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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Die Nonne (Ocneria monacha, Fig. 1—8) steht dem Schwammspinner als würdige Schwester zur Seite, sowohl in Rücksicht auf die äußere Erscheinung wie im

Nonne (Oeneria monacha), I u. 2) Männchen, 3 — 5) Weibchen, 6) Raupenspiegel, 7) Raupe, 8) Puppe. Alles natürliche Größe.

Benehmen und in der Schädlichkeit der Raupe, welche vorzugsweise den Nadelhölzern zuspricht. Der Schmetterling erscheint gleichzeitig mit dem vorigen, trägt in beiden Geschlechtern reineres Weiß und schärfere schwarze Zackenbinden auf den Vorderflügeln, schwach getrübte Hinterflügel, gescheckte Fransen an beiden, und das Weibchen kann seine rosenrote Hinterleibsspitze durch die ausstreckbare Legröhre bedeutend verlängern, wenn es die Eier hinter Rindenschuppen ankleben will. Ist der Schmetterling in einem Jahre sehr häufig, jo gehören fast ganz schwarze Abänderungen (Ocnerica eremita) keineswegs zu den Seltenheiten. Der Schmetterling sitzt träge an den Stämmen der Waldbäume und anderer Bäume in Waldesnähe, das Männchen jedoch loser als das träge Weibchen, denn es läßt sich an warmen Tagen leicht aufscheuchen, wenn man ihm beim Durchstreifen des Revieres zu nahe kommt. Vereinigt findet man die Geschlechter bei Tage so wenig wie die der vorigen Art. In der Eiablage unterscheiden sich, wie bereits erwähnt, die Weibchen beider Arten wesentlich.

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Nonne (Oeneria monacha), I u. 2) Männchen, 3 — 5) Weibchen, 6) Raupenſpiegel, 7) Raupe, 8) Puppe. Alles natürliche Größe.

Ende April oder Anfang Mai des nächsten Jahres kriechen die Räupchen aus, und die von einer Eiergruppe stammenden bleiben 1—6 Tage in der Weise zusammen sitzen, wie wir es hier sehen, bis sie sich auf die Nadeln begeben. Der Forstmann nennt eine solche Gesellschaft einen Spiegel (Fig. 6) und den Inbegriff aller Vorkehrungen, um durch das Töten derselben ihrem Fraße vorzubeugen, das Spiegeln. Im Juni oder Juli sind die Raupen (Fig. 7) erwachsen, auf graugrünlichem, weißgrau und schwarz gemischtem Grunde blau und rot bewarzt, vorn durch eine weiße Stelle hinter einem samtschwarzen Spiegel und hinter der Mitte gleichfalls durch einen lichten Sattel ausgezeichnet, infolge der Borstenbehaarung der Warzen, der Kopfbildung und Körperform den Dickkopfraupen sehr ähnlich. Hinter wenigen Seidenfäden werden sie an einem Stamme zur schönen bronzeglänzenden, büschelig weiß behaarten Puppe (Fig. 8). Da die Laubhölzer die verlorenen Blätter wieder ersetzen können, so leiden sie durch den Nonnenfraß weniger als die Kiefern und zarteren Fichten. Bis zum Jahre 1828 galt die Nonne nur für eine Feindin der Kiefer, eine über die ostpreußischen, litauischen, masurischen und polnischen Forsten von 1852 an hereinbrechende Nonnenverheerung lehrte aber, daß die Fichte weit mehr noch von ihr zu leiden habe als die Kiefer. Willkomm wurde 1863, nachdem das furchtbare Ereignis bereits vorüber war, von der königlich sächsischen Regierung in jene so entsetzlich heimgesuchten Waldquartiere entsendet und hat einen gründlichen Bericht darüber erstattet, welcher teils auf eigne Anschauung, teils auf Einsicht der dortigen Revierakten und auf Mitteilungen der Forstbeamten gegründet ist. „Es war am 29. Juli 1858”, fo lautet dieser Bericht, „als am Schwalzer Schutzbezirk, dem südlichsten des Rothebuder Forstes, der Nonnenschmetterling auf einmal in unzähliger Menge erschien, indem derselbe in wolkenartigen Massen, vom Südwind getrieben, herbeizog. Binnen wenigen Stunden verbreitete sich der Schmetterling auch über die angrenzenden Schutzbezirke, und zwar in solcher Menge, daß z. B. die Gebäude der Försterei Ragonnen von Faltern förmlich inkrustiert und die Oberfläche des Pillwungsees von darin ertrunkenen Schmetterlingen wie mit weißem Schaume bedeckt erschien. Glaubwürdige Augenzeugen, die ich gesprochen, versichern, daß es im Walde gewesen wäre wie beim ärgsten Schneegestöber, und daß die Bäume wie beschneit ausgesehen hätten, in solcher Masse wäre der Schmetterling überall niedergefallen. Nachforschungen Schimmelpfennigs ergaben, daß die Nonne bereits seit mehreren Jahren in den südlich von der Bodschwingkenschen Heide gelegenen Privatforsten, besonders aber in den polnischen Grenzwaldungen, gefressen und sich dort, wo nichts für ihre Vertilgung geschehen war, so ungeheuer vermehrt hatte, daß manche Waldbesitzer in ihrer Verzweiflung im Jahre 1852 ganze Wälder niederbrennen ließen, um das Insekt los zu werden. In welcher Massenhaftigkeit 1853 der Nonnenfalter aufgetreten fein mag, erhellt aus der Thatsache, daß die Menge der vom 8. August bis zum 8. Mai des folgenden Jahres auf Rothebuder Revier gesammelten Eier ohngefähr 300 Pfund betrug, oder, da auf ein Lot mindestens 15,000 Stück gehen, etwa 150 Mill. Stück! Außerdem wurden während der Flugzeit, welche in der Hauptsache nur bis zum 3. August währte, drittehalb preußische Scheffel weiblicher Falter (etwa 1,5 Mill. Stück) gesammelt. Trotz dieser energischen Maßregel zeigte sich im folgenden Frühjahr wieder eine solche Menge von Raupenspiegeln, selbst in den drei- bis viermal abgesuchten Beständen, daß man sich überzeugen mußte, man habe kaum die Hälfte der abgelegten Eier gesammelt. Und das war allerdings nicht wunderbar, da die Nonne ihre Eier, allen bisherigen Beobachtungen und Erfahrungen Hohn sprechend, sogar an die Wurzeln und zwischen das Moos der Bodenstreu, desgleichen bei den Fichten in der Krone bis zum höchsten Wipfel hinauf abgelegt hatte, was das Sammeln natürlich sehr erschweren mußte. Nichtsdestoweniger waren in fast allen Forsten, wo der Schmetterling sich in Menge gezeigt hatte, im ganzen auf einer

Fläche von 14,500 Morgen die Bäume Stamm für Stamm abgesucht worden, und zwar bis zu 5 Fuß Höhe mit den Händen, weiter hinauf auf Leitern. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß in den mit Kiefern gemischten Fichtenbeständen, auch in den ältesten, die Eier fast immer nur an den Fichten abgelegt erschienen, selten an Kiefern, denn bisher ist in so gemischten Beständen das Gegenteil beobachtet worden. Die meisten Eier fand man immer an alten, starken Fichten (bis 2 Lot an einem Stamme!) sowie längs der Wurzeln und im Moose. Unter den Fichten waren nur die bereits mit rauher Borke versehenen mit Eiern belegt, niemals die noch glattrindigen, überhaupt keine Stämme unter 12 Zoll Durchmesser am unteren Ende. Auch an Birken und Hornbäumen (Hainbuchen) fand man Eier. Bei den Kiefern wurden solche selten über 20 Fuß Höhe, bei den starkrissigen Birken nicht über 6 Fuß, bei den Hornbäumen bis etwa 10 Fuß vom Boden gerechnet gefunden; dagegen bei den Fichten, wie schon bemerkt, von der Wurzel bis zum Wipfel. Zur Vertilgung der Eier trugen wesentlich der Buntspecht, ferner die Finken bei; auch wurde eine große Menge von Clerus-Larven um die Eierhaufen bemerkt. Trotz alledem waren eine ungeheure Menge Eierhaufen übriggeblieben; denn nach Schimmelpfennigs Berechnung wären durchschnittlich 100 Arbeiter und 20 Aufseher im nächsten Jahre nötig gewesen, um nur auf einem Morgen das Spiegeltöten schnell und gründlich durch-führen zu können! Unter diesen Umständen erklärte Schimmelpfennig in seinem Berichte vom 15. Februar 1854, in welchem er bereits voll tiefen Schmerzes den Untergang der Wälder voraussagt, das Spiegeln für unausführbar, überhaupt menschliche Hilfe für unzureichend und alles auf fernerweite Vertilgungsmaßregeln zu verwendende Geld für vergeblich verausgabt. „Gleichwohl wurde seitens der Regierung das Spiegeln angeordnet und auf Rothebuder Revier auch wirklich bis zum 18. Mai vorgenommen, natürlich mit völlig unzureichenden Kräften. Dabei hatte man die Beobachtung gemacht, daß die frisch ausgelaufenen Räupchen vorzüglich an den überall eingesprengten Hornbäumen fraßen und erst nach der Entwickelung der Fichtenmaitriebe zu den Fichten wanderten, wo sie zuerst die Maitriebe so stark benagten, wohl gar durchbissen, daß dieselben vertrockneten. Wie vorauszusehen gewesen war, hatte das Spiegeln gar nichts geholfen; denn die Raupe verbreitete sich schnell über das ganze Revier, und es wurden durch dieselbe bis zum 12. Juli, wo der Fraß zu Ende ging, schätzungsweise 800 Morgen Fichten vollkommen kahl abgefressen und vernichtet. Schon jetzt zeigten sich übrigens viele kranke Raupen und unzählige Ichneumoniden (Microgaster), deren weiße Puppentönnchen später schneeartig das Unterholz bedeckten. Dennoch mochte der größte Teil der Raupen zur Verpuppung gelangt sein; denn die ausgekrochenen Schmetterlinge bedeckten die Bestände noch massenhafter als das Jahr zuvor. „Während der Fraßzeit wurde beobachtet, daß die Raupe die Fichtennadeln ganz ver: zehrte, die Kiefernadeln dagegen, wie längst bekannt, in der Mitte, die Birkenblätter am Blattstiele durchbiß, weshalb der Boden unter den Kiefern und Birken mit herabgefallenen Nadelstücken und Blättern übersäet war; ferner, daß in den aus Fichten, Kiefern und Laubhölzern gemischten Beständen die Kiefern erst dann an die Reihe kamen, nachdem die Fichten kahl gefressen waren, die Hornbäume dagegen sofort, gleichzeitig mit den Fichten; daß in kahl gefressenen Nadelholzarten die etwa eingesprengten Weiden, Aspen, Eschen, Ahorne ꝛc. verschont blieben, dagegen das Farnkraut und die Beersträucher den hungrigen Raupen zur Beute fielen; endlich, daß ein am 6. und 7. Juni eingetretener starker Spätfrost den Raupen nur sehr wenig schadete. Ein Umherwandern der Raupen aus kahl gefressenen Beständen nach noch unversehrten wurde nicht wahrgenommen, im Gegenteil überall beobachtet, daß die Raupen von den kahl gefressenen Bäumen ermattet herabstürzten und sich unter deren Schirmfläche ansammelten. Viele derselben mögen nicht zur Verpuppung gelangt sein, viele

wurden auch von den Fröschen (!) gefressen. Bäume, unter denen sich Ameisenhaufen (von Formica rufa) befanden, blieben vom Raupenfraß verschont. „Zur Vertilgung der Schmetterlinge wurden, da das Sammeln zu langsam ging, schon während der ersten Flugzeit (vom 29. Juli bis 3. August 1853) und auch 1854 große Leuchtfeuer an vielen Stellen angezündet. Wenn auch diese Maßregel nicht den gewünschten Erfolg hatte, so stellte sich doch heraus, daß die Schmetterlinge in den kahl gefressenen Orten, wo allein Leuchtfeuer unterhalten wurden, ihre Eier ablegten und nicht weiter flogen, so daß dann die Vertilgung der Eier durch Verbrennen der abgeschälten Rinde leicht bewirkt werden konnte. Allein trotzdem und obwohl große Massen von Schmetterlingen selbst in den Feuern umkamen, erschienen nach der Flugzeit von 1854 die Eier so massenhaft abgelegt, daß man von weiterem Sammelnlassen derselben absehen mußte; denn die Stämme der Fichten waren nicht mehr mit Eierhaufen zwischen den Borkenschuppen besetzt, sondern an der ganzen Oberfläche von dicht an- und übereinander liegenden Eiern förmlich inkrustiert, so daß die Arbeiter sie mit den Händen abstreichen konnten, wenigstens an den Stämmen, an welchen man im Winter zuvor des Einsammelns halber die Borkenschuppen abgekratzt hatte; denn auch an solche hatte die Nonne ihre Eier gelegt. Die Wipfel waren jedoch diesmal verschont geblieben. Dagegen fand man zahlreiche Eierhaufen an Kräutern aller Art, sogar auf Tabakspflanzen (es wird in Masuren Nicotiana rustica häufig angebaut, namentlich auch in den Gärten der niederen Forstbeamten), ja, selbst auf Giebeln von Häusern und an den Bretterzäunen — lauter bisher nie dagewesene und unerhörte Erscheinungen! In welcher unglaublichen Menge damals Nonneneier vorhanden gewesen sein mußten, geht auch daraus hervor, daß sich Hunderte von Leuten erboten, Eier für den geringen Preis von 4 Pfennig à Lot zu sammeln, während 1853 beim Beginn des Einsammelns das Lot mit 5 Silbergroschen bezahlt werden mußte. „So kam denn im Mai 1855 ein Raupenfraß zur Entwickelung, wie ein folder wohl seit Menschengedenken noch nicht dagewesen ist. Bis zum 27. Juni waren auf dem Rothebuder Revier bereits über 10,000 Morgen Nadelholzbestand kahl gefressen, außerdem 5000 andere Morgen so stark angegangen, daß auch hier ein völliger Kahlfraß in Aussicht stand. Allein selbst die schlimmsten Befürchtungen sollten noch weit übertroffen werden! Denn bis Ende Juli erschienen die meisten Fichten des ganzen Reviers kahl gefressen, dieselben auf einer Fläche von 16,354 Morgen bereits getötet, auf einer anderen von 5841 Morgen so stark beschädigt, daß voraussichtlich der größte Teil zum Abtrieb kommen mußte, und nur auf 4932 Morgen ziemlich verschont. Schimmelpfennig taxierte die bis zum September trocken gewordene Holzmasse auf 264,240 Massenklaftern oder auf 16 Klaftern pro Morgen der oben angegebenen Fraßfläche. Die Raupen machten keinen Unterschied mehr zwischen Nadel- und Laubholz, noch zwischen den Altersklassen; denn auch Fichtenschonungen, ja, selbst vor⸗ und diesjährige Kulturen wurden von ihnen befallen und kahl gefressen, wobei sich herauszustellen schien, daß die Pflanzungen am meisten zu leiden hatten. An jüngeren Fichten und Kiefern krümmten sich die Wipfel unter der Last der klumpenweise daran sitzenden Raupen bogenförmig, und an allen Bäumen hingen die Aste abwärts; der Raupenkot, welcher zuletzt den ganzen Boden des Waldes 2—3 Zoll hoch, ja, an manchen Stellen bis 6 Zoll hoch bedeckte, rieselte ununterbrochen gleich einem starken Regen aus den Kronen der Bäume hernieder, und bald war fast kein grünes Blatt, kein grüner Halm mehr zu sehen, so weit das Auge reichte.“

Der Berichterstatter erwähnt dann weiter einer sich daran anschließenden Verheerung durch Borkenkäfer und schließt mit den Zahlenangaben aus dem Berichte von Schimmelpfennig vom 1. Oktober 1862, nach welchem auf dem Rothebuder Revier bis dahin 290,000 Massenklaftern getötet worden waren, davon 285,000 durch Nonnen- 5000 durch Käferfraß.

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