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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Mittelzelle. Der Vorderrand der Vorderflügel ift außerdem in der reichlichen Wurzelhälfte weißlich gesäumt. Sobald die Schmetterlinge ausgebildet sind, paaren sich nach Spinnerart die Geschlechter sofort und bleiben ausnahmsweise sehr lange (40— 50 Stunden) vereinigt. Neuerdings ist von einem Weibchen eine zwei- ja dreimalige Paarung und allemal darauf folgende weitere Eierlegung beobachtet worden. Drei Tage nach der Paarung legen die Weibchen ihre großen, braunen Eier in Häufchen an die Wände ihres Aufenthaltsortes ab. Acht bis zehn Tage später schlüpfen die schwarzen Räupchen aus, welche nach der zweiten Häutung eine gelblichgrüne Färbung annehmen und nach den beiden noch übrigen Häutungen beibehalten. Nach einem durchschnittlichen Alter von 52 Tagen fangen sie an, sich zu verspinnen. Die erwachsene Raupe zeichnet sich durch einen braunen, dunkelfleckigen Kopf von der sehr ähnlichen des nachher zu besprechenden japanischen Eichen-Seidenspinners aus und kann daher zur Unterscheidung von ihr (der grünköpfigen) die „braunköpfige Eichenraupe“ genannt werden. Über den kleinen, braunen Luftlöchern zieht vom vierten Gliede an eine gelbliche, oberhalb fein braun eingefaßte Seitenlinie den Körper entlang, erweitert sich am Ende etwas dreieckig und faßt mit schmal braungrünem Saume die beiden Afterklappen ein. Unter den Luftlöchern befindet sich eine Reihe blauer Knospenwärzchen, auf dem Rücken vom zweiten bis drittletzten Gliede eine Doppelreihe etwas nach vorn gerichteter Spitzhöcker, welche gleichfalls in blauen Knöpfchen enden, an den vorderen Gliedern mehr durch die Körperstellung als in Wirklichkeit etwas kräftiger erscheinen und hier ein silberglänzendes Seitenfleckchen tragen; sie alle sind mit einzelnen längeren oder kürzeren, etwas keulenförmigen Borstenhaaren besetzt sowie der ganze Körper mit zahlreichen Punktwärzchen von gelber Farbe. Die Raupe ist ungemein träge, sitzt sehr fest und zwar in der Ruhe mit eingezogenem Kopfe und etwas zurückgelegten vorderen Körperringen, frißt bei Tage und bei Nacht mit Unter: brechung von kurzer Zeit, während welcher sie das Unverdaute in einen regelmäßigen, ringsum tiefgefurchten Pfropfen entleert, und verspeist nach jeder Häutung zuerst den abgestreiften Balg. Der Schmetterling hat in seinem Vaterlande, wie bei uns, zwei Bruten im Jahre, doch schlüpfen nicht alle Puppen von der ersten aus, eine Erscheinung, welche auch bei anderen Spinnern beobachtet werden kann, die sich durch gewisse Unregelmäßigkeiten in der Entwickelung vor allen Schmetterlingen auszeichnen.

Nach den Berichten Pernys aus der Provinz Kuy-Tscheu an die Pariser Gesellschaft werden die Gehäuse der zweiten Brut mit ihren Puppen in den Zimmern überwintert und durch Regelung der Temperatur das zu frühe wie das zu späte Auskriechen der Schmetterlinge sorgfältig überwacht. Im April erfolgt es. Die befruchteten Weibchen setzt man in Weidenkörbe, hier legen fie die Eier ab; den in 8 — 10 Tagen ausgeschlüpften Raupen legt man Eichenzweige hin; sobald sie an dieselben gekrochen sind, setzt man den Korb in den Eichenwald, der nur aus Buschholz besteht, dessen Boden man rein hält, um die herabgefallenen Seidenraupen leicht auflesen zu können. Zu diesem Zwecke und um die den Raupen sehr gern nachstellenden Vögel zu verscheuchen, wird bei jeder Pflanzung ein Wächter angestellt, der auch die Raupen von einem abgefressenen auf einen belaubten Busch zu setzen hat. In 40— 45 Tagen nach dem Ausschlüpfen der Raupen erfolgt ge-meiniglich die Gehäuseernte. Die besten werden zur Weiterzucht ausgesucht, die anderen auf Bambushürden durch untergelegtes Feuer geröstet, um die Puppe zu töten. Hierauf werden dieselben 8 — 10 Minuten lang in kochendem Wasser liegen gelassen. Sodann löst man in einem Napfe mit Wasser zwei Hände voll Buchweizenasche auf und fügt die Mischung dem Kochkessel bei. Die Buchweizenasche wird aber auf folgende Weise gewonnen. Nachdem die Körner geerntet sind, trocknen die Chinesen die Stengel an der Sonne und zünden die aufgehäuften an; die Asche hat nach Vermutung des Berichterstattersdie

Wirkung von Pottasche. Die Puppengehäuse werden nun mit einem Spatel so lange gerührt, bis man die Seidenfäden sich ablösen und um den Spatel wickeln sieht. Hierauf nimmt der Haspler 5—8 Fäden, je nach der Stärke des Garnes, welches er wünscht, führt sie in die erste Offnung der Haspelmaschine und haspelt die Gehäuse ab.

Die zweite Zucht erfährt dieselbe Behandlung wie die erste. Ungefähr 20jährige Seidengewinnung von diesem Spinner hat den Chinesen einen reichen Ertrag abgeworfen und allerlei Kunstgriffe gelehrt, welche hier nicht weiter hergehören. Sie haben, wie sich von selbst versteht, warme Witterung als begünstigend, rauhe und nasse als das Wachstum verzögernde Einflüsse, auch Krankheiten der Raupen kennen gelernt und schätzen die Seide darum sehr, weil fie fester und billiger als die des Maulbeer-Seidenspinners ist. Die in Europa in sehr verschiedenen Gegenden, im Zimmer und im Freien angestellten Zuchtversuche stimmen im wesentlichen mit den in China gemachten Erfahrungen überein, vielleicht mit dem Unterschiede, daß bisher bei uns die Eier nicht so gleichmäßig und gleichzeitig ausgeschlüpft sind wie dort, was zum Teil seinen Grund darin haben mag, daß viele solcher Eier erst längere oder kürzere Reisen zurücklegen mußten. Wenn ich in der Kürze meine Zuchtversuche aus dem Jahre 1874 hier anführe und dieselben mit denen eines hiesigen Freundes vergleiche, so gebe ich nicht nur in der Hauptsache wieder, was auch andere erzielt haben, sondern weise überdies auf einige wichtige Umstände hin, welche bei der Weiterzucht dieses Spinners der Beachtung wohl wert sind.

Von auswärts erhielt ich eine Anzahl Eier, die einer inländischen Zucht entnommen waren. Dieselben hatten entschieden länger als zehn Tage gelegen, als am 23. Mai die Räupchen ziemlich gleichmäßig auskrochen und ohne weitere Pflege als Darreichung reichlichen Futters freudig gediehen. Am 31. Mai beobachtete ich die erste, am 8. Juni die zweite, vom 13.— 15. die dritte und Ende desselben Monats die vierte Häutung. In der Nacht vom 12. zum 13. Juli fingen die ersten Raupen an, sich zu verspinnen, was stets an einigen Blättern der Futterpflanze geschieht. Obgleich, wie bereits erwähnt, die Räupchen ziemlich gleichmäßig ausschlüpften, so stellte sich doch bald der Umstand ein, den jeder Raupenzüchter bei jeder Art beobachten kann, daß eine oder die andere im Wachstum zurückblieb, ohne deshalb zu Grunde zu gehen; denn ich habe durch den Tod bei den verschiedenen Häutungen kaum ein Dutzend von mehr als 100 Raupen verloren. Dieselben waren anfangs in einem, als sie größer geworden waren, in zwei luftigen Kasten eingezwingert, erhielten in Wasser gesteckte Eichenzweige verschiedener Art, wurden jeden Morgen oder bei Erneuerung des Futters tüchtig mit Wasser bespritzt und standen in einer Schlafkammer, so daß den ganzen Tag über frische Luft durch ihre Behälter strich. Als sie größer geworden waren und das Schroten sowie das fortwährende Herabfallen der Kotklumpen die Inhaber der Schlafkammer am Einschlafen hinderten, trug ich die beiden Kasten in die benachbarte Wohnstube. Einige unfreundliche Tage ließen offenbar Ver zögerungen der in den Häutungen sitzenden Raupen und verminderte Freßlust der gesunden wahrnehmen, und jene Tage werden die Bemerkungen in meinem Tagebuche: „Dritte Häutung vom 13. bis 15., letzte Häutung Ende Juni“, veranlaßt haben, da ich die unfreundlichen Tage nicht aufgezeichnet, sondern nur noch in der Erinnerung habe. In der zweiten Augusthälfte schlüpften unter jenes Freundes Pflege die Schmetterlinge aus sämtlichen Puppen bis auf eine aus. Dieselben waren durchschnittlich kleiner als diejenigen, welche er selbst erzogen hatte. Die Raupen seiner Zucht hatten ziemlich 14 Tage kürzer gelebt, die Puppen krochen früher aus; denn schon vor dem 12. August wurden ihm einige Schmetterlinge geboren. Diese günstigeren Ergebnisse konnten ihren Grund nur in folgenden drei Umständen haben: Die Raupen hatten größeren Spielraum im Zwinger, ein eigenes (nach Morgen gelegenes) Zimmer und waren noch nässer gehalten worden; denn sie

erhielten täglich frisches, in Wasser getauchtes Futter und wurden außerdem noch bespritzt, sobald das Laub abgetrocknet war.

Gerade in dem Umstande, daß die bea Eichenraupe Wei im Jahre vorhanden ist, sehe ich sie behufs des deutschen Seidenbaues im großen für die geeignetste Art an. Ihre Aufzucht muß jedoch im Zimmer erfolgen, wo bei ungünstigen Witterungsverhältnissen durch künstliche Wärme die Entwickelung so geregelt werden kann, daß der Züchter nicht leicht um Futter für die zweite Brut in Verlegenheit kommen kann. Hat man im wärmeren Europa die Zucht des Maulbeer-Seidenspinners nicht in das Freie verlegen können, wie kann man sich einbilden, für unsere rauheren Gegenden Deutschlands die Einbürgerung dieses Fremdlings so weit ausdehnen zu dürfen? Daß zwei Bruten im Freien nicht erzielt werden können, sieht man wohl ein, darum ist der Vorschlag gemacht worden, den Seidenspinner an eine Brut zu gewöhnen, die in die beste Jahreszeit fällt, und an Futter nie Mangel leiden wird. Vorausgesetzt, es ließe sich der Schmetterling so gewöhnen, was wir bezweifeln, so scheinen die darauf bezüglichen Versuche außerordentlich überflüssig, da uns in der grünköpfigen Eichenraupe bereits eine Art vorliegt, welche ohne Zurichtung in der für uns passenden Jahreszeit lebt; die ungünstigen Witterungsverhältnisse, die Verfolgungen seitens insektenfressender Vögel lassen sich durch jene Kunstgriffe nicht abwenden und werden Opfer verlangen, welche durch die einmalige Ernte an Seidengehäusen kaum aufgewogen werden. Nein, man züchte diese Art in ähnlicher Weise wie den Maulbeer⸗Seidenspinner und suche den Vorteil in der zweimaligen Ernte, das ist das Nächstliegende, das Natürlichste und darum das Vernünftigste!

Der japanische Eichen-Seidenspinner (Saturnia Yama mayu, verdeutscht: Berg⸗Cocon, wogegen Vama-mai Gebirgsochs heißt) ist dem chinesischen ungemein ähnlich, nur in der Grundfarbe veränderlich, indem diese vom reinen Gelb durch Ledergelb bis in Braun übergehen kann, außerdem find die Glasfenster in den Augen weniger kreisförmig und verhältnismäßig kleiner. Auch die Raupe hat die größte Ahnlichkeit mit jener, aber ein saftigeres, durchsichtigeres Grün als Körperfarbe, einen grünen Kopf und dieselben Silberfleckchen an den Seiten der vorderen Rückenhöcker in veränderlicher Anzahl; dieselben werden durch einige Luftzellen erzeugt, welche unter der durchsichtigen Körperhaut liegen. Im Betragen, namentlich aber in der Entwickelungsweise, finden zwischen dieser und der vorigen Art wesentlichere Unterschiede statt. Die jungen Raupen sind bis zu ihrer ersten Häutung sehr unruhig, ersaufen leicht in den Gefäßen, in welchen man ihnen das Futter reicht, wenn sie in dieselben gelangen können, und beweisen hierdurch ihr Verlangen nach Wasser. Obiger Freund, der wohl die günstigsten Ergebnisse erzielte und die Raupen in der ersten Jugend mit Weißdorn (auch Wollweide) gefüttert hat, teilte mir in zwei verschiedenen Jahren Raupen mit, welche die zweite Häutung hinter sich hatten; ich behandelte sie genau so, wie die braunköpfigen Eichenraupen, wies ihnen denselben Wohnort an, konnte aber keine zur Verpuppung bringen, obschon sie durch ihre geringe Anzahl im Zwinger einander in keiner Weise zu nahe kamen. Sie find nach den verschiedenen Erfahrungen empfindlicher als die vorigen und weniger zu lohnender Seidengewinnung geeignet, da sie nur eine Brut im Jahre absetzen. Bei dieser Art überwintern die Eier, die sehr sorgfältig überwacht werden müssen, damit sie die Raupen nicht früher liefern, als Futter für dieselben vorhanden ist. Werden letztere in ihrer Entwickelung durch ungünstige Witterungsverhältnisse nicht aufgehalten, so häuten sie sich nach je 8— 10 Tagen viermal, spinnen sich durchschnittlich am 52. Tage ein und liefern 40 Tage später den Falter, der weit kürzere Zeit in der Paarung verharrt als der vorige.

Auch diese Art ist von verschiedenen Seiten aus ihrer Heimat nach Eurdpg und Deutschland gelangt, und zwar wenige Jahre später als die vorige. Es liegen mir Berichte aus

3. CHINESISCHER SEIDENSPINNER. 4. AILANTHUSSPINNER.

dem Jahre 1866 vor, nach denen durch Mach aus Slatenegg in Unterkrain Zuchtversuche im Freien mit dem besten Erfolge angestellt worden sind und mit solcher Zuversicht auf ferneres gewinnreiches Gelingen, daß nur der bisherige Mangel an Züchtern beklagt wird. Wir haben unsere Ansicht über diesen Gegenstand bereits ausgesprochen und fügen hier nur noch hinzu, daß es für alle diejenigen, welche sich der Seidenzucht im Großen zuwenden wollen, entschieden geraten ist, hierzu verschiedene Spinnerarten gleichzeitig zu verwenden, damit ein jeder für seine Verhältnisse diejenige Art auswählen kann, die er als die zweckmäßigste befunden hat; wir unseresteils würden uns für den chinesischen Seidenspinner entscheiden, falls nicht einige, später aus Nordamerika herbeigeschaffte Pappel- und Weiden— Nachtpfauenaugen ihm den Vorrang ablaufen sollten, was wir indessen schon darum nicht glauben, weil die beiden genannten Baumarten für die Stubenzucht schlechtere Futterpflanzen als die Eiche sind; Zimmerzucht aber halten wir unter allen Umständen für unsere Witterungsverhältnisse als die einzig zuverlässige Behandlungsweise fest. Jetzt scheint die Zucht aller dieser stellvertretenden Seidenspinner wieder zu ruhen.

Drei Nachtpfauenaugen ohne Glasfenster in den Augen der schön braunen Flügel und ohne zu der Gewinnung von Seide verwendbare Raupengespinste sind in Deutschland heimisch: das große Wiener Nachtpfauenauge (Saturnia pyri), das mittlere (Saturnia spini) und das gemeinste von ihnen, das kleine (Saturnia carpini). Ihre grünen Raupen tragen weniger auffallend gestielte Warzen, jedoch den Charakter der ausländischen, und ernähren sich in der genannten Reihenfolge von den Blättern des Birn⸗ und Pflaumenbaumes, des Schwarzdornes wie der verschiedensten Sträucher (Rosen, Buchen, Eichen ꝛc.). Wie die schönsten Sänger unter den Vögeln das schlichteste Kleid tragen, so der nützlichste unter allen Schmetterlingen, der Seidenspinner, Maulbeerspinner (Bombyx oder Sericaria mori). Er hat 40 — 45,5 mm Flugweite, ist mehlweiß, an der Doppelreihe der bei beiden Geschlechtern langen Fühlerzähne schwarz. Von den kurzen Flügeln erhalten die vorderen durch tiefen Bogenausschnitt des Saumes eine sichelförmige Spitze; eine gelbbräunliche Querbinde über beide ist ebenso oft sichtbar wie ausgewischt. Der äußeren Erscheinung, aber auch dem Drange nach, sofort sich zu paaren, wenn er die Puppe verlassen hat, ist der Schmetterling ein echter Spinner, die nackte Raupe, gemeinhin „Seidenwurm“ genannt, die vollendetste aller Spinnerinnen, ihrer äußeren Tracht nach dagegen schwärmerartig; denn sie führt hinten ein kurzes Horn, auch verdickt sie ihren Hals fast in der Weise, wie die Raupe des mittleren Weinschwärmers (Sphinx Elpenor). Sie ist grauweiß, auf dem Rücken mit braunen Gabel- und rotgelben Augenflecken, an den Seiten der vorderen Ringe veränderlich gezeichnet. Ihre einzige Nahrung bilden die Blätter des Maulbeerbaumes. Die eiförmigen, geleimten, auswendig von losen Seidenfäden umgebenen Gehäuse sind entweder weiß oder gelb, die beiden Farben, in denen bekanntlich die rohe Seide vorkommt. Zwillingsgespinste gehören keineswegs zu den Seltenheiten, kommen auch in Form der einfachen vor und liefern dann auch zwei Schmetterlinge.

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