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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Die Glasflügler (Sesia) stimmen wenigstens in der Körpertracht und Bildung der Fühler, wie hinsichtlich der an den Hinterflügeln befindlichen Haftborste mit den Schwärmern überein, von denen sie die eben näher geschilderte Lebensweise, das Vorhandensein zweier Punktaugen auf dem Scheitel, die durchaus glashellen Hinterflügel, die in der Regel sehr unvollständig beschuppten, schmalen Vorderflügel wesentlich unterscheiden. Von diesen überaus zierlichen Faltern kennt man etwa 60 Arten aus Europa, darunter 27 deutsche, außer: dem zahlreiche in Amerika. Sie fehlen schwerlich in den übrigen Erdteilen, es hat aber eine ganz eigentümliche Bewandtnis mit ihrem Auffinden. So weit meine Erfahrungen reichen, kriechen die Schmetterlinge, die Puppe halb aus dem Schlupfloche mit sich nehmend, in den Morgenstunden zwischen 9 und 12 Uhr aus, sitzen kurze Zeit ruhig am Baum: stamm, um vollkommen abzutrocknen, fliegen dann aber lebhaft am Laube umher, um sich zu paaren. Ihr Flug ist ein ungemein leichter, flüchtiger und ihre Bewegung eine hüpfende. Ihre Lebensdauer dürfte eine nur turze sein. Wer die Entwickelungszeit und Futterpflanze der einzelnen Arten kennt und zu bestimmter Zeit an Ort und Stelle ist, wird unter

Umständen eine reiche Ausbeute halten, während der eifrigste Sammler, welcher dies alles nicht kennt, jahrelang umherlaufen kann, ehe er nur ein Stück und dies zufällig zu sehen bekommt. Diejenigen Arten, deren erwachsene Raupen gesammelt werden können, ohne daß man Bäume zu fällen braucht, lassen sich auch erziehen. Steckt man jene einzeln in einen etwas ausgehöhlten, trockenen Brombeerstengel, so bohren sie sich weiter ein, spinnen die Offnung zu und gedeihen vortrefflich in diesen Patronen. Abgesehen von einigen wenigen Arten, wie die vorherrschend gelbe Sesia empiformis Esp., S. tenthrediniformis Ochsenh., deren Raupe in dem Wurzelstock der Cypressen-Wolfsmilch lebt, während der Schmetterling im Sonnenschein um die Futterpflanze fliegend angetroffen wird, bekommt man noch am häufigsten unsere größte Art zu sehen:

Den Hornissenschwärmer (Trochilium apiforme). Zu der Abbildung braucht nur bemerkt zu werden, daß die lichten Stellen am Körper goldgelb, die dunklen ein⸗

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  1. Hornissenschwärmer (Trochilium apiforme) nebst Raupe und Buppenhülfe 2) Weidenbohrer (Cossus ligniperda) nebft Raupe und Puppenhülse. Alles natürliche Größe.

schließlich der Fühler braun bis schwarzbraun, die Adern, Fransen aller Flügel und der Vorderrand der vorderen nebst den Beinen rostgelb (bronzefarben) sind. Der Schmetterling erscheint von Ende Mai bis Ende Juli und erzeugt beim Fliegen einen auffällig summenden Ton, der ihn auch in dieser Hinsicht der Hornisse nahe bringt. Die Raupe lebt unten im Stamme junger Pappeln und Espen, am liebsten an der Stelle, wo er aus der Erde heraustritt, aber auch tiefer unten, und es fehlt nicht an Beispielen, wo der Wind dergleichen Stämmchen umgebrochen und diese Raupe genau dieselben Wirkungen hervor: gebracht hat, wie die Larve des großen Pappelbocks (Saperda carcharias), welche wir früher kennen gelernt haben. Die Verwandlung der Raupe verteilt sich auf zwei Kalenderjahre, jedoch nur auf eins ihres Lebens. Im Juni und Anfang Juli werden die Eier zwischen die Rindenschuppen abgesetzt, und im nächsten März findet man die Raupe ziemlich erwachsen. Lebte sie im Wurzelstock, so kann die Verpuppung auch in der Erde, nahe der Oberfläche erfolgen. Es sei noch bemerkt, daß man die alte Gattung Sesia neuerdings in mehrere zerlegt hat, und daß die Schmetterlinge, welche jenen Namen behielten, bedeutend schlanker im Hinterleibe sind, als der hier abgebildete, und in einen zierlichen Haarbusch endigen, welcher fächerartig ausgebreitet werden kann, was besonders bei der Paarung geschieht. Als ich

1) Horniſſenſchwärmer (Trochilium apiforme) nebſt Raupe und Buppenhülfe 2) Weidenbohrer (Cossus ligniperda) nebft Raupe und Puppenhülſe. Alles natürliche Größe.

einst in den Morgenstunden (11. Juni) auf den Fang der hübschen Sesia myopiformis ausging, eines glänzend blauschwarzen Glasflüglers, dessen schmächtigen Hinterleib ein roter Ring verziert, und dessen Raupe hinter der Rinde der Apfelbäume lebt, beachtete ich auch die Grashalme des neben den Bäumen hinlaufenden Landstraßengrabens, weil sie nicht selten an denselben ruhten. Hier sah ich das Gesuchte auch sitzen und daneben eine fette Wespe. Als ich mich näherte, um mich des Apfelbaum-Glasflüglers zu bemächtigen, flog jene davon. Wie groß aber war mein Staunen, als ich ein Männchen gefangen hatte, dessen Hinterleib um die beiden letzten Glieder eines weiblichen verlängert war; alles übrige Fleisch dieser unglücklichen Mutter war den Zähnen der Futter besorgenden Wespe verfallen.

Vornehmlich in dem Baume, von welchem der Weidenbohrer (Cossus ligniperda. s. Fig. 2, S. 400) seinen deutschen Namen erhalten hat, aber auch in Obstbäumen, Rüstern, Pappeln, Erlen, Eichen und Linden, wohin gerade das eierlegende, ziemlich träge Weibchen verschlagen wurde, lebt seine Larve. Sie findet sich meist einzeln oder nur in geringer Anzahl in einem Baume, kommt aber auch ausnahmsweise in größeren Mengen vor. In den Anlagen um Göttingen rottete man im Dezember 1836 drei je fast einen Fuß im Durchmesser haltende Trauerweiden aus, in welchen beim Zerklüften des Holzes hundert Raupen gefunden wurden. Hinter der Rinde einer Eichenstubbe traf ich einmal im März neun rosenrote Raupen eben derselben Art, welche etwa 13 mm maßen und aus Eiern vom Juli des vorangegangenen Jahres abstammten. Sie saßen nahe bei einander und waren noch nicht in das Holz eingedrungen. Die Gänge, welche sie später bohren, verlaufen in der Regel mit der Längsachse des Baumes; sie verbindende Querzüge scheinen nur dadurch entstanden zu sein, daß eine neue Straße angelegt wurde, oder, wenn sie nach außen führen, zum Fortschaffen der Auswürfe zu dienen. Die Raupe wächst bei der holzigen Kost, welche wenig Nahrungsstoff bietet, sehr langsam, und ehe sie daher ihre volle Größe von durchschnittlich gem Länge und fast 2 em Breite erlangt hat, vergehen mindestens zwei Jahre. Weil sie gesundes Holz ebenso wie mürbes angreift, so stattete sie Mutter Natur mit sehr kräftigen Freßzangen, bedeutender Muskulatur (die berühmte Anatomie der Weidenbohrerraupe von Peter Lyonnet weist 4041 Muskeln nach) und mit einem ätzenden Safte aus, welchen sie auch demjenigen in das Gesicht spritzt, welcher sich mehr mit ihr zu schaffen macht, als fie vertragen kann. Die rosenrote Farbe des Jugendkleides vertauscht fie in vorgerückterem Alter mit einer schmutzigen Fleischfarbe an den Seiten, am Bauch und in den Gelenkeinschnitten, während sich die Rückenfläche der Ringe braun, Nacken und Kopf schwarz färben. Zur Verpuppung begibt sie sich in die Nähe des Ausgangsloches und spinnt ein Gehäuse. Gelangt sie bei ihrer Unruhe vor der Verpuppung tief genug, daß sie die Erde erreicht, so fertigt sie von solcher ein Gespinst; lebt sie dagegen in einem schwachen Stamme, welcher für jenes zu eng sein würde, so enthebt sie sich gänzlich der Vorarbeit und nimmt mit dem nackten Gange als Totenkammer fürlieb, wenn sie es nicht vorzieht, herauszugehen und unter dem ersten besten Steine ein Obdach für die Puppenruhe zu suchen. Die braune, auf dem Kopfe schnabelartig zugespitzte Puppe mißt etwa 40 mm, fast deren 13 in der größten Breitenausdehnung und wird durch die Borstenkränze an den scharfen Rändern der Ringe ungemein rauh. Je näher die Zeit ihrer Vollendung heranrückt, desto unruhiger wird sie, bohrt gegen das vorn nicht feste Gehäuse, durchbricht es und schiebt sich zur Hälfte aus demselben heraus, ja, sie verläßt es ganz, wenn es dem Flugloch etwas entfernter lag. Sie muß fühlen, daß mindestens ihr Kopf von der freien Luft angehaucht wird. Nach kurzer Ruhe stößt der nach weiterer Freiheit ringende Falter gegen den vorderen Teil, und die dünne Schale spaltet sich in der gewöhnlichen Weise. Die Beine kommen mit dem Kopfe und den Fühlern zunächst zum Vorschein, jene fassen Fuß, und der schwerfällige Körper wird nachgezogen. Die gefalteten, dickrippigen Flügel wachsen in derselben en Zeit, wie

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.

bei anderen Faltern, nur bedürfen sie länger der Einwirkung von Luft und Wärme, um durch Verdunstung der überflüssigen Feuchtigkeit die gehörige Härte und Festigkeit zu erlangen. Mit anbrechender Nacht erst scheint dem Erstandenen das Leben zu kommen, er umschwirrt seine Geburtsstätte, besonders das Gesellschaft suchende Männchen, und freut sich des geflügelten Daseins, welches durch seine Kürze für das lange Höhlenleben nur einen spärlichen Ersatz bietet. Am Tage sitzt er mit dachförmig den Hinterleib verbergenden Flügeln in bockender Stellung, d. h. durch Naheaneinanderbringen der vorderen Beine wird der vordere Körperteil von der Unterlage, dem Baumstamme, abgerückt, von dessen Rinde er sich kaum unterscheiden läßt. Seine Vorderflügel und der in dieser Stellung nur sichtbare Mittelleib sind durch zahllose geschlängelte Linien und Flecke in allen Schattierungen von Braun, Grau und Schwarz fein marmoriert; Scheitel und Halskragen zeichnen sich durch gelbgraue Färbung aus. Die Hinterflügel sind braungrau und dunkeln vor dem Saume undeutlich. Der ebenfalls graue, weißlich geringelte Hinterleib endigt beim Weib: chen mit einer vorstreckbaren Legröhre, damit es seine Eier tief zwischen die Rindenritze hineinschieben könne. Der Mangel der Nebenaugen, eine in die Mittelzelle eingeschobene Zelle, zwei freie Innenrandsrippen der Vorderflügel, drei der hinteren, welche auch Haftborsten haben, und zwei Sporenpaare an den Hinterschienen bilden die Hauptmerkmale der Gattung, welche noch einige, aber seltenere Arten aufzuweisen hat, wie die Sippe noch verwandte Gattungen.

Wenn die Glieder der eben besprochenen Familie aus der Übereinstimmung in Form und Lebensweise der früheren Stände, nicht aber aus der Gleichartigkeit der Schmetterlinge ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse ableiten, so können dies die Mitglieder der Bärenfamilie (Cheloniariae) weder in der einen, noch in der anderen Beziehung. Von den drei Sippen, welche sie umfaßt, finden wir in den meisten Büchern die Blutströpfchen eigentlich nur wegen Übereinstimmung der Fühler mit den Schwärmern, die beiden übrigen mit den Spinnern vereinigt, denen fie entschieden sehr nahe stehen. Unter Be: rücksichtigung der ungemein zahlreichen ausländischen Arten zeigt sich jedoch ein so unmerklicher Übergang von der einen Sippe zu der anderen, daß ihre Vereinigung zu einer Familie keinem Bedenken unterliegt; außerdem gestattet ihre Trennung von den Spinnern eine schärfere und natürlichere Begrenzung dieser eben genannten Familie, und fast allen hierher gehörenden Schmetterlingen kommt überdies noch eine Eigentümlichkeit zu, welche wieder in anderer Hinsicht auf eine nahe Verwandtschaft untereinander hindeutet. Wenn man sie nämlich zwischen die Finger nimmt, stellen sie sich durch Schlaffwerden der Fühler und Beine wie tot und lassen aus beiden einen gelben, dicklichen Saft in Form von Tröpfchen hervortreten; ebenso aus der Wunde des Mittelleibes, wenn derselbe mit einer Nadel durchbohrt wird. Sonst stimmen die Bären im weiteren Sinne noch überein in der Entwickelung des Rüssels, in dem Vorhandensein von Nebenaugen bei den meisten, durch glatte anliegende Behaarung des Körpers, in der Ruhe dachförmig getragene Flügel, welche meist lebhaft und grell gefärbt find und mittels einer Haftborste der Hinterflügel zusammengehalten werden. Die 16füßigen Raupen sind nie nackt, öfters sogar sehr behaart. Die Puppen ruhen weder in der Erde, noch in Pflanzenteilen, sondern in einem sehr verschiedenartigen Gespinste über jener.

In der Weise, wie in unserer Abbildung S. 403 auf der Skabiose, so sehen wir von Mitte Juni bis in den August an den verschiedenen Waldblumen Schmetterlinge sitzen, welche durch ihren dicken Hinterleib, die schönen roten Hinterflügel und roten Tupfen auf den stahlgrünen oder blauschwarzen Vorderflügeln auffallen. An unfreundlichen Tagen sitzen sie

ruhig und träumerisch, bei Sonnenschein saugen sie eifrig, manchmal ihrer drei, vier an einem Blütenköpfchen, und begeben sich in schwerfälligem Fluge von dannen, wenn sie hier nichts mehr finden, um dort ihr Heil weiter zu versuchen. Harmlaos sitzen fie jederzeit, einzeln oder gepaart in entgegengesetzter Richtung, und lassen sich mit den Fingern erhaschen. Man kann selbst verschiedene Arten in Vereinigung antreffen, daher entstehen Mischformen, welche die Schwierigkeit noch erhöhen, sehr nahestehende Arten mit Sicherheit zu unterscheiden, zumal einzelne an sich schon die Veränderung in der Färbung zu lieben scheinen. Man hat diese hübschen Falter wegen ihrer etwas geschwungenen Fühler Widderchen, wegen der roten Flecke auf den Vorderflügeln Blutströpfchen (Zygaena) genannt und findet an allen als gemeinsame Merkmale einen stark entwickelten Rüssel,

  1. Brauner Bär (Aretia caja); 2) und 3) Varietäten; 4) Raupe. 5) Steinbrech-Widderchen (Zygaena filipendulae); 6) Raupe. 7) Weißfleck (Syntomis Phegea). Alle natürliche Größe.

zwei Nebenaugen, zwei Sporenpaare an den Hinterschienen, zwei Innenrandsrippen in den stumpf gespitzten Vorderflügeln, drei in den breiteren und spitzeren, roten Hinterflügeln, welche überdies eine Haftborste haben, ungezahnte, verhältnismäßig lange, vor der Spitze stark angeschwollene Fühler, welche nach dem Tode infolge ihrer dünnen Wurzeln ungemein leicht abbrechen, Flaumhaare an den kopflangen Tastern und an der Unterseite der Schenkel. Das in Fig. 5 abgebildete Steinbrech-Widderchen (Zygaena filipendulae) hat sechs gleichgroße, karminrote Fleckchen auf den blaugrünen Vorderflügeln, das mittlere Paar genähert und wenig schräg; es kommen auch Stücke mit kaffeebraunen Zeichnungen und Hinterflügeln als Seltenheiten vor (Zygaena chrysanthemi). Die Raupe (Fig. 6) sehen wir auf einem Blatte von Wegerich, welchen sie neben verschiedenen anderen niederen Pflanzen, wie Löwenzahn, Mauseöhrchen und anderen, frißt. Sie ist, wie die meisten dieser Raupen, lichtgelb, reihenweise schwarz gefleckt, etwas weichhaarig und zieht ihr kleines Köpfchen gern in den ersten Körperring zurück. Ziemlich erwachsen überlebt sie den Winter. Nachdem sie sich im nächsten Frühling noch einige Wochen ernährt hat, kriecht sie an einem Stengel in die Höhe und fängt an, ein Gespinst zu fertigen, 26 *

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