Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Eine in mehr als einer Hinsicht höchst interessante Sippe bilden die Sadträger (Psychina), darum so genannt, weil die Raupen in einem Futterale stecken, welches sie sich aus den verschiedensten Pflanzenteilen und in der mannigfachsten Anordnung derselben anfertigen, jede jedoch so eigenartig, daß man den Sack kennen muß, um mit Sicherheit den Schmetterling von einem anderen, ungemein ähnlichen unterscheiden zu können. Eine zweite Eigentümlichkeit besteht in der Flügellosigkeit der Weibchen, von welchen viele den Sack, in welchem sich die Raupe stets verpuppt, nicht verlassen und viel eher einer Made, als einem vollkommenen Kerfe ähnlich sehen, am allerwenigsten einem Schmetterlinge. Andere haben Beine und Fühler und setzen sich wenigstens auf die Außenseite ihrer Wiege. Die in der Regel zottig behaarten, düster gefärbten und zeichnungslosen Männchen erweisen sich als muntere Gesellen, welche aus weiter Ferne das andere Geschlecht wittern, in hastigem Fluge herbeikommen und womöglich in die Schachtel eindringen, in welche der Sammler ein ihrer Art zugehöriges Weibchen einsperrte. Die Fühler sind buschig gekämmt, und zwar in der gewöhnlichen Weise doppelt, Taster und Rüssel fehlen oder verkümmern mindestens sehr stark. Die Vorderflügel haben eine meist nach dem Saume zu gegabelte Innenrandsrippe, die Hinterflügel deren drei und eine Haftborste. Im übrigen unterliegt der Rippenverlauf je nach der Art verschiedenen Abänderungen. Sie fliegen bei Tage und in der Dämmerung und legen ruhend die Flügel dachförmig auf den Hinterleib. Zu den zwei erwähnten kommt noch eine dritte Eigenheit, welche zwar nicht zur Regel wird, aber doch einzelne Arten betrifft. Man hat nämlich jungfräuliche Geburten (Parthenogenesis) bei einigen beobachtet, Fortpflanzung ohne vorangegangene Befruchtung; ja, bei einer, der Psyche helix, welche aus Sandkörnchen einen Sack verfertigt, der einem Schneckenhaus der Gattung Helix nicht unähnlich, kannte man das Männchen noch gar nicht, wenigstens nicht seine Zugehörigkeit zu dieser Art, bis Claus (1866) aus Tiroler Raupen, welche sich mit Teucrium Chamaedrys und Alyssum montanum füttern ließen, dieselben erzog, nachdem er solche bereits in der Raupe erkannt hatte. Die Säcke beider unterscheiden sich außer durch geringere Größe des männlichen auch noch dadurch, daß bei letzterem die obere seitliche Offnung nicht viel über eine einzige Windung von der unteren Eingangsmündung entfernt liegt, während diese Entfernung beim weiblichen Sacke fast deren zwei beträgt. — Mitte Juni waren sämtliche Räupchen verpuppt, und am 1. Juli erschien das erste, am 10. das zweite Männchen. Durch die großen, dunkel schokoladenbraunen Vorderflügel, die dichte Behaarung des 3 mm langen Körpers und durch die große Hinfälligkeit zeichneten fie sich aus; denn fie starben schon am ersten Tage ab. Beobachtungen von jungfräulicher Fortpflanzung wurden außerdem an Psyche unicolor, P. viciella und P. apiformis, sowie vereinzelt und ausnahmsweise an einigen größeren Spinnern, namentlich am Maulbeer⸗Seidenspinner, angestellt. Bei dieser Gelegenheit sei hinzugefügt, daß bei einigen Sackträgern unter den Motten, Talaeporia nitidella, Solenobia lichenella und S. trique-trella die Parthenogenesis sehr gewöhnlich auftritt.
Die Psychenraupen bedürfen bei ihrer Lebensweise zwar der sechs hornigen Brustfüße, welche sie mit den dazu gehörigen Körperteilen herausstecken, um, ihr kleines Haus mit sich schleppend, an Baumstämmen, Grasstengeln, Holzplanken ꝛc. umherzukriechen und
sich Futter zu suchen, die übrigen Füße sind überflüssig und daher zu Wärzchen verkümmert oder spurlos verschwunden. Um fi zu verpuppen, verlassen die meisten Psychinen ihre Futterpflanze und spinnen die vordere Mündung ihres Sackes an einen Baumstamm, einen Bretterzaun, einen Stein und dergleichen fest. Sodann kehrt sich die Raupe um, mit dem Kopfende gegen die hinten freie Mündung. Die beiderseits stumpf gerundete Puppe des Weibchens zeigt wenig Bewegung und bleibt, auch wenn der Schmetterling auskriecht, am Grunde des Gehäuses liegen, während die gestreckte, mit Borstenkränzen ausgerüstete männliche sich vor dem Ausschlüpfen bis zur Hälfte aus dem hinteren Ende des Säckchens hervorarbeitet.
Der gemeine Sackträger, Mohrenkopf (Psyche unicolor oder graminella), mag als die verbreitetste Art ein Bild von diesen interessanten Faltern geben. Er zeichnet sich zunächst dadurch aus, daß die Raupen der verschiedenen Geschlechter verschiedene Säcke fertigen. Der große Sack des Männchens (e) trägt im vorderen Teile allerhand umfang: reiche Pflanzenabfälle, der des Weibchens (b) hat eine weit gleichmäßigere Oberfläche und wird nie so lang wie jener. Da die Raupe überwintert, findet man die Säcke vom Spätherbst ab an geschützten Orten, besonders auch an Baumstämmen festgesponnen. Mit dem Erwachen alles Lebens im nächsten Frühling beißt die Raupe die jenen festhaltenden Seidenfäden durch, sucht Gras auf, um sich weiter zu ernähren, bis etwa Mai oder Anfang Juni, zu welcher Zeit die Verpuppung in der vorher angegebenen Weise erfolgt. In unserer Abbildung erscheint der weibliche Sack bereits angesponnen, der männliche sucht sich andem Stamme erst noch einen guten Platz dazu. Die Raupe ist gelblich, grauschwarz punktiert, die Puppe gelbbraun. Nach spätestens 55 4 Wochen erscheint der Schmetterling. Das schwarzbraune { 1 Männchen (a) hat weiße Fransenspitzchen und einzelne weiße; | Zottenhaare am Bauche, an den Hinterschienen nur End— Nor, a sporen. Die traurige Gestalt des madenförmigen Weibchens (d), nachdem es die Puppe (c) verlassen, kommt gar nicht Gemeiner Sackträger (Psyche g 15 5.; unicolor): a Männchen, b weiblicher zum Vorschein, hält sich vielmehr am hinteren offenen Ende Sack, gionen, e duc Pe des Sackes auf und wartet in Demut bis — — Einer kommt, 0 N N 1 925. 11 um zu freien.5 Der Hinterleib„. des Männchens72 besitzt5 eine9 er Raupe, tmännlicheliche Größe. Puppe.8 8 Na ürungemeine Streckbarkeit und kann behufs der Paarung tief in den weiblichen Sack hineingesteckt werden, wo ihm das zapfenartigeEnde des weiblichen Hinterleibes entgegenkommt. Diesem fehlt nämlich eine Legröhre ebenso wie entwickelte Augen, gegliederte Fühler und ordentliche Beine. Es wurde oben bemerkt, daß bei dieser Art jungfräuliche Fortpflanzung beobachtet worden sei. Ich will dies nicht leugnen, aber doch auf zwei Umstände aufmerksam machen, welche dazu angethan sind, eine Täuschung zu veranlassen und zu allergrößter Vorsicht bei derartigen Beobachtungen aufzufordern. Nach erfolgter Begattung schiebt sich das Weibchen in die verlassene Puppenhülse zurück, um seine Eier in dieselbe abzusetzen. Wie leicht kann es nun geschehen, daß man es einsammelt und bei näherer Untersuchung für eine Puppe hält; kommen später junge Psychenraupen zum Vorschein, so liegt die Behauptung nahe, daß hier Parthenogenesis stattgefunden habe. Aber nicht bloß die Puppenhülse wird voll Eier gepfropft, sondern der ganze Sack, welcher sich dann dem Auge und Gefühle prall darstellt, als wenn er bewohnt
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wäre, und besonders glaubt man die Puppe darin zu fühlen, und hierin liegt eine weitere Möglichkeit der Täuschung. Die Geschlechtsorgane des Weibchens sind vollkommen entwickelt und weisen entschieden darauf hin, daß, wenn ohne vorhergegangene Befruchtung Eier gelegt wurden, welche sich entwickelten, ein einzelner Ausnahmefall vorlag. Sobald die Räupchen die Eischalen verlassen haben, spinnt sich jedes sein Häuschen, welches anfangs, wie wir auch an der Spitze des männlichen sehen, ohne Bekleidung ist und nur aus den Seidenfäden des Spinnstoffes besteht; erst mit der durch das Wachstum der Raupe bedingten Vergrößerung werden fremde Gegenstände eingewebt. Ich habe übrigens allen Grund, anzunehmen, daß bei gewissen Arten das Futteral nicht durch Ansatz vergrößert, sondern aufgezehrt und durch ein größeres, neues ersetzt wird. Lange Zeit dient der jungen Raupe die Geburtsstätte als Schutz und zur Ernährung, nach und nach trennt man sich, und jede geht ihren eignen Weg. — Wieder anders gestalten sich die Verhältnisse im einzelnen bei der Gattung Fumea und einer dritten, Epichnopteryx (zu ihr gehört unter anderen
EIN NE
Rotschwanz (Dasychira pudibunda), Männchen, Puppengespinst, Raupe; alles natürliche Größe.
die obenerwähnte helix), deren Arten im weiblichen Geschlechte etwas mehr entwickelt sind als die der Gattung Psyche.
Die Sippe der Lipariden zeichnet sich aus durch breite, kurzfransige Hinterflügel ohne Haftborste, aber mit 2 Innenrands- und außerdem noch 6 oder 7 Rippen, von denen Rippe 4 und z dicht beisammen entspringen, 8 aus der Wurzel kommt und bald nachher die obere Mittelrippe nur berührt oder mit ihr verbunden bleibt. Nebenaugen fehlen. Mehrere Arten dieser Sippe haben durch den Fraß ihrer Raupen mehr Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, als es die Einfachheit ihres Kleides vermocht haben würde.
Der Rotschwanz, Buchenspinner, Kopfhänger (Dasychira pudibunda) — wollten wir seine wissenschaftlichen Namen in das Deutsche übertragen, müßten wir ihn den „verschämten Wollfuß“ nennen — ist ein heller und dunkler, graubraun und weiß gezeichneter Spinner, dessen Weibchen noch matter und verwischter erscheint als das hier vorgeführte Männchen. Er fliegt Anfang Juni und macht sich in keinerlei Weise bemerklich. Seine Raupe aber fällt nicht nur durch ihre Schönheit auf, sondern richtet sogar manchmal an jungen Buchenbeständen erheblichen Schaden an. Auf Eichen findet man sie gleichfalls, mehr im nördlichen Deutschland. Sie gehört zu den Bürstenraupen, ist für gewöhnlich schwefelgelb, nur am hintersten Haarpinsel (dem Schwanze) rot, bisweilen haben auch die übrigen Haare einen schön rosenroten Hauch. Sie liebt die Stellung, in welcher wir sie hier erblicken, „hängt den Kopf“ und läßt die prächtig samtschwarzen Spiegel zwischen den vorderen Bürsten dann sehr deutlich sehen. In der Jugend gleitet sie bei der Erschütterung des Busches, auf welchem sie frißt, an einem Faden herab, erwachsen thut sie es nicht, sondern fällt frei und liegt nach innen gekrümmt und einen Kreis bildend, indem sich das Leibesende über den Kopf legt, ruhig auf dem Boden, bis sie die Gefahr beseitigt glaubt. Dann rafft sie sich auf und besteigt ihren Wohnplatz von neuem. Im Oktober sucht sie zur Verpuppung das dürre Laub des Bodens auf, fertigt ein lockeres, mit den Haaren ver⸗
mischtes Gewebe, in diesem ein zweites, festeres Gespinst, welches aber noch locker genug ist, um die dunkelbraune Puppe durchscheinen zu lassen.
Nach einem Berichte des Oberförsters Fickert auf Rügen, wo die Raupe seit 200 Jahren haust, kam der stärkste Fraß im warmen Sommer 1868 zu stande, indem sämtliche Buchen der Stubbenitz auf einer Fläche von mehr als 2000 Hektar schon Ende August vollständig entlaubt waren. Nach der Buche kamen Ahorn, Eiche, Hasel und sämtliche kleine Gesträuche, zuletzt Espe, Erle, Lärche, Birke an die Reihe; selbst die Ränder der Fichtennadeln wurden befressen, dagegen Eschen gänzlich verschont, während bei einem früheren Fraße die Eschen vor den Erlen und Birken in Angriff genommen wurden. Es ist überhaupt eine öfter gemachte Erfahrung, daß dann, wenn ein Kerf in ungewöhnlich großen Massen auftritt, keine Regel hinsichtlich der Reihenfolge der angegriffenen Pflanzen aufgestellt werden kann. Der Rotschwanz war über den ganzen Waldkörper der Stubbenitz verbreitet; auffällig wurde sein Fraß zunächst nur da, wo größere Massen vereinigt waren, breitete sich all: mählich ringförmig aus und griff schnell um sich; denn sobald das Laub anfing, lichter zu werden, genügten 8 Tage, um 100— 200 Hektar vollkommen kahl er: scheinen zu lassen. Die Stämme waren jetzt dicht bedeckt mit auf- und abkriechenden Raupen, welche vergeblich nach Nah— 4 |IMS = 2 8 a 8 N rung suchten und zuletzt massenhaft am NN Boden umkamen; denn sobald erst 3 oder 4 Raupen ringend aneinander geraten, hört jedes weitere Fortschreiten auf. An
Ortlichkeiten, 8 zwei Fraßringe 60: Weidenspinner (Dasychira salieis) nebst Raupe und Puppe, aus sammenstießen, war die Anhäufung eine welcher eine Schlupfwespe kriecht. Natürliche Größe. so überraschende, daß man unter einer Buche zwischen 5 und 6 Scheffel sammeln konnte. Nur an zwei Ortlichkeiten von geringerer Ausdehnung reichte für eine Sehne des fortschreitenden Kreises die Nahrung bis zur Zeit der Verpuppung aus. Dort erfolgte dieselbe auch massenhaft in dem Bodenüberzug, dem oben aufliegenden Laube und an den bemooften Stämmen.
Der Weidenspinner (Das ychira salicis) ist weiß, schwach beschuppt und atlasglänzend, die Kammzähne der Fühler und Ringe an den dicht behaarten Beinen, deren hinterste an den Schienen nur Endsporen haben, sind schwarz. Er ist es, der in den warmen Nächten des Juni und Juli geisterhaft und oft zu Tausenden um die schlanken Pappeln unserer Landstraßen umherflattert und von den Fledermäusen weggefangen wird, so daß die abgebissenen Flügel auf der Straße ausgestreut liegen. Am Tage erglänzen sie aus weiter Ferne an den Stämmen, fallen herab, wenn Sperlinge und andere Vögel unter ihren Scharen sich ein Mahl bereiten, und bestreuen, zertreten, halbtot umherkriechend, im Staube sich wälzend, den Boden. Das befruchtete Weibchen klebt seine Eier in kleinen Inseln zwischen die Rindenschuppen der Stämme. Sie sind in einen gleichfalls wie Atlas glänzenden Schleim eingebettet und darum leicht schon aus der Entfernung zu erkennen. Im nächsten Frühjahr, bisweilen noch im Herbste, dann aber zu ihrem Verderben, weil der Winter sie tötet, kriechen die mäßig behaarten, rot bewarzten Raupen daraus hervor, fallen alsbald durch die schwefelgelbe oder weiße Fleckenreihe längs des braungrauen Rückens in die Augen und fressen bisweilen die Pappeln oder Weiden (an beiden sitzen sie gleich gern) vollständig kahl. Ende Mai hängen die beweglichen, glänzend schwarzen Puppen, welche mit zerstreuten gelben 27*