehr breiten Mittelfeldes einige Hieroglyphen, welche allenfalls eine dritte zusammensetzen. Die graubraunen, nach außen dunkleren Hinterflügel haben einen weißen, schwarz geteilten Innenrandsfleck und wie die vorderen schwarz und weiß gescheckte Fransen. Die hübsche Raupe findet sich einige Wochen später, zunächst gesellschaftlich auf Eichengebüsch, und läßt sich an einem Faden herab, wenn sie Gefahr wittert. Später, wenn sie erst größer wird, sucht sie die Einsamkeit und fertigt vor Einbruch der rauhen Jahreszeit für die Puppe ein festes Gespinst. Sie ist oben samtschwarz, an den Seiten gelblich, trägt auf roten Wärzchen lange rotbraune Haare und auf dem Rücken des zweiten, vierten und siebenten Ringes je einen großen gelben Fleck.
Während die Raupen der bisher betrachteten Eulen und deren Verwandten in der Regel auffällig behaart sind und mit wenigen Ausnahmen an Holzgewächsen sich aufhalten, ohne versteckt zu sein, so kommen die meisten nackten Raupen der nun folgenden Eulen nur denjenigen zu Gesicht, welche sie in ihren Schlupfwinkeln aufzufinden wissen. Sie ernähren sich vorzugsweise von Kräutern und Gräsern, haben alle 16 Füße und gehen zur Verpuppung in die Erde. Auch die Schmetterlinge leben verborgen und besuchen in der Dunkelheit die Blumen, blühende Getreide- und Grasähren sowie von Blattläusen versüßte Bäume, Sträucher und andere Gewächse, um Honig und Tau zu lecken. Wenn sich nicht eine oder die andere in die menschlichen Wohnungen verflog, sei es, daß sie dem Lichte folgte, oder um ein verstecktes Ruheplätzchen für den Tag zu finden, bleibt die Mehrzahl derselben unseren Augen verborgen. Trotz der Verborgenheit der Raupen machen sich doch manche von ihnen fühlbar durch den Schaden, welchen sie an den Kulturgewächsen anrichten. Beispielsweise sehen wir eine hier vor uns, deren Lebensgeschichte in der Kürze mitgeteilt werden soll.
Die lederbraune, bisweilen etwas grau angeflogene Queckeneule (Hadena basilinea, Abbild. S. 433, Fig. 2) hat am Vorderrand und im Mittelfeld mehr rostbraune Vorderflügel. Ring- und Nierenfleck sind groß, dieser heller, besonders saumwärts. Aus der Mitte der Flügelwurzel geht ein schwarzer Strahl aus, sie hat eine „Linie an der Basis“ (basilinea). Die beiden Querstreifen, an den zugekehrten Seiten dunkler eingefaßt, die Wellenlinie, der Zapfenfleck, sie alle sind deutlich zu erkennen. Kleine schwarze Mondfleckchen zwischen den Rippen bilden die Saumlinie, zwei dunkle andere ein Band über den wellenrandigen Fransen. Die glänzend gelbbraunen, saumwärts und auf den Rippen dunkleren Hinterflügel entsenden ihre siebente Rippe aus der vorderen Ecke der Mittelzelle. Die Augen find nackt und unbewimpert, der Rüssel ist stark, und die Taster enden mit einem kurzen, ge: neigten Gliede. Am Vorder- und Hinterrande des Mittelrückens stehen je zwei Haarbüschelchen empor, zwei geteilte Schöpfe bildend, ungeteilte und dunklere auf dem Rücken des dritten und vierten Hinterleibsgliedes. Die Flügelspannung beträgt 39 mm. Nach der Paarung legt das Weibchen mehrere Eier an Grasstengel und Blätter, von welchen sich die Raupe später ernährt, dieselben bei Nacht von oben an abfressend, während sie sich am Tage unten verborgen hält. Diese Gräser können auch die angebauten Getreidearten Roggen und Weizen sein. Für diesen Fall fressen sie sich in die noch weichen Körner ein. Solange es ihnen der Raum gestattet, verbergen sie sich in der Ahre und sind schwer zu finden, weil ihre Farbe zur Zeit kaum von der Umgebung abweicht. Die Raupen, welche manchmal in großer Menge vorkommen, hat man, nachdem sie aus dem Getreide beim Einfahren
desselben herausgefallen waren, an den Hauswänden der Straßen sitzen sehen, durch welche die Erntewagen gefahren sind, ebenso an den Gewänden und auf dem Boden der Scheunen. Sie haben sich mit Weißbrot, nach der Überwinterung mit junger Saat und Gras füttern lassen. Wenn man sie nicht stört, würden die in den Garben verbliebenen an den Körnern weiter fressen, bis sie in winterliche Erstarrung verfallen, im Frühjahr das Geschäft fortsetzen, einzelne wohl auch das Gras im Freien aufsuchen und sich Anfang Mai verpuppen. Die erwachsene Raupe erscheint nach hinten etwas verengert und in bleich graubrauner, wenig glänzender Grundfarbe, die Rückenhälfte durch unregelmäßige Aderung schwärzlich, durch eine weißliche Mittellinie geteilt, dreimal weiß durchschnitten auf dem glänzend rotbraunen Nackenschilde und der roten Afterklappe. Eine Reihe dunkler Fleckchen hinter den Luftlöchern, eine zweite über den Fußwurzeln unterscheidet man noch außerdem an der lichten Bauchhälfte. Die gedrungene, gelblichbraune Puppe endet in eine unebene Warze, welche sechs etwas gekrümmte Borsten bewehren, zwei stärkere nebeneinander inmitten der vier anderen. — In ihrer Lebensweise stimmt hiermit eine zweite, der eben beschriebenen Raupe sehr ähnliche überein, aus welcher sich die mattgezeichnete Eule (Hadenainfesta) entwickelt. Wenn das Getreide gemäht wird, hat fie die Größe von 15 mm erlangt, fällt aus den Ahren, verbirgt sich unter dem liegenden Getreide, unter Erdschollen ꝛc. und sucht Gras zur weiteren Ernährung auf, wenn sie sich nicht mit einernten läßt. Bis Mitte Oktober, oder bei günstiger Witterung noch länger, frißt sie und überwintert fast erwachsen. Im nächsten Frühling ernährt sie sich noch ein paar Wochen in derselben Weise von Gras und verwandelt sich Ende April oder im Mai in eine hellbraune, schlanke und lebhafte Puppe, welche in zwei auswärts gebogene, von einigen Borsten umgebene Dornen endigt. Die gelbgrauen, bräunlich gewölkten Vorderflügel der Eule zeigen am Ende der Wellenlinie eine scharfe (=) Zeichnung und nach außen bis zum Saume einen schwärzlichen Anflug. Auf den weißlichen Hinterflügeln setzen sich eine Saumbinde und ein Bogenstreifen grau ab. Mittelleibsrücken und vordere Hinterleibsringe tragen schwache Schöpfe.
Die Flöhkrauteule oder der Sägerand (Mamestra persicariae) ist gemein und nicht zu verkennen an den tief blauschwarzen, gelblich marmorierten, wellenrandigen Vorderflügeln, deren weißer, gelblich gekernter Nierenfleck gegen den dunkeln Grund gewaltig absticht. Ihre Raupe lebt im Herbst auf den verschiedensten Gewächsen, gern auch in unseren Gärten und verrät sich besonders an den Georginen durch den auf den großen Blättern sich ansammelnden Kot. Sie lebt keineswegs versteckt und zeichnet sich durch das leistenartige Hinterende des vorletzten Leibesgliedes aus, von welchem an der Körper schräg nach hinten abfällt, sowie durch eine hellere oder dunklere, bisweilen in Braun übergehende grüne Körperfarbe, welche von einer fein lichteren, beiderseits dunkel eingefaßten Längslinie auf dem Rücken durchschnitten wird. Ein nach hinten halbkreisförmig begrenzter, vorn allmählich verwaschener Rückenfleck des vierten und fünften Ringes, der Hinterrand des elften und fast der ganze zwölfte sowie verwischte Schrägstriche unter den Luftlöchern sind braun. Die schwarzbraune, hinten stumpfe Puppe, welche hier zwei geknopfte, etwas auseinander stehende Gabelspitzchen trägt, überwintert in der Erde.
Zwei sehr hübsche Eulen, welche in Farbe und Zeichnung wesentlich auseinander gehen, stimmen in ihren Raupen und deren Lebensweise in dem Grade miteinander überein, daß es ungemein schwer wird, sie dann voneinander zu unterscheiden, wenn man sie beide zugleich vor sich sieht. Beide haben schon bedeutenden Schaden an den Wiesengräsern angerichtet, von welchen sie sich ernähren, und zwar in sehr verschwenderischer Weise. Sie beginnen nämlich am Grunde des Blattes, dessen Spitze bald verwelkt und ihren Hunger dann nicht mehr stillen kann. Die eine ist die Lölch- oder Futtergras-Eule (Neuronia popularis oder 10 lii, s. Abbild. S. 436, Fig. 1) und wurde wegen ihres langhaarigen Brustkastens 28*
früher den Spinnern beigesellt, zu denen sie trotz der stark gekämmten männlichen Fühler aber nicht gehört. Ihre schön rotbraunen Vorderflügel schimmern pfirsichblütenrot und fallen durch die gelblichweiße Beschuppung aller Rippen, der Wellenlinie und der drei Eulen: flecke, wie wir aus unserer Abbildung ersehen, in einer Weise auf, welche sie mit keiner anderen Art verwechseln läßt. Der Kopf und schopflose Mittelrücken sind braun und weiß gemischt, die trübweißen Hinterflügel vor dem Saume gebräunt. Das Weibchen übertrifft das Männchen etwas an Größe und hat eine lang vorstreckbare Legröhre, mit welcher es im August oder September seine zahlreichen Eier tief am Grunde der Graspflanzen unter: bringen kann. Aus diesen schlüpfen die Räupchen noch vor dem Winter aus und durchschlafen denselben je nach dem Herbstwetter in verschiedener Größe. Anfang Juni habe ich dieselben in hiesiger Gegend fast erwachsen und immer nur einzeln unter Steinen gefunden, wo sie in der hier abgebildeten Stellung ruhen. Der feiste Körper glänzt bronzebraun auf der durch die schwarzen Luftlöcher begrenzten oberen Seite und wird von drei lichten Längslinien durchzogen, welche auf dem Nackenschild beginnen und sich am Ende der Afterklappe